Robert Doisneau
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Robert Doisneau
my contribution to the comfort characters meme
Happy Skies Daycare Doodles
Happy Birthday Amitie! Also Known As: What if SEGA’s SpongeBob.
Oh! Yeah I made this in IbisPaint X! Get hyped for more hi-res art!
“Are you afraid?” Kapitel 2 : Die Initiation beginnt
Prolog findet ihr hier: https://athenasmaze.tumblr.com/post/190246129369/are-you-afraid-prolog-der-tag-der-bestimmung
Mein Blick, eben noch auf die heißen Kohlen gerichtet, wanderte hinter mich. Meine Mutter, die Eiskönigin schlechthin, war dafür bekannt immer die Fassung zu wahren und nie eine Emotion zu zeigen. Niemandem gegenüber. Niemals.
Dieses eine Mal, hatte sie es nicht geschafft.
Ihre Augen waren vor Schock weit aufgerissen, ihr Mund einen spaltbreit offen und ihr Kehlkopf zuckte gefährlich. Blieb ihr die Luft oder die Spucke weg? Oder wollte sie einfach nur schreien? Die noch eben akkurat, in den Schoss gefalteten Hände, gruben sich fest in die Stuhllehnen. Darauf war sie nicht vorbereitet gewesen, das hatte sie niemals geahnt; ich war für sie die perfekte Ken. Bis heute. Bis jetzt.
Ich war zufrieden. Jedoch demütigte ich sie nicht damit, indem ich ihr dies zeigte.
Meinen Stolz hatte ich definitiv von ihr. Den wollte ich ihr also nicht nehmen und sie mit einem triumphierenden Grinsen beleidigen. Das wäre nicht richtig gewesen. Ich nickte ihr mit ernster Miene, aber doch anerkennend, zu und brachte sie damit wohl zurück in die Realität. Sie rutschte mit ihrem Gesäß auf dem Stuhl hin und her, bis sie wieder einen geraden Rücken und ein erhobenes Haupt hatte. Ihre Augen wurden hart und kühl, wie einst zuvor. Doch keines Wegs herablassend. Auch sie nickte mir anerkennend zu. ~ Ganz die stolze Ken. Lebwohl, Jeanine. ~
Kaum mit dem letzten Gedanken bei meiner Mutter, konnte ich mir mein Grinsen auch schon nicht mehr verkneifen. Schnell drehte ich mich Richtung Tribünen um und rannte jubelnd los. Ohne nachzudenken, ohne Zwang und ohne Beachtung der schockierenden Blicke der anderen vier Fraktionen, sprang ich in die schwarz-rote Masse und ließ mich begrüßen und feiern. ~ Ich bin frei. Ich bin endlich frei. ~ Von allen Seiten hörte ich Willkommensgrüße, Glückwünsche, Bewunderungszusprüche und ich weiß nicht wie viele Male mir auf die Schultern geklopft wurde. ~ Ich bin eine Dauntless. ~
Marcus, mittlerweile wieder besonnen und bei der Sache, hatte wieder angefangen und las weiter seine Namen von Initianten vor. Noch völlig vom Rausch des gerade Geschehenen benebelt, bekam ich gar nicht mehr mit, wer in welche Fraktion ging. Ich war nur noch damit beschäftigt, keine Ken mehr zu sein. ~ Ich bin eine Dauntless. Ich bin endlich eine Dauntless. ~ Immer und immer wieder kreiste dieser Gedanke in meinem Kopf herum. Und dieses Gefühl der Freiheit sollte noch eine ganze Weile an diesem Tag anhalten...
Nachdem alle Initianten aufgerufen und entschieden hatten, hatte Marcus noch einige Worte an uns und den Rest der Gemeinschaft gerichtet. Wirklich was davon mitbekommen hatte ich allerdings nicht, da die Dauntless unruhig wurden und ehe man sich versah, waren diese auch schon in Richtung Zug gerannt. Zu klettern um zum Zug zu gelangen, war für mich weniger das Problem. Ich war körperlich recht fit, da ich mich auf diesen Tag seit meinem 12. Lebensjahr vorbereitet hatte. Das Mädchen mit der weißen Bluse, den saphierblauen Blazer, den dunkelblauen Rock, der falschen Brille und den hochgesteckten Haaren würde man wohl kaum einen durchtrainierten Körper zutrauen. Wie auch? Sie sah schließlich aus, wie die Personifikation eines Ken. Fakt aber war, dass unter dieser Masquarade ein durchtrainierter Körper mit der Seele einer Kriegerin versteckt wurde. Und beides war verdammt hart erarbeitet gewesen.
Jeden Tag, mit abgesehen ein paar weniger Ausnahmen im Jahr, war ich trainieren und habe mich auf diesen Tag vorbereitet. 6 Jahre lang. Kilometer langes Joggen, Hochklettern an alten Gebäuden, Messerwerfen, Kampftechniken, Selbstverteidigung, Waffenbau und Kriegsstrategien entwickeln. Ein Gutes hatte es immer eine Ken und dazu noch Jeanine Matthews Tochter zu sein: Ich kam an so manch' schöne Sachen heran. Ich kam an Dateien längst vergangener Tage, die mir Kriegsstrategien zeigten, an Baupläne für normale Schusswaffen, bis hin zu den ganz großen Spielzeugen. Ich studierte sie, verinnerlichte jedes einzelne Detail und verschaffte mir, mit der ein oder anderen Ken-Masche, Zugang zu kleineren bis mittelgroßen Waffen. Ich übte nie das Schießen, das wäre zu auffällig gewesen. Stattdessen baute ich sie immer wieder auseinander und wieder zusammen. Ich lernte ihre Eigenschaften, die Technik dahinter und wie sie am besten zu pflegen waren.
Meine Mutter, wie jeder andere Mensch in unserer Stadt auch, wusste nichts von meinem „Hobby". Für sie war ich eine wissbegierige Ken, die die anderen Fraktionen studierte um ein besseres, effektiveres und harmonischeres Miteinander zu ermöglichen. So erklärte sie sich jedenfalls meine gehäuften Aufenthalte bei den anderen Fraktionen. Und mit „gehäuft“ meinte ich „fast jeden zweiten Tag“.
