Es ist Donnerstag, der 12.11.2015. Arno Geiger findet sich pünktlich um 15:15 auf der ORF-Bühne der BuchWien 15 ein. Der Zuschauerraum ist außerordentlich gut gefüllt. Bei sich trägt der ankommende Schriftsteller eine an einem Tragegurt angebrachte Sporttasche, was ihn sympathisch und volksnah wirken lässt. In den nächsten 35-40 Minuten ist er im Gespräch mit Katja Gasser. Im Tagesprogramm der Broschüre steht: „Gespräch und Lesung“, doch es soll bei einem Gespräch bleiben.
Gasser leitet mit der Bemerkung ein, Geiger schaffe es, sowohl bei Kritikern als auch Lesern gut anzukommen, was bei Autoren nicht oft der Fall sei. Dann fragt Gasser den Autor, ob er beim Schreiben einem gewissen Rezept folge. Geiger verneint dies und weist daraufhin, ein solches Rezept würde vom Publikum schnell erkannt werden. Auf die Frage nach seiner Wahl der Charaktere erklärt der Schriftsteller, extreme Charaktere hätten eine Tendenz zur Eindimensionalität. In der Mitte mische sich viel. Ein großes Ego sei nicht interessant, denn im Schatten eines großen Egos wachse nicht viel. Katja Gasser fragt ihn, was denn so interessant an „Durchschnittsmenschen“ wie Julian, der Hauptfigur seines neuen Buches „Selbstporträt mit Flusspferd“ sei. Geiger stellt daraufhin klar, er wolle nicht leicht abwertend von „Durchschnittsmenschen“ sprechen, er bevorzuge stattdessen eindeutig die Bezeichnung „innerhalb des Normalspektrums“. Katja Gasser meint, Geigers frühe Werke hätten von einer großen Experimentierfreudigkeit gezeugt, wohingegen er mit seinen jüngeren Werken bei einer gewissen soliden Erzählweise angelangt sei. Auf seine frühen Werke bezugnehmend erklärt Geiger, die Sprache wäre darin zu wichtig gewesen. Bei Buchbesprechungen sei meist der Inhalt nicht einmal erwähnt worden, was den Autor zu der Einsicht gebracht habe, dass dies kein Zufall sein könne. Unsere Gesellschaft setze auf Dynamik und Zielstrebigkeit, wobei Dynamik überbewertet sei, führt - der ruhige und zurückhaltende - Geiger aus. Die Menschen hätten eine Sehnsucht nach Nicht-Ökonomischem. Julian, die Hauptfigur des Romans, ist ein junger Erwachsener von 22 Jahren. Geiger begründet Julians häufige Selbstzweifel: Jedes Zwischenreich, das mit einer Verwandlung einhergehe, verunsichere. Man könne Dinge nur als Gesellschaft lösen, nicht allein. Schreiben sei etwas gänzlich Unideologisches, Daher habe Belehren im Roman nichts verloren. Das Zwergflusspferd, eine durchaus wichtige Figur in seinem Roman, verdeutliche das Gegenteil der gesellschaftlichen Ansprüche: Es lasse sich vor keinen Karren spannen, es sei nicht ökonomisierbar und man könne keine Freundschaft mit ihm schließen. Am Ende des Gesprächs empfiehlt Katja Gasser, das Buch zu lesen, falls man es nicht schon gelesen habe.