Die Hypokrisie der Aufklärung: über die wegweisende Formulierung des Historikers Reinhart Koselleck und ihre Bedeutung für unsere Gegenwart
Er zählt zweifellos zu den bedeutenden Historikern der jüngeren Vergangenheit. Und er hat uns gerade hier und heute viel zu sagen: warum es sich für wirklich kritische Zeitgenossen anbietet, Reinhart Koselleck neu zu entdecken.
Hans Ulrich Gumbrecht
03.04.2021
Der englische, nicht der deutsche Wikipedia-Eintrag bezeichnet Reinhart Koselleck (1923–2006) als «einen der bedeutendsten Historiker des letzten Jahrhunderts».
Der englische, nicht der deutsche Wikipedia-Eintrag bezeichnet Reinhart Koselleck (1923–2006) als «einen der bedeutendsten Historiker des letzten Jahrhunderts».
Es verschlägt einem heute den Atem. In der Heidelberger Doktorarbeit eines dreissigjährigen Kriegsteilnehmers, der in der Sowjetunion in Kriegsgefangenschaft geriet, stösst man auf Sätze, die sich Wort für Wort kritisch auf die derzeit im Namen der Aufklärung angestimmten Moral-Töne politischer Korrektheit beziehen lassen. Der Text wurde Ende 1953 eingereicht, und sein Autor hiess Reinhart Koselleck.
In dieser erst 1959 unter dem Titel «Kritik und Krise – ein Beitrag zur Pathogenese der bürgerlichen Welt» veröffentlichten Studie prägte der junge Historiker den Begriff von der «Hypokrisie der Aufklärung», der zum polemischen Leitmotiv seines Denkens werden sollte. Das Bürgertum des achtzehnten Jahrhunderts, behauptete er, habe den Politikern im Namen einer auf Beglückung aller Menschen ausgerichteten Utopie von absoluter Gleichheit den moralischen Prozess gemacht. Und dieser Prozess habe am Ende nur den eigenen Klassen-Interessen gedient, obwohl er aus Diskussionen in scheinbar «interessefreier» Privatheit hervorgegangen sei. Der Gleichheitsanspruch wirkte als Illusion und Täuschung.
Heute sind angesichts eines real existierenden Egalitarismus zahlreiche Aspekte solcher Gleichheit für die westlichen Gesellschaften längst in einem früher kaum vorstellbaren Mass verwirklicht. Und dennoch liegt der Fokus der öffentlichen Diskussion auf den angeblich weiterhin bestehenden, immer kleineren Differenzen, die mit einer moralischen Aura überhöht werden. Wir sind mit Vorschlägen wirtschaftlicher Umverteilung und mit Standards intellektueller Kontrolle als Weg zu einer Gleichheit aller «Identitäts»-Ansprüche konfrontiert, die man ganz in Kosellecks Sinn «Hypokrisie der Aufklärung» nennen kann und denen zumal in Europa kaum jemand ungestraft öffentlichen Widerstand bietet.
Darüber hinaus hatte Koselleck vor fast siebzig Jahren gezeigt, wie die moralische Kritik und die Diagnose politischer Krisen auf Dauer gemacht werden und alle abweichenden Positionen ins Abseits schieben, sobald sie im Namen abstrakt-utopischer Vorstellungen auftauchen. Mit diesem Argument war kritische Moral-Resistenz zu einem Potenzial der Historikerdebatten geworden, das sich Kosellecks Kollegen allerdings nur selten zunutze machten.
Ein schwieriger Denkweg
Während man also feststellen kann, dass er tatsächlich eine Krankengeschichte unseres nicht mehr so frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts vorweggenommen hat, fand Kosellecks Dissertation in der eigenen Gegenwart kaum ungebrochene Zustimmung. Statt – wie sonst üblich in einer Assistentenstelle – die eigene Forschungsarbeit fortzusetzen, musste Koselleck, an dessen Talent niemand zweifelte, zunächst für zwei Jahre als Lektor für deutsche Sprache an der University of Bristol unterrichten, bevor er mit seinem Habilitationsprojekt zu dem eher vorsichtig-konventionellen Thema «Preussen zwischen Revolution und Reform» begann. Und in einer Zeit schneller akademischer Karrieren wurde er erst 1966 – mit 43 Jahren – auf eine Professur für Politische Wissenschaft – nicht für Geschichte – an die Ruhr-Universität Bochum berufen.
