Karma
Die Stupa von Bodhgaya, besser gesagt, der Mahabodhi Tempel, haut mich wieder total um. Dieses Bedeutungsinventar wurde damals, 1993, während der Kurse mit Lama Kirti Tsenshab Rinpoche, aufgeladen mit 100000 Volt. Schon auf der Fußgängerallee zum Haupteingang kann ich nicht mehr logisch denken, wenn mein Blick nach rechts schweift, und über diesem uralten Baumbestand, der unzählige kleinere Stupas beschattet, dieses phantastische Symbol für Leerheit, für Nondualität hoch in den Himmel aufragen sieht. Keine andere Stupa hat auf mich diese Wirkung. Ich habe in dieser Stupa, im Obergeschoß, von dem viele nichts wissen, zum ersten Mal die Bodhisattvagelübde gesprochen. Lama Kirti Tsenshab Rinpoche hatte so gute Beziehungen, dass wir einmal den Schlüssel für die Gittertür in der Einfassung des Bodhi Baumes bekamen und dort, unter dem Baum (es soll der Enkel des Originals sein), wo angeblich Buddha die Erleuchtung erfuhr, einen ganzen Abend lang meditieren durften, ich weiß nicht mehr, ob über Leerheit oder Bodhicitta.
Ach was sag ich, “Beziehungen”! Das ist Karma. This changed my life! Wie kam es dazu?
Wie ich schon erwähnte, startete ich die 93er Reise im Dienst von Margret, die schwer an Knochenkrebs erkrankt war und, solange es ihr noch einigermaßen gut ging, einer lebenslangen Sehnsucht, nämlich Indien zu sehen, nachgeben wollte. Ich lernte sie kennen in der Villa Weiner bei Ochtrup, wo ich ihre Ausstellung mit ein bisschen Vernissagenmusik verzierte. Ich fuhr auf sie und ihre Kunst ab, ihre Bilder hatten für mich etwas ganz tiefes, existenzielles, und beim Betrachten eines bestimmten Bildes erfuhr ich von ihr, dass sie da ihren Brustkrebs gemalt habe. Das lag allerdings 3 Jahre zurück. Sie lud mich ein, nach der Ausstellung mit ihr auf die dokumenta zu fahren. Dort sagte sie mir, dass sie anschließend in Berlin eine Nachuntersuchung hätte, die sie ein bisschen ängstige, und ob ich nicht Lust auf Berlin hätte. Hatte ich, und so war ich dabei, als ihr der Oberarzt das Szintigramm zu sehen gab. Es war ein Schock. Die Beine waren bis zum Becken gesprenkelt. Eine der übelsten Diagnosen, die man bekommen kann. In den folgenden Tagen erwachte der Wunsch nach einer Indienreise. Sie fragte mir ein Loch in den Bauch, denn ich war 1986 dort 3 Monate gereist. Ich erklärte mich spontan bereit, mitzukommen, obwohl ich vollkommen mittellos war, weil mein Lebensprojekt, das Atari Programm MIDAS (MIDiApplicationSystem), das die gesamte Weltkonkurrenz das Fürchten lehren sollte, wegen einer falschen Entscheidung gescheitert war. Meinem Abitursfreund T., der mir schon den Keitel und Rein-Schneider empfohlen hatte, erklärte ich die Lage. Er riet zwar ab – was, wenn in Indien mitten in der Pampa der Oberschenkel bricht – lieh mir aber trotzdem 5000 Mark.
Ein paar Monate später war’s dann soweit. Wir flogen mit KLM über Amsterdam. Im letzten Moment hatte sich noch ihr Freund Jack entschlossen, mitzukommen, er könnte allerdings die großen Medikamentenkoffer nicht tragen, da er schon sein Akkordeon als Extragepäck dabei hatte. Wir befanden uns noch im Steigflug von Amsterdam, da sprach mich eine ältere Dame an, ob ich nicht mit ihr den Platz tauschen wollte. Sie wäre mit einer Gruppe krebskranker und vom Bürgerkrieg traumatisierten Menschen aus Zagreb, die links neben mir säßen, zum Leibarzt des Dalai Lama unterwegs, und durch die Sitzverteilung beim Einchecken von ihnen getrennt worden. Ich sei ebenfalls mit einer Krebskranken nach Puri unterwegs, das sei schlecht. Mein Hintermann hatte allerdings mitgehört, bot den Tausch an und so saß Vana, so hieß die über 60jährige Dame, links bei ihrer Gruppe, nur durch den linken Gang getrennt, daneben Margret und dann ich und Jack. Vana stellte sich vor als Botschafterin eines von den United Nations unterstützten Programmes “Zones of Peace”, das der Dalai Lama initiiert habe. Eine magere, herzensgute Frau von Format, die man bewundern musste. Der Leibarzt des Dalai Lama hätte ihren Neffen, einen erfolgreichen Rennfahrer, (oder war es der Neffe des Dalai Lama? oder der Neffe des Leibarztes?), der an einem Hirntumor erkrankt war, der bereits die Größe eines Hühnereies erreicht hatte, nur mit Tibetischer Medizin vollständig geheilt. Das verfehlte seine Wirkung auf Margret nicht. Später wollten sie noch Sai Baba in Puttaparthi besuchen, der ebenfalls für Wunderheilungen bekannt und berühmt war. Als dann nach vielen anregenden Themen Vana vorschlug, Margret solle sich doch ihr anschließen, wurde uns klar, dass unsere ganze Reiseplanung – erstmal ankommen, relaxen und adaptieren in Puri – Makulatur war.