Ich war eine Ken, klar dass ich dort willkommen war. Doch auch bei den Amite gab es immer einen Platz an ihrem Lagerfeuer für mich, obwohl sie wussten, dass ich in ihrer Runde nur schwer zur Ruhe kam. Die Altruan ließen mich oft beim Verteilen der Güter an die Fraktionslosen helfen und obwohl ich eine Ken war, war ich bei den meisten Familien dieser Fraktion recht gerne gesehen. Sie bezeichneten mich sogar als „freundlich“. Die Candor mochten meine ehrliche und direkte Art, sowie meine Anschauung zum Thema Gerechtigkeit. Seit ich klein bin, half ich oft Jack Kang, dem Anführer der Candor, aus. Sei es kleine Botengänge oder das Sortieren von Akten. Auch wenn ich aus einer anderen Fraktion war, sie vertrauten mir. Und das ehrte mich besonders. Denn die Candor misstrauten Fremden deutlichst mehr, als die anderen Fraktionen.
Johanna meinte einmal zu mir, das würde an meiner offenen und herzlichen Art liegen. „Du hast diese Art an dir, Menschen zu inspirieren und aufzubauen. Du trägst die Seele einer Anführerin in dir, mein Kind.", hatte sie damals gesagt. Na ja, sie musste es wissen. So als eine Amite, oder?
Bei den Dauntless war ich seltener „offiziell". Meist nur dann, wenn meine Mutter dort zu tun hatte. Anfangs bot ich mich ihr an, Aufgaben für sie zu erledigen, sofern es kein wichtiges Anliegen oder Geschäft war. Hinterher gab sie mir die Dinge wie selbstverständlich.
Inoffiziell sah die Sache etwas anders aus. Ich verbrachte auf dem alten Rummelplatz viel Zeit um zu trainieren. Nie war dort einer, also war es ziemlich leicht für mich, mich in diesem Gebiet auszutoben. Manchmal jedoch kamen ein paar der Dauntless vorbei, um "Capture the flag" zu spielen. Diese beachteten mich aber kaum. Warum auch? Sie alle waren Dauntless, bis auf meiner Wenigkeit. Ich war eine dämliche Ken, die für sie nur die "Gegend studierte". Daran erinnerten sie mich natürlich auch jedes Mal gerne wieder.
Bis jetzt zumindest.
Ein weiteres Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. Im Zug stehend und an einer Lederlasche festhaltend, schaute ich der an mir vorbeiziehenden Landschaft zu. ~ Gleich sind wir da. ~
„Ich habe noch nie erlebt, dass sich jemand so schnell entschieden hat."
„Ja, und das von unserem Vorzeige-Ken. Das kann doch nichts werden."
„Sie hält die Initiation niemals durch."
Zwei Jungen und ein Mädchen, ein paar Meter seitlich entfernt von mir, flüsterten sich, verstohlen in meine Richtung schauend, zu. Peter, Molly und Drew. Wer auch sonst? Kein Rückgrat, aber ein Maul wie ein Riesenkraken.
„Kennt ihr sie überhaupt? Sie hat wahrscheinlich mehr drauf als ihr langer Faltenrock zeigen will."
„Es gibt Dinge, die will ich gar nicht sehen." Das Dumpfbacken-Trio bricht auf Peters Aussage in Gelächter aus. Christina, von der die schützende Antwort kam, verdrehte nur die Augen und wandte sich wieder einem Mädchen zu, mit dem sie sich die ganze Zeit schon unterhalten hatte. „Unmöglich diese Idioten." Ich derweil schaute weiterhin, mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen, aus dem Zug und beobachtete wie die Landschaft an uns vorbeirauschte. Mein Schmunzeln wurde zu einem breiten Grinsen, als ich die Insassen der ersten Waggons auf das Dach eines alten Fabrikgebäudes springen sah. ~Es geht los. ~
Manche waren fassungslos darüber, was sie gleich tun sollten, andere lachten nur. „Was habt ihr erwartet? Ihr seid bei den Dauntless.", schaltete sich Uriah, an Christina und dem anderen Mädchen gewandt, ein und lachte. Ich hingegen drehte mich endlich zu dem Trio um, blickte Peter, dem Kopf des Gespanns, an und zwinkerte. Dann war ich auch schon aus dem Waggon gesprungen, rollte mich ab und stand fest auf dem Dach der alten Fabrik. Es ist schon ein wenig schade, dass ich sein Gesicht nicht hatte sehen können. Ich hätte einiges dafür gegeben.
Als wir alle nach einigen Minuten auf dem Dach standen, versammelten wir uns um ein großes Loch im Boden. Ein sehr tiefes und sehr dunkles Loch. ~ Mir schwärmt Böses. ~
„Wie ich sehe habt ihr alle die ersten beiden kleinen Feuerproben heil überstanden. Sehr schön." Eine tiefe, männliche Stimme erstickte das Gemurmel der Masse und es wurde mucksmäuschenstill. Ein einziger trainierter und laufender, mit Tattoos bedeckter, Muskel lief am Rand des Abgrunds entlang und blieb mittig vor unserer Truppe stehen. Er lehnte sich an die etwa ein Meter hohe Mauer, welche uns von dem schwarzen Loch vor uns trennte und verschränkt die Arme vor der kolossalen Brust. „Meine Güte hat der Typ einen Bizeps. Was gibt man den Leuten hier zu futtern? Stierhoden auf Testosteron mit einer Prise Steroide?" Christiana und ihre blonde Freundin giggelten leise neben mir. Und auch mir huschte ein schiefes Lächeln über die Lippen.
Vor uns stand ein großer Mann, mit dunkelblonden Haaren, einem durchtrainierten Körper und eindeutig mit dem Hobby, Bodybuilding zu betreiben. Er hatte Tattoos an Armen, Hals und wahrscheinlich noch an einigen anderen Körperstellen, sowie einem Piercing in der rechten Augenbraue. Doch seine Muskelberge und die Tattoos waren gar nicht das, was mir am meisten an ihm auffiel. Es waren seine Augen. Ich sagte doch, meine Mutter sei die Eiskönigin, richtig? Nun ja, in diesem Typen hatte sie ihren Meister gefunden.
