Da installiert man ein neues System, das allerhand Innovationen verspricht und Verbesserungen und bla… Das ist ein bisschen so wie mit den LPs, die verschwanden, als die CD kam (1982 ff), nur, dass einem heute der »alte« Mac (Plattenspieler) nichts nützt, man kommt plötzlich nicht weiter, sieht an einigen Stellen nichts mehr, wird zur Blindheit verurteilt. Überall tauchen »Meldungen« auf, dass man bald nicht mehr »unterstützt« wird. Also lasse ich mich gezwungenermaßen zum Zwang zwingen und drücke den Knopf. Jetzt also: gehorchen, lernen, kaufen, anpassen, mitgehen. Ja, gut, nicht. Musik, gut, Musik, ja, jetzt. Hilft.
Wir sind die Gleichen, und Loslassen ist die letzte Hoffnung. Wie man das Andere wird, kann man nur von Außen beschreiben (23., 24. & 25.5.2016).
Der Rabe: Die Zugfahrt hatte ihn beruhigt. Das wechselnde Licht zwischen den ländlichen Stationen, die einzelnen Bäume, die durch ihr kahlgeschlagenes Umfeld eine seltsame Bedeutung erlangten, wie er sich deutlich erinnerte, und der Rhythmus, den die Bahnschwellen in ihrer Verbundenheit mit den Schienen erzeugten, während die Räder darüberrollten, übertrugen sich auf seinen Herzschlag, der noch jetzt gleichmäßig und still sein Blut zirkulieren ließ.
Diese Welt ist sehr eigenartig, die Menschen sind anders, als sie sein sollten.
Und später verhielt es sich so, dass die trotz der Kleidung sichtbaren Tätowierungen eine eindeutige Bedeutung bekamen. Bei Bankern und Unternehmensberatern galten Zeichnungen auf den Handrücken – und waren sie noch so hässlich – als Signal des Trotzes und der Durchsetzbarkeit von Ansichten. Das Durchscheinen von klassischen Oberarmbildern durch weiße oder blaue Businesshemden galt als subtil, der Gestochene schien besonders für Aufgaben, die ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl und Improvisationsvermögen erforderten, geeignet. Gesichtszeichnungen waren nur in seltenen Fällen gewünscht: Bewerber für Managerposten mit solchen Merkmalen machten den Unternehmen zu viele Probleme, da sie, selbst wenn eine Eignung grundsätzlich positiv analysiert und eine ausreichende Intelligenz vorhanden war, zu oft zu destruktiver Individualität neigten.
Und stimmt es nicht, dass man sich ab einem bestimmten Alter und einer bestimmten Erfahrung immer häufiger in somnambule Zustände begibt, um sich auf den Tod vorzubereiten? Heißt das, dass die Vorstellung vom Übergang hinein oder der Wechsel zu einem neuen Zustand ein verschwommener ist, der vorbereiten will auf ein Danach? Huxley, der auf LSD bestand, und all das Morphium, das man den Sterbenden gibt, die ganzen Flaschen, die den Glascontainern ihre Geschichten erzählen. Übergänge in der Vorstellung, Vorbereitung aufs Schwimmen, das Somnambule als Prinzip des Vorwärtsgewandten. In meinem Zimmer haben mich viele Menschen besucht, fünf davon sind tot.
Der Rabe: Eure Träume befriedigen unsere Sehnsucht nach dem Augenblick. In der Poesie eurer Geschichten vergessen wir die Zeit, ihr Vergehen wird angehalten, jeder Schritt durch eure Traumwelten lässt uns vergessen, dass wir vergänglich sind, und nur dort, am Ort eurer Träume, in euren Bildern, können wir ein Ganzes sein. Eure allnächtlichen Visionen sind poetisch eingerichtete Erinnerungshäuser, in denen wir im Jetzt leben können – ohne Wissen, Geschichte, Angst. Das macht sie so unendlich wertvoll.
Die Zukunft und die Vergangenheit sind immer da. Niemals ist es anders. Das Hineinschreiten in den Weg, den der nächste Atemzug begleitet und die rückwärts gewandte Befindlichkeit, die sich in endlosen Vergleichen hier aufhält (weiter atmen und das seelisch Abgelagerte bebildern). Der Husch, das Hier, dies Glück, das ein- oder zwei Mal im Leben anwesend ist, ohne seine Herkunft oder seinen Weg zu offenbaren, kann vielleicht auch das Sterben sein, der Moment, in dem das Hier in das Was aufgeht (das Vorher ist der Übergang).
