Hanoi, Vietnam, 16. Januar 2013
Die vergangenen Tage haben Kraft und Nerven gekostet. Am 13. Januar haben wir Laos fluchtartig verlassen und nach nur einer Nacht in Dien Bien Phu Hanoi erreichet, hungrig, erschöpft von der langen Busfahrt, aber glücklich. Zurück in der zivilisierten Welt, zurück an einem Ort, an dem es Croissants, Einkaufszentren und Schaumstoffmatratzen gibt.
Der Norden Laos‘ ist wunderschön, wenn man nicht gerade hungrig ist, auf die Toilette oder ins Bett muss. Von Luang Prabang aus sind wir in sieben Stunden mit dem Boot nach Nong Khiaw gefahren, von dort dann weiter stromaufwärts nach Muang Ngoi. Der Aufenthalt in Muang Ngoi ist wie Urlaub auf dem Bauernhof. Durchs Dorf vagabundieren Hühner, Enten, Schweine, Katzen und Hunde. Es riecht entsprechend. In einer Seitenstraße spielen Männer Boule und trinken Beerlao. Kinder ziehen Drachen hinter sich her und denken sich nichts dabei, wenn diese in den Stromleitungen hängen bleiben. Strom fließt ohnehin nur am Abend zwischen sechs und neun. Das ganze Dorf lebt von den Touristen, überwiegend Backpacker wie wir. Sie gehen einmal die Dorfstraße entlang und wieder zurück, schauen in die Wohnungen und fotografieren. Wenn es dunkel ist, füllen sich die wenigen Restaurants. Für 2 Euro 50 kann man essen, so viel man mag – wenn man mag.
Es ist beschämend, wie wenig wir über Südostasien wissen, trotz eines Jahres Vorbereitung. Die Architektur, der Buddhismus, die Reliquien, die Minderheiten – jeweils ein glänzendes Fotomotiv, aber verstehen tun wir wenig. Die praktischen Dinge beschäftigen uns, die nächste Unterkunft, die nächste Mahlzeit, die Weiterreise. Ben und Karl lassen uns kaum Zeit zum Lesen, Fragen zu stellen oder Kontakte zu knüpfen. Wir Erwachsenen stehen meist um sieben in der Frühe auf. Die nächsten zwei, drei Stunden sind die Zeit, die uns bleibt, um zu schreiben oder die Umgebung zu erkunden. Von zehn Uhr morgens bis zehn Uhr abends dreht sich fast alles um die Kinder. Auf dem Land oder am Meer fällt uns das leicht, in Städten wie Hanoi deutlich schwerer. Sind die Kinder eingeschlafen, bleibt noch etwas Zeit für Recherche, Skype und die Blogs. Wir kommen schließlich auf die Idee, uns Dokumentationen über Südostasien auf Youtube anzuschauen. Gegen Mitternacht macht der Letzte das Licht aus, und der nächste Tag ist bereits verplant.
Von Laos bleiben uns Vientiane, Vang Vieng und Luangprabang in bester Erinnerung. Auch die Flussfahrten und eine Wanderung in eines der Dörfer nahe Muang Ngoi gehören zum bisher Schönsten unserer Reise. Die Reise nach Hanoi, über Muang Khua, Dien Bien Phu und Son La war vor allem für die Kinder ein hartes Stück Arbeit. In Hanoi haben wir uns dafür belohnt, mit einem sauberen Zimmer, gutem Essen, einem Kinobesuch und Fahrten im Taxi. Überhaupt, Hanoi: Keine Stadt für Angsthasen. Die Bewohner wissen beispielsweise, wie man eine Straße überquert. Sie sehen Lücken im Straßenverkehr, wo ein westlicher Beobachter sie nicht sieht. Motorradfahrer steuern nahezu ungebremst auf eine stark befahrene Kreuzung zu und kommen am anderen Ende heil wieder heraus. Wie kann das sein? Es gibt doch sicher ein Naturgesetz, das dies verbietet!
In Hanoi werden wir zu Leibwächtern unserer Kinder. Gefahren lauern überall, Stolperfallen, Krankheitserreger, der Verkehr – und die Grapscher. Ein Spaziergang wird für Ben und Karl zum Spießrutenlauf, ständig werden sie fotografiert und angefasst, bis unter die Gürtellinie. Ich ermuntere die Kinder, das zu unterbinden, indem sie sich die Hände vors Gesicht halten, protestieren und flüchten – anstatt nach dem Grapscher zu schlagen. Aber Nein-Sagen gilt nicht. Auch die Rikscha-Fahrer, Souvenirhändler und Obstverkäufer geben kein Jota nach, wenn wir ihre Dienste oder Waren partout nicht wollen. Geschäftstüchtigkeit in allen Ehren, aber das würden wir uns gerne in einen großen Zusammenhang stellen und erklären lassen. Selbstverständlich tun wir bei jeder Attacke höflich, dabei möchten wir schreien. Geben wir nach, erleben wir fast immer einen Reinfall, von eingebackenen Haaren am Straßenrand bis hin zu Trickbetrügereien bei Taxifahrern.













