Bildlichkeit und Sonanz
1.
Schrift und Schriften, Worte und Wörter bilden den juristischen Diskurs ab. Man kann die Worte sehen, man kann die Begriffe sehen. Buchstaben sind kleine abstrakte Bildchen, abstrakt wie das A, W oder B (obschon das A, wie die Kinder noch sagen, auch den Anfang der Alpen zeigt, das W die Wellen des Wassers und das B den Busen des Bond-Girls Barbara Bach). Der Text ist nicht erst dann ein Bild, nicht erst dann eine Weise der Sichtbarkeit, wenn man ein screenshot davon macht oder wenn man ihn mit Strichen markiert.
Peter Goodrich nennt die Schriften von Quintilian, Cicero und des Autors der Rhetorica ad herennium depictions of legal disourse, unabhängig davon, welches Schriftbild die Texte haben. Nicht nur Bilder bilden ab, Worte tun das auch, Schrift tut das auch, Redner tun das auch. Bilder sind Bilder, Worte sind das auch. Der Begriff Abbildung ist ein Bild und das Bild ist ein Begriff, den man wörtlich nehmen kann, aber nicht wörtlich nehmen muss.
2.
An den Passagen zur Evidenz, zur enargeia und zum Aufruf (appeal) der Bildlichkeit sei etwas...evident, so sagt das Peter Goodrich. Nach Goodrich sagen diese Passagen nicht nur etwas über Evidenz, sie sind auch evident, Goodrich steigert das sogar, da sei etwas most evident. Das sagt Goodrich wiederum nicht allgemein, Evidenz hat dort etwas mit Referenz oder Entsprechung (Sprechen) zu tun. Diese Passagen stimmten vollständig mit anderen Texten überein, theologischen Texten. Evidenz hat etwas mit Stimmen und Entsprechen zu tun. Wenn Evidenz ein optisches Phänomen ist, dann ist es auch ein akustisches Phänomen.
Full consonance: Übereinstimmen, ich höre sie! Je mehr von etwas etwas sichtbar wird, desto mehr stimmt etwas. Je mehr man die Augen aufdreht, umso mehr flüstert was. Mit dem Stimmen vermehren sich die Stimmen. Die Bilder sind der letzte Schrei. Das Bild, sagt Derrida, hat immer das letzte Wort. Wer hat das Bild? Wer hat es in der Hand? Wer hat das Bild im Griff? Das letzte Wort.
Auch so kann man Derridas Satz lesen, schau ihn Dir an, das stimmt, und es stimmt den Bilderstreit an, vielleicht erst flüsternd, dann immer lauter. Die Priorität beisst in den Schwanz, aber es ist dabei nicht klar, ob es sich bei dem Biss um Selbstreferenz oder Fremdreferenz handelt, wenn doch das Bild dem Wort fremd und das Wort dem Bild auch fremd sein kann, aber nicht fremd sein muss. Die Rede von der Priorität eines Mediums, von der Priorität der Bilder, von ihrer Souveränität, von ihrer Absolutheit und Monumentalität, von ihrer höchsten oder ersten Macht, die Thesen von den Leitbildern und den Leitmedien: Das alles ist Bluff, das ist alles Poker. Das alles ist Reiz. Das alles ist Gerücht, aber Gerücht im Sinne von Bachofen, als Stoff, auf dem Normativität eben nun mal gestrickt ist. Darum gibt es Bilderstreit, weil Bilder bestritten werden müssen.
Die Sichtbarkeit von Goodrichs Text, die Sichtbarkeit und Bildlichkeit seiner Worte lässt sich steigern, man kann in grellen Farben kleine Rahmen und Markierungen um jedes Wort, um jeden Buchstaben zeichnen und den Texte mit seinen Bildern immer stärker fluten lassen. Das geht. Die Frage ist und bleib aber: Was hat es den Fischen gebracht, dass sie so wundersam vermehrt wurden?
The most presidential President drinks the most Most. Man kann den Bilderstreit auch enttrumpisieren, man muss nicht immer mit solchen Bildtheorien ankommen, in denen Bilder most sind.
3.
Der Bilderstreit macht dann Sinn, wenn etwas an ihm nicht stimmt und sei es, weil man schon glaubt, Stimmen zu hören, denen Sprecher fehlen. Er macht auch dann Sinn, wenn man von Sichtbarkeit geblendet wird, wenn Bilder etwas abschirmen. Die Texte von Goodrich machen dann nur Sinn, wenn sie ins Auge gehen, wenn an ihnen etwas nicht stimmt.