Eine Amsel, die abends im abnehmenden Licht auf der Kante der höchsten Dachrinne sitzt, spricht mit lauter Stimme und beschallt den Hinterhof. Das passiert häufig, und ich frage mich, ob es immer dieselbe Amsel ist. Natürlich nicht, lautet die Antwort, aber was wäre so ungewöhnlich daran, wenn es doch der Fall wäre? Sind die Reaktionen, die aus den umliegenden Bäumen und Sträuchern in raumerzeugenden Schallwellen zurückkommen, ein Dialog? Oder sitzt die Amsel nur da, hochgeflogen zum letzten hellen Licht des Tages, und
deklamiert ihr Sein? Was ist es, das dort oben heraus muss aus diesem kleinen Federvieh und so laut über die unter Blätterwerk zur Ruhe gekommenen Artgenossen ausgerufen wird? Handelt es sich um einen Stammesältesten oder einen Animateur, der mit aufgeplusteter Brust die anderen in ihren verborgenen Nestern unterhält? Dann zieht sich der Himmel zu, der noch hell sein könnte, und plötzlich kann ich bei einem Regenschauer im T-Shirt auf dem Balkon sitzen ohne zu frieren und das simultane Klatschen der Tropfen auf den Lindenblättern hören. Ich kann die Meise beobachten, die unter den Blättern der Linde sitzt und abwartet, wann sie es wagen kann, gefahrlos in ihr Geburtshaus zu fliegen, das zwei Meter von mir entfernt an der Wand neben der Balkontür hängt. Die Regenwand, die herabfällt, dämmt die Geräusche der Autos, überspült den Klang der Motoren. Im Tiefkühlfach wartet ein Essen, aus dem Zimmer klingt ein Deep-Folk-Mix von Ben Watt, Donner übertönt immer wieder den Regen, die Dachrinnen unter mir laufen voll, das unterschiedliche Grün der Bäume fängt an zu glänzen, die Tropfen fallen einen halben Meter neben mir abwärts, ein feiner Nebel Feuchtigkeit besprüht meinen nackten, rechten Arm. Und dann, nach dem kurzen Grau, das die Grüntöne zum Leuchten brachte, bricht der Himmel wieder auf, das Einheitliche der Wolken löst sich auf, formiert Struktur, Gewittergrollen entfernt sich, Blau schält sich durch einzelne Wolkenflecken und das Grün, jetzt viel intensiver, fast blendet es, sättigt meinen Blick, lässt mich zufrieden aufatmen. Als hätte es den Regen nicht gegeben, werden die Autos und die Musik aus dem Zimmer wieder lauter. Und dann steigt der Geruch von nasser Erde herauf.
Ich träume nicht: 260 Milliarden Euro Steuergelder werden in den nächsten 14 Jahren in den Ausbau deutscher Verkehrswege investiert, die Hälfte davon in den Aus- und Neubau von Straßen. Das ist viel Geld, und ich vernehme den kriegerischen Klang ökonomischer Argumente. Bald gibt es auch, ähnlich wie bei der »Abwrackprämie«, für den Kauf eines Elektroautos mehrere Tausend Euro Prämie vom Bund. Die geschätzten Gesamtkosten belaufen sich hier auf etwa 600 Millionen Euro. Ich sehe Parkplätze mit Steckdosen und immer wieder
aufgerissene Gehwege, um Stromleitungen zu verlegen. Die Kosten aus dem Abgasskandal, in den u.a. VW u.a. in den USA verwickelt ist, belaufen sich laut Presseberichten nach einem gerichtlich beschlossenen Vergleich auf 5000 Euro pro Auto. Schätzungen gehen von 580000 betroffenen Fahrzeugen in den USA aus. Das sind insgesamt 2,9 Milliarden Euro, die VW in den USA bezahlen müsste. Ich rechne viel in letzter Zeit. Bei der Vorstellung, was passieren könnte, wenn sich dies auf weitere Länder ausdehnt, fällt einem unweigerlich das »Too-Big-To-Fail«-Phänomen ein. Lobbyismus, falls das nicht passiert, ist ein weiterer systemrelevanter Begriff. »Auffälligkeiten bei Abgastests auch bei anderen Automarken« lautet ein medialer Euphemismus. Zuerst Lügen für Geld, dann Geld für Lügen. Die Fahrzeugdichte in Deutschland liegt zur Zeit bei 672 Kfz je 1000 Einwohner. Das entspricht in aller Gefühlsmäßigkeit