Ich hatte noch nie solch kalte Augen gesehen…
„Ich bin Eric Coulter und einer eurer Anführer. In den nächsten zwei Monaten wird sich entscheiden, ob ihr ein Dauntless seid..." Er blickte in die Runde und seine Augen blieben an mir haften. „...oder eben nicht." Das besagte Trio fing hinter mir an zu kichern. Ich verzog keine Miene, sondern hielt stattdessen seinem Blick stand. ~ Fordert er mich gerade heraus? ~ Innerlich hob ich fragend eine Augenbraue. Seine Augen waren blau, blau wie kristallklares Eis...und auch genauso kalt. Sie hatten etwas Grausames und duldeten keine Schwäche, keine Makel, keine Fehler und vor allem voran duldeten sie keine Angst.
Mir weiter in die Augen schauend, fuhr Mister Väterchen Frost fort „In der ersten Hälfte eurer Initiation trainieren wir eure physischen Fähigkeiten und sehen, ob ihr überhaupt fähig seid, eine Waffe richtig herum zu halten und einen Schlag einzustecken, wie auch auszuteilen. In der zweiten Hälfte trainieren wir eure psychischen Fähigkeiten. Wir werden herausfinden ob ihr eure Ängste kontrollieren könnt. Am Ende der Initiation müsst ihr in der Lage sein, zwei Runden im Ring zu überstehen, eure Ängste genau zu kennen und eben diesen gegenüberzutreten und im Keim zu ersticken. Seid ihr das nicht..." immer noch haftete sein Blick kalt und herausfordernd auf mir. „...seid ihr fraktionslos."
Er schaute endlich in die Runde und lächelte kalt und unheilvoll „Ach und es wird ein Ranking in jeder Phase geben. Seid ihr jeweils unter den letzten zehn Initianten heißt das ebenfalls, dass ihr fraktionslos seid. Die gebürtigen Dauntless und die Fraktionswechsler werden getrennt trainiert, aber zusammen bewertet. Am Ende der zwei Phasen erwartet euch der entscheidende Abschlusstest." Erstickte Laute und nervöses Gemurmel machte sich in der ganzen Truppe breit. Eric labte sich an den ängstlichen Gesichtern rundum und grinste genüsslich vor sich hin. Nun hob ich skeptisch meine Augenbraue. „Und wer bewertet uns?", fragte ich, doch keiner hörte mich, so laut wurde das Gemurmel. Eric jedoch wandte sein Gesicht augenblicklich wieder zu mir und sein Grinsen verschwand, als sei es nie dagewesen. Er hatte mich gehört.
„Wer bewertet uns?", fragte ich nun mit kräftiger Stimme, welche sogleich über die Dächer der alten Fabrik hallte. Alle Augen richteten sich auf mich. ~ Diese eiskalten Augen… ~ Es war, als würde er sein Gesicht in meine Seele brennen wollen. Ausdruckslos, ja fast gelangweilt sah er mich an. Doch seine Augen erzählten eine ganz andere Geschichte. Er forderte mich heraus und ich hatte keine Ahnung warum.
„Bei dem Abschlusstest selbst bewerten euch alle Anführer der Dauntless. Beim Training bis dahin, bewerten euch Four und..." Er drückte sich von der Wand, löste seine verschränkten Arme vor der Brust und lief auf mich zu, weiterhin mit seinem Blick meine Seele durchbohrend. Nur ein paar Zentimeter von mir entfernt blieb er stehen und auf diesem ausdruckslosen Gesicht breitete sich wieder dieses kalte, sadistische Grinsen aus. „...ich." Weiterhin erwiderte ich seinen Blick standhaft. „Alles was ihr noch tun müsst ist..." Seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, doch alle konnten ihn hören. Nicht einmal mehr der Wind wagte es sich über dieses Dach zu bewegen. „...in dieses Loch da zu springen." Er deute mit den Daumen über seine Schulter. Die Leute um uns herum tauschten erneut nervöse Blicke. „Und was ist da unten? Wasser? Ein Netz? Ein Luftkissen?" Christina hatte sich zu Wort gemeldet. Ihre Stimme war klar, aber man bemerkte deutlich ihre Nervosität. Eric hatte seinen Kopf zu ihr gewandt und wollte gerade etwas erwidern, dass sicherstellen würde, dass er weder Fragen, Nervosität oder gar Angst, dulden würde. Er würde die kleine, zierliche Christina in der Luft zerreißen. Doch ich war schneller.
„Ist doch egal.", sagte ich gleichgültig, ehe Eric den Mund aufmachen und Christina etwas entgegenschleudern konnte. Immer noch haftete mein Blick beharrlich auf ihm. Er ließ von Christina ab um mich zum wiederholten Male, doch diesmal tatsächlich leicht verdutzt, anzusehen. Ich zog meinen Blazer aus und drückte sie gegen seine Brust. Nun, jetzt offensichtlich erstaunt, fing er diesen mit der rechten Hand vor der Brust auf und sah an sich herunter, nur um mich danach wieder anzusehen. Er hatte seine Augenbraue gehoben. Ich beachtete die schockierten Blicke der anderen nicht weiter, krempelte mir die Ärmle meiner Bluse hoch, riss meinen knielangen Rock an den Seiten auf und löste den Knoten in meinen Haaren. Feuerrote Wellen liefen mir über die Schulter und fanden ihr Ende auf Höhe des Zwerchfells. Die Brille auf meiner Nase schmiss ich gedankenlos in die nächste Ecke. ~ Endlich Bewegungsfreiheit. ~ Eric, immer noch meinen Blazer vor der Brust haltend, ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Ich hingegen sah an ihm vorbei und deutete mit dem Zeigefinger Richtung Abgrund. Er nickte und schien sich wohl gefangen zu haben. Denn sein Blick hatte sich verändert. Seine Augen waren nicht mehr kalt und herausfordernd. In seinem Gesicht war aber auch kein sadistisches, kaltes Grinsen mehr. Seine Züge waren hart und kantig geworden und sein Blick war...Nanu? Ich konnte seinen Blick nicht einmal mehr deuten? ~ Dieser Typ ist für mich ein Rätsel... ~
Straight ging ich an Eric vorbei und auf die kleine Mauer zu. An dieser angekommen, hievte ich mich hinauf und blieb auf den schmalen Grat zwischen Leben und Tod stehen. Ich drehte mich zu ihm um, ließ aber von dem Anführer ab und sah in die Truppe. Mein Blick traf auf Peter und meine Lippen zierte ein leicht schiefes Lächeln.
