Heimweh, Fernweh, Selbstweh.
Es ist schon seltsam, wenn man merkt, dass das Gefühl nicht auftritt, wenn man da ist, wo man seinetwegen hinmöchte und sich dann, einmal ebendort angekommen, in ein Gefühl wandelt, welches einem von ihr wegtreibt. Ihretwegen pendeln wir zwischen Heimweh und Fernweh, zwischen vermissen und erhoffen, zwischen Altem und Neuem. Die Heimat.
Man wird nicht schlau aus ihr, aber die Distanz, die Abwesenheit, ermöglicht vielleicht ein Blick auf ihr Wesen, ihre Struktur und Beschaffenheit, die uns trägt und prägt, wo immer wir sind, auch wenn wir sie nicht mögen, auch wenn wir sie verunglimpfen, verteufeln und vermeiden. Doch sie bleibt immer da, mal als Anhaltspunkt, mal als Differenz, mal als Erinnerung. Zu lange von ihr weg und das Zurückkommen fällt schwer, ein Gefühl von Scham und Fremdheit breitet sich aus. Vielleicht ist es die Angst, sich mit dem auseinander zu setzen, was länger verborgen, nicht sichtbar war als Fundament des neuen, unbeschwerten Selbst. Oder ist es die Angst, dass dieses andere Selbst entdeckt, entborgen und entzaubert wird? Oder gar die Angst, in der Fremde verloren zu haben, was einem vielleicht doch gerade ausmacht?
Einmal zurückgekommen in die Heimat bettet sie sich nach einer Zeit wieder ein, man wird wieder das alte Selbst, sie ist wieder anwesend und versteckt sich in einem. Die Scham des Fernbleibens verschwindet damit, genau so wie die Bedeutung von Heimat erblasst; Sie rückt sich aus dem Licht des Besonderen, wird diffus und unverständlich, man wird selbst wieder zu dem, was man aus der Fremde Heimat genannt hat, wohlig warm, unverfremdet und diffus.
Es scheint, als ob erst in der Fremde die Heimat zu dem wird, was sie ist: Zu einem Ort der Identität und als solche Ort der Auseinandersetzung, Ort der Verhandlung, Ort der Ablehnung, Ort der Liebe, Ort der Erkenntnis. Erst da wird der Verrat klar, den man beim Verlassen dieser begeht, jener Verrat der nötig ist, um verstehen zu können, was seine Identität ist, um zu verstehen zu können, was Identität überhaupt ist.
So offenbart sich für mich der Teil meines Ichs, mit Hilfe dessen ich verstehe, was ich bin. Meine Identität ist die Heimat, von der ich wegrücke, die Heimat meines alltäglichen Ichs die sich nicht zeigt, wenn ich mich nicht entferne von mir selbst. So ist das Verstehen meiner Abwesenheit Zeiger des Anwesenden in mir.
Es treibt mich immer vorwärts, weg von Bekanntem, Beschützendem, Bewahrendem, nur um zu verstehen, was uns beschützt, bewahrt und bekannt macht, mit uns selbst. So lange ich das nicht verstehe, werde ich weiter gehen, weiter als viele, weiter weg von mir, um zu sehen, zu verstehen, was näher am Menschen ist, was uns am eigensten ist und uns so einzigartig macht, wie wir sind. Weg von Dogmen, Regeln, Normen, weg vom Moment, von der Zeit, weiter Weg als der Raum es unseren Körpern ermöglicht, weiter weg von all den Dingen die sich in uns und unserem Alltag heimisch fühlen. Erst in der Distanz zur eigenen Heimat wird offenbar werden, was uns als Mensch konstituiert. Erst da wird klar zu sehen sein, was geworden ist und erst da sehen wir, was werden wird.
Mit diesen Randgängen zu uns, treffe ich wider allen Vermutens eine Art geistige Heimat an, eine Identifikation mit meinem Wesen als dem Projekt des Identifizierens, der Lust des Verstehens, der Freude am Suchen. Es ist das Projekt der Auflösung meiner fortwährender Heimat, Auflösung des Ichs, des Uns, des Wir im Dienste des Verstehens.