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kleines Mädchen mit schwarzen Kulleraugen, in denen ich zu versinken drohe
Puri
Puri ist meine „Heimatstadt“ in Indien. Seit 1986, wo ich die ersten beiden und letzten 4 Wochen der dreieinhalbmonatigen Reise in Puri verlebte, bin ich noch mehrmals dort gewesen, unter anderem habe ich dort auch die Jahrtausendwende gefeiert. Die erste Woche in Puri, also auch die erste Woche in Indien, war jedoch ziemlich krass. Ich war einer Ex hinterher gereist, von der ich hätte lassen sollen, was ich aber nicht konnte. Als ich sie in Puri ausfindig gemacht hatte, hat sie sich durchaus über meine Ankunft gefreut; sie wohnte am Strand mit einer Freundin zusammen, und hatte einen indischen, sehr gut aussehenden und sehr charmanten Freund. Ich war unerwartet auf mich allein gestellt.
Indien hat mich am Anfang geschockt. Die erste Nacht habe ich in einer verschimmelten, kalten Kaschemme in Old-Delhi verbracht. Bei einem Rundgang nach Einbruch der Nacht fühlte ich mich in das finsterste Mittelalter verpflanzt. Im Licht von flackernden Feuern sah ich schemenhaft Kühe, Ziegen, Hunde, undefinierbare Bündel, schlafende Menschentrauben, Kot, Urin, Dreck, Bauschutt, Gemüse, Fäulnis, Schlachtabfälle, und alles roch intensiv und fremd, fremd auch die Geräuschkulisse – zischen, rascheln, knistern, schaben, stöhnen, grunzen, röcheln, quietschen, ächzen, meine Ohren klingelten in einem fort, ich war im totalen Superstress. Hier wurde geboren, gestorben, gekackt und gezeugt ohne Ansehen der Person. Menschen, Tiere und Straßendreck verschmolzen zu einer haarsträubenden, flackernden Einheit.
Anderntags so bald wie möglich zur New Delhi Railway Station. Der Neelachal Express nach Puri: ein rollendes Dreckloch. Die Körpersprache und Mimik der Inder: ein Buch mit sieben Siegeln. Nach 5 Tagen Puri war ich immer noch super aufgeregt, aber auch gleichzeitig erschöpft, und spielte mit dem Gedanken, die Reise abzubrechen. Einmal ging ich kurz vor Sonnenuntergang auf einer staubigen Sandpiste nach Hause zu meinem Singleroom. Ich dachte, das hat doch alles keinen Sinn, hier im Unbekannten mich auf Teufel komm raus der totalen Verlorenheit, dem Chaos- und Einsamkeitsstress auszusetzen.
Da kommt rechts aus einem Hof ein kleines Mädchen auf mich zu. Vielleicht drei, vier Jahre alt, sie hat große, schwarze Kulleraugen und weiß offensichtlich genau, was sie will. Sie nimmt mich bei der Hand und führt mich in den Hof, links hinter der Ecke ist ein Hauseingang, sie bedeutet mir, ich soll mich mit dem Rücken zum Haus auf die Schwelle setzen. Meine Aufgeregtheit, die ich schon gewohnt sein sollte, passt irgendwie nicht zur Willenlosigkeit, mit der ich alles mit mir machen lasse. Ich setze mich, wie gewünscht, auf die Türschwelle. Sie schlüpft ins Haus und kommt mit einem großen Palmblatt wieder, was sie vor mir ausbreitet. Wieder rein und zurück mit Schälchen und Schalen, deren Inhalt sie auf dem Palmblatt verteilt. Undefinierbare, bräunliche und gelbliche feuchte, recht formlose Häufchen. Ein paar mal schlüpft sie noch rein und raus, dann hat sich das Palmblatt gut gefüllt. Sie kauert sich auf der anderen Seite des Palmblatts, mir gegenüber, nieder und bedeutet mir, dass wir jetzt zusammen essen, und fängt sogleich damit an, die Finger des niedlichen rechten Händchens als Greifwerkzeug benutzend. Ich soll es ihr nachtun. Ich muss mich ein bisschen zwingen, aber die Sachen schmecken überraschend gut. Während wir essen, beruhige ich mich. Ich schaue dem kleinen Mädchen in die riesigen, schwarzen Kulleraugen, in denen ich zu versinken drohe, dann in die riesige, orange-rote Sonne, die halb rechts über dem Mädchen gerade untergeht. Mein Blick wandert wieder zum Mädchen, dann zum Essen, dann wieder zur Sonne, ich werde ruhiger und ruhiger. Die gleichzeitige Einfachheit und Absurdität der Situation hat meine aufgeregt schweifenden Gedanken ins Aus laufen lassen. Als die Sonne untergegangen ist, sind wir auch fertig mit essen. In mir ist es still geworden. Ich lasse mich von der spielerischen Freude des Mädchens anstecken. Wir verabschieden uns mit dem indischen Gruß: Namaste, Didi. Ich setze meinen Weg fort. Meine Stimmung und meine Gedanken haben sich total geändert. Die Abendstimmung erscheint mir friedlich bis zur Unwirklichkeit. Der Gedanke an vorzeitige Abreise hat nun etwas krankhaftes. Am nächsten Tag buche ich 10 Tage Vipassana Meditation bei Christopher Titmuss, im Thai Tempel Bodhgayas.
Shanti, Shanti, Shanti.
Blue Hole près d’Apra Harbor, Guam