Streifzüge durchs Halbvertraute
// über die Moskau-Fotografien von Dominic Heidl und Annika Lyndgrun
Eine Frau, die Luftballons verkauft. Abb. aus dem besprochenen Band.
Wenn man als eingeborener und bewanderter Mitteleuropäer zum ersten Mal nach Moskau reist, kommt einem die Stadt auf den ersten Blick vertrauter vor, als man erwartet hätte. Die Innenstadt ist gepflegt, die Fassaden sind in gutem Zustand und alles wirkt ruhig und friedlich. Verblüffend ruhig und friedlich sogar. Natürlich, die Straßen sind breiter, die Plätze größer, die Architektur von wuchtigen Ausmaßen, aber das ist nichts, was einen unbedingt verblüffen würde. Es sind die kleinen Schräglagen des Befremdlichen, die es einem schwer machen, die Stadt zu lesen. Die Stadt ist halbvertraut, im Wortsinn. Immer wieder entgleitet sie einem, beginnt zu rauschen, an den Rändern des Begreifens unscharf zu werden sozusagen. Manchmal ist es angenehm verstörend. Wie der Genuss eines atonalen Quietschquartetts. Und manchmal, tja, dann versteht man man erstmal eigentlich einfach gar nichts. Wie ein Halbanalphabet. Dann muss man erstmal richtig lesen lernen. Wenn man will. Oder es eben rauschen lassen.
Ein gutes Beispiel für diesen Moskauer Effekt des Halbvertrauten ist das kyrillische Alphabet, das einem dort allgegenwärtig auf den Straßenschildern begegnet und entziffert werden will. Ab und zu auch entziffert werden muss, denn nur sehr selten, nur an den ganz zentralen Metrostationen, wird dem lateinisch Alphabetisierten die ihm geläufige Umschrift der Straßennamen mitgeliefert. Will man also in Moskau mit der Metro fahren, sollte man es nicht allzu stark rauschen lassen und sich ans Entziffern machen, denn sonst läuft man schnell Gefahr, sich gründlich zu verirren.
Einige Buchstaben des kyrillischen Alphabets bestehen aus den selben Buchstaben, wie das lateinische. Die meisten davon haben auch die selbe Bedeutung. A, E, K, M, O und T haben im kyrillischen wie im lateinischen Alphabet die selbe Bedeutung. Aber dann Vorsicht: B, H, C, P und Y gibt es im Kyrillischen auch, haben dort aber eine andere Bedeutung. Und schließlich gibt es noch Buchstaben, die im Lateinischen gar nicht vertreten sind. Diese Eigenschaft des Kyrillischen und die daraus folgende Eigenschaft der Moskauer Straßenbeschriftung hat den Effekt, dass man, anders als etwa in Japan, wo man ohne Grundkenntnisse ohne Chance ist, einige der Schilder auf Anhieb entziffern kann, wenn man sich aus dem Zusammenhang das Wort erschließt, das gemeint ist. Die Schilder der McDonald‘s-Restaurants zum Beispiel, die in Moskau in den allzu bekannten Farben, aber in kyrillischer Schrift von den Fassaden leuchten, sind ein guter Anhaltspunkt. Oder die Schilder der Metro-Stationen, deren rotes M oft von weitem erkenntlich wie ein Herrschaftszeichen über den großen Plätzen thront (vgl. Seite 75 in diesem Band). An dem ausgeschriebenen Wort für Metro kann man lernen, dass das kyrillische P dem lateinischen R entspricht und hat so einen ersten Schritt getan in die Entzifferung der Straßenbeschriftung dieser Stadt …
Anschaulich kann man diesen Effekt auf dem Foto von Seite 134 in diesem Bildband nachvollziehen. Eine Wand über und über voller Graffiti, schön bunt, gesprühte Tags in gelb und rot, eddingschwarz oder lackstiftweiß gemalte Herzchen und Namenszüge. In der Mitte ein durch eine Schablone aufgesprühter Mädchenkopf in schwarz mit weißrundem Hintergrund. Schichten von Zeichen über Schichten von Bildern, angebröckelt und fassadenrauh. So weit, so vertraut. Aber dann. Beim näheren Hinsehen und dem Versuch, irgendetwas zu entziffern, wenigstens einen Ansatz zu entdecken, versteht man, dass man nichts versteht. In dieser Wand verbergen sich andere Gepflogenheiten, die Stadt subkulturell zu kodifizieren, als die vertrauten. Und man kann vielleicht die Lebenszeit ermessen, die es brauchen würde, sie halbwegs zu begreifen. Also lässt man‘s vielleicht lieber rauschen. Es gibt immer noch so viel zu sehen:
Die Streifzüge, die Dominic Heidl und Annika Lyndgrun mit der Fotokamera in Moskau unternommen haben, bilden diesen Effekt sehr unterhaltsam ab. Man blättert durch diese mal ästhetisch mal inhaltlich assoziativ angeordnete Sammlung von Bildern und folgt unwillkürlich Spuren der Vertrautheit, die immer wieder so durch Befremdlichkeiten unterbrochen werden, dass es einem leicht fällt zu ahnen, wo die Ränder liegen können, an denen diese Stadt beginnt zu rauschen.
