Die Wärme und der Chlorgeruch beim Betreten eines Hallenbades erinnern mich immer an den Schwimmunterricht in der Schule, es ist keine gute Erinnerung. Ich habe es gehasst, hatte richtig Panik vor den Stunden. Meine Badehose war hässlich, da nutzte selbst das coole Seepferdchen-Abzeichen nichts mehr, dass mir meine Mutter aufgenäht hatte. Ich erinnere mich auch noch an die Busfahrten zum Schwimmbad, ein Dorf weiter, an meine Beklommenheit in dem Dunst aus Diesel und den speckigen braun-orange karierten Sitzpolstern. Viel zu kurz war die Fahrt jedes Mal, viel zu aufgekratzt waren meine Mitschüler, die Sportler, die mir über meine gesamte Schulzeit hinweg suspekt und unsympathisch waren. Das Hallenbad war alt, das machte es nicht besser, ich gruselte mich ein bisschen hier, am meisten vor dem Anti-Fußpilz-Schaum.
Ich war scheu und schwächlich und traute mir nichts zu. Wenn mir eine Sache zuwider war, dann war es der Wettkampf, das Messen mit anderen, die ich mir immer weit überlegen sah. Vor jeder Sportstunde das Bangen, wie groß würde das Übel der bevorstehenden Qualen werden, welche Art von Schmach würde ich diesmal erleben. Am meisten fürchtete ich Bodenturnen und Stangenklettern.
Wenn es zum Schwimmen ging, wusste ich meistens schon vorher bescheid und war auf das Schlimmste vorbereitet. Ringe konnte ich noch problemlos vom Grund ertauchen, Kraulen lernte ich nie, bis heute nicht. Irgendwann war ich klug genug und habe bei manchen Folterübungen schlicht meine Teilnahme verweigert. Meinen fassungslosen Sportlehrer hat das jedes Mal ein Stück seines Weltbildes gekostet, nur zu gerne quittierte er meinen Ungehorsam mit der Note 6. Damit war ich von meinen ansonsten erkämpften Leistungen ohnehin nicht sehr weit entfernt. Irgendwann versuchte er nicht mehr, mich zu überreden.
Ich kann bis heute wie gesagt weder kraulen noch bei jedem Schwimmzug mit dem Gesicht untertauchen, aber ich gehe jetzt freiwillig in ein Schwimmbad, ich schwimme Brust. Ich habe mir ein Abo geholt und kann in der ganzen Stadt sooft und solange ich will, hemmungslos Schwimmen gehen. Ich gehe drei Mal die Woche, meistens mittags, da ist am wenigsten los. Das nächstgelegene Schwimmbad ist ziemlich alt, nicht ganz sauber, ich grusele mich ein bisschen. Das Personal ist genauso lustlos wie die Spinnweben an den Decken und die Kalkpfützen auf den beigen Fließen. In Frankreich herrscht Badekappenpflicht. Als ob das nicht genug wäre, sind aus hygienischen Gründen nur enganliegende Badehosen erlaubt. Noch kurz durchs Anti-Fußpilz-Becken waten und dann ab ins Wasser.
Das Becken ist wie folgt unterteilt:
Ganz rechts ist ein breiter Streifen, dort plantschen die Rentner und weniger ambitionierte Hobbyschwimmer. Es folgen drei gleichermaßen schmale, von Plastikketten unterteilte Bahnen. Die Nächstgelegene ist für etwas zügigere Schwimmer, die aber leider immer von einem betagten Rückenschwimmer ausgebremst und zu gewagten Überholmanövern gezwungen werden. Dann kommt die Rennbahn. Die Profischwimmer schaufeln sich hier vom eigenen Ehrgeiz zu Höchstgeschwindigkeiten gepeitscht durchs Wasser. Ganz links ist reserviert für Schwangerschaftsgymnastik. Ich habe Angst vor ihren Bäuchen, meistens bin ich ganz rechts - man kennt sich mittlerweile - oder eine Bahn weiter, wenn zu viele alte Frauen unter Wasser Fahrrad fahren. Sie werden dabei von ihren männlichen Altersgenossen angeflirtet und so bei der Beinarbeit gestört.
Ich schwimme also dann unterbrochen von kurzen Pausen meine Runden, überhole den Rückenschwimmer, der sich ständig am Chlor verschluckt, und hüte mich, den rücksichtslosen Sportlern in die Quere zu kommen. Das Wasser wird immer weicher und gnädiger. Irgendwann wird mir ein bisschen schwindelig. Mit tauben Muskeln schaffe ich es aus dem Bad und jage die frische Luft in meine Lungen. Ich fühle mich wie neu geboren.