Argelander
S. 33: “Eine letzte abgrenzbare und offensichtlich im Zunehmen begriffene Gruppe bildet den Typus des aufgeklärten Patienten. Seine Motivation wird von seinem Wissen, dem Grad seines Aufgeklärtseins und seinem Bedürfnis nach Wissen bestimmt. Er hat meistens schon an sich selbst gearbeitet und benutzt ein entsprechendes Vokabular, das aus der Literatur, seinem Beruf oder früheren Behandlungen stammt. Im Gegensatz zum anspruchsvollen Patienten kokettiert er nicht mit diesem Wissen, sondern meint es ernst. Sein Wissen wird von stark intellektuellen Bedürfnissen getragen, strebt nach Vervollkommnung, manchmal nach absoluter Perfektion. Dieser hochgezüchteten und meist sehr differenzierten Intellektualität steht ein abgeriegeltes, verkümmertes und schwer zugängliches Gefühlsleben gegenüber. Bei seiner Begabung und seinem geschulten Intellekt ist sein Anspruch gerechtfertigt und entspricht seiner persönlichen Einsatzbereitschaft. Einmal überzeugt, stellt er sich auf alles ein, was erforderlich ist. Er läßt sich die Behandlung etwas kosten und ist ehrlich bemüht, seine eigenen Möglichkeiten für sie einzusetzen. Vielen erscheint dieser Typus als der ideale Patient, bis sich herausstellt, daß hinter seiner geistigen Beweglichkeit, seinem echten Interesse und seinen überzeugenden bewußten Motivationen fast unüberwindliche Schranken das Gefühlsleben abschirmen - unüberwindlich, weil die von Gefühlen getragenen Objektbeziehungen frühzeitig niedergehalten und noch mit den sie begleitenden infantilen Ängsten verhaftet sind. So erlebt man es sehr häufig, daß Trennungsängste die Befriedigungsmöglichkeiten in der Objektbeziehung zurücktreten lassen zugunsten der Bewunderung der strahlenden Intelligenz und der Dokumentation seiner Macht. Diesen Typus findet man häufig in hohen und verantwortlichen Stellen. Die Patienten lernen aus dem Gespräch, nutzen ihr Wissen aber zur Festigung ihrer narzißtischen Position. Häufig haben sie gefühlsbetonte Partner, die sich an der Unzulänglichkeit ihres Gefühlslebens reiben, ihnen Mangel an Spontaneität vorwerfen, andererseits jedoch ihre Kontrolliertheit und verständnisvolle Überlegenheit bewundern. Die Patienten überfordern den Psychotherapeuten im Allgemeinen nicht, wenn sie von der Qualität seines Vorgehens überzeugt sind. Sie spüren meist selbst die Unzulänglichkeit ihrer Gefühlswelt und sind deshalb für jede ernsthafte Hilfe dankbar.”















