Katabasis von R. F. Kuang, 2025 bei HarperCollins, auf Deutsch unter demselben Titel bei Bastei Lübbe
Es geht so gut los. Ich meine, was für eine Prämisse: Eine Doktorandin und ein Doktorand steigen in die Hölle hinab, um ihren verstorbenen Professor zurückzuholen – schließlich brauchen sie den, um ihren Abschluss in Analytical Magick zu machen. Am Anfang macht das alles richtig Spaß, denn zum einen geht es direkt los mit der Katabasis (Reise in die Unterwelt) und fiktive Schilderungen der Hölle sind eine spannende Sache, siehe die literarischen Vorbilder von Dante, Aeneas, T.S. Eliot und Co., die in dieser Welt als Erfahrungsberichte gelten. Zum anderen entwirft Kuang, wie schon in Babel, ein faszinierendes Magiesystem, das auf Logik und Paradoxa basiert. In schönster Dark-Academia-Manier werden philosophische Konzepte, mathematische Ideen und große Namen in Hülle und Fülle gedroppt und auch wenn ich bei Weitem nicht alle/s davon kenne oder verstanden habe, fühle ich mich wohl in dieser akademischen Bubble, inklusive der Feinheiten des universitären Alltags.
Im ersten Drittel wird nur angedeutet, dass die Beziehungen zwischen den Hauptfiguren aufgrund vergangener Ereignisse kompliziert sind. Sowohl Alice, unsere Protagonistin, als auch Peter, ihr akademischer Rivale und gleichzeitig perfekter Kooperationspartner, wollen einen Mentor aus der Hölle zurückholen, den sie einerseits bewundern und der andererseits für seine Grausamkeit und Skrupellosigkeit bekannt ist. Die Unklarheit über ihre genauen Verhältnisse zueinander baut im ersten Part Spannung auf und wird im Mittelteil befriedigend aufgelöst. Hier strahlt der Roman meiner Meinung nach am hellsten, denn er setzt sich mit komplexen zwischenmenschlichen Beziehungen und Fragen auseinander. Heiligt der Zweck die Mittel, wenn du mit ihnen Genialität erreichst? Ist dein Verstand mehr wert als dein Körper? Auch Themen wie Sexismus im Universitätsbetrieb, toxische Machtverhältnisse, Manipulation, akademische Ausbeutung, wahnhafte Produktivität, Leistungsdruck und Suizidgedanken werden adressiert. All das ist messy und ungemütlich, nicht immer leicht in „richtig“ und „falsch“ oder „normal“ und „schädlich“ zu unterteilen, aber genau diese Ambivalenz ist die Stärke des Textes und der Grund (in Kombination mit dem schwächelnden Ende), weswegen ich mich frage, ob der Roman nicht als reine Campus Novel bzw. Literary Fiction besser funktioniert hätte.
Kommen wir zum letzten Part, den ich für den mit Abstand schwächsten des Romans halte. Eigentlich sollte hier alles zusammenfließen und sich befriedigend fügen, aber stattdessen irren wir mit Alice weiter durch die Hölle. Die verschiedenen Zonen haben ihre Faszination verloren, es ist ein mäanderndes Voranschlurfen, bei dem ich schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte, je einer der versprochenen Figuren (wieder)zubegegnen. Obwohl Alice keine leicht zu mögenden Protagonistin ist, konnte ich im Mittelteil Mitgefühl für sie entwickeln, aber hier flacht ihr Charakter ab und ihr Schicksal wurde mir mit jeder Seite gleichgültiger. Begegnungen mit neuen und alten Figuren sind, selbst wenn sie die Form eines Showdowns annehmen, langweilig, weil keiner von ihnen eine Tiefe hat, die die Begegnung reizvoll gestaltet hätte. Außerdem häufen sich langsam die Plot Holes im Aufbau der Hölle. Sie machen deutlich, dass das fantastische Setting zwar attraktiv gestaltet ist, aber nicht so weit durchdacht, dass es sich vollends organisch anfühlt.
Und dann kommt ganz schnell der Schluss, Alice macht von einer Seite auf die nächste eine sprunghafte Charakterentwicklung und das Buch ist zu Ende. Öhm, was? Da wurde so viel aufgebaut im Mittelteil, was charakterlich spannend, aber sicher nicht so leicht zu überwinden ist und jetzt bekomme ich diese Weiterentwicklung, die zeigen könnte, wie Alice nach so einer „Misere“ weitermacht, nicht zu lesen? Da wirkt es auf mich umso mehr, als hätte Kuang einen Haufen guter Ideen gehabt und zwischen diesen versucht, eine Story zu spinnen, die manchmal gut funktioniert, an anderen Stellen aber wie Frankesteins zusammengenähtes Monster wirkt. Das ist so schade! Das Potenzial ist da! Ich hätte diese Geschichte wirklich gern aus den Händen einer erfahreren Schriftstellerin (vielleicht einer älteren Kuang) gelesen.











