WG-Leben für Erwachsene
Wohnverwandtschaften von Isabel Bogdan, 2024 bei KiWi; Hörbuch bei argon, gelesen von Heikko Deutschmann, Katharina Wackernagel, Lavinia Wilson & Serkan Kaya
Was für ein Flickenteppich? Das Wort beschreibt die Situation überraschend gut, denn hier kommen in einer Mischung aus Theaterskript und Bewusstseinsstrom vier verschiedene Figuren zu Wort. Eine Hörbuchumsetzung ist wie gemacht für diesen Text und bis auf ein paar Ungereimtheiten gut gelungen.
Constanze zieht mit Anfang dreißig in eine Vierer-WG in Hamburg. Mitbewohner Nummer eins ist der deutlich ältere Jörg, der die Wohnung nach dem Tod seiner Frau für neue Mitbewohner*innen geöffnet hat. Jörg wird zwar immer schusseliger, plant aber trotzdem noch fleißig seine Bully-Reise nach Georgien. Die Zweite im Bunde ist Anke, die als Schauspielerin in ihren Fünfzigern große Schwierigkeiten hat, Rollen zu finden und mit dem Ende ihrer Karriere hardert. Murat, älter als Constanze, aber jünger als Jörg und Anke, hält die WG mit seinen Kochzeremonien zusammen. Er mag Geselligkeit und genießt das Leben in vollen Zügen.
Ich muss es Isabel Bogdan lassen: Mit jedem Buch erfindet sie sich neu. Ich kenne nur wenige Autor*innen, die ein so unterschiedliches Oeuvre an Romanen haben. Während Der Pfau witzig und überspitzt war, hat Laufen mich umgehauen mit seiner tiefen Trauer und Emotionalität. Wohnverwandtschaften wirkt auf den ersten Blick wieder leichter und belangloser. Langsam kommt dann aber doch ein schweres Thema auf und obwohl ich finde, dass gut damit umgegangen wird, erlaubt die Form des Romans keine richtige Tiefe und kratzt nur an der Oberfläche, so dass es fast so wirkt, als wäre es nur des Tränendrüsenfaktors wegen aufgegriffen worden.
Das Hin und Her der Figuren, ihre Auseinandersetzungen miteinander und ihre Gespräche in diesem unkonventionellen Dialogformat machen Spaß. Ich hatte das Gefühl, Murat, Anke und Jörg gut kennenzulernen – Constanze geht hingegen völlig unter. Ich weiß ihren Beruf, dass sie sich gerade getrennt hat und kein Klavier spielen kann, sonst nichts. Bei allen anderen kann ich sagen, was sie gern mögen oder was sie gedanklich umtreibt. Schade, denn allein diese Faktensammlung bietet ja durchaus Potenzial für eine interessante Figur.
Bogdans Stil ist an manchen Stellen wirklich wunderbar, meistens bei Ankes Kapiteln, wenn es ums Schwimmen oder eine Massage im Hamam geht. An anderen wirkt die Sprache leider gestelzt, vielleicht weil die Gesprächssituation manchmal zu sehr verbogen wird, um zu einem bestimmten Inhalt zu führen. Und obwohl das Buch so kurz ist, häufen sich gegen Ende die Wiederholungen. Klar, es ist realistisch, dass bestimmte Gedanken immer wiederkehren und es passt zur Bewusstseinsstromschilderung, aber literarisch ist das ein bisschen fad.
Insgesamt gute Unterhaltung, vor allem als Hörbuch, und es ist schön, mal einen Roman zu haben, in dem ältere Erwachsene entgegen den Konventionen in einer WG zusammenleben. Reicht allerdings nicht an Bogdans Vorgänger heran.














