Von Dingen, die sich einmischen
Die Actor-Network-Theorie mit dem Sachverstand eines Designers Referat von Michael Wolf, Winter 2001/2002 FH Design Köln
(...) Als ein Vertreter der »social studies« setzt sich Latour dafür ein, den in der »Verfassung« der Moderne konstituierten Abgrund zwischen Kultur und Natur, zwischen Gesellschaft und Wissenschaft aufzuheben und als übergangsloses Netzwerk zu begreifen. In diesem Geflecht aus Beziehungen müßten Technische Entdeckungen (Schöpfungen) auf gleicher Ebene behandelt werden wie soziale Verhältnisse. Latour nennt das eine symmetrischen Anthropologie. Er hinterfragt den Vorrang des Menschen als Initiator von Wirkungen.
Die von Michel Callon und Bruno Latour entwickelte Actor-Network-Theorie erklärt Wirkungsweisen eines Netzwerks aus menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren als emergentes Resultat der wechselseitigen Relationierungen der Elemente. Objekte werden in dieser Theorie aus ihrer Totenstarre erlöst und zu Handlungsträgern erhoben. In der Actor-Network-Theorie wird für solche Akteure der Begriff des Aktanten verwendet. Aktanten tauchen beispielsweise in Form von Mikroben auf, wenn Latour die Forschungen und Wirkungen von Pasteur untersucht.
»Handeln ist kein Vermögen von Menschen, sondern die Fähigkeit einer Verbindung von Aktanten« (Latour 1998, nach Braun 2000). Um das zu erklären bringt Latour das Beispiel der innenpolitischen Diskussion über den Schußwaffengebrauch in den U.S.A.. Schußwaffengegner beziehen häufig die radikale Position: »Schußwaffen töten.« Als ob jeder Mensch im Besitz einer Schußwaffe gleichsam auch zum Mörder würde. Die Gegenseite postuliert ebenso extrem, es komme nur auf den Menschen an, in welcher Form die Waffe Verwendung fände. Das Objekt selber bliebe bis zu seinem Gebrauch völlig neutral. Bruno Latour setzt beiden Positionen seine symmetrische Betrachtungsweise entgegen. Weder in der Waffe noch im Menschen liegt die Ursache der Handlung. Beide, die Identität des Objekts und die Identität des Subjekts sind wechselseitigen Definitionsprozessen ausgesetzt. »Mit der Waffe in der Hand bist Du jemand anders, und auch die Waffe ist in deiner Hand nicht mehr dieselbe Waffe« (Latour 1998, nach Braun 2000). Zunächst waren es wohl die Computer, die bewirkten, daß Soziologen den Handlungscharakter von Dingen nicht weiter ignorieren konnten (Joerges 2001). »Als die Computer kleiner und besser wurden und aus ihren militärischen, korpora- tiven und laborwissenschaftlichen Käfigen ausbrachen, wurden sie von technikso- ziologen alsbald zu Akteuren, zum zweiten Selbst, bisweilen zu lebendigen Wesen und evolutionären Weiterentwicklungen, oder zu personalen Partnern stilisiert. Die reinliche Trennung zwischen Sozialem und Nicht-Sozialem kam gründlich durcheinander. «Es dauerte nicht lange und diese neuartigen »eigenartig evokati- ven Geräten« die auf ihre Umwelt reagierten und Handlungen auslösten wurden in den Wissenschaftsbereich der Soziologie eingemeindet. Kein Wunder, da sich besonders in der Computertechnik Konzepte für Mischwesen mehren, die – für den Menschen kaum noch wahrnehmbar – in dessen Alltag ein- greifen. Schon 1991 wies Mark Weiser vom Xerox-Entwicklungslabor PARC in sei- nem Artikel »The Computer of the 21st century« auf die zukünftige Zuordnung sei- ner technischen Innovationen hin: »They weave themselves into the fabric of everyday life until they are indistinguishable from it.« Alltägliches Leben würde nicht mehr von der Technik unterscheidbar sein.
(...) Was für Schlüsse kann man aus der Actor-Network-Theorie auf das Design beziehen? Beim Design von Alltagsobjekten, wo sich ständig und unausweichlich Technik und Soziales miteinander verknüpfen, stehen wir immer mehr vor der Frage: Was ist eigentlich gestaltbar? Sind die Auswirkungen neuer Produkte auf unsere Welt abseh- oder sogar planbar? Produkte scheinen sich zu verselbstständigen, werden in völlig unbeabsichtigter Weise benutzt und greifen als strukturge- bendes Element in den Alltag ein, so wie der Fernseher Einfluß auf unseren Tagesablauf hat.
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