Eine Amsel, die abends im abnehmenden Licht auf der Kante der höchsten Dachrinne sitzt, spricht mit lauter Stimme und beschallt den Hinterhof. Das passiert häufig, und ich frage mich, ob es immer dieselbe Amsel ist. Natürlich nicht, lautet die Antwort, aber was wäre so ungewöhnlich daran, wenn es doch der Fall wäre? Sind die Reaktionen, die aus den umliegenden Bäumen und Sträuchern in raumerzeugenden Schallwellen zurückkommen, ein Dialog? Oder sitzt die Amsel nur da, hochgeflogen zum letzten hellen Licht des Tages, und
deklamiert ihr Sein? Was ist es, das dort oben heraus muss aus diesem kleinen Federvieh und so laut über die unter Blätterwerk zur Ruhe gekommenen Artgenossen ausgerufen wird? Handelt es sich um einen Stammesältesten oder einen Animateur, der mit aufgeplusteter Brust die anderen in ihren verborgenen Nestern unterhält? Dann zieht sich der Himmel zu, der noch hell sein könnte, und plötzlich kann ich bei einem Regenschauer im T-Shirt auf dem Balkon sitzen ohne zu frieren und das simultane Klatschen der Tropfen auf den Lindenblättern hören. Ich kann die Meise beobachten, die unter den Blättern der Linde sitzt und abwartet, wann sie es wagen kann, gefahrlos in ihr Geburtshaus zu fliegen, das zwei Meter von mir entfernt an der Wand neben der Balkontür hängt. Die Regenwand, die herabfällt, dämmt die Geräusche der Autos, überspült den Klang der Motoren. Im Tiefkühlfach wartet ein Essen, aus dem Zimmer klingt ein Deep-Folk-Mix von Ben Watt, Donner übertönt immer wieder den Regen, die Dachrinnen unter mir laufen voll, das unterschiedliche Grün der Bäume fängt an zu glänzen, die Tropfen fallen einen halben Meter neben mir abwärts, ein feiner Nebel Feuchtigkeit besprüht meinen nackten, rechten Arm. Und dann, nach dem kurzen Grau, das die Grüntöne zum Leuchten brachte, bricht der Himmel wieder auf, das Einheitliche der Wolken löst sich auf, formiert Struktur, Gewittergrollen entfernt sich, Blau schält sich durch einzelne Wolkenflecken und das Grün, jetzt viel intensiver, fast blendet es, sättigt meinen Blick, lässt mich zufrieden aufatmen. Als hätte es den Regen nicht gegeben, werden die Autos und die Musik aus dem Zimmer wieder lauter. Und dann steigt der Geruch von nasser Erde herauf.