auch meinem Eindruck. Insgesamt gibt es bundesweit über 45 Millionen private Autos, hinzu kommen knapp zwei Millionen Lkws (Quelle Kraftfahrt-Bundesamt). Laut Statistischem Bundesamt werden täglich neun bis zehn Menschen durch Autounfälle getötet (Stand 2014). Tiere sind in der Statistik nicht aufgeführt. Laut Schätzungen des Bundesumweltamtes sterben jährlich mindestens 14000 Menschen durch die toxischen Folgen der Diesel-Abgase. Doch das sind die Toten, und der Tod in seiner totalitären Konsequenz ist das Andere. Viele Hunderttausend Kilometer Straße werden von Autos befahren. Es gibt Bundesautobahnen, Bundesstraßen, Landesstraßen, Kreisstraßen, regionale Straßen. Was ist eine Straße? Eine Zäsur im natürlichen Raum zunächst; ein Verkehrsweg zum Transportieren von Lebewesen und Gegenständen von Punkt A nach Punkt B; etwas an ihren Rändern belebtes; ein meist planierter Weg zum Beschleunigen des Fortkommens und oft genug das Gegenteil, wenn seine Bebauung zum Verweilen einlädt oder eine Fahrzeugkolonne stillsteht; es gibt hässliche Straßen, die bewaldete Täler wie schwarze Wunden durchschneiden; es gibt ästhetisch neutrale Straßen, weil sie sich in agrikulturell genormte Landschaften einfügen; es gibt schöne Straßen wie den Corso Giuseppe Garibaldi in Perugia; es gibt Straßen von Meteoren, die in einem einzigen Raum erzeugenden Augenblick entstehen und verschwinden. Von meinem Balkon aus sehe, höre und rieche ich durch eine breite Lücke am Ende des großen Hinterhofs den Autoverkehr, der an einer vielspurigen Kreuzung ankommt und abfährt. Bis vor kurzem befand sich auf dem länglichen Grundstück ein Gebrauchtwagenhandel. Die Lücke soll bald durch den Bau eines Häuserblocks geschlossen werden. Dieser »Lückenschluss« beruhige auch den Lärmpegel für die Anwohner des Hinterhofs, formuliert es die Ausschreibung der Stadt für den Bau. Das wäre angenehm für mich auf meinem Balkon – wenn die Kräne und Bagger nach dem Fällen der alten Pappeln und dem Aufbau der neuen Wohnstätten wieder abgezogen sind. Die »urbane Qualität« meines Wohnortes würde steigen, zumindest, was die Ohren und Augen angeht. Dann werde ich vielleicht auch auf meinem Balkon Schönes träumen können, wie neulich nachmittags auf dem Sofa, und in andere Sphären gleiten. Der ästhetischen Qualität von Träumen liegt ja vielleicht das Bedürfnis zugrunde, Un-Wirkliches im Gedächtnis zu behalten. Eine Erinnerung daran, dass es möglich war, als Traum wirklich zu sein, das nicht war. Ich wohnte in einem zweistöckigen Haus in dessen Souterrain sich ein ehemaliger Laden befand. Es war Nacht, und meine Tochter, viele Jahre jünger als heute, und meine Frau, hielten sich oben in der Wohnung auf. Die Tochter hatte Besuch, und ich hörte sie mit ihrer Freundin herumalbern. Ich stand im Dunkel des gekachelten Ladens und öffnete die Tür. Aus der Nacht kam ein fauchendes Tier die drei Treppenstufen herunter und lief an mir vorbei. Es sprang hinter mir auf einen Absatz, der die Treppe in das obere Stockwerk begrenzte. Vermutlich standen dort Blumentöpfe. Im ersten Augenblick des Erschreckens glaubte ich, dass es sich um eine Ratte handelte und wollte das Licht einschalten, um sie zu verjagen. Doch das Tier war viel größer. Es sprang auf mich zu, und ich rang es nieder. Meine Beine umklammerten seinen Leib – der etwa den Umfang eines mittelgroßen Hundes hatte –, meine Hand an seiner Kehle drückte den Kopf nach unten. Das Maul war scharfzahnig und schnappte nach mir, aber ich konnte es in Schach halten. Panisch rief ich nach meiner Frau und meiner Tochter um Hilfe, aber niemand antwortete. Mein Eindruck war auch, dass es an der mangelnden