Vor dem Hintergrund der gutgemeinten demokratischen Aufbruchsstimmung in der jungen Bundesrepublik Deutschland war Koselleck offenbar mit seiner Skepsis gegenüber einer Grundstruktur des Aufklärungsdiskurses verdächtigt worden, ein Feind des Fortschritts zu sein. Die einschlägigen Vorwürfe steigerten sich bis hin zum Verdacht einer Sympathie für rechts-totalitäre Ideologien wegen der doppelten Bezugnahme von «Kritik und Krise» auf das Werk des Juristen Carl Schmitt, eines aussergewöhnlichen Denkers, der – wie Martin Heidegger – den Nationalsozialismus unterstützt hatte und nach 1945 nicht wieder zum Universitätsunterricht zugelassen wurde.
Der Faschismusverdacht
Schmitt verdankte Koselleck vor allem die These, dass die Moralutopien der Aufklärung aus der privaten Frustration gebildeter Bürger über ihren Ausschluss von der rein aristokratischen Politik des Absolutismus entstanden waren. Und von ihm stammte auch die – sicher nicht nur rhetorische – Frage, ob denn bleibende moralische Werte überhaupt mit einer historisierten Welt zu vermitteln wären, wie es die bürgerliche Geschichtsphilosophie propagierte.
Von Schmitts nie revidierter Ablehnung der Grundformen demokratischer Politik jedoch hatte Koselleck explizit Abstand genommen. Trotzdem führte der sechs Jahre jüngere Jürgen Habermas, der in seiner Habilitationsschrift über den «Strukturwandel der Öffentlichkeit» die Entstehung der bürgerlich-ethischen Normen aus der Sphäre der Privatheit gerade als Grundlage ihrer politischen Legitimität hervorgehoben hatte, in einer Besprechung von «Kritik und Krise» die eigene Abgrenzung zu Koselleck auf dessen angebliche Abhängigkeit von Schmitt zurück. Bei aller intellektuellen Anerkennung hatte Habermas so Kosellecks Skepsis gegenüber der Gründungskonstellation parlamentarischer Demokratie im Klima der frühen sechziger Jahre zu einem Faschismusverdacht gemacht, der lange wirksam blieb.
Trotz solchen Rückschlägen aber und ohne das Stigma eines politisch «Rechten» abzuschütteln, ging Koselleck, der seit den siebziger Jahren an der neugegründeten Universität Bielefeld zu einer Autorität der «Geschichtstheorie» (immer noch nicht des Fachs «Geschichte») aufstieg, erstaunlich gelassen – und aufrichtig – mit solchen Unterstellungen um. Nie versuchte er, die Amtsenthebung seines Vaters, eines Professors für Pädagogik, durch die Nationalsozialisten in eine Entschuldigung für seine eigene Mitgliedschaft in der Hitlerjugend oder für seine Freiwilligen-Meldung zur Wehrmacht umzusetzen. Dem politischen Rufmord arbeitete er sogar in die Hände mit der riskanten These, Hitler habe nicht schon seit September 1939 einen Weltkrieg gewollt.
Kosellecks Innovation
Zugleich war Koselleck jedoch der einzige deutsche Historiker seiner Generation, der über die Zeit zwischen 1933 und 1945 aus der Perspektive ihrer Opfer schrieb – und zwar mit einem damals ungewöhnlichen Impuls der Vergegenwärtigung. In seiner Studie über «Terror und Traum» unter Verfolgten des «Dritten Reichs» stellte er Protokolle von Angstträumen deutscher Juden aus den frühen dreissiger Jahren den bei KZ-Häftlingen ohne Überlebenschance später vorherrschenden Heilsträumen gegenüber. «Auf der Rampe von Auschwitz», so legte Koselleck das Paradox dieses Befunds aus, «galten nur animalische Kriterien. Die innere Evidenz der Überlebenschancen, die sich in den Träumen der Häftlinge manifestierte, ist nicht mehr kommensurabel mit der statistischen Frequenz, mit der vergast wurde. Damit wurde den Vernichteten auch der letzte Sinn, der Sinn des Opfers, entzogen.»
