„Käthe Kollwitz beim Sex geht gar nicht”
Bericht aus der Grimme-Nominierungskommission Information & Kultur, der anlässlich der Preisverleihung am vergangenen Freitag im Grimme-Magazin erschienen ist.
„Die meisten Filme kenne ich gar nicht“, sagte ein Medienjournalist, nachdem das Grimme-Institut die Nominierungen der Kommission Information & Kultur bekannt gegeben hatte. Der Kommentar des Kollegen - im übrigen ein sehr eifriger Fernsehgucker - war nicht unbedingt als Lob gemeint, man kann ihn aber so verstehen. Es gehört zu den ungeschriebenen Aufgaben dieses Gremiums, Aufmerksamkeit zu lenken auf herausragende Filme, die aufmerksamkeitsökonomisch benachteiligt sind. Die Hälfte der von der Kommission nominierten Einzelstücke hatte einen Sendetermin nach 23 Uhr, vier davon starteten um 0 Uhr oder später. Als sie ausgestrahlt wurden, hielt sich die medienjournalistische Resonanz in Grenzen - weil die Redaktionen, auch wenn sie gern einmal motzen, dass herausragende Filme zu spät laufen, lieber Prime-Time-Sendungen besprechen. Was spiegelt die Auswahl wider? Dass 2014 ein sehr gutes Jahr war für Filme über ein Thema, in dessen Zusammenhang man von einem guten Jahr eigentlich nur ungern sprechen möchte: Zwei Dokumentationen über die Risiken und Gefahren, denen Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa ausgesetzt sind, schafften es auf die Liste, und angesichts seiner gesellschaftlichen Relevanz war das Thema damit keineswegs überrepräsentiert. Zumal in dem Bereich durchaus weitere nominierungswürdige Filme zur Auswahl standen. Ähnlich auffällig war das breite Angebot an hervorragenden Dokumentationen aus dem Themenbereich Nationalsozialismus. Dies kam zum Ausdruck in der Nominierung von „Die Wunderpille der Wehrmacht“ und der historisch-investigativen Reihe „Akte D“. Ein Film aus der Kategorie - der Zweiteiler „Das letzte Kapitel“, der neue Ermittlungen gegen NS-Verbrecher aufgreift - hatte auch Einfluss auf die Entscheidung, die Redaktion der WDR-Reihe „Hier & Heute“ in der Kategorie Spezial zu nominieren. „Hier & Heute“ ist, so sah es die Kommission, insgesamt ein Format, an dem nichts formatiert wirkt, das aber dennoch eine Handschrift hat. Ein Anliegen war es der Kommission auch, außergewöhnliche Filme relativ junger Regisseurinnen und Regisseure zu würdigen: „Bouchbennersch Otto“ und „Nach Wriezen“ entstanden während des Studiums an der Kunsthochschule für Medien Köln bzw. der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Da wir schon beim Stichwort „jung“ sind: Die Kinderkanal-Reihe „Schau in meine Welt!“ - erzählt aus der Perspektive von Kindern, überwiegend aus dem Ausland - war für die Kommission eine positive Überraschung, weil sich aus dem Kinderfernsehen sonst nur selten etwas für eine Nominierung aufdrängt. Zu den Beiträgen, über die am intensivsten diskutiert wurde, gehörten zwei ambitionierte Großprojekte: Knapp an einer Nominierung in der Kategorie Spezial vorbei schrammte die Echtzeitdokumentation „24 h Jerusalem“, die 2014 die Juroren des Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet hatten. Zwischen „inhaltlich enttäuschend“ und „tolles Konzept“ schwankten die Positionen - wobei in der Debatte auch eine Rolle spielte, dass es sich um die Adaption eines Konzepts handelte, für das die Produktionsfirma schon einmal einen Grimme-Preis bekommen hatte („24 h Berlin“). Das zweite Doku-Event des Jahres, hinter dem sich ebenfalls ein überdurchschnittlich hoher Aufwand in Sachen Recherche und Logistik verbirgt, war der Achtteiler „14 - Tagebücher des Ersten Weltkriegs“. Die eine Kommissions-Fraktion lobte, hier werde, anders als im Geschichtsfernsehen üblich, aus privaten Blickwinkeln die Geschichte des Krieges erzählt. Die andere nahm Anstoß an, wohlwollend formuliert, vereinfachenden historischen Einordnungen der Autoren und brachte ein generelles Unbehagen darüber zum Ausdruck, wie in diesen achtmal 52 Minuten Historie fiktionalisiert wird. Kurz gesagt: „Käthe Kollwitz beim Sex geht gar nicht.