Karmische Rechnungen begleichen.
Es gibt Tage, an denen ich nicht von hier komme. Da bin ich fremd in dieser Stadt, weiß nicht, wo der nächste Parkscheinautomat ist oder gar wo sich hier eine Bank befindet. Tage, an denen man in der Bank steht und einfach nur Geld einzahlen möchte, doch die alte Großmutti hinter einem steht und schon fast schubst und drückt, damit es endlich voran geht. Ihr ekliges Schmatzen regt mich auf. Vor mir riecht es nach einem alten Männderdeo, hinter mir nach Aldi-Pfefferminz. Nein, heute bin ich fremd, aber bestimmt, höflich, aber genau auf den Punkt.
„Junge Daaammeeeeeee, SIE SIND DRAN!!!!!!!!EINSELF1^1234!!!“, krächzt sie mit ihrer 90 Jahre alten Stimme. Ich drehe mich freundlich, aber streng um und sage: „Das ist mir bewusst. Aber der nette Herr hinter der Theke möchte vorher noch den vorherigen Auftrag abwickeln und ich habe gelernt, dass man jemanden erst einmal etwas beenden lässt, bevor man selbst vortritt. Daran sollten Sie sich ein Beispiel nehmen!“
Ich empfinde das nicht mehr als gemein, frech oder fies. Ehrlich nicht, ich kann keiner Frau helfen die vorhin noch zwei Reihen vor mir im Zug saß und sich die Hose aus der Muschi gezupft hat.
Manchmal komme ich aus einem ganz anderen Land, selten bin ich gerade erst hierher gezogen oder spreche mit einer langsamen, gebrochenen Stimme wie der Pate. Eine Mittelohrentzündung lässt mich nichts hören und meine Tochter muss noch schnell aus dem KiGa abgeholt werden.
Herr B. macht das auch ständig, besonders, wenn irgendeine Hipster-Braut ihm seinen Parkplatz wegschnappen will. Er parkt sie dann immer besonders schön zu, wenn er eins kann, dann Auto fahren.
Man darf sich nur nicht beim nicht-helfen erwischen lassen, dank meines Großvaters beherrsche ich die große Kunst des Akzent-Verstellens. Was das ist? Mein balkanesischer Akzent hat so manchen verstummen lassen, danke Opa für dein gebrochenes Deutsch und Oma für ihre großen Schauspielkünste und das Selbstvertrauen und den Mut, auch mal NEIN sagen zu können, wenn jemand besonders nervig ist.
Ich möchte mich doch heute nur auf morgen vorbereiten können. In Ruhe in einen von Herrn B.s Äpfeln beissen und mich bei einem Cocktail auf dieses verdammte Gespräch vorbereiten.
Karmische Rechnungen begleichen indem ich auch mal Glück habe.