Man entfaltet den Bilderstreit in faden Stücken, wenn man nicht darauf eingeht, dass sich dieser Streit auch um die Aufteilung der Sinne dreht. Bilderstreit wird auch mit dem Auge, dem Ohr, der Hand, der Zunge und um das Auge, das Ohr, die Hand, die Zunge als Institutionen, als normativen Organen geführt. Sogar mit und um Geschlechtsorgane, mit und um die Leber wird er geführt, mit und ihm das Herz, den Magen. Und nicht zu vergessen: mit dem und um das Knie, mit und um den Rücken, mit und um die Lippen wird der Streit geführt, schließlich markieren immer wieder proskynesen und Kniebeugen wichtige, historische Stationen im Bilderstreit.
Nicht nur das Recht hat eine Geschichte, weil es sich wandelt, deswegen wandelt, weil es umstritten ist und bestritten wird. Nicht nur das Bild hat eine Geschichte, weil es umstritten ist und bestritten wird. Auch die Organe, auch die Sinne haben eine Geschichte, weil sie umstritten sind und bestritten werden. Die Zuständigkeitslinien, die das Ohr vom Augen trennen oder aber die höheren Sinne von den niederen, die Einbildungskraft vom Sehen, die verlaufen historisch, die ändern sich. Ich denke sowieso mit dem Knie, sagt Beuys, umstritten ist es, aber so schnell oder so einfach ist das nicht von der Hand zu weisen.
4.
Wie Mitchell treffend in einem seiner Texte angemerkt hat, wird der Bilderstreit rekursiv geführt. Man streitet mit sichtbaren Worten und sprechenden Bildern, mit visionären Begriffen über die Sichtbarkeit und die Sprache. Der Bilderstreit legt einen abgedrehten Film über die Dinge, mehr noch: Abgedrehter Film ist das Ding, das wir Bilderstreit nennen und auf alles beziehen, auf den Krieg und die Ehe, die Kinder und das Klima, den Kredit und die Liebe, die Bilanzen und die Gerechtigkeit. Ikonomachie ist glitzerndes, blitzendes, flimmerndes, faszinierendes Aquaplaning, wenn auch nicht für jeden.
Die Rekursivität, von der Mitchell spricht, geht nicht unbedingt mit Reflexivität einher. Der Text von Goodrich mag bei der ersten Lektüre klar und verständlich sein, eine gute Einführung, wie der Titel verspricht. Ein zweiter Blick, oder der Versuch, den Text ins Deutsche zu übersetzen, kann dem Text seine Evidenz nehmen, er kann ins Absurde kippen. Auch dabei muss es nicht bleiben, die Verständlichkeit des Textes kann wieder einziehen, er kann in seine Evidenz zurückkippen. Man kann sich mit dem Text dank eines schlichten Schon-klar-was-gemeint-ist versöhnen und alles auf die Kontingenz, die Äußerlichkeit und die Bildlichkeit der Worte schieben.
Man sollte den Text von Goodrich dekonstruieren, tut man es nicht, verpasst man etwas am Bilderstreit, mindestens eine Hälfte verpasst man dann, wenn man den Text nur richtig und nicht auch vollständig falsch findet oder wenn man ihn falsch und nicht auch vollständig richtig findet.
5.
Mir wäre es weiterhin wichtig, dem juristischen Bilderstreit einen Warburgschen Zugang zu eröffnen, also einen Zugang, der den Bilderstreit nicht nur als zweideutiges oder paradoxes Phänomen begreift und darum auch nicht als ein Streit, der früher oder später auf eine große, letzte, prinzipielle Unterscheidung oder eine große Trennung hinausläuft.
Mir wäre es nicht so wichtig, dem juristischen Bilderstreit ein dialektisches Statut zu verpassen (da gibt es schon Entwürfe). Mir wäre es wichtig, den Juristen Warburg und dessen Überlegungen zur Polarität noch bekannter zu machen, weil Warburgs Überlegung, vor allem seine Methoden des Protokolls und es Kommentars, Perspektiven einer vergleichenden Bild- und Rechtswissenschaft eröffnen, die nicht am System orientiert ist, sondern am Detail. Das macht Warburg nicht antisystematisch, es macht ihn nur zu einem Spezialisten für das Detail, also dafür, für das in der Rechtswissenschaft Spezialisten doch eher fehlen, weil sie noch an den Formeln eines Bilderstreites festhängen, die schon genug aussagen. Warburgs Position nimmt ihren Ursprung in Bewegung und zielt auf Bewegung, seine Vorstellung vom Nachleben, da sehe ich ihn in enger Nachbarschaft zu de Tarde, nimmt ihren Ausgangspunkt in Reproduktion und zielt auf Reproduktion. Bei ihm ist, wie bei de Tarde, Differenz Ursprung und Ziel der Wiederholung. er bietet Methoden, das räumlich, zeitilich, gesellschaftlich und psychisch zu entfalten. Warburg eröffnet die Perspektiven auf Kehren, Wenden, Kippen oder Falten, auf Inversionen.