Lautstärke lag, als würde mir die Anstrengung des Kampfes das Rufen erschweren. Das Tier sah – angesichts der schwachen Lichtverhältnisse war das nur schwer zu erkennen – wie eine große, dunkelgraue Raubkatze aus, auf deren Fell sich schwarze, pflaumengroße Punkte befanden. Sein Maul war eher spitz, wie bei einem Collie, nur katzenhafter– oder tapirhafter, aber ohne den typischen Rüssel. Die Ohren waren dreieckig und sahen ein wenig zu klein aus, sie wirkten »ägyptisch« auf mich. Das Tier kratzte mit seinen scharfen Krallen an meinem Leib, und ich hatte Angst, dass es mich verletzten könnte, ich war jedoch dick genug angezogen. Es fauchte und schnappte unentwegt nach mir, sodass ich es irgendwann erschöpft los ließ und in die Richtung der offenen Haustür stieß. Als ich mich aufrappelte und reglos in der offenen Tür stand, verharrte auch das Tier oben auf dem Bürgersteig. Im vollen Sonnenlicht stand es da, ich konnte sein Aussehen genau beobachten. Die untere Hälfte des Körpers entsprach dem grauschwarzen Katzenwesen, mit dem ich im Laden gekämpft hatte. Den Kopf abgewendet, schien es bereit zum Fortlaufen. Die obere Hälfte erinnerte am ehesten an ein Kamel, man konnte jedoch keine Höcker erkennen, weil braunrote Decken und eine Art braunes Zaumzeug darauf befestigt waren. In diesem »Sattel« saß ein strichähnliches Wesen, dessen sehr dünne Beine fast bis auf den Boden reichten. Diese Beine waren weiß, das Wesen trug schwarze Stiefel, die ihm bis über die Knie reichten. Der schmale Oberkörper schien von gekreuzten Gürteln oder Lederriemen bedeckt zu sein, vielleicht, um ein Schwert zu halten, das sich dann auf dem Rücken befunden haben muss. Darüber, auf einem dünnen Hals, saß ein sehr kleiner Kopf, der bis über das Kinn vollständig und wie ein Vorhang mit silberweißen Haaren bewachsen war, sodass nichts vom Gesicht zu erkennen war. Das nicht sichtbare Gesicht in dem seltsamen Kopf war mir zugewendet und musterte mich. Ich wurde erkannt, und es lag eine Absicht in dem Blick, der mir verborgen blieb. Das Wesen hielt seinen Rücken sehr gerade, es saß aufrecht und stolz im Sattel, die ganze Zeit mit einem Ausdruck, als wüsste es etwas, das ich nicht wusste. Als ich mich fragte, wer oder was das war, erinnerte mich das Wesen an einen Affen, dennoch war ich mir sicher, dass es sich um einen mir mindestens ebenbürtig intelligenten Körper handelte. Dann stand ich wieder hinter der verschlossenen Tür im Dunkel des Ladens, und in einem Lichtstreifen erkannte ich Kalle (meinen vor drei Jahren gestorbenen Labrador-Mix), wie er aufgeregt in den Nebenraum des Ladens rannte. Der Raum war leer, auf dem Boden lagen zwei riesige, teppichähnliche Decken aus Stoff – eine graublau, die andere braunrot –, die ihn fast vollständig bedeckten, lediglich in der Mitte, wo sie sich beinahe trafen, schimmerten bräunliche, quadratische Kacheln durch die Lücke. Kalle lag an der rechten Wand neben der Tür auf der Seite, unter seinem helleren Bauchfell bewegte sich etwas, und ich wusste, dass es sich um ein »Phantomwesen« handelte. Sein Leib zuckte, darunter trachtete das unsichtbare Ding danach herauszukommen, es wölbte auf eine »unmenschliche« Art den Körper des Hundes aus, an unterschiedlichen Stellen seines Bauches versuchten Gliedmaßen, die an Fäuste erinnerten, durch die Haut zu dringen. Der Anblick war bedrohlich und erschreckte uns maßlos, und Kalle stöhnte wie ein Mensch, der wahnsinnige Schmerzen verspürt. Wir konnten uns ganz normal unterhalten, deshalb sagte ich zu ihm: »Lass es raus, es will nur raus! Heb' die Pfoten hoch, so, ja! Aus den Armen kann es am besten entweichen.