„Oh nein, mach das nicht. Sei nicht so dermaßen dumm.", murmelte Peter vor sich hin. Kreidebleich im Gesicht. Christina die vielleicht einen halben Meter von ihm entfernt stand, beugte sich nach vorne. „Was soll sie nicht machen?" Peter wiederum schüttelte nur ungläubig den Kopf. „Mach es nicht. Mach es nicht." Meine feuerrote Mähne wandte sich ein letztes Mal an Eric. „Sie macht es tatsächlich." Peter legte sich die Handfläche an die Stirn, ließ den Kopf hängen und schüttelte nur weiter mit dem selbigen. „Was denn!?" Christina wurde langsam ungeduldig. Peter hob leicht den Kopf und lächelte schief. Er deutete mit dem Zeigefinger in meine Richtung. „Sieh einfach hin."
Ich sah Eric immer noch mit einem herausfordernden Grinsen im Gesicht an. Ein Gefühl der Freiheit machte sich in mir breit, hüllte mich komplett ein. Ich schloss die Augen und genoss rückwärts den freien Fall ins Unbekannte. Aber natürlich erst, nachdem ich dem Dauntless Anführer mit den eiskalten Augen, keck zuzwinkerte.
Unten angekommen ertönte eine Stimme feierlich. „Erste Springerin am Boden!" Mich wickelte ein Mann, vielleicht ein paar Jahre älter als ich, aus dem Netz, dass mich aufgefangen hatte. „Ich bin Four, wie sollen wir dich nennen?"
~ Du bist also Four? Wow, das komplette Gegenteil von dem auf Testo gepushten Heiopei da oben. ~
„Du weißt, dass du dir deinen Namen am Tag der Bestimmung aussuchen darfst? Aber nur dieses eine Mal, also entscheide sorgfältig." Er lächelte mich freundlich an und ich sah zu Boden. Ich konnte also meinen Namen ändern? Ich mochte meinen Namen eigentlich, ich musste ihn nicht ändern. Aber alles an ihn erinnerte mich an die Ken. Und ich war keine Ken. Nicht mehr. Ne wieder.
~Aber Moment...fast alles daran erinnert mich an die Ken. ~
Ich blickte hoch zu Four und lächelte ihn strahlend an. „Mein Name ist Archi." Er grinste leicht und reichte mir die Hand „Willkommen bei den Dauntless, Archi!"
Happy Halloween !!
I love the puyopuyo series
Are you afraid? Prolog: Der Tag der Bestimmung
Klappentext: Athena, eine geborene Ken, trainierte hart und wechselt am Tag der Bestimmung in ihre langersehnte Fraktion: den Dauntless. Sie durchläuft zusammen mit ihren neu gewonnenen Freunden die Initiation und somit auch die Schikanen Peters. Doch Athena wird schnell klar, dass die Sorgen einer normalen Jugendlichen nicht für sie bestimmt waren: ein Krieg zwischen den Fraktionen braut sich zusammen und Chaos droht die Stadt zu überrennen. Das Leben, wie die Bewohner Chicagos es kennen, wird ausgelöscht. Unschuldige sterben. Und den Befehl dazu ausgesprochen hat niemand Geringeres als Jeanine Matthews, Athena's Mutter.
Doch das Schlimmste ist nicht der Krieg der ausbricht oder die Bedrohung außerhalb der Stadtmauern, von welcher noch keiner etwas ahnt. Das Schlimmste in Athena's kleinen Welt ist, dass ihre bedingungslose Loyalität, gegen jedermanns Erwartung, nicht der Stadt oder dessen Bewohnern gilt. Sie gilt einzig und allein der Person, welche der Grund für den Tod zahlloser Unschuldiger ist. Und welche ihre einzige, wahrhaftige Angst verkörpert.
Doch was ist, wenn die gegenseitige Angst voreinander beide nicht daran hindert gemeinsam zu fallen? Füreinander zu sterben? Lächelnd und ohne Reue?
Vielleicht ist all das es wert.
~Vorkenntnisse sind hilfreich, aber nicht notwendig. Da die Umstände etc. erklärt werden~
Heute war es soweit. Heute war der Tag. Heute begann endlich mein Leben.
Mein Name war Athena, 18 Jahre alt, eine gebürtige Ken und heute sollte der erste Tag vom Rest meines Lebens sein. Heute würde sich entscheiden, in welcher Fraktion ich mein Leben verbrachte: bei den Ken, den Amite, den Candor, den Altruan oder den Dauntless.
Heute war der Tag der Bestimmung.
Ich sollte wohl ein bisschen ausholen, damit ihr auch mitkommt und versteht, was ich euch hier erzähle.
Unsere Gesellschaft wurde nach dem großen Krieg in fünf Fraktionen unterteilt, um den Frieden in unserer kleinen, heilen Welt zu wahren. Jede von diesen Fraktionen hatte ihren Platz und ihre Aufgaben in unserer Gesellschaft. Und ihre ganz eigenen Tugenden:
Die Ken, die Fraktion in der ich geboren und aufgewachsen wurde, waren unsere Klugscheißer und die Fraktion, der ich am wenigsten vertraute. Ach, was erzähle ich denn da? Der ich überhaupt gar nicht vertraute. Kein Stück. Ich hatte wirklich nur wenige Grundsätze in meinem Leben, aber einer davon war: "Traue niemals einem Ken.". Sie waren hinterhältig, emotionslos und wenn es um ihre Gier nach Wissen ging, absolut skrupellos. Aber das war meine Meinung. Ich war da etwas befangen. Aus Gründen.
Die objektive Vorstellung der Ken war eher: "wissbegierig, neugierig, intelligent. Die Mitglieder dieser Fraktion widmen sich der Wissenschaft; sie stehen für Wissensdurst, Gelehrsamkeit und Erfindergeist. Ihr Slogan lautet „Wissen bringt Wohlstand". Nach ihrer Überzeugung ist Unwissenheit der Kern allen Übels." So stand es jedenfalls in den Lehrbüchern, die man uns in der Schule um die Ohren gehauen hatte.
