Römische Frage
Eine römische Frage schwebt in der Luft, als Aby Warburg und Gertrude Bing im Oktober 1928 nach Rom kommen, sie schwebt sogar ganz weit oben. In Rom schweben immer auch Fragen in der Luft und immer sind es wohl auch römische Fragen. Aber in Rom kann man alles groß machen und groß schreiben, und so ist im Oktober 1928 aus lauter kleinen römischen Fragen eine Frage wie ein Titel oder der Name eines Konfliktes groß gemacht und in den Dringlichkeiten ganz nach oben gebracht worden. In einem engeren, technischen Sinne ist darum im Oktober 1928 mit der Römischen Frage ein konkretes juristisches Problem gemeint, eine Auseinandersetzung zwischen dem heiligen Stuhl und dem Königreich Italien.
Was ist eigentlich aus dem Kirchenstaat geworden? Was ist in einem juristischen Sinne passiert, als Garibaldis Truppen nicht weit von Michelangelos Porta Pia entfernt eine Bresche in die römische Stadtmauer schlugen, also ein Sakrileg am Gesetz des pomerium begingen und der weltliche, römische Nationalstaat (und dann das Königreich Italien) Rom zu seiner Hauptstadt machte. War das nicht die Hauptstadt eines anderen Staates? Wieso gibt es überhaupt noch einen weltlichen Staat, wenn schon die Kirche sich als Staat auch verweltlicht hat?
Die Römische Frage ist in einem weiteren Sinne die Frage nach der Bedeutung einer Bresche, nach der Dauer (dem Nachleben) des Distanzschaffens und vielleicht sogar danach, wann eine Differenzierung aus, erledigt und vorbei ist, auch für das Recht, auch für Warburgs Kosmos. Wann fragmentiert eine Bresche etwas und wann ist sie (nur) eine Stelle, durch die etwas kontrahiert und distrahiert? In Warburgs Kosmos kann die römische Frage auch wieder klein geschrieben werden, weil sie bei vielen Leuten ganz unterschiedlich wimmelt. Braucht die Bresche Pathos? Wie groß ist sie überhaupt? Irgendwo sitzen zwischen Kausalität und Normativität, mitten in der ganzen Effektivität der römischen Kanzleikultur Stellen, die etwas aushebeln, schlimmer noch: an denen etwas ausgehebelt ist, ohne dass die Verursachungen und Verantwortungen klärbar wären. Noch im Codex 1370 aus der Biblioteca Apostolica Vaticana sitzt zwischen den mathematischen Tabellen und der dem ikonographisch und mythologisch gesicherten Bestand der Sternbilder ein Bild wie ein Bresche. Na und?
Die Breschen unterbrechen nichts, wo nicht schon Unterbrechung wäre, denn auch die römische Mauer ist wie die Membran eines Menschen, seine Haut, als Unterbrechung des Raums schon da. Diese Stellen kreuzen vielleicht eine Unterbrechung, aber was heisst das schon? Sie entsichern etwas. In einer vergleichenden Meteorologie taucht der Polarforscher Aby Warburg mit einem besonderen Sinne für solche Aushebelungen und Entsicherungen auf. Man kann das seiner Herkunft zuschreiben: Er ist aus dem Wechselgeschäft und einer jener pellegrini, denen zwar in den Lateranverträgen Schutz versprochen wird, die zu dieser Zeit aber auch nur noch als Pilger und Gläubiger, nicht einfache Pendler verstanden werden sollen. Dem Warburg droht, noch seinen Status als Pellegrini zu verlieren. Aber Warburgs Sinn für Entsicherung so zu erklären, ginge an der Polarforschung vorbei. Auch Warburgs psychische Konstitution als Grund für seinen Entsicherungssinn heranzuziehen, ginge an der Polarforschung vorbei. Polarforschung hat zwar auch Gründe, aber vor allem hat sie Kehren, Wenden, Scheitelpunkte: lauter vage Linien, bei denen auch die Linie zwischen einer privatisierbaren oder auch nur individualisierbaren Psyche und den gesellschaftlichen Gelegenheiten ebenfalls wandert.