« Als Kalle die Pfoten in die Luft hob, die langen Krallen zur Raumdecke gestreckt, ahnten wir, dass das Phantomwesen auf unsichtbare Weise verschwunden war. Beide seufzten wir erleichtert. Das Licht beim Aufwachen kratzte durch die Ritzen des verdunkelten Fensters. Sein Kopf bewegte sich vorsichtig auf dem verschwitzten Kissen. Er spazierte nun bereits seit längerem durch Träume und Gedanken, die sich in ihm ausbreiteten, die ihn überfielen, wie um auf einen Stoff zu verweisen, der aus ihm heraus wollte. Das starke Gefälle, das diese Zustände hervorriefen – mal fühlte er sich rotbäckig vom Lachen, mal blass wie ein Nachtschwärmer – warf ihn häufiger aus der Zeit, er spürte dann, wie sie aus ihm heraussickerte. Als er alte Briefe aus einem Schuhkarton herauskramte und sie las, erklärte sich anfangs die Zeit, ließ sich räumlich verorten, dann verschwand sie ganz. Diese Zustände lassen sich beschreiben als Konzentration auf Eindrücke erfahrener Vorgänge, einer Fokussierung auf reines Betrachten, und als Merkmal des Zulassens von Träumen. Er irritierte seine Umgebung mit Erzählungen darüber, obwohl er in ganz normaler, vielfältiger Abhängigkeit zu ihr stand, wie sie einen Bewohner in urbaner Gesellschaft mit Freunden und Nachbarn definiert. Sein Umgang mit dieser Irritation war teils emotional mit Ausflügen in befremdende Äußerungen, teils schlicht abweisend. Eine Tür fiel oft zu. (27.10.1982: Ich bin jetzt in dieser anderen Stadt, bin in K.; dabei spielt es keine Rolle, wieviele Kilometer F. tatsächlich entfernt ist: Ich befinde mich in ganz neuer, anderer Umgebung, in der Heimat all der Leute auf der Straße, die ich nicht kenne. 17./18.1.1983: Mein Hirn lässt sich nicht abstellen, es denkt und denkt; manchmal ist es, als schälte sich die Hirnhaut ab – der Kopf wie vollgesogene Watte; und eine Empfindsamkeit für die Vorgänge – jedes Blatt, das nicht fällt, jedes Maschinengeräusch oder fremdes Krähen findet Widerhall in mir.) Er legte sich auch gerne hin, mitten am Tag, wenn er allein war, und fiel in den Schacht, an dessen Ende das Traumreservoir liegt, welches sein Gedächtnis anreicherte, wie es Büchern manchmal gelingt, und einen Zusammenhang herstellt zwischen einem Ich und den Anderen. Knausgård beschreibt in »Sterben« eine Fantasie aus seiner Kindheit, in der von dem Auto, in dem er mit seinem Vater fährt, zwei riesige Sägeblätter abstehen und zu beiden Seiten des Wagens alles kappen, woran sie vorbeifahren: Bäume, Menschen, Tiere usw. Zerstörung und Blut. Die gleiche Fantasie hatte ich als Kind ebenfalls, nur aus der anderen Perspektive. Ich musste immer vor so einem Gefährt flüchten, das jederzeit hinter mir oder hinter der nächsten Ecke zum Vorschein kommen konnte, um meinen Körper zu zerschneiden. Knausgårds Gefühl des Triumphes wegen des vorgestellten Tötens steht neben meinem Gefühl existenzieller Angst zu sterben. Zwei Perspektiven einer Fantasie, die vielleicht darauf hinweisen, dass es keine ist. Einnerungen an Zustände und ihre Abrufung aus Bildern, die dafür sorgen, dass sie im Gedächtnis bleiben, fallen mir auch oft auf Leitern ein, die ich immer wieder hinaufsteige, um Decken zu streichen oder zum Beispiel Lampen anzuschließen. Abends dann die Müdigkeit und die schweren Arme, die nicht mehr genug Kraft besitzen, um als Handlanger für den Kopf voll Gedanken zu dienen. Ich trinke dann sehr gerne Rotwein, auch wenn es warm ist wie Anfang Mai. Ich trinke die Flasche immer aus, die ich geöffnet habe. Das führt im Besonderen zu einem kurzen Rausch zwischendurch oder morgens, beim Entleeren der Reste, zu Wohlbefinden. Radfahren tut ebenso gut und transportiert Bilder, die vorbeirauschen. Und die Sonne im