Mich erwartete etwas, das als Workshop angekündigt war. Damit war schon einmal klar, dass eine gewisse Arbeit von mir verlangt wird, ein aktiv Sein, ein sich selber einbringen, eindringen in den Raum, ihn zusammen bespielen, ihn zusammen herstellen. Auch oder besonders mit dem eingeladenen Kunstwerk von Pauline Boudry und Renate Lorenz, mit dem es in Austausch zu treten galt. Und damit verschränkt irgendwie mit meinem selbst gemachten Anspruch, in Austausch mit anderen Teilnehmer_innen zu treten. Ebenfalls mit dabei waren nicht nur einige meiner Freunde, sondern auch selbstproduzierte hohe Erwartungen an das Format Bossing Images. Aber eigentlich war mir völlig unklar, was genau auf mich zukommt.
Sanft und easy beginnend, auf der Tribüne im sicheren Rahmen als Zuschauer/-hörer_in platziert, stellte sich bereits eine erste Herausforderung, als es darum ging in den Bühnenraum hineinzutreten, der durch die inszenatorische Eingriffe als (Haupt)Ort des Geschehens markiert war. Das Setting: zwei grosse Pflanzen, eher diffus-schummrig farbiges Licht (in der Erinnerung: orange – (gift)grün), eine Sofaecke mit zwei Ständerlampen am Rande und eine grosse Fläche im Zentrum bestehend aus unterschiedlich weichen Matten, belegt mit Zeitungspapier, das bei jeder noch so kleinsten Bewegung geraschelt hat. Die Auf-/ Er-Regungen, die mit dem Rascheln entstanden (und gleichzeitig oft weiteres Rascheln mit sich zogen) haben es mir zeitweise erleichtert, das Gefühl zu haben, in den Raum eintreten zu können, daran teilzunehmen oder vielleicht auch einfach darin unterzugehen. Wenn viel geraschelt wurde, spielten meine Bewegungen (und die damit verbundenen akustischen Äusserungen) keine grosse Rolle. In den mehrheitlich stillen Momenten allerdings, fiel jegliches Tun mehrfach ins Gewicht. Das Gefühl, sich in einem Raum zu befinden, der dafür gemacht ist, zu beobachten und beobachtet zu werden, wurde besonders akustisch erzeugt oder verstärkt: das omnipräsente Zeitungsgeraschel bei jeglicher Bewegung und die implizite Aufforderung, sich durch das Mikrophon zu äussern, das selbst Atemgeräusche hörbar mittransportiert.
Das empfand ich als hemmend (etwas zu tun oder zu sagen), störend (sich auf etwas/ jemanden konzentrieren zu können) und frustrierend (das Gefühl zu haben, die Dinge nicht zu verstehen). Gerne hätte ich die eingespielten Video-Audio-Informationen verstanden, gerne hätte ich die Momente der Stille verkürzt, gerne hätte ich etwas gesagt, doch es ging nicht. Wie ein Abgleiten an einer Oberfläche, die kein Greifen zulässt. Unwohlsein oder Nervosität begleitete mich über weite Strecken. Es gab allerdings auch Momente, in denen ich mich wohl fühlte, beispielsweise während des Diskutierens in Kleingruppen, in der Beschäftigung mit den Assoziationsketten oder im regungslosen Liegen zwischen Körpern. In den Kleingruppen konnte ich mein Gegenüber verstehen. Akustisch und vielleicht noch mehr. Während des Schreibens war mir meine Position und Tätigkeit völlig klar. Und im Daliegen war der Rückzug in die Sprachlosigkeit voll ok.
Womit ich allerdings am Schluss aus dem Raum hinausging, war ein Gefühl der Frustration, auch Empörung, sicher unerfüllte Erwartungen.
Inzwischen scheinen die Erinnerungen an den Nachmittag bereits verblasst oder eher verändert – das Nachdenken darüber lässt sich nicht mehr nahtlos trennen von den gemachten Erfahrungen.
Ich empfand den Nachmittag weder als ein Reden über noch mit dem Kunstwerk, sondern als Funkstille. Gleichzeitig hat mich genau diese Frustration oder vielleicht auch Enttäuschung zu einigen Auseinandersetzungen – diskutierend, erzählend, nachdenkend, schreibend – gebracht und nachträglich erscheinen mir genau diese Gedanken um Ausstellen – Ausgestellt sein, Dis-/ Comfort, Verstehen – Verstanden werden als Dialog mit dem Video von Boudry/ Lorenz.
Aber wieso diese zeitlich-räumliche Verschiebung? Wieso immer diese verfluchte Distanz? Wieso hat es nicht im Workshopraum stattgefunden? Oder hat es? Ist es eine zeitlich-räumliche Verschiebung? Oder vielmehr ein Ineinandergleiten von Gedanken und Gefühlen die, aus diversen Gründen, nicht oder nur schwerlich als Gleichzeitiges fassbar sind und deshalb verschoben auftauchen?
Wenn ich an das Video Toxic und den Nachmittag zurückdenke, erscheint mir das Bild des nicht alle am selben Strang ziehens. Im Video wurde dies zum (inszenierten) Stilmittel, das zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Repräsentationslogiken und den damit einhergehenden Machtverhältnissen geführt hat. Aber was passiert, wenn dieses Auseinanderklaffen physisch und in einem nicht vollkommen abgesteckten Rahmen stattfindet? Wenn die Grenzmarkierungen schummrig werden und die Aussetzungsverhältnisse sich verändern? Wenn unklar ist, was getan wird und wer es tut und wieso und ob jede_r für sich oder alle zusammen oder irgendwas dazwischen?
Zahlreiche Stränge haben diesen seltsamen Raum durchzogen. Stränge, die von unterschiedlichsten Akteur_innen in diverse Richtungen gezogen wurden. Oder fallengelassen, verwebt, zertrampelt, vorangetrieben. Auch oder gerade die Stille schien mir durchdrungen davon.