Da gibt es zum Beispiel auf der Seite 70 einen dicken Mann. Also ein Bild von einem dicken Mann. Er steht dort und schaut. Es ist irgend so ein dicker Blick. Man möchte fast sagen, ein universeller Dickemännerblick. Dicke Männer der bestimmten Art. Man ordnet diesen Mann sofort ein. Gelsenkirchen, könnte sein. Oder Marseille, Hafenviertel, möglicherweise. Vielleicht auch das Berühmte Irgendwo im Nirgendwo Amerikas. Überall, wo es T-Shirts, karierte Hemden, verwaschene helle Jeanshosen und Bier gibt. Total vertraut also. Aus dem Fernehen wie auch aus dem Leben. Aber dann. Dann ist da im Hintergrund dieses kyrillische umgedrehte Eund eine Anordnung der Auslagen in einem Schaufenster, die, zumindest ein bisschen, nicht ganz so einfach einzuordnen ist. Schaut man dann genauer nach, und entdeckt den Sticker mit der Deutschlandfahne auf dem Plastikfensterrahmen, ist die Schräglage komplett.
Oder das Foto auf Seite 114. Eine Frau, die Luftballons verkauft. Hinter ihr sind heliumgefüllte Cellophanherzen mit Walt Disneys Herzschmelzmotiven zu sehen, die in den Himmel steigen wollen. Vor ihr gibt es zusammensteckbares Plastikspielzeug und Kinderschmuck aus Leichtmetall. In der Hand hält sie einen witzigen Skelettballon, mit witzig zahnlosem Grinsen, witzig, sozusagen knochenklappernd, winkend. Die Frau hält das Ballonskelett am knochigen Fuß vor sich hin. Am ausgestreckten Arm, der genau so knochig ist. Folgt man diesem Arm weiter zum Gesicht dieser alten Frau, die dort Luftballons verkauft, vertieft sich nur eine Weile in ihren Gesichtsausdruck und ihren Blick, erkennt den Kontrast zu den Witzballons, die sie verkaufen möchte, versteht man schnell, dass dort eine Geschichte auf eine andere trifft, die man nicht versteht, mit einer Gewalt, dass man sich beinahe wundert, warum diese Ballons nicht auf der Stelle platzen.
So geht es weiter. Über Bilder, die einem vertraut, aber wie aus der Zeit gefallen scheinen. Wie ein Soldat, der mitten im Schnee in einem windschiefen Wachhäuschen stramm steht. Und über Bilder, von denen man denkt, das hätte ich aber nicht gedacht, dass es so etwas auch in Moskau gibt. Wie eine künstliche Strandbar mitten in der Stadt, in der die Damen in Bikinioberteil und kurzer Hose vielleicht so etwas tun, wie Rezepte tauschen. Bis hin zu Bildern, die wirken wie ein Standbild aus einem vergessenen Schwarzweißfilm melancholischer Natur. Wie eine Frau, die mit ihrem Kind in karger Schneelandschaft verlorenen Blickes Tauben füttert.
Das Bild auf Seite 44 hat eine Perspektive, die wie eine illustrative Zusammenfassung des Effekts, der hier beschrieben wurde, gesehen werden könnte. Es ist von unten nach oben fotografiert. Beinahe konträr zur Rodtschenkoschrägheit mit den langen Schatten. Es gibt im unteren Drittel des Bildes ein gekacheltes Blau, das treppabwärts direkt in den Untergrund führt. Direkt darüber führt ohne sichtbare Barriere eine Straße. Mit Autos, die, so scheint es, aufpassen müssen, dass sie nicht vom Rand dieser Welt herunterfallen. Wieder darüber ragt eine schwere und strenge Fassade auf, mit großen Fenstern, die kleinteilig verglast sind. Auf dieser Fassade steht eine Wort in kyrillischer Schrift, das man als neugieriger Mitteleuropäer, der nur einen kleinen Schritt in die Entzifferung der Beschriftung dieser Stadt gegangen ist, sehr leicht lesen kann. Es bedeutet: Telegraf.
Chemnitz, Dezember 2014 Thomas Goldstrasz
/// Vorwort zum Moskau-Bildband von Dominic Heidl und Annika Lyndgrun, der Anfang 2015 im Selbstverlag erschienen ist.