Mai. Das Schwitzen. Die Sätze und die Träume. Das Denken über Tod, über Träume. Zwischenwelten. Es gibt Menschen, die immer jeweils in einer Zeit leben, nur gerade dann, trotz ihrer Erinnerungen, weil sie sich blenden können, und die, denen das nicht gelingt. Ein Kind, das mit seinem Großvater spricht: Für mich ist das ein Bild, das ich nur ansehen kann, diese verwandtschaftliche Linie war abgestorben, als ich geboren wurde. Genau so wie der Vater. Beim Wegwerfen alter Äpfel erinnerte ich mich aber an meine Großmutter und an den kleinen Ofen mit der Klappe, eine kleine Öffnung, in die sie manchmal im Winter einen verschrumpelten Apfel stellte, es waren immer Äpfel, wie man sie heute wegwirft, weil sie nicht makellos sind. Sie schnitt mit einem Kartoffelschälmesser, dessen Holzgriff vom Gebrauch glänzte, Wurmlöcher oder braune Druckstellen aus der Apfelhaut. Ich erinnere mich an ihre warmen, schrundigen Hände. Nach einiger Zeit holte sie den Apfel aus dem Ofen, legte ihn auf eine Untertasse und zerschnitt ihn. Ich wollte nicht immer davon essen – ich war ein weinerliches Kind mit störrischen Eigenschaften –, aber wenn ich es tat, schmeckte es immer süßlich und mehlig. Einen »richtigen« Bratapfel, gefüllt, mit raffinierter Vanillesauce und Rosinen und Nüssen, lernte ich erst als Erwachsener kennen. Es handelt sich bei den Äpfeln meiner Großmutter heute um schlichte, alte und heiße Äpfel, deren durch die Hitze verdichtete Süße im mehligen Fruchtfleisch die Erinnerung an einen Bratapfel symbolisiert. Vieles in diesem Bild entspricht dem Bild, das ich von meiner Familie habe. Aber das Tier mit den schwarzen Pflaumenflecken wird von jeder Erinnerung verschont, seine ganze Existenz ist in den Augenblick geworfen, als Nutztier des Reiters lebt es von Schritt zu Schritt, Halm zu Halm. Ein Trost, dies träumen zu können. Und hier, wenn ich auftauche? Dann fängt Fukushima gerade an zu leuchten, und alles beginnt von vorn.
Und nun der zweite Band meiner neuen Serie »Jacobis kleine Einhandbücher«. Man kann ihn sich hier für 99 Cent als E-Book kaufen oder, als Kindle Unlimited Abonnent, umsonst lesen.
Vol. 2 der Storys, »Weinbergs Schnecke«, handelt von Helmut, einem geschiedenen Beamten, und Helmut könnte auch Horst heißen. Er macht zwar zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder Urlaub im Ausland, aber der spanische Strand allein kann ihn nicht aus seinem Kokon der selbstgefälligen Welt- und Frauenbetrachtung herausreißen. Vielleicht schafft es ja Gabriella, die sich immer ziemlich genau zehn Meter von ihm entfernt auf ein großformatiges Handtuch drapiert und öfter mal den Bikini wechselt?
Voller Freude präsentiere ich den ersten Band meiner neuen Serie »Jacobis kleine Einhandbücher«. Man kann ihn sich hier für 99 Cent als E-Book kaufen oder, als Kindle Unlimited Abonnent, umsonst lesen. Die Cover der Serie gestaltet wie immer die herrliche J., ohne die ich aufgeschmissen wäre.
Vol. 1 der Storys, »Rick Astley und die indignierte Muschi«, beschreibt hauptsächlich eine von einer eigentümlichen Peinlichkeit sowie einer sehr gekonnten Pendelbewegung bestimmte Nacht im Dezember 1987, in der Roger und Carmen nach einem Konzert im Bett landen.
Musikalisch nachvollziehen kann man die emotional aufreibende Begegnung im hohen Norden durch den hier angefügten Mix. Bei dem Auftritt der Jukka-Tolonen-Band habe ich mir die Freiheit erlaubt, ein Album zugrundezulegen, das bereits 1979 erschienen ist. Das Coste-Apetrea-Album gab es bereits 1977, das Sly-Stone-Stück ist ebenfalls älter. Die restlichen Songs stammen unüberhörbar aus den 1980ern und müssten eigentlich jedem bekannt sein. Schlimm genug!