Dann gab es da die Altruan. Ken und Altruan waren sich nicht grün. Die Ken waren der Meinung, dass die Altruan allesamt schwachsinnige Blauäugige waren, die den Wohlstand der Gesellschaft verhinderten. Ob nun wohlwissend oder nicht, sei dahingestellt. Ich persönlich fand die Tugenden der Altruan nicht verkehrt, aber ihre Extreme kaufte ich ihnen nicht ab.
Aber kommen wir zu der Lehrbuchversion: "Sie gelten als absolut unbestechlich, weshalb ihnen die politische Führung anvertraut wurde. Sie sind außerdem zuständig für die gerechte Verteilung knapper Güter an die Bevölkerung. Für die Altruan sind Gier, Neid, Müßiggang, Genusssucht, Eitelkeit, Neugier, der Hang zu Sarkasmus - und sogar der Wunsch sich mittels Waffen verteidigen zu können - nur unterschiedliche Erscheinungsformen ein und desselben gefährlichen Lasters: des Egoismus." Das fand ich ja alles ganz nobel, aber kein Sarkasmus? Sie würden mich wohl als die Ausgeburt Satans sehen. Sarkasmus ist meine beste Waffe. Und wahrscheinlich auch einzige.
Allgemein betrachtet, fand ich es gut was die Altruan taten, aber erstens sollten sie dringend mal den Stock aus gewissen Körperöffnungen ziehen und zweitens war kein Mensch NUR selbstlos. Irgendwann kam jeder Mensch an den Punkt in seinem Leben, an dem er etwas egoistisches tun musste, um entweder sich selbst oder seine Liebsten zu schützen.
Aber gut. Kommen wir zu den Candor:
Die Candor und die Altruan mieden sich, wie nur irgendwie möglich. Die Candor waren den Altruan zu "unfreundlich, unhöflich und taktlos". Wenn man "ihre Welt" nicht gewöhnt war, war da auch vielleicht etwas Wahres dran. Die Welt der Candor war laut Lehrbuch "entweder weiß oder schwarz, aufrichtig und ehrlich oder verderbt und verlogen. Doppelzüngigkeit, leere Höflichkeitsfloskeln und Lügen sind den Candor ein Gräuel. Nach ihrer Überzeugung führen nur die ungeschminkte Wahrheit und bedingungslose Ehrlichkeit eine Gesellschaft zum Erfolg." Ich musste zugeben, dass die Candor einer meiner zwei Lieblingsfraktionen waren. Manchmal waren ihre knallharte Wahrheit, Disskussionsfreudigkeit und das Aufdrängen ihrer Meinung fragwürdig, aber ich schätzte Ehrlichkeit und Direktheit sehr. So schätzte ich auch die Candor. Seit ich klein war, hielt ich mich oft bei den Candor auf und hatte den Leuten bei Kleinigkeiten geholfen. Größere, oder besser gesagt, wichtigere Arbeiten, hätten sie mir niemals als "Außenstehende" anvertraut. Jack Kang, der Anführer der Candor, mochte mich aus irgendeinem Grund wohl ganz gern. Was ich sehr oft nicht verstanden hatte, bei ihren Tugenden.
Den Sarkasmus hatte ich nämlich schon als Kind.
Meist war ich immer im Justizgebäude, welches zum Areal der Candor gehörte und zeitgleich auch ihr Hauptquartier war. Es hatte mich schon immer fasziniert. All das Glas, die Durchsichtigkeit, die es mit sich brachte. Dieses Gefühl, dass das ganze Gebäude jeden Moment in Millionen von Teilen zerspringen könnte aber dennoch so standhaft war, wirkte auf mich eine ganz eigene Faszination aus. Als mich die Ken (oder meine Mutter) mal fragten, weshalb ich mich so für die Candor interessierte, sagte ich das, was ich auch sagte als die Frage aufkam, warum ich beim Besuchertag denn bei den Altruan, den Amite oder Dauntless war, obwohl ich keine Familie in diesen Fraktionen besaß:
"Ich bin eine Ken. Mich interessiert es, was die anderen Fraktionen machen. Ich will wissen was uns, trotz dieser enormen Unterschiede, in Harmonie so gut zusammenarbeiten lässt. Ich will wissen, wie sie leben, was ihnen Freude oder Trauer bereitet. Ich will sie VERSTEHEN. Deshalb besuche ich sie jedes Mal." Danach war das Thema auch vom Tisch. Diese Antwort verstand jeder Ken und ich hatte weiterhin meine Ruhe. Ich war zwar sehr gerne bei den Candor und ich war auch eine ehrliche Haut, aber lügen konnte ich dennoch recht gut. Oder war ich einfach nur eine super Schauspielerin? Ich wusste es nicht. So lange es funktionierte, war mir beides recht.
Aber apropos Lügen: Candor und Amite könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Candor betitelten die Amite als "weltfremde Träumer" (was sie auch waren). Sie warfen ihnen Unaufrichtigkeit vor: "Sie würden alles unter den Tisch kehren, was ihr Harmoniebedürfnis stören könnte." So die Aussage der Candor. Ich war auch kein Freund der Amite. Dieses Friede-Freude-Eierkuchen-Gehabe machte mich wortwörtlich wahnsinnig. Wenn ich den ganzen Tag grinsend, mit Blümchen in den Haaren und Kleidchen durch Mutter Natur springen würde, könnte man mich auch direkt zu den Fraktionslosen schicken. Die waren mir lieber als dieses "ich muss jeden umarmen und liebhaben und mich niemals aufregen. Egal, ob gerade meine Katze überfahren, mein Sohn ertrunken oder mein Mann lachend in eine Kreissäge gesprungen ist." Das machte mich kirre. Nein, wirklich. Ich hasste es. Verstehen konnte ich die Candor also.
Laut Lehrbuch waren die Amite "abseits der großen Stadt, auf dem Lande und widmen sich dem Anbau von Grundnahrungsmitteln oder arbeiten als Berater und Verwalter. Sie sind naturverbunden, haben den sprichwörtlichen „grünen Daumen", lieben die fröhliche Geselligkeit und sind die einzige Fraktion, die sich in Kunst und Musik hervortut. Freundschaft und Harmonie geht den Mitgliedern dieser friedliebenden Fraktion über alles. Jede Form der Aggression ist ihnen zutiefst zuwider; in ihr sehen sie das Grundübel für den Zerfall einer Gesellschaft." Natürlich lehnte ich die Amite nicht von Grund auf ab, ganz im Gegenteil sogar. Ich schätzte viele Amite für ihr sonniges Gemüt und die Kunst, deprimierte Menschen dauerhaft aufzumuntern, bis der Grund für diese Traurigkeit beseitigt war. Aber dieses Hippie-Getue. Argh!
