- ARBEITEN IM WOHNHEIM FÜR GEISTIG BEHINDERTE MENSCHEN
WARUM DIE BEHINDERTENHILFE?
Ich bin Sozialarbeiterin und arbeite in einem Behindertenwohnheim. Auch wenn die Behindertenhilfe zum Sozialen Bereich gehört, ist das Wohnheim kein Arbeitsort, an den man als angehende/r Sozialarbeiter/in zuerst denkt, wenn man sich nach einem geeigneten Tätigkeitsfeld umsieht. Tatsächlich gehört ein Behindertenwohnheim für einige nicht zu dem Arbeitsbereich eines/einer Sozialarbeiter/in. Warum arbeite ich also in einem Behindertenwohnheim?
Ich habe die Entscheidung für das Wohnheim für mich selbst erst getroffen, nachdem ich dort schon ein dreiviertel Jahr gearbeitet hatte. Während des Studiums wusste ich nicht genau wohin es mich führen würde. Ich wünschte mir nur eine Verbindung zum Gesundheitswesen, weshalb ich meinen Schwerpunkt während des Studiums genau darauf legte. Meine Praktikum während des Studiums absolvierte ich im Krankenhaus in der Krankenhaussozialarbeit und ich habe es geliebt. Dieser Bereich hat mir sehr viel Spaß gemacht. Der Bezug zur Medizin zog mich sehr an. Vor allem fand ich es schön, Menschen direkt nach einer Krankheit in die nächste Phase ihrer Genesung zu verhelfen und sie in Weiterversorgungssysteme zu vermitteln. Allerdings... so toll die Nähe zur Medizin und das Gefühl, helfen zu können, auch waren... es fehlte etwas. Etwas entscheidendes. Das war die Nähe zu den Klienten. Im Krankenhaus betreute man die Klienten für eine Woche, vielleicht auch für zwei. Man sah sie nur, um sich vorzustellen, Anträge aufzunehmen und über Zusagen und die nächsten Termine im nächten Versorgungssystem zu informieren. Das war ein immer gleicher Prozess und sofern ein Fall nicht ungewöhnlich war, war auch die Abfolge oder die Anzahl der Kontakte zu den Klienten nicht anders. Das war mir zu wenig. Ich konnte nicht erfahren, ob meine Hilfen ausreichend waren, ob sich meine Kienten erholten oder ob sie noch etwas anderes benötigten. Meine Arbeit im Fall war mit der Entlassung meiner Klienten beendet. Mehr durfte ich nicht leisten.
Bei der Suche nach einem Platz für meine staatliche Anerkennung wollte ich etwas finden, das Näher am Klienten dran ist, wo ich immer wiederkehrend Hilfe leisten kann, die ich je nach Lebenssituation steuern konnte. Es gab einige Bereiche, die das erfüllen konnten, auch die Behindertenhilfe. Während des Studiums habe ich mich nur zwei Semester lang mit dem Arbeitsbereich befasst und da ich gerne offen für neues bin, habe ich die Gelegenheit ergriffen bei einem großen freien Träger der Behindertenhilfe anzufangen. Ich wählte die naheste Form, die es innerhalb des Trägers gab: das Behindertenwohnheim. Eine stationäre Form der Versorgung von Menschen mit Behinderung, die dem zweiten Arbeitsmarkt noch zur Verfügung stehen können.
Hier kommt man den Menschen sehr nahe. Man wird Teil ihres Lebens, Gestalter/in ihres Lebens, Unterstützer/in im Alltag. Man wird zum Ersatz für etwas, was diese Menschen aufgrund ihrer Behinderung nicht leisten können oder haben können. Ich bin hier vieles, nicht nur Sozialarbeiterin. Ich bin eine Freundin, eine Vertraute. Diejenige, die beim Duschen oder beim Toilettengang hilft. Ich bin eine Trösterin oder die Idealistin, die versucht, das Beste aus allem heraus zu holen. Ich bin diejenige, die beim Taschengeldeinkauf hilft. Die, die das Abendbrot vorbereitet, Medikamente austeilt, ins Bett hilft, mit Luftballons oder Stückchen vom Bäcker Freude bereitet. Ich bin diejenige, die die Betten macht, Wäsche wäscht, Arzttermine organisiert und begleitet. Ich bin Betreuungsfachkraft. Aber ich bin auch Sozialarbeiterin und damit kehre ich zu dem Punkt zurück, dass einige denken, mein Arbeitsbereich wäre einer Sozialarbeiterin nicht würdig. Ich bin nicht nur Betreuungsfachkraft. Ich bin auch der verlängerte Arm der Teilhabe. Ich bewirke Förderung und Forderung. Meine Aufgabe ist die Hilfe zur Selbsthilfe.
Wie bei allen Sozialleistungen ist für die Leistungen der Behindertenhilfe eine Gegenleistung zu erbringen. Der Landeswohlfahrtsverband erbringt Geldleistungen für die Bewohner, damit sie in einem Wohnheim der Eingliederungshilfe/ der Behindertenhilfe leben können und dafür ist Förderung zu erbringen. Meine Aufgabe ist es im Alltag die Fähigkeiten meiner Bewohner zu erhalten und zu erweitern und Defizite abzubauen. Ich schreibe Entwicklungsberichte (oder habe sie geschrieben, denn seit dem BTHG macht das nun jemand anderes), erarbeite Förderziele, binde sie im Alltag ein und erarbeite sie mit meinen Bewohnern. Allein deswegen finde ich, dass auch Sozialarbeiter in ein Behindertenwohnheim gehören, nicht zu letzt wegen den sozialadministrativen und organisatorischen Aufgaben, die die Arbeit mit diesen Klienten erfordert.
Während meines Anerkennungsjahres konnte ich erkennen, dass diese Mischung aus Nähe, welche deutlich näher ist als die im Krankenhaus, und aus sozialpädagogischen und organisatorischen Aufgaben genau das ist, was ich mir von meiner Arbeit wünsche. Hier kann ich Menschen einen längeren Weg in ihrem Leben begleiten und meine Arbeit auf ihre Lebensumstände anpassen. Mein Tätigkeitsfeld ist vielseitig und gleichbleibend zugleich. Es ist interessant, aufregend, nervenaufreiben, liebevoll, stressig. Es ist so viel und genau deswegen ist das Behindertenwohnheim mein Arbeitsbereich geworden.