Sensibilität wird als Schwäche betrachtet. Vertritt man einen anderen Standpunkt als sein Gegenüber, und fällt dann ein Wort wie »Mimose« oder ein Satz wie »Sei nicht so empfindlich«, dient dies einer schnellen und umfassenden Diskreditierung. Damit man still ist und die Autorität achtet (weshalb dieser Vorgang ebenso oft an die Kindheit erinnert). Empfindlichkeit ist ein Merkmal der Schwäche. Aber dann lese ich bei Karl Ove Knausgård (»Alles hat seine Zeit«), dass Schwäche schon immer »so eng mit Offenheit verbunden ist wie Stärke mit Begrenzung«. Wegen solcher Sätze lese ich Bücher. Später erinnerte ich mich daran, wie eine alte Freundin mir mal ein Bild zeigte, das sie bearbeitet hatte. Es handelte sich um einen dieser groben Gobelins aus den 1950ern, auf denen Hirsche und Rehe im Wald röhren und äsen. Hineingestickt hatte sie einen Text von Antonin Artaud (vom 1. Januar 1925, aus »Surrealistische Texte«): »Wir wissen, zu welcher gebilligten Willenlosigkeit, zu welcher Selbstverleugnung, zu welchen Lähmungen des Scharfsinns unser Leiden uns täglich zwingt. Wir bringen uns nicht gleich um. Solange man uns in Ruhe lässt.» Stärke ist im einen Extrem Töten, Schwäche im anderen Sterben.
Woraus sich Film-Fortsetzungen ableiten lassen: »Wenn ich rauskomme, bringe ich dich um«. (Brigitte Auber zu Cary Grant in »Über den Dächern von Nizza«, als sie am Ende des Films mit einer Hand an der Dachrinne hängt). Heutzutage ist so etwas eigentlich schon ein Cliffhanger, der auf die Fortsetzung verweist: Jahre später, Cary ist geschieden, Grace hat sich in ein Schloss abgeseilt, kommt Brigitte aus dem Knast und inszeniert eine neue Intrige, um sich am früheren Juwelendieb und seiner neuen Frau (weil er ja Brigittes Liebe seinerzeit verschmähte) zu rächen. Hitchcock hätte damals ziemlich sicher grunzend abgewinkt, sich aber eventuell nach der Intrige erkundigt.
Clive Owen in »Shoot 'Em Up«:»Vertrauen Sie niemals den Menschen, die am Ende profitieren, das sind die Bösen.« Es sind diese subversiven Leckereien, die so einen Film haltbar machen.
Falls mal in einem Film Tony Bennett gespielt wird, sollte man es Robert De Niro machen lassen, die Ähnlichkeit ist aus einigen Perspektiven verblüffend.
Jugend in den Siebziger Jahren: Das Desinteresse an Politik und Geschichte rührte aus der Erfahrung, dass Macht etwas Böses ist. Macht war das Kreuz der Kindheit und im Besitz der Älteren. Aus dem Grund war die Affinität zu Religiosität bzw. Spiritualität in der folgenden Zeit stärker, relevanter. Spiritualität lag damals oft im Bett, um Sex zu haben, um Liebe zu suchen, um sich als Blumenkind zu verkleiden.
Und diese wahnsinnig engen Sporthosen bei Männern!
Kate Hudson ist in »Almost Famous« so angezogen wie Robert Plant während des Livekonzerts in »The Song Remains The Same«.
Ein »Typ« ist heute nicht unbedingt mehr ein »Typ«. Sie/er könnte auch jemand ganz anderes sein.
Der Fremde ist immer der Fremde, auch in der Familie: Das Gesetz des Alleinseins.
Es geht immer um die Spielregeln. Besonders in den höheren Klassen.
»Fast And Furious 5«: In Filmen funktionieren Dinge, die in Büchern nicht funktionieren: Warum ist Vince genau im richtigen Moment auf dem Gemüsemarkt, um Mia zu retten? Es wird vorausgesetzt, dass man das schon okay findet. Es kann ja nur ein einfaches Motiv sein, und das kann man sich vorstellen aufgrund der Erfahrung, die man hat. – Verkürzung zur Schnelligkeit.
Da das Osterfest naht und dann das beliebte Spiel mit den Eiern beginnt, hielt ich es für eine gute Idee, die Erzählung mal auf lau anzubieten. Eine Werbemaßnahme! Zwischen dem 25.3. und 28.3. kann man sich das Buch hier umsonst herunterladen.
Ausnahmsweise poste ich heute zum Musik-Mix ein Fremdfoto (Urheber war leider nicht zu ermitteln). Die Aufnahme muss Mitte der 1970er-Jahre entstanden sein und zeigt die dänische Band »Shit & Chanel«. Selbstbewusstsein, Lässigkeit, Schönheit, Humor (man beachte auch die Kerze und die davor liegende Purpfeife) perfekt komponiert.
Der Brief Violettas an ihren Mann Paul ist Teil meiner Erzählung Armin und die Lektorin.
Ich wünsche Euch an diesem kalten Sonntag lustvolle, wärmende Freude bei der Lektüre.