Aber wo wir vorhin bei "Aggression" waren, könnten wir auch direkt weiter zur letzten Fraktion kommen; den Dauntless. Von den übrigen Fraktionen wurden die Mitglieder als nicht besonders intelligent eingestuft. Sie galten als skrupellos, gewaltbereit, brutal und grausam.
Kompletter Blödsinn!
Stolz, Mut und Tapferkeit. Das waren die wahren Werte eines Dauntless. Die Ehre ging über alles, sie war wichtiger als Vernunft oder Verstand. Es wurde gekämpft, bis der letzte Atemzug genommen, der letzte Mann gefallen oder der letzte Unschuldige in Sicherheit gebracht wurde. Aufgeben war keine Option. Niemals. Genauso wenig war es eine Option, sich seiner Angst hinzugeben. "Feigheit ist es, die zum Verfall der Gesellschaft führt; sie ist die Wurzel allen Übels." Angst lässt den Menschen die grausamsten Dinge tun. Sie holt die dunkelsten und tiefsten Abgründe einer Person hervor.
Die Dauntless waren laut, gaben nichts auf das Gerede der Leute, taten das was sie tun möchten und wann sie es tun möchten und beschützten die, die sich nicht selbst schützen konnten. Sie gingen waghalsige Mutproben ein, lebten voller Risiko...
...und voller Leidenschaft.
Das war es, was ein Dauntless ausmachte. Das und noch so vieles mehr. Die Dauntless waren auch die Fraktion, der ich....
"Athena! Athena, wo bleibst du denn? Du willst doch nicht zu spät kommen! Komm frühstücken!" Der Sekretär meiner Mutter, Jeff, riss mich aus meinen Gedanken. Seufzend schwang ich die Beine über den Rand meines Bettes und stiefelte Richtung Tür. Als ich die Treppe runter kam erblickte ich Jeff, welcher vor sich hinmurmelnd und wie ein gestochenes Huhn durch Küche, Diele und Wohnzimmer rannte. ~ Ein Hamster auf Koffeinschock. ~
„Ich hoffe du bist nicht jetzt erst aufgestanden. Du musst in einer Stunde am Platz sein!" Ich schleppte mich Richtung Küche, setzte mich an den schon gedeckten Tisch und schmierte mir, in aller Seelen Ruhe, meinen Toast. „Ich bin schon seit vier Uhr morgens wach. Hast du etwa am Tag deiner Bestimmung schlafen können?" augenbrauenhebend schmierte ich mir weiter meinen Toast. „Ist sie schon da?" Ich hörte wie Jeff ein „Ja." Seufzte und ich schnaubte. „Natürlich ist sie das."
~ Natürlich hält sie es nicht für nötig, wenigstens heute mit mir zu frühstücken. Am Abend bin ich schließlich immer noch ihre Tochter und eine Ken. ~ Wie ich so bitter vor mich hin lachte, sah Jeff mich verdutzt an. „Schon gut, Jeff. Ich musste nur gerade an etwas Lustiges denken."
„Ach und an was?" fragte er mich neugierig, sah dabei aber nicht von seinem Papierstapel auf. Er schien etwas zu suchen. ~ An das dumme Gesicht meiner Mutter, zum Beispiel? ~ Ich grinste bei dem Gedanken mampfend in meinen Toast hinein, bis ich schließlich neunmalklug antwortete: „Ach, nur an diejenigen, welche die Initiation auf die leichte Schulter nehmen und für ein kleines Spiel halten." Jeff nickte heftig. „Ich bin froh, dass wenigstens du das erkannt hast. Viele in deinem Alter, auch damals bei mir oder deiner Mutter, verstehen nicht die Schwere ihrer Entscheidung." Stolz über seine Aussage, überflog er weiter den Papierstapel vor sich. Unschuldig biss ich in meinen Toast. ~ Nur, dass ich meine Mutter meine, Donkey.~
Jeff war seit zwei Jahren die linke Hand meiner Mutter. Zu meinem Bedauern war ich leider nie darauf gekommen, wer ihre Rechte gewesen war. Sie meinte immer, Jeff wäre diese, aber ich kannte meine gnädige Frau Mutter. Sie hatte jemanden, der ihre dreckige Wäsche wäscht und ihre Drecksarbeit erledigte. Selbstverständlich würde Ms. Perfect das niemals im Leben zugeben. Vor allem nicht, dass sie überhaupt dreckige Wäsche besäße.
Zu meinem Leidwesen musste ich zugeben, dass ihre Rechte ziemlich gut darin war, sich bedeckt zu halten. Bis heute hatte ich nicht herausgefunden wer sie war. Und ich wusste, sie existierte. Mit wem sonst telefonierte meine Mutter nachts heimlich und plante die verschiedensten Dinge? Oder hatte mysteriöse Termine zu den fragwürdigsten Uhrzeiten? ~ Nun ja, jetzt werde ich es wohl auch nicht mehr erfahren. ~ Ich sah Jeff dabei zu, wie er hastig und unkontrolliert über seine verstreuten Papiere schaute. Er war ein guter Mann. Jung und übereifrig, sowie naiv und tollpatschig. Aber er machte seine Arbeit gewissenhaft und das Wichtigste: er war meiner Mutter loyal und untergeben. Er bewunderte sie regelrecht. „Sag mal Jeff, du bist 24 oder?"
Er schien immer noch etwas in diesem Papierchaos zu suchen. „Ja, wieso?" Ich beugte mich über den Tisch und zog gezielt, mit dem Toast im Mund balancierend, ein Blatt Papier aus dem Stapel und reichte es ihm. „Hier." Er sah verdutzt zu mir und dann auf das Dokument. Eine leichte Röte breitete sich auf seinem Gesicht aus „D-Danke Archi." Ich schmunzelte verschmitzt „Nicht dafür."
