Heute früh haben wir unseren nächsten Gamedrive gebucht. Um 5.15 Uhr klingelt der Wecker. Nach einem schnellen heißen Kaffee und einem Muffin auf die Hand starten wir mit unserem gestrigen Guide mit Namen Gabriel und 4 weiteren Personen wieder in das Nature Reserve.
Das Okonjima Nature Reserve mit der Africat Foundation soll in diesem Jahr unser persönliches Highlight des Urlaubs werden. Die AfriCat Foundation bietet insbesondere Raubtieren eine neue Heimat, die verletzt aufgefunden oder aus schlechter (illegaler privater) Haltung befreit wurden.
Ein Teil der Leoparden, aber auch andere Arten sind besendert. Dies dient zum einen der Forschung als auch der Möglichkeit, die Tiere wieder aufzuspüren. Die Anfahrt durch mehrere stark gesicherte Gates, das imposante mit einem Geparden verzierte Rolltor und die Warnschilder entlang der Pad sind sehr beeindruckend.
Unsere Unterkunft liegt inmitten eines privaten 200 Quadratkilometer großen Geländes. Auf 2.000 Hektar liegen die Unterkünfte, die restlichen 180 km2 sind in verschiedene hochgesicherte Bereiche gegliedert und auch hier muss man suchen, um zu finden und auch die besenderten Tiere halten sich nicht zwingend in zugänglichem Gelände auf.
Die AfriCat Foundation wurde von der Familie Hansen, ehemalige Farmer, im Jahre 1992 gegründet und hat seitdem tausende Geparden, Leoparden, Löwen, Hyänen, Karakale und Wildhunde, die als Folge des Konflikts zwischen Mensch und Tier eingefangen wurden, gerettet. Nach eigenen Angaben betreibt AfriCat das größte Raubtier Save-and-Release-Programm der Welt.
In den letzten Jahren hat sich eine florierende Tourismusindustrie um das Leoparden Tracking gebildet. Nach unserem Geschmack ist das viel zu viel Kommerz. Wir empfinden das ständige Anpreisen der Pirschfahrten, am besten morgens, mittags, abends und nachts einfach nur aufdringlich.
Das Hauptgebäude des Okonjima Plains Camp ist sehr großzügig gebaut und es bietet einen schönen Blick auf ein kleines Wasserloch. Wer jetzt glaubt, das sei natürlichen Ursprungs der irrt. Nichts, aber auch gar nichts, ist hier dem Zufall überlassen.
Eine afrikanische Lodge wie aus einem Film: alles künstliche Kulisse. Der Baumstamm, der so malerisch, wie zufällig vor dem Wasserloch liegt, verdeckt in Wirklichkeit die Wasserzufuhr. Diese wird morgens angestellt, nur die Frühaufsteher bekommen mit, wenn das Wasser läuft.
Als wir das Hauptgebäude um 6 Uhr betreten fällt uns sofort der penetrante Geruch von Doom auf. Aha, auch hier wird ordentlich gegen Insekten vergast. Jetzt habe ich gleich ein viel weniger schlechtes Gewissen...
Kurz vor 6.30 Uhr erscheint unser Guide und Fahrer, begrüßt die Teilnehmer, erklärt den Ablauf und bitten uns zum Fahrzeug. Unsere Gruppe besteht aus 6 Personen: 2 jungen Namibier, einem weiteren deutschen Herrn und uns sowie einer französischen jungen Social Media Influenzerin.
Diese Dame wird uns allen heute noch viel Freude bereiten. Sie ist uns gestern Abend schon unangenehm aufgefallen. Zum Abendessen kam sie in den Restaurantbereich geschossen, setzte sich auf die Mauer vor das künstliche Wasserloch, schlug die Beine posierend übereinander und fing an dort ihr langes Haar zu bürsten. Anschließend saß sie an einem Tisch, in der einen Hand die Gabel, in der anderen das Handy und sie sprach nonstop - und ich meine nonstop - ohne Punkt und Komma ins Gerät.
Mit dem Pirschwagen ging es zunächst zu einem gesicherten Tor. Alle mussten im Wagen bleiben. Unser Guide hat eine Funkantenne dabei. Er bekommt schon bald ein Signal und versucht diesem zu folgen. Dafür müssen wir die ausgetretenen Pfade verlassen und rumpeln über Stock, Büsche und Steine.
Unsere französische Influenzerin spricht hervorragend Englisch und drängt nonstop plappernd allen anderen ein Gespräch auf. Sie stellt pausenlos irgendwelche dümmlichen Fragen. Guide Gabriel versucht zwischendurch zu antworten, kommt aber gar nicht durch, weil sie einfach nur fragt um des fragen willens.
Wir sitzen direkt hinter Gabriel und ich raune ihm zu, dass sie wohl nicht so sehr an Tieren interessiert sei. Wir reagieren gar nicht mehr auf sie und konzentrieren uns mit Gabriel auf das Spotten der Tiere.
Das geht natürlich nicht und so fährt die Influenzerin ihr Repertoire auf: jetzt braucht sie ein Fernglas, dann hat sie Durst, zwischendurch zieht sie sich im fahrenden Wagen um. Dabei verliert sie ihren kostbaren Schal, den wir dann - statt der Tiere - suchen müssen. Jetzt muss sie Pipi, dann hat sie wieder Durst. Bei einem Stopp möchte sie - in ihren Flipp-Flops - die Leoparden zu Fuß suchen. Dann raucht sie und schmeißt die brennende Kippe in den Busch. Die Namibier rufen sofort Alarm aus, Gabriel stoppt den Wagen, springt raus und löscht mit einer Flasche Wasser, damit kein Buschbrand entsteht - und sie redet und redet und redet.