Wir fuhren dann alle mit 3 großen, schwarzen, alten Taxis von Delhi nach Dharamsala. Bei den Verhandlungen mit den Taxlern brach Vana mehrfach in Tränen aus. Obwohl versprochen, blieben die Taxen nicht zusammen. Als wir merkten, dass unser Fahrer den Konvoi verlässt, merkten wir auch, dass er kein Wort Englisch sprach, vielleicht auch nur so tat: er reagierte auf Ansprache überhaupt nicht.
Es ist stockdunkel, er verlässt die geteerte Straße, rüttelt über Schotterpiste, dann Wellblechpiste, dann gespurten Weg, dann Feldweg. Uns wird himmelangst, was der vorhat. Er scheint taub zu sein. Schließlich biegt er in ein Gehöft, kein Licht außer Mondlicht, niemand zu sehen. Er stellt den Motor ab und verschwindet. Bange, atemlose Stille. Ich flüstere, wenn wir jetzt ausgeraubt und abgemurkst werden, dann haben wir’s wenigstens hinter uns. Auf der Rückbank knurrt Jack, nur über seine Leiche, er outet sich als asoziales, kampferprobtes Straßenkind, was mir noch mehr Angst macht, Margret hingegen beruhigt. Eine ganze Zeitlang passiert nichts. Ich erinnere mich an meine Funktion als Indienkenner, und gebe in gedämpfter Tonlage, die beruhigen soll, pfeifen-im-Walde-mäßig, die Geschichte “Spiegelgleiche Weisheit” zum besten. Wenn wir also jetzt dächten, wir werden abgemurkst, werden wir vielleicht wirklich abgemurkst, wenn wir aber dächten, der hat hier Verwandte und Nebentätigkeiten… In dem Moment kommt er wieder mit einem Sack und einem Karton.
In Dharamsala bzw. McLeod Ganj haben sich die Krebskranken beim Leibarzt in Behandlung begeben, wir anderen beim ehemaligen Leibarzt, der schon sehr, sehr alt aber auch sehr, sehr gütig war. Gerade war das Buch “The Tibetan Book of Living and Dying” von Sogyal Rinpoche erschienen, das lasen praktisch alle Westler, auch wir, und so beschäftigte ich mich zum ersten Mal intensiv mit tibetischem Buddhismus. Wenn ich mich bei einem Lama Teaching umblickte, sah ich sehr schöne, sehr tolle Menschen aus vielen Nationen, mehr Frauen als Männer. Hätte mich in jede schöne tolle Frau verlieben können, wusste aber instinktiv, das dieser Schrei nach Liebe bei den Schönen und Tollen ein K.O. Kriterium darstellt. Um so mehr stürzte ich mich auf die Lehren, in der Hoffnung, diese Gier, diese Eitelkeit, diesen Minderwertigkeitskomplex, diese haarspalterische Analysiersucht, kurz, mein EGO zu überwinden und auch so toll zu werden, um dann vielleicht in Frage zu kommen. (Hier nähern wir uns wieder dem Anton-Reiser-Komplex, ich trau mich aber noch nicht, Anton-Reiser-mäßig voll einzusteigen. Oder ist der vorhergehende Satz schon ein bischen “Anton-Reiser-mäßig”? Vielleicht müsste ich Anton-Reiser-Passagen in der 3. Person schreiben.) Wie dem auch sei, nach 4 Wochen, es lag Schnee, zog die Mehrzahl der Tibeter nach Bodhgaya, vom Himalaya in die Ganges-Tiefebene, weil im Februar dort die Tibet-Wochen stattfinden, und alle Krebskranken mit Freunden und Betreuern zuckelten hinterher.
Ich glaube, Vana gab mir den Tip, mir mal den Lamrim Kurs im Root Institut anzuschauen, ob das was für mich wäre. Und ob das was für mich war. War heute wieder dort. Habe in der Main Gompa mit einigen anderen Fans uralte Teachings von Lama Yeshe geschaut. Das wirkt heute genau wie damals. Beim Rundgang erkenne ich nach 23 Jahren kaum etwas wieder. Bis auf den Typ, der damals das Office gemanaged hat; der ist immer noch da, und noch viel komischer als damals. Er schenkt mir einen Apfel und bringt mich so zum Lachen, dass ich mich beinahe daran verschlucke. Die Atmosphäre, die Grundstimmung, die über dem inzwischen eingemauerten Areal liegt, die hab ich sofort wiedererkannt: peaceful, shanti, high energy, awareness, bliss!