~ 24 und meiner Mutter hörig und schon so verfallen. Armer Donkey. ~ Plötzlich schreckte Jeff auf. „Heilig's Blechle! Noch 34 Minuten bis zu deiner Initiation. Ab mit dir oder du kommst zu spät!" Er sprang auf, schob mich vom Stuhl, durch die Küche, über den Flur und auch schon aus der Haustür heraus.
„Ehm Jeff?"
„Ja? Was denn? Haben wir was vergessen?" Nervös sah er sich schnell über die Schulter und murmelte vor sich hin, was er denn alles hätte vergessen können. „Der Herd ist aus. Dokumente sortiert. Ms. Matthews Kostüm in der Reinigung. Die Klage bei den Candor..." Ich sah mir das Schauspiel grinsend an, bis ich den armen Esel von seinem Leid erlöste und auf unsere Füße deutete. „Schuhe." Wieder sein verdutzter Blick und wieder seine Röte im Gesicht. „Oh." Beschämt kratzte er sich am Hinterkopf „Stimmt. Die sollten wir anziehen."
~ Ich werde dich wahrlich vermissen. ~ Ich holte sein und mein Paar Schuhe, reichte ihm die seine und setzte mich auf die Steintreppe vor unserem Haus. „Oh Donkey, was würdest du nur ohne mich machen?" Unbeholfen zog er sich seinen linken Latschen im Stehen an und fiel dabei fast hin. „Du sollst mich doch nicht so nennen!" Ich schmunzelte „Du wirst immer mein Donkey sein. Das weist du aber auch." Nachdem er beim zweiten Schuh ebenfalls fast hingefallen wäre, setzte er sich zu mir. Seufzend. „Ja, ich weiß."
Er sah mich von der Seite an und dann wieder auf seine Schuhe, die er beide endlich anhatte. Erneut ertönt ein Seufzer neben mir. „Ich wäre ziemlich aufgeschmissen und höchst wahrscheinlich meinen Job los." Wir sahen einander an und fingen beide an zu lachen. Freundschaftlich klopfte ich ihm auf die Schulter und schüttelte leicht mit dem Kopf. „Meine Mutter weiß um deinen Fleiß und Ehrgeiz. Du kommst auch ohne mich ganz gut klar." Ich zwinkerte ihm zu. „Nur nicht mehr ganz so schnell." Er kratzte sich, erneut verlegen, mit dem Zeigefinger die Wange. „Das stimmt wohl."
Plötzlich weiteten sich seine Augen und er sprang auf. „Meine Güte wir kommen zu spät. Hoch mit dir!" Unsanft riss Jeff mich am Unterarm hoch und zog mich mit sich mit. Ich ließ ihn passieren und lächelte etwas wehmütig in seine Richtung. ~ Ja, ich werde dich tatsächlich vermissen, mein kleiner Esel. ~
Der Platz, an dem die Bestimmungszeremonie stattfand, war ca. zehn Minuten von unserem Zuhause entfernt. Langsam wurde ich innerlich ganz hibbelig. Nicht nervös, eher aufgeregt. Ich begann gleich ein ganz neues Leben.
Sobald ein Mitglied unserer Gesellschaft 18 Jahre alt wurde, musste er oder sie an der Bestimmungszeremonie teilnehmen. Diese war jedes Jahr am selben Tag und wurde jedes Mal von einer anderen Fraktion geleitet. Dieses Jahr waren es die Altruan.
Zuerst wurden alle Anwesenden durch das Oberhaupt der organisierenden Fraktion begrüßt. Danach wurden diejenigen aufgerufen, die sich für eine Fraktion entscheiden mussten und der oder die Aufgerufene bekam ein Messer in die Hand gedrückt, musste sich in die Hand schneiden und einen Tropfen Blut in eine der Steinschalen fallen lassen. Der Inhalt dieser Schale verkörperte die dazugehörige Fraktion:
Glas für die Candor, Erde für die Amite, Steine für die Altruan, Kohlen für die Dauntless oder Wasser für die Ken. Ist eben ein alteingesessenes Ritual. Wichtig war zu wissen, dass man sich entscheiden musste und auch nur einmal entscheiden konnte. Man entschied sich nicht für eine Fraktion, weil man dort hineingeboren wurde, oder weil dort alle Freunde waren oder die Familie herkam. Nein...
„Fraktion vor Blut." Dieser Leitsatz hielt unsere Gesellschaft am Laufen.
Du entschiedst dich für eine Fraktion, weil sie das war, was dich selbst wiederspiegelte. Johanna Reyes zum Beispiel. Sie war eine geborene Candor und war nun die Anführerin der Amite. Ihr Wesen passte nicht zu den Candor, sondern zu den Amite.
Eine Fraktion verlangte uneingeschränkte Loyalität von ihren Mitgliedern. Die Fraktion glich deiner Familie. Nein, sie WAR deine Familie. Kamst du ursprünglich aus einer anderen Fraktion, konntest du deine Freunde und Familie aus dieser am Besuchertag besuchen. Doch meist machte man das die ersten drei Monate und dann nie wieder. Das, so fand ich, war ein großer Makel in unserer Gesellschaft; dieser Tunnelblick. Um meine Familie war es mir nicht schade, aber manche kamen aus einem liebenden Elternhaus und ließen dieses hinter sich. Sie vergaßen es. Aber so war das nun mal mit „Fraktion vor Blut".
Mittlerweile waren Jeff und ich am großen Platz angekommen. Es wurden fünf Tribünen, für jede Fraktion eine, aufgebaut und in der Mitte ein kleines Podium. In der Mitte des Podiums war ein halbovaler Tisch mit fünf Steinschalen und einem Messer aufgebaut worden. Und es herrschte reges Treiben. Menschen aus sämtlichen Fraktionen liefen hin und her und versuchten einen guten Platz zu ergattern, um einen Blick auf die diesjährigen Initianten zu werfen. „Komm, da hinten ist noch ein Platz frei. Setzen wir uns dahin."
Mein Blick schweifte über die Tribünen. Witzig, wie sich die Menschenmassen voneinander abhoben. Die Tribüne der Altruan stach mit ihren Grautönen hervor, was das Gelb und Grün der Amite daneben nur stärker wirken ließ. Die dritte Tribüne hatte die Farbe des Meeres; Blau für die Ken. Die vierte Tribüne hingegen brannte wie Feuer. Die Dauntless knallten mit ihrem Schwarz und den feuerroten Akzenten in die schwarz-weiße Harmonie der Candor auf Tribüne Fünf. Die Fraktionen unterschieden sich in so vielerlei Hinsichten. Nicht nur in ihrer Weltanschauung.