Düsseldorf, 7. Mai 2014
Lieber Paul,
es tut mir so leid, dass ich erst jetzt dazu komme, dir zu schreiben. Du bist bestimmt schon wahnsinnig gespannt, was ich erlebt habe. Aber ich hatte so dermaßen viel zu tun, dass ich nicht wusste, wo mir der Kopf stand. Hier ist der schönste Frühling ausgebrochen, jeder, der ein Stündchen Freizeit hat, sitzt draußen, seit die Cafés ihre Terrassen geöffnet haben. Die Kundinnen belagern meine Boutique, als hätten sie alle leere Schränke. Diese Woche war ganz einfach furchtbar. Von morgens bis abends stehe ich im Geschäft, um die Düsseldorfer Damen hübsch zu machen. Frau Dr. Fenchel, und du weißt, bei ihr ist die größte Liebesmüh verlorene Zeit, ist allein dreimal gekommen, um immer wieder Unterwäsche und zwei Sommerkleider zu tauschen. Angeblich gefiel ihrem pensionierten Chirurgen nichts davon. Unterwäsche, ich bitte dich! Immerhin sah sie noch einigermaßen aus – die Unterwäsche, mein Lieber –, was man bei ihrer Konfektionsgröße nicht unbedingt voraussetzen kann. Na ja! Bei manchen der Damen ist die Beratung vergebene Liebesmüh', aber ich kann mich nicht beschweren, schließlich zahlen sie anstandslos die Preise.
Aber heute ist Sonntag und endlich kann ich mein Versprechen einlösen und dir von meinem Abend mit Helen erzählen. Ich kann vom Tisch aus die Lilien bewundern, die du mir geschickt hast. Vielen Dank, mein Schatz, du bist so reizend. Sie duften ganz wunderbar und sehen in der weißen KPM-Vase hinreißend aus. Ich sitze frisch gebadet in meinem Fischbacher Bademantel aus Seide bei einem Gläschen Chardonnay von Sala auf dem Rokoko-Stuhl am Sekretär. Ich weiß nicht, hältst du ihn nicht mittlerweile auch für ein bisschen altmodisch? Und wirklich bequem kann man ihn auch nicht nennen. Vielleicht sollte ich mir etwas Schlichteres zulegen. Ach, wahrscheinlich ist das nur der Frühling, man möchte sich dann immer verändern, nicht wahr! Aber in Wahrheit herrscht eine so zauberhafte und entspannte Atmosphäre in meinem Boudoir, dass ich dir jetzt schreiben kann, um von Helens Besuch zu berichten.
Ich hatte dir ja bereits erzählt, dass sie wunderhübsch ist. Sie war schon damals, während unserer gemeinsamen Studienzeit die begehrteste Frau unter den Kommilitonen. Wenn ich an all die jungen Männer denke, die nie eine Chance bei ihr hatten, mein Gott, die armen Kerle! Vermutlich hätte sie es ihnen einfacher gemacht, wenn sie gesagt hätte, wie es um sie steht. Aber das hätte ihr zuviel Spaß verdorben, wie sie immer sagte.
Als sie dann relativ pünktlich vor meiner Tür stand, staunte ich, wie gut die Jahre, die seitdem vergangen sind, mit ihr umgegangen sind. Sie sieht viel jünger aus als ich, und so alt bin ich nun auch wieder nicht, oder? Untersteh' dich, jetzt etwas Falsches zu denken! Kaum Falten, nur einige um die Augen, und ihre Grübchen machen ihr strahlendes Lachen, mit dem sie mich begrüßte, nach wie vor unwiderstehlich. Sie ist groß, etwa 1,78m und trägt Größe 36. Du weißt sehr wohl, dass ich das aufgrund meines Berufes gut abschätzen kann. Sie trug einen weiten, in Grüntönen gemusterten Rock von Lena Hoschek zu einer halbtransparenten Seidenbluse, die ihre 75c sowohl verbargen, als auch betonten. Raffiniert! Dazu goldene No-name-Sandaletten, die perfekt mit ihren sonnengebräunten Füßen und Beinen harmonierten. Passend dazu war sie im Ombré Hairstyle in Blond- und Dunkelblondtönen frisiert, mit Powerwellen, die ihr wie absichtslos auf die Schultern fielen. Sie muss bei ihrem Coiffeur ein Vermögen lassen! So ein edles Hippiegirl hast du garantiert noch nie gesehen!
Du hast mich ja aufgefordert, »kein Detail« auszulassen – aber über die Begrüßung und unseren kleinen Imbiss, den ich von Saittavini besorgt hatte, lässt sich nichts Aufregendes berichten. Wir haben in der Küche gