Über die Paradoxie des „Zähne zusammenbeißen“ und des Selbstmitleides
Es ist geschafft. Vorerst. Nein, für jetzt ist es geschafft. Schätzen wir kleine Erfolge/ Schritte zu wenig wert?
Manchmal schreiten wir voran, Tag für Tag, ohne Inne zu halten. Tief innerlich wissen wir, dass wir diese Phase wohl unter anderem nur deshalb überwinden, weil wir gerade eben das nicht machen. Uns ganz ehrlich zu fragen, wie es uns damit geht. Das wäre dann wohl das Inne halten. Jeden Tag passiert so viel in solchen Zeiten und doch fühlt es sich an, als würde jeden Tag die Zeit stillstehen. Wenn wir Ziele forcieren, konzentrieren wir uns meist darauf, sie zu erreichen. Das Zitat „Der Weg ist das Ziel“ scheint zwar Wahrheit zu beinhalten, jedoch glaube ich, dass ich ihn vermutlich erst vollkommen verstehen werde, wenn ich mir die Zeit nehme, eines Tages zurückzublicken.
Dies wird oft missverstanden mit „in Nostalgie schweben“. Wo ist der Unterschied zwischen Inne halten und zurück blicken oder sich in der Vergangenheit verlieren ( = mein Verständnis von „in Nostalgie schweben“)?
Wenn ich die letzten Wochen vergleiche mit früheren stressigen Zeiten, würde ich behaupten, heute um einiges besser damit klar gekommen zu sein. Irgendwann habe ich nämlich eine für mich essenzielle Erkenntnis gehabt: indem ich Dinge einfach tue, ohne sie ständig zu hinterfragen oder mich an ihrer Schwere festhalte, überstehe ich sie besser. Natürlich weiß ich in dem Moment, dass es sich gerade nach richtig VIEL anfühlt – aber im Gegensatz zu früher, habe ich aufgehört, mir selbst mein Leid zu beklagen. An dieser Stelle muss ich schon auch zugeben, dass ich mich trotzdem bei meinen Liebsten beklagt habe – ich brauche wohl einfach diese Art der Aufmerksamkeit bzw. dass jemand mir zustimmt: „Ja stimmt, das ist echt viel bei dir gerade!“ – aber nicht mehr in dem Maß wie früher. Wow, was für eine Selbsterkenntnis.
So finden wir uns also wieder zwischen „Zähne zusammenbeißen“, „Augen zu und durch“ und eine kleine Portion Mitleid: „Ja, du hast es gerade schwer“. Man kann darüber urteilen, wie man möchte, irgendwie scheint es aber für manche zu funktionieren.
Früher habe ich gejammert. Also, im größeren Stil. Und ich glaube, mein Umfeld war viel zu lieb und hat es auch lange mitgemacht, bis es mir dann selbst aufgefallen ist. Meine beste Freundin hat mir dann einen Podcast genannt von Veit Lindau, indem er über die selbst ernannte Krankheit „Jammeritis spricht“ mit viel Humor. Es gibt eine Phrase, die mir seither nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist: Eines Tages in unserem Leben passiert uns „Scheiße“. Es gibt diejenigen, die sich denken: „Oh, mir ist Scheiße passiert.“, weiter gehen und es dabei belassen. Und dann gibt es noch diejenigen, denen Scheiße passiert und die neben ihrer Scheiße stehen bleiben, und wehe es kommt jemand des Weges vorbei und fragt, was ihm passiert ist. Dann kann er es bestens schildern, denn er ist zum Experten seiner Scheiße geworden. Diese Metapher war für mich irgendwie lebensverändert. Seither hat sich in der Hinsicht vieles geändert – ich erlebe mich als viel selbstwirksamer, denn die Dinge, die ich mir vornehme, gelingen auch. Nicht immer, aber zumeist schon.
Das bedeutet nicht, dass wir uns und unser Leid nicht wahrnehmen und ihm nicht die entsprechende Beachtung schenken sollten. Aber langfristig gesehen und vor allem angesichts der vielen „Scheiße“, der wir uns noch im Laufe unseres Lebens entgegen sehen werden, scheint es viel gesünder und nachhaltiger sein, seine Einstellung hier zu verändern.













