Gesetze
„Ein echter Gilneer benimmt sich aber nicht so. Da gibt es nichts zu diskutieren. Das gebieten dir allein schon deine Ehre und dein Stolz. Wenn du dich nicht daran hältst, bist du es nicht wert.“
Es gibt Gesetze, an die man sich unwiderruflich zu halten hat.
Es gibt Gesetze, die werden nicht hinterfragt.
Es gibt Gesetze, die stehen fest, seit der Geburt und noch darüber hinaus.
Und es gibt Nicolas Sinclair, ein Junge der nur 2 Jahre jünger ist als ich und der mich gerade mit tief zusammen gezogenen Augenbrauen anschaut, während er das Kissen, dass er zwischen seinen Armen hält, erneut zu knautschen begonnen hat. Er liegt neben mir im Bett, mir zugedreht in seinem schrecklichen zu großen Pullover, von dem er mir erzählt hatte, er hasse die Farbe genauso wie das Muster und trage ihn nur, weil seine Mutter sich mit dem Stricken so viel Mühe gegeben hatte.
„Aber warum kann ein echter Gilneer denn nicht ehrenvoll und stolz sein, auch wenn er nicht der Meinung ist, dass ein Dieb die Hand abgeschlagen bekommt?“
Seine Frage klingt ein wenig verzögert, langsam und ich kann mir ein erneutes, leises Ausatmen nicht verkneifen, während viel zu blaue Augen mich konzentriert anschauen.
„Adi? Warum nicht? Ich meine…das tut dem Mann doch weh und er kann danach nicht mehr arbeiten. Dann wird er arm und seine Familie verhungert. Das ist doch nicht ehrenvoll.“
„Er hatte immerhin Zeit, es sich vorher zu überlegen ob er stiehlt. Ein echter Gilneer stiehlt nicht, er sucht sich Arbeit, auch wenn er sie noch so abscheulich findet. Er stiehlt einfach nicht, verstehst du? Denn er nimmt sich einfach fremdes Eigentum das ihm nicht zu steht und dass dem Bestohlenen vielleicht sehr wichtig ist. Deswegen gehört er bestraft.“
Ich sehe blaue Augen blinzeln, dann langsam nicken, als hätte er die Idee dahinter verstanden. Abwartend schaue ich ihn einen Moment an, wohl wissend, dass die nächste Frage nicht lange auf sich warten lassen wird. Denn Nicolas ist keiner dieser Kinder, die sich mit einer Antwort abspeisen lassen und es dann einfach runterschlucken. Er ist mir in vielerlei Hinsicht ähnlich und doch wieder nicht, denn im Gegensatz zu mir hat er nicht verstanden, dass Regeln und Gesetze die Gesellschaft stemmen, wie Pfeiler. Und Pfeiler sind nur so stark wie es ein Volk ist die sie erbaut, ansonsten brechen sie und der Turm stürzt zusammen.
„Aber…“ Seine Stimme lässt mich aufschauen, zu ihm rüber blinzeln und hinab spähen. Er ist viel kleiner als ich, auch wenn er von mir behauptet ich wäre einfach nur riesig. Wahrscheinlich werde ich einmal so groß wie mein Vater; Mutter hätte es sicherlich zum Lächeln gebracht. Tante An macht auch ständig Witze darüber. Eigenartig, dabei kenne ich sie erst seit ein paar Monaten, doch sie schaut mich an, als hätte der düstere Himmel über Gilneas ihr einen zweiten Sohn geschenkt. Wir haben uns vor dem ersten Frost kennengelernt, Nicolas und ich. Er war von der Mauer gefallen, die unser Anwesen vom Rest der Stadt trennt, eine Mutprobe der Stadtkinder. Manchmal warfen sie auch Fenster ein, doch Nicolas hatte nichts eingeworfen, sondern hatte es mit der Angst zu tun bekommen, als er auf die großen Wölfe getroffen war, die unseren Wald beschützten.
Er hat jämmerlich geweint und war vollkommen verdreckt gewesen.
Dann hat er meinen Revolver gesehen und mich gefragt, ob ich ihn jetzt erschieße.
Aber in seinen Augen lag keinerlei Angst.
Sie waren riesengroß.