Und das tolle ist: Warburg hat nur angefangen, auch die Staatstafeln sind nur ein Anfang, sie sagen nur: jetzt geht es los, jetzt können wir beginnen mit dem Atlas. Allein die historischen Verschiebungen zu den Händen, die mit dem Smartphone und dem Touchscreen vorgehen, allein schon die neuen Medien mit ihren Horn (Schmidgen) bieten an, die Wanderungen aufzuzeichnen, sie sich von der Linie der Unterscheidung zwischen Auge und Ohr und zwischen Wort und Bild zur Linie der Unterscheidung zwischen Hand und Auge, Hand und Ohr, Körper und Wort oder Körper und Bild vollziehen.
Dass es monumentale Bilder gibt, will ich gar nicht bestreiten, ebensowenig wie den Umstand, dass Souveränität oder Priorität auch in Bildern vorkommt. Das theoretische Korsett von Goodrich entlastet aber einen von dem, was Warburg macht, nämlich davon, Kalender zu führen und zu kartographieren, also Protokoll darüber zu führen, wann und wie lange, wo und wie weit, wie das alles der Fall ist, was der Fall ist. was dem an anderem Bild vorgeht und was dem an anderem Bild folgt. Legendre, der dieses theoretische Korsett mitbestimmt, entlastet einen davon, die Operationsketten nachzuvollziehen, mit denen Bilder bestritten werden (so, wie man bestreitet, was ein Gegner sagt und so, wie man einen Haushalt bestreitet).
Goodrich hängt in den einführenden Passagen an einer Ausprägung des Bilderstreites, die ich selbst manchmal klassisch nenne. Dabei kommen mir, etwa durch die Lektüre von Leslie Brubaker und anderen Byzanzforschern, Zweifel auf, ob das eine sinnvolle Bezeichnung ist. Der Bilderstreit als Demarkationslinie zwischen Wort und Bild, zwischen logos und dem, was jenseits des Logos, jenseits der Rationalität liegt, das ist eventuell nicht klassisch, das ist eventuell nur modern. Das kristallisiert eventuell sogar erst nach dem zweiten Weltkrieg aus - und wäre dann von Leuten klassisch-modern gemacht, die - mit Latour gesprochen - nie modern waren.
6.
Wie zum Beispiel Louis Marin oder wie der ab und an übersehene Carsten-Peter Warnke operiert Warburg an einer diagonalen Wissenschaft, also einer Wissenschaft, in der Texte das Bild kreuzen und Bilder den Text. Damit bestreitet Warburg nicht, dass Worte und Bilder unterscheidbar sind oder dass sie unterschieden werden sollen. Ganz im Gegenteil, er nimmt der Behauptung das Floskelhafte und stösst das feld auf, in dem Rekursivität und Reflexivität ihre unterschiedlichen Wege nehmen. Mit seiner Theorie und seiner deutlichen Rhetorik ist sehr erfolgreich, viel rezipiert. Wie Klaus Röhl in Deutschland mit ähnlichen Thesen der meistzitierte Autor ist, so ist auch Goodrich der meistzitierte Autor, aber das ist nicht unbedingt ein Kompliment in Wissenschaften, die nach Macht dürsten und entsprechende Formel gierig aufsaugen. Mein Argument ist nicht gegen eine Machtanalyse gerichtet, sie ist darauf gerichtet. Die Formeln von der Bildmacht verstellen den Blick darauf, dass die Grenzen des Bildes mitten durch das Bild gehen, auch jene Grenzen, die das Bild mitmacht und die es reproduziert, also auch die Grenzen der Macht. Die Unterscheidung zwischen Wort und Bild, die findet man also sowohl im Wort als auch im Bild. Warburgs Sinn für Polarität ist ein Sinn für Worte, die ins Bild kippen und für Bilder, die ins Wort kippen, für Worte, die sich in Bilder wenden, in Bilder kehren, für Bilder, die sich in Worte kehren.
7.
Und das ist nur die Ausgangslage. Nur das ist die Einführung, die eigentlichen Probleme und die eigentlichen Wunder beginnen erst dann, erst dann, wenn trotz der Rekursivität und trotz der unterschiedlichen Pfade von Rekursivität und Reflexivität der Bilderstreit, wenn trotz und wegen solcher Texte wie denen von Peter Goodrich die Ikonomachie/ der Bilderstreit weiter läuft, so, wie er bisher lief, nur anders. Von mir aus kann man das auch mit Luhmannscher Nüchternheit als ein Funktionieren des Bilderstreites nennen, aber nur, weil Luhmanns Nüchternheit von rauschender Ironie getragen wurde. Der Bilderstreit schlägt uns auf Seiten, wir schlagen mit und schlagen zurück.












