Bierfilzleib und Bierfilzseele
// eine Erinnerung an einen Monolog von Michael Haufe
Abb. Michael Haufe mit Zeitung auf Sessel im Schnee ca. 2006
»Ich wollte meine Magisterarbeit auf Bierdeckeln einreichen. Also ging ich zu Professor H. und sagte ihm, ich reiche meine Magisterarbeit auf Bierdeckeln ein. Er sagte, das geht nicht, das kann ich nicht lesen. Ich sagte, ich schreibe ganz ordentlich in Druckbuchstaben. Er sagte, ich kann das trotzdem nicht lesen. Ich fragte, warum nicht, ich kann auch ganz große Buchstaben machen, entsprechend fünfzehn Punkt, sechzehn Punkt, alles in Kapitälchen, kann ich alles machen. Er sagte, ich brauche eine durchlaufende Seitennummerierung und ein Inhaltsverzeichnis, das zu den Seiten passt und Fußnoten, die die Zitate eindeutig referenzieren, die Fußnoten müssen auf der selben Seite stehen wie das Zitat und so weiter, das kriegen Sie doch mit Bierdeckeln nicht hin. Ich sagte, natürlich kriege ich das mit Bierdeckeln hin, das ist kein Problem, ich kann sie durchnummerieren, ich kann ein Bierdeckelinhaltsverzeichnis machen, ich kann Fußnoten mit einem kodifizierten Verweissystem referenzieren und ich kann alle Bierdeckelvorteile nutzen, die Bierdeckel nun einmal haben vor Papier, ich kann sie lose in die Jackentasche stecken und überall schreiben, wo ich schreiben will, kann sie einzeln verteilen und verlieren und wiederfinden und damit puzzeln und alternative Lesewege finden und so weiter, das passt zu meiner Art zu denken, das ist doch alles sehr modern und sogar postmodern, müssen Sie doch sehen. Er sagte, ich sehe das überhaupt nicht, ich finde das alles sehr absurd und absolut unmöglich. Ich sagte, dann lassen Sie es mich beweisen und packte meine Entwürfe aus, ungefähr zwanzig oder dreißig Bierdeckel mit meinen Ideen, wie man Hegel und Quine zusammendenken kann, auf Bierdeckeln geht das und vielleicht geht das überhaupt nur auf Bierdeckeln, da verdrehte er die Augen, da guckte er genervt an die Decke, da guckte er sich meine Bierdeckeltexte einfach überhaupt nicht an und sagte, Sie geben Ihre Magisterarbeit bitte in einer Form ab, die den Vorgaben entspricht, die Vorgaben können Sie sich schriftlich im Prüfungsamt geben lassen, und wenn Sie mir noch einmal mit Ihren Bierdeckeln die Zeit stehlen, dann führe ich extra für Sie die Sonderformatvorgabe ein, dass jede Fußnote genau soundsoviel Millimeter Abstand zum Haupttext haben muss und nehme ein Lineal und messe nach und wenn das bei einer Fußnote nicht stimmt, dann fallen Sie durch. Das hat er lächelnd gesagt, freundlich sogar, ein bisschen ironisch, der H. ist eigentlich gar nicht unsympathisch oder so etwas, aber er hat das gesagt, da wurde er mir natürlich doch unsympathisch in diesem Moment wegen der unsympathischen Sache, die er da repräsentiert hat und benutzt hat, weil er mich loswerden wollte und auch los wurde, denn ich bin aufgestanden und gegangen und nicht mehr wieder gekommen. Leibniz hat seine Monadologie damals auf Bierfilze geschrieben, für jede Monade einen Bierfilz, die er dann um seine Urmonade herum arrangiert hat, die vielleicht so eine Art Bierfilzhäuschen war, das ist jetzt nicht überliefert, soweit ich weiß, aber so stelle ich mir das vor. Einen Bierfilz für die Sonne, einen für den Mond und viele viele für die Sterne, und er schob sie systematisch rum und herum, bis sie systematisch passten, Biefilzkosmologie, Bierfilzontologie, Bierfilzleib und Bierfilzseele, da sieht man viel, was man auf Avierpapierpapier nicht sehen würde. Ich frage mich, warum ein Philosophieprofessor mir verbietet, etwas zu machen, was schon Leibniz gemacht hat, ich will mich nicht mit Leibniz vergleichen, warum sollte ich mich auch mit Leibniz vergleichen, darum geht es gar nicht, ich wollte mich in seine Tradition stellen, in die Tradition seiner Gedankentechnik, ich wollte die philosophischen Methoden nutzen, die schon Leibniz benutzt hat, mir das zu verbieten, ohne Argumente zu verbieten, ohne überhaupt hinzugucken zu verbieten, das ist Diktatur. Mir da mit Formatvorgaben zu kommen, eine philosophische Tradition mit Formatvorgaben zu verhindern, das ist Diktatur. Da habe ich gegen eine Diktatur gekämpft und bin in einer neuen Diktatur gelandet, in der Diktatur der Dinavierformate und der Pressplastebindung aus dem Fotokopiergeschäft. Wenn ich wieder in einer Diktatur gelandet bin, dann will ich wieder nicht mitmachen, dann will ich wieder kämpfen.« ~ Michael Haufe (✝ Dez. 2013), canticum anno domini MCMXCVIII (aus dem Gedächtnis auf Bierdeckel geschrieben und wie oben vorsichtig und hoffentlich in seinem Sinne arrangiert im Jan. 2014)
/// Geschrieben in Gedenken an Michael Haufe (1965 - 2013), Philosoph, Dichter, Erfinder, Freund. Seine WeltEntwürfe bleiben wach.