„Kein „aber“, Nicky. Ein Verbrechen ist ein Verbrechen und gehört bestraft. Wenn wir anfangen, diese einfache Gesetze zu dehnen, werden wir schwach und beginnen solche Dinge auf die leichte Schulter zu nehmen. Aber das dürfen wir nicht. Gesetze sind Gesetze.“
Wieder hebt sich sein Kopf, doch als er mich dieses Mal anschaut, liegt auf seinem Gesicht ein missbilligender Ausdruck, der irgendwie danach aussieht, als fände er das, was ich gerade gesagt habe, absolut schwachsinnig.
„Aber wenn der Mann nur gestohlen hat, weil er krank ist und deswegen nicht arbeiten kann? Wenn er nur seine Familie ernähren will? Dann darf man ihm doch nicht die Hand abschlagen! Weil…weil… er sich ja so keine ehrliche Arbeit suchen kann! Aber er will seine Familie vor dem Hungertod bewahren, das ist doch ehrenvoll! Ich finde das echt gemein! Man darf doch keinen umbringen, der andere beschützen möchte!“
Ich atme leise durch, die Stirn in eine tiefe Falte gelegt.
Jedes Mal muss er darüber diskutieren.
Es gibt nun einmal Regeln und die müssen auch eingehalten werden.
Sein Gesicht gleicht einer schmollenden Schnute, mit der leicht nach vorn geschobenen Unterlippe und den kritisch zusammengezogenen Augenbrauen. Seine dünnen Arme haben sich fest um das Kissen gelegt das ich ihm überlassen habe, denn er übernachtet heute wieder bei mir. Manchmal fühlt sich ein wenig seltsam an, dass ich nun einen „Freund“ habe, aber Nicolas hat gesagt, dass jeder Held einen Freund braucht, sonst vereinsamt er und wird von seinen hundert Katzen gefressen. Ich bin mir zwar ziemlich sicher dass ich einmal nicht von hundert Katzen gefressen werde, aber ich lasse ihm seinen Willen, denn wenn dieses Freundschaftsding meint, dass man Abends zusammen noch unter der Decke liegt und redet, oder zusammen fischen geht, dann ist es keine schlechte.
Seit Victorias Tot vor einem halben Jahr ist es hier sehr still geworden.
Vater redet noch weniger als sonst und mein Onkel hat nun selbst Familie.
Ein einsames Leben.
Für meinen Vater und mich.
„Aber Diebstahl ist Diebstahl und das ist unrecht.“ beharre ich und schnaube aus, denn es ist eine einfache, eine schlichte Regel. Wenn wir sie nicht befolgen, befolgt sie bald niemand mehr und die Welt versinkt im Chaos. Jedes Lebewesen hat das Recht auf persönliche Freiheit, aber anderen dafür weh zu tun, ist eine Sache die nicht geduldet werden kann. Ich jedenfalls tue das nicht. Auch wenn mich jetzt die blauen Augen vorwurfsvoll anstarren und dann einfach meinen Blick entzogen werden, als Nicolas sich herum wirft und mir dann verdrießlich den Rücken zudreht.
„Ich finde die Regel total bescheuert. Dann will ich gar kein Gilneer sein.“ höre ich ihn ungnädig brummen, sehe wie er sich die Decke bis über die Nase zieht. Ich wende den Blick in Richtung der Lampe auf meinen Nachttisch, ehe ich sie lösche und mich dann selbst in die Kissen zurück sinken lasse. Ich verschränke die Hände unter meinem Kopf, spüre etwas hartes an meinen Handrücken und atmet leise aus. Der Revolver unter meinen Kissen ist ein ebenso beruhigendes wie bedrückendes Gefühl, eine nagende Ambivalenz. Doch genauso wie der Revolver Leben schützt und es nehmen kann, besteht das Leben am Ende nur als Dingen, die scheinbar nicht zusammen passen, aber nur so funktionieren. Leben und Tod, Tod und Leben. Alles ist ein Kreislauf. Unzerstörbar, denn das eine kann nicht ohne das andere bestehen.
Und trotzdem ist es manchmal nicht einfach, danach zu leben.
„Manchmal sind sie…unfair, das stimmt.“ gebe ich leise zurück, spüre eine flüchtige Bewegung wie ein aufmerken neben mir, dann höre ich, wie ein dunkler Schopf vorsichtig auf dem weichen Kissenbezug gedreht wird, wieder zurück in meine Richtung. Die blauen Augen sind riesengroß und selbst in der Dunkelheit sehe ich sie noch leuchten, als wären sie von Glühwürmchen erhellt.