Ich setzte mich mit Jeff ziemlich weit von dem Podium entfernt, auf die oberen Plätze der Tribüne. Wir saßen direkt an der Treppe und ich schaute mir den Trubel der Dauntless neben mir an. „Müssen sie immer so laut und auffallend sein?", schnaubte Jeff herablassend neben mir und verdrehte die Augen. „Mhm." Hörte man mich nur murmeln. Ich beobachtete einen Jugendlichen der Dauntless, welcher mit mir zur Schule ging. Uriah. Er war dunkelhäutig, in meinem Alter und eigentlich immer gut drauf. Viel zu tun hatte ich aber nicht mit ihm. Ich beobachtete, wie er einen Älteren in den Schwitzkasten nahm und beide lachten laut und ausgiebig.
„Keinen Respekt. Vor nichts."
„Mhm."
„Na ja, außer vor ihren Mutproben, Muskeln und Waffen natürlich.", neunmalklugte Jeff neben mir. Langsam von seiner, den Dauntless gegenüber arroganten Art genervt, drehte ich mich zu ihm um, um etwas zu erwidern, doch im selben Moment drehte er sich gespannt nach vorne „Es geht los!", stieß er, nach Luft schnappend, hervor. Auch ich wandte mich zum Podium und bemerkte, wie in mir anfing ein noch nie dagewesenes Feuer zu lodern. Dieses verebbte jedoch schnell, als ich nach vorne auf die fünf Plätze der Fraktionsanführer sah. Dort saßen Johanna Reyes, die Anführerin der Amite, Jack Kang, das Gesicht und Sprachrohr der Candor, Marcus Eaton, der Anführer der Altruan, Max, der Kopf der Dauntless und Jeanine Matthews, die Ausgeburt einer Ken und.... meine Mutter.
~ Sie sieht mich nicht einmal an. ~ Sie war sich so sicher, dass ich in meinem Herzen eine Ken war, dass sie sich keinerlei Sorgen machte, was heute passieren könnte. Über die noch kommende Ironie schmunzelnd, blickte ich zu Marcus Eaton, der sich bereits von seinem Stuhl erhoben hatte und seine Rede hielt. Ich wurde wieder hibbelig. Ungeduldig auf das Bevorstehende wartend, biss ich mir auf die Unterlippe.
„Hey! Psst!" Ich drehte mich zu dem Geräuschverursacher und blickte in braune Augen.
Der Jugendliche von gerade eben hatte sich zu mir hin gebeugt und deutete mit dem Zeigefinger Richtung meiner Hände. „Aufgeregt, Ken?" Er grinste breit. Auch ich sah runter zu meinen Händen und bemerkte, dass sich meine Fäuste in das Holz der Tribüne eingegraben hatten und meine Fingerknöchel weiß angelaufen waren. Ich ließ die Tribüne los und grinste den Dauntless zwinkernd an. „Nur gespannt darauf, dass endlich Blut fließt." Er sah mich weiterhin grinsend an und nickte zustimmend „Oh ja, ich kann es kaum erwarten. Ich-"
„Seid leise und nicht so unhöflich! Das ist ein heiliges Ritual!" zeterte Jeff neben mir und blickte, so schnell er sich aufgeregt hatte, auch schon wieder gen Podium und lauschte gespannt den Worten Marcus. Mit den strahlenden Augen eines Kleinkindes.
Er war schon immer begeistert vom Tag der Bestimmung gewesen. Jedes Jahr aufs Neue. Ich hob skeptisch eine Augenbraue und schüttelte schmunzelnd den Kopf. Ein letztes Mal zum Dauntless drehend, richtete ich den Zeigefinger an meine Schläfe und drehte diesen, mit einer Grimasse im Gesicht. Wir beide lachten gemeinsam leise in uns hinein und widmeten uns darauf ebenfalls dem „heiligen Ritual".
Marcus Eaton hatte seine Rede beendet und es folgte kein höfliches Klatschen, sondern eine angespannt Stille. ~ Es geht los. ~ , dachte ich und beugte mich wie automatisch nach vorne, um auch ja nichts zu verpassen.
Marcus holte eine Rolle von meiner Mutter, entfaltete diese und fing an die nach Alphabet sortierten Namen herunter zu lesen. „Jener, dessen Namen aufgerufen wird, kommt bitte nach vorne, nimmt das Messer und entscheidet sich für seine, von ihm gewählte, Fraktion.", erklärte Marcus.
~ Wir sind bei A. ~ Viele blieben in ihrer gebürtigen Fraktion.
~ Erst bei E. ~ Doch auch manche wechselten. Zum Leidwesen ihrer Eltern.
Jedes Mal, wenn eine Fraktion gewählt wurde, erbebte dessen Tribüne.
~ Okay, wir kommen der Sache näher. I. ~ Doch keine so laut, wie die der Dauntless. Diese riss jedes Mal gefühlt ihre Tribüne auseinander.
„Athena Matthews!"
Stille. Unglaubliche Stille. Das war es, was ich noch wahrnahm. Ich blickte einmal aufgeregt zu Jeff. Dieser nickte glücklich. Es brach mir das Herz. Doch dann blickte ich, herausfordernd, nach vorne zur Stuhlreihe der Anführer. ~ Jetzt sind deine Augen endlich auf mich gerichtet. ~, dachte ich, als mich die blauen Augen meiner Mutter hart und kühl trafen. ~ Zu spät. ~
Wie auf Kommando sprang ich auf, lief stolzen Schrittes und zielsicher Richtung Podium, nahm das Messer in meine Hand und stellte mich an den halbovalen Tisch mit den Steinschalen. Ohne zu zögern schnitt ich mir damit in die Handfläche und ließ, während ich hinauf zu den Tribünen sah, über der Schale meiner gewählten Fraktion, mein Blut tropfen.
Der Platz erbebte. Die Stille ist von Klatschen, Jubelrufen, Gepfeife und Fußgetrampel der vierten Tribüne beiseite getrieben worden, als mein Blut auf die heißen Kohlen tropfte.
Ich war eine Dauntless. Und nun begann mein Leben.