Zu verkaufen
So fuhr ich los, hunderte von Kilometern mit Umwegen, da mehrere Streckenabschnitte gesperrt waren & kam endlich nach 4 Stunden an. Am Haus meiner Oma.
Bereits als ich auskuppelte und mich den Berg rollen liess, sah ich, dass ein anderes Auto dort steht. Als ich dann den Motor ausgestellt hatte & ein Blick durch das Küchenfenster werfen wollte, sah ich 2 Schilder am Vorbau "zu verkaufen".
Seit dem ich denken kann, kenne ich das Haus nur vom Erdgeschoss her, erst nach dem Tod von Opa war ich zum ersten Mal im Keller. Oma sagte damals "Ich kann das Haus nicht auf Dauer halten."
Damals, da dachte ich nicht, dass sie es ernst meint, aber mit der Zeit reflektierte ich das fortschreitende Alter, die schwere Ihrer Krankheit und dass sie auf dem Dorf nicht lange alleine leben kann.
Es war ein Schock, diese Schilder zu lesen & als ich den Blick durch das Küchenfenster warf, war keine Oma zu sehen. Als ich zur Tür ging, lag noch die Zeitung und das Wochenblatt vor der Tür. Ich klingelte. Es machte keiner auf. Sie wusste nicht, dass ich nach 1 Jahr Funkstille wieder vorbei komme. Damals, ja am 3.10.17 feierten meine Geschwister und ich bei und mit Ihr unser Wiedersehen nach über 7 Jahren.
Also, da keiner öffnete ging ich um das Haus herum, in den riesigen Garten & direkt rechts die 3 Stufen rauf. Ich sah, dass sie gerade rein ging & klopfte am Wohnzimmerfenster. Sie reagierte nicht, erst als ich an der Terrassentür hämmerte, schaute sie mich an. Sie lächelte nicht, das tat sie nie. Niemals hat sie gelächelt, immer ernst geschaut. Man konnte nur an Ihrem Blick erkennen, ob sie sich freute & das tat sie. Sie fragte mich "Wo kommst du denn her?", wie sie es immer tat.
Nein, sie sagte nie "Hallo", sie fragte immer "Wo kommst du denn her?". Kurios, oder?
Nach 5 Minuten, die wir so redeten hat sie mich umarmt & fragte wie jedes Mal "Wirst du immer größer, oder ich immer kleiner?" - wie immer antwortete ich "Oder beides" & zum ersten Mal hörte ich, wie sie leise lachte.
Sie erzählte mir, dass sie sich immer fragte, ob sie damals etwas falsch gesagt oder getan hat, dass sich keiner mehr bei ihr meldete, dabei dachte ich, dass meine Geschwister öfters sich dort meldeten. Immerhin war das so abgesprochen, es sind "nur" 100 km von denen, von mir jedoch 300km. Als ich ihr erzählte, dass ich aufgeben wollte & was dieses Jahr los war, verstand sie mich. Früher, da hätte ich direkt Schläge bekommen und wäre angeschrieen worden. Heute, da kann sie mir nicht ins Gesicht schauen, weil sie sich für all das schämt.
& am Ende, als ich nach 1 Stunde wieder fahren musste, standen wir beide bei 2 Grad Celsius draussen, beide nur im dünnem Pullover und konnten uns nicht verabschieden. Ich wusste, es ist vermutlich das letzte Mal, dass ich in dem Haus war. Dass ich 100km Landstraße fahre, am Berg entkupple, das Auto bis vors Küchenfenster rollen lasse, den Motor abstelle, durchs Küchenfenster schaue. Ich weiß, es ist das letzte Mal, dass ich am Grab vom Opa vorbei fahren werde & es wieder nicht finden werde, da es eine Waldbestattung ist. Ich vermute zu wissen, dass es das letzte Mal war, dass ich Ihr leises Lachen hörte oder gar sah, wie sie vor Freude etwas erzählte, ohne Emotionen zu zeigen. Ich vermute zu wissen, dass es das letzte Mal war, dass ich meine Oma in die Arme nahm & sie mich fragte "Wo kommst du denn her?" oder "Bist du größer geworden, oder ich kleiner?"
Ich vermute, wenn ich das nächste Mal vorrolle, wird mir jemand die Tür öffnen und sagen "Tut mir Leid, aber Ihre Großmutter ist verstorben..".
Ich weiß, wie Opa mir fehlt, obwohl ich Ihn 2005 das letzte Mal sah, ich glaube, sie wird mir genauso fehlen, auch wenn sie Fehler gemacht hat. Dennoch, sie hat Ihre Fehler eingesehen & schämt sich zu Tode dafür. Ich habe Ihr verziehen, doch es Ihr nie gesagt..
Du wirst mir fehlen.
