„Ehrlich?“
Die Frage klingt leise, ungläubig und ich weiß warum. Normalerweise hinterfrage ich diese Dinge nicht, denn ich bin ein Crow und eines Tages obliegt es mir, Gilneas vor Feinden zu bewahren. Und er muss die Regeln und Gesetze befolgen, ein Vorbild sein, damit diese Nation stark bleibt und weiter bestehen kann. Er muss es tun. Er muss es einfach…
„Ja, ehrlich. Ich….würde ihm nicht die Hand abschlagen, Nicky. Vielleicht ein oder zwei Tage Arrest, aber ich würde ihn nicht verletzten. Die Familie ist doch wichtig, nicht wahr?“
Sie sind viel zu groß, seine Augen.
Als würden sie direkt in mich hinein schauen, tanzende Meeren mit Glühwürmchen, in denen sich die warme Glut des Kamins bricht, als er vorsichtig ein paar Zentimeter zu mir heran rutscht und seinen wuscheligen Kopf auf meinem Oberarm ablegt. Ein kalter, nackter Fuß schiebt sich zwischen meine und ich erschaudere; und eine schmale Kinderhand schiebt sich deutlicher in den alten abgegriffenen Stoff meines Hemdes.
„Wichtiger als so doofe Regeln.“
Seine Stimme an meinem Ohr ist leise, klingt nach einem Lächeln und die Bewegung, mit der sein Gesicht gegen meinen Hals schmiegt, ist mittlerweile vertraut. Ich habe ihm gesagt, dass einer richtigen Gilneer nicht mit einem anderen Jungen kuschelt. Doch als er mich gefragt hat wieso, konnte ich ihm darauf keine Antwort geben. „Weil man das nicht tut, das ist ein Gesetz!“ – doch Nicolas Sinclair hat nichts übrig für Gesetze, die in seinen Augen unsinnig sind und so kuschelt er sich jedes Mal an mich, weil er meint das kuscheln viel wichtiger ist als Vorschriften, die irgendjemand vor langer Zeit beschlossen hat, der seiner Meinung nach einfach schlechte Laune hatte.
„…..vielleicht.“
Ein dumpfes Schnauben und als ich spüre, wie man sich lächelnd endgültig an mich heran schmiegt, zieht sich meine Stirn in leichte Falten und ich starre zur Decke empor. Wer hat sie eigentlich aufgestellt? All diese Regeln und Gesetze, nach denen meine Familie seit so langer Zeit handelt? Ich weiß, dass wir in erster Linie Beschützer sind. Aber wir sind auch Ankläger, Geschworene, Richter und Henker. Unrecht ist unrecht und wird vergolten. Gnade gibt es keine, denn unsere Feinde haben sich Sünden schuldig gemacht. Eine Nation ist nur so stark wie die Pfeiler, die sie tragen. Und doch frage ich mich manchmal, wie die Pfeiler von innen aussehen; ob sie schön und hell sind, oder längst am Verrotten.
„Und….Freundschaft ist auch viel wichtiger, nicht wahr?“
Er zögert nicht, als er es mir schläfrig auf die Haut murmelt. Ich darf nicht darüber nachdenken. Wenn er eines Tages eine Regel brechen sollte, müsste ich auch ihn erschießen, egal ob wir Freunde sind oder nicht. Ich müsste es tun, denn so lauten die Regeln. Wir sind die Beschützer dieses Landes, Krähen, von einem dunklen Fleck am Himmel heraus beobachten und verurteilen wir.
Ich werde dieses Land beschützen.
Egal wen ich dafür töten muss.
Egal wen….
Meine Hand gräbt sich den in Stoff des scheußlichen Strickpullovers und für einen Moment ist der Kloss in meinem Hals fürchterlich dick und ich schließe die Augen, drücke ihn fester gegen mich und klammere die Finger in warme Haut unter den Pullover, brauche Halt, nur einen Moment, nur für diesen Moment. Halte mich fest an einen Jungen, den der viel zu großherzig für all meinen persönlichen Wahnsinn ist, viel zu gutmütig und viel lebensbejahender als ich es jemals sein werde.
Es gibt Gesetze, die müssen unter allen Umständen eingehalten werden. Es gibt Gesetze, die müssen unter allen Umständen befolgt werden. Und es gibt Gesetze, die dir das Herz so unendlich schwer machen, dass du besser daran tust, es vor jeglicher Schönheit zu verschließen, damit du sie bewahren und niemals verletzten kannst.
„Ja, das ist sie.“