Jetzt platzt Micha der Kragen und bittet sie, einfach mal für 5 Minuten den Mund zu halten und sich still zu verhalten. Jeder der Micha kennt, kann bestätigen, dass er eigentlich mit einem stoischen Gemüht ausgestattet ist und wenn er schon was sagt, dann kommt es wirklich dicke. Die Ruhe dauert nur knapp 3 Minuten an und es geht wieder los...
Sie braucht wieder das Fernglas von Gabriel, sie isst einen Apfel und wirft den Apfel dann ins Gebüsch, sie braucht wieder Wasser, sie muss wieder Pipi....Dann benötigt sie eine Massage. Ich erkläre ihr daraufhin, dass diese Fahrt - über Stock und Stein - die African Massage sei. Gabriel fällt vor Lachen fast aus dem Landcruiser.
Mit einer großen Antenne steigt Gabriel auf die Motorhaube des Landcruisers und versucht Signale eines sich in der Nähe aufhaltenden Leoparden aufzuspüren und schon bald können auch wir ein regelmäßiges Klick-Signal ausmachen. Natürlich wussten wir, dass es keine absolute Sichtungsgarantie gibt und so sind unsere Erwartungen vorerst etwas verhalten. Das erste Signal verlieren wir und so wird weiter gesucht. Wir freuen uns statt dessen über eine Familie Löffelhunde mit 3 Jungen, die ich gespottet habe.
Jetzt meldet sich der deutsche Herr zu Wort: er hätte hier schließlich ein Leoparden Tracking gebucht und kein Impala Stopping. Uuuups. Auch das noch. Dieser Gamedrive ist einfach nur ein Albtraum.
Gabriel greift zu Plan B und fährt an eine weitere Stelle, dort wo gestern Abend ein Leopard ein Warzenschwein erwischt hat. Das ist zwar nicht so spektakulär, denn der Leopard liegt schlafend unter einem Baum, den vollen Bauch der Sonne entgegen. Der Rest des Kills hat er oben in einem Baum in Sicherheit gebracht.
Jetzt, wo sie einen Leopard gesehen hat, möchte unsere neue französische Freundin zurück zur Lodge und dringend frühstücken. Wir haben auch nichts dagegen, denn unsere Nerven sind am Ende. Der Leopard wohl auch, denn er steht auf und geht!
Zurück im Plains Camp entschuldigt sich Gabriel vielmals für diesen vergeigten Gamedrive. Er könne da leider nicht eingreifen, da sind ihm die Hände gebunden. Man merkt, dass er schlichtweg Angst um seinen Job hat, wenn sich diese Leute dann am Ende über ihn beklagen.
Wir meinen, dass muss man einfach anders händeln und auch ein Guide kann sehr wohl die Regeln bestimmen und den Leuten vermitteln, dass beispielsweise Qualmen im Busch eben nicht geht.
Gabriel fragt uns sogleich nach unseren weiteren Wunschaktivitäten - wir winken dankend ab. Für uns gibt es hier definitiv keine Pirschfahrt mehr, lieber sitzen wir auf unserer Terrasse des teuren View Rooms und gucken dabei Tiere.
Früher gab es auch noch einen Geparden Walk, doch die Leoparden töteten einige Geparden, sodass man die Geparden leider nur noch im geschlossenen Gehege besuchen kann. Das möchten wir auch nicht. Wir sind einfach nur noch bedient.
Anschließend genießen wir ein ausgiebiges Frühstück und müssen erst einmal das Erlebte verarbeiten. Wir ziehen uns zurück, duschen erst einmal, machen ein bisschen Körperpflege und danach eine ausgedehnte Siesta.
Die gesamte Seite unseres sehr geräumigen Bungalows ist zum Busch hin offen mit einem großen Panoramafenster versehen, sodass man morgens vom Bett aus schon die ersten Antilopen, Schakale und Perlhühner über das Gelände huschen sehen kann.
Am späten Nachmittag hat die Bewölkung stark zugenommen und statt eines spektakulären Sonnenuntergangs im afrikanischen Busch, geht die Welt unter:
Was sind wir froh, dass wir nicht noch eine Pirschfahrt gebucht haben, sondern statt dessen in unserem Chalet im Trockenen hocken. Kurz hört es auf zu regnen und wir können noch einige Tiere beobachten.
Doch dann geht es umso schlimmer wieder los. Micha hat Angst um seine Wildkamera, die vor unserem Chalet, an einem Baum hängt. Er überlegt sich gerade, ob er sich ein Mokoro, einen traditionellen afrikanischen Einbaum irgendwo ausleihen könnte.
Zum Abendessen sind wir im Auto, mit eingeschaltetem 4x4, gefahren. Zu Fuß wären wir da nie im Leben angekommen. Im Hauptgebäude hat man heute sogar die Öfen angeschmissen, damit sich die Leute, die noch vom Gamedrive kamen, trocknen konnten.
Gabriel kommt noch einmal zu uns und möchte wissen, ob wir morgen eventuell an irgend welchen Aktivitäten interessiert wären. Nein, sind wir nicht!
Angie, Micha und der Hasenbär