Als junger Kollege habe ich miterlebt, wie Reinhart Koselleck bei einem Kolloquium der Forschungsgruppe «Poetik und Hermeneutik» seinen Generationsgenossen, von denen es einigen damals noch gelang, ihre Vergangenheit als aktive Nationalsozialisten zu verbergen, eben mit seinem Vortrag über Träume unter den Opfern jener Zeit die Unmittelbarkeit historischer Vergegenwärtigung zumutete. Nach seiner Präsentation entlud sich ein Sturm der Vorwürfe, die von der angeblichen Absenz einer Methodengrundlage bis zur Beschimpfung als nationaler Nestbeschmutzer reichten. Koselleck verteidigte sich kaum, schien deprimiert und blieb dem gemeinsamen Abendessen fern. Nur eine Replik auf seinen Vortrag, nicht der Vortrag selbst ist im Dokumentationsband jener Tagung erschienen.
Was bleibt
Fünfzehn Jahre nach Kosellecks Tod nennt ihn der englische (nicht der deutsche) Wikipedia-Eintrag «einen der bedeutendsten Historiker des letzten Jahrhunderts». Als bleibende Beiträge zur Geschichtswissenschaft werden vor allem die Entwicklung der Begriffsgeschichte zu einer eigenständigen Forschungsmethode und die «Historisierung der historischen Zeit» hervorgehoben. Damit ist die These gemeint, dass jenes Verhältnis zwischen einer «hinter uns zurückbleibenden» Vergangenheit, einer für menschliche Gestaltung «offenen Zukunft» und einer Gegenwart des «blossen Übergangs», das wir bis heute als allgemein menschlich ansehen, erst in der von Koselleck so genannten Sattelzeit zwischen 1780 und 1830 entstanden sei.
Tatsächlich wurden diese beiden Innovationen von der Disziplin «Geschichte» mit einem Grad von Nachhaltigkeit aufgearbeitet, der den Blick auf Kosellecks intellektuelles Profil verstellt und neutralisiert haben könnte. Denn er gilt als ein grosser Geschichtstheoretiker, obwohl eigentlich jedem Leser seiner Texte auffallen muss, wie schwer es ihm fiel, seine oft unerhörten Intuitionen betreffend die Vergangenheit mit abstrakten Begriffen zu kommentieren oder gar in von anderen Historikern zu benutzende Verfahren umzuschreiben.
Vielleicht ist es also an der Zeit, Reinhart Koselleck – zum Beispiel ausgehend von dem Essay über «Terror und Traum» – als den einzigartigen Historiker der Vergegenwärtigung zu entdecken, als den Historiker, der fasziniert war von der Frage, wie je spezifisch Menschen der Vergangenheit – Opfer und Täter – ihre Welt erlebten. Gerade diese Perspektive hatte ihn ja auch über die Ahnung, dass verschiedene Zeiten unter verschiedenen Konfigurationen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ihre Welt erfahren, zur Einsicht in die Geschichtlichkeit des historischen Weltbilds geführt.
Ein solches Verhältnis zur Vergangenheit kann nicht zu Gewissheiten und schon gar nicht zu moralischen Werten führen, sondern bleibt allein motiviert von der lebendigen Neugierde, das Anderssein anderer Menschen zu erleben. Dieser Dimension näherte sich Koselleck übrigens auch als technisch kompetenter Zeichner satirischer Porträts von Zeitgenossen.
Die letzte Szene
Zum letzten Mal bin ich ihm in der Stadt Wolfenbüttel weniger als ein Jahr vor seinem Tod begegnet. Dorthin waren wir beide zur Verleihung des Lessing-Preises an einen Freund und bewunderten Kollegen gekommen. Meine Frau hatte mir vorgeschlagen, vor dem Heimflug aus Deutschland noch weissen Spargel zu kaufen, den es in Kalifornien nicht gibt. So trafen Koselleck und ich uns zufällig frühmorgens auf dem Markt – was wir beide einigermassen peinlich fanden.
Ich fühlte mich verpflichtet, meinen Spargel-Auftrag zu erwähnen. «Aber was führt Sie denn hierher, Reinhart?», fragte ich den schon gebeugten und etwas abgemagerten Greis. «Das wollen Sie wirklich wissen?», fragte Koselleck mit einer Stimme, die warm klang, und mit dem vertrauten, wie immer halb ironischen Lächeln: «Dann schauen Sie doch mal, wie schön die Frauen hinter den Ständen aussehen.»
Dies ist die Erinnerung an eine Gegenwart, die unumkehrbar vergangen ist – und auch an einen Willen zur Unmittelbarkeit des Erlebens, der nicht mehr zu unserer Welt gehört.
Er zählt zweifellos zu den bedeutenden Historikern der jüngeren Vergangenheit. Und er hat uns gerade hier und heute viel zu sagen: warum es