“ So formulierte es ein Kommissar. Keine nominierenswerte Sendung fand die Kommission über den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Man kann es symptomatisch finden, dass das deutsche Fernsehen beeindruckende Dokumentarfilme über Ruanda („Unversöhnt“) und den Südsudan („Wir waren Rebellen“) zustande bringt, aber kein herausragendes längeres Stück zu einem der wichtigsten Themen der jüngeren bundesdeutschen Geschichte. Mindestens ebenso groß wie der Ärger über inhaltliche Mängel war der über formale Unzulänglichkeiten. Ein Ärger, der hin und wieder durchaus in Belustigung umschlug. Die Bilder würden „zugequatscht“ - so oder ähnlich klang eine häufige Kritik. Ein Kommissionsmitglied formulierte die Faustregel: „Wenn man im Text jeden vierten Satz streichen kann, stimmt was nicht.“ Willkürlich herausgegriffen sei in diesem Zusammenhang ein Film aus der ZDF-Reihe „37°: „Unter Verdacht. Gerichtsmediziner auf Spurensuche“. In der Reportage ist unter anderem eine Wohnung zu sehen, in der möglicherweise ein Gewaltverbrechen stattgefunden hat. Die Kamera zeigt Blutflecken und auf dem Boden liegende Schnapsflaschen. Und was tut der Off-Sprecher? Er beschreibt Blutflecken und auf dem Boden liegende Schnapsflaschen. Man fragt sich in solchen Momenten manchmal, ob die Redakteure dann, wenn sie so einen Film abgenommen haben, über die Senderflure hüpfen und „Unser liebster Firlefanz / Ist und bleibt die Redundanz“ singen. Als störend empfand die Kommission auch den hohen Anteil an Filmen, in denen sich Autoren als eine Art investigativer Ermittler inszenierten, ohne dass sich dies für ihre Geschichte aufgedrängt hätte. Diese Haltung schlug sich nieder in Formulierungen wie: „Die Recherchen führen uns um die halbe Welt“, „Meine Recherche beginnt in einem zufällig ausgewählten Supermarkt“ oder „Ich begebe mich auf Entdeckungsreise quer durch Europa.“ In letzterem Film ging es im Übrigen darum, dass die europäische Sozialdemokratie von den wirtschaftlichen Problemen ihrer klassischen Klientel nicht zu profitieren vermag. Warum sich der Autor hier in der ersten Person ins Spiel bringt und sich als eine Art Christopher Columbus des Politikjournalismus in Szene zu setzen versucht („Entdeckungsreise“), erschließt sich nicht so recht. Darüber hinaus verplempern Autoren gern Zeit damit, indem sie die Zuschauer in Wort und Bild über banale Arbeitsschritte informieren. In solchen Szenen ist dann zu sehen, wie die Filmemacher bedeutungsschwanger auf einen Computer-Bildschirm starren, Taxi oder Auto fahren oder telefonieren - Manchmal telefonieren sie auch im Auto! - oder Sätze sagen wie: „Wir rufen Experten an.“ Experten anrufen? Kann man machen, aber muss man drüber quatschen? Man fühlt man sich bei solchen Szenen so, als wäre man in einem Restaurant, wo einem der Koch über Lautsprecher aus der Küche zuruft: „Ich rühre jetzt die Sauce für Tisch 14 an.“ Als kontraproduktiv empfand das Gremium auch in raunendem Tonfall dem Zuschauer entgegen geschleuderte Phrasen à la „Kann das wirklich sein in Deutschland?“ oder: „Was passiert hinter den Kulissen von Bio 2.0?“ Hinter den Kulissen - und zwar nicht nur hinter denen von „Bio 2.0“ - passiert so einiges, da sind sich die Kommissionsmitglieder nach drei Sitzungswochen ziemlich sicher. Zwischendurch, am Rande der zweiten Sitzungswoche, stöhnte einer der Kommissare: „Es gibt einfach zu viele Formate.“ Damit war nicht gemeint, dass er oder andere aus dem Gremium sich überfordert fühlten von der Menge an zu sichtenden Stücken. In dem Ausspruch schimmert vielmehr die Frage durch, ob die Informationsleistungsbilanz des deutschen Fernsehens vielleicht besser ausfiele, wenn es nicht so viele Reportage- und Dokusendeplätze gäbe, die wöchentlich zu füllen sind. Ob „Die Story“, „Die Story im Ersten“, „Exakt - die Story“, "Gott und die Welt“, „Menschen hautnah“ (um nur einige zu nennen!) - hin und wieder beschlich die Kommission bei einem schwachen Film das Gefühl, dass die Macher auch anders und besser könnten, wenn sie mehr Zeit und Geld zur Verfügung hätten. Den Verantwortlichen in dern Sendern kann man nur zurufen: Gebt diesen Redaktionen mehr Geld, oder fragt euch, ob an dem phrasenschweinischen Bonmot „Weniger ist mehr“ was dran sein könnte!















