Ich schiebe das Fahrrad einen Schotterweg hinauf. Das ist nötig geworden, weil sein Akku leer ist. Das ist wiederum passiert, weil ich ihn vorher zwei Stunden lang an einer öffentlichen Steckdose zu laden versucht habe, die gar keinen Strom lieferte. Jetzt hat auch das Handy keinen Strom mehr und ich möchte es an die Powerbank anschließen. Leider ziehe ich zusammen mit dem Powerbank-enthaltenden Rucksack auch das Handy aus dem Lenkerkorb (wo es aus Navigationsgründen lag). Es fällt mit dem Display voran auf den Schotterweg. Die Handyrückseite steckt in einer schützenden Gummihülle. Vorne trägt das Handy aber keine Displayschutzfolie, weil es die gleichzeitig mit dem Gerät nicht zu kaufen gab, und danach blieb es dann bei guten Vorsätzen. Der Schaden ist aber so ausgedehnt und gründlich, dass der Unfall mit Folie vermutlich nicht viel besser ausgegangen wäre. Anders als beim letzten zerbrochenen Display 2016 zeigt das Handy überhaupt nichts mehr an. Das heißt, dass mir auch das “USB on the go”-Kabel, das ich immer noch mit mir herumtrage, diesmal nicht helfen wird, denn damit ließe sich nur die Touchscreen-Funktion durch eine Maus ersetzen, nicht die Sachen-Anzeige-Funktion.
Zu Hause stellt sich heraus, dass zwar fast alle Daten automatisch anderswohin gesichert worden sind, aber eben nicht ganz alle. Es fehlen die Audioaufnahmen seit Mai 2021, die eigentlich automatisch via DropSync in meine Dropbox geschoben werden sollten. Das hat seit 2017 zuverlässig geklappt. Nur eben in den letzten Wochen nicht mehr. Außerdem ist das Tool, das ich verwende, um darin den Überblick über verschiedene wiederkehrende Dinge zu behalten (Augenentzündungen, Menstruation, Fitnessstudiobesuch, Coworkingspacebesuch) eines, das seine Daten nur lokal speichert. Die sind jetzt also auch weg. Alle Leute, die Threema oder Signal verwenden, sind wieder mal nicht mehr meine Freunde und die Chatlogs dieser Messenger sind weg, aber das wusste ich vorher und damit habe ich mich schon abgefunden. Ich ärgere mich weniger als sonst über mich selbst, weil ich glaube, dass ich alles realistisch Mögliche getan habe, um einem Datenverlust vorzubeugen. (Update: Gregor Meyer weist auf den Threema Safe hin.)
Bei nicht mehr funktionierendem Display lässt sich das Handy nicht mehr mit dem Laptop verbinden, denn dazu müsste ich auf dem Handy “USB zur Datenübertragung verwenden” aktivieren. Das Problem war schon seit längerer Zeit, dass sich diese Option nicht dauerhaft einschalten ließ, obwohl das eigentlich gehen sollte.
Wie es theoretisch geht, ist eine seltsame Magie für sich: Man drückt in den Einstellungen ziemlich oft auf “Build number”, dann heißt es nach einer Weile "You are now a developer”. Danach gibt es dann die Option “USB debugging” als Default auszuwählen. Jetzt sollte sich das Handy eigentlich ohne weitere Rückfragen mit einem Kabel an den Laptop anschließen lassen und seine Daten preisgeben. So war das früher, so ist es bei diesem Handy aber nicht. Ich musste immer ein paarmal an den USB-Einstellungen rütteln, das Handy neu starten und den Laptop neu starten, bis es dann irgendwann ging. Das rächt sich jetzt, denn ohne die Rüttelmöglichkeit geht es gar nicht mehr. Und wenn man die Einstellung “USB zur Datenübertragung nutzen” nicht aktivieren kann, funktionieren auch alle anderen ergoogelten Android-vom-Macbook-aus-Betrachtungstools nicht.
“Don't let this happen to you!”, sage ich zur Techniktagebuchredaktion, “überprüft jetzt gleich, ob a) eure Daten wirklich anderswohin gesichert werden und b) ob eure Androidhandys sich freiwillig mit dem Laptop verbinden, ohne dass ihr dazu am Handy irgendwas entsperren oder eingeben oder drücken müsst!” Man müsste wohl irgendwie, bevor ein Handy kaputtgeht, irgendwas darauf einrichten, was Fernwartung ermöglicht und es außerdem so einstellen, dass man es unter allen Umständen blind entsperren kann. Wie das gehen soll, weiß ich aber nicht.
(Update: Gregor Meyer verweist auf diesen Beitrag, in dem er bereits genau aufgeschrieben hat, was zu tun ist. Man muss sich nur rechtzeitig darum kümmern, bevor das Handy kaputtgeht.)
Später füge ich hinzu: “Ich würde ja sagen ‘don't let this happen to you, kauft euch eine Handyhalterung für den Lenker’, und das ist sicher auch eine gute Idee, aber es war nicht mein Fahrrad, und wenn ich eine Handyhalterung besäße, wäre sie nicht an dem Ort, an dem ich bin, sondern in Berlin, wo sie nichts an der Gesamtmisere ändern könnte.” Von Thomas Wiegold bekomme ich daraufhin den Tipp, mir die kleine und leichte, also fürs Immerdabeihabe-Gepäck geeignete Handyhalterung von Rubberman zu bestellen. Das tue ich umgehend, weil man aus Problemen wenigstens lernen sollte, das Wiederauftreten desselben Problems zu vermeiden. Die Rubberman-Halterung erweist sich ein paar Tage später als unnütz, weil sie nur für viel kleinere Handys gemacht ist, aber ich plane sie eines Tages mit Hilfe von zusätzlichen Gummibändern passend zu machen.
Ich bin noch unentschlossen, wie es jetzt weitergehen soll.
Dasselbe Handy in neu kostet 225 Euro.
Das Display zum Selbstaustauschen: ca. 80 Euro, aber Schwierigkeitsgrad “schwer”, also ungewisser Erfolg.
Ich könnte für etwa 20 Euro einen Adapter kaufen, den ich ans Handy anschließe und der dann einen HDMI-Ausgang und einen USB-Ausgang für eine Maus anbietet. Damit gibt es Videos zufolge den Hauch einer Chance, dass ich das Handy an ein externes Display und eine Maus anschließen und so meine Daten sichern könnte. Es klingt aber so, als wäre es eher Zufall, wenn das funktionierte. Außerdem gibt es in diesem Haushalt kein HDMI-fähiges Display.
Reparatur durch Fachleute mit Erhaltung der Daten: Gibt es das überhaupt? Ich merke, dass ich gar nicht weiß, warum man die Daten vorher sichern soll – aus eigenem Datenschutzinteresse? Oder weil die Reparaturunternehmen nicht garantieren können, dass die Daten erhalten bleiben? Oder weil sie das Handy aus Prinzip auf Werkseinstellungen zurücksetzen?
Zum Glück halte ich mich gerade im selben Haushalt auf wie das im Januar abgelegte letzte Handy, das ich jetzt einfach aus der Schublade holen kann. Es startet, ich bin also nicht ganz nackt. “Warum habe ich dieses sehr gute Handy eigentlich abgelegt?”, frage ich mich in den ersten Tagen, bis es mir nach und nach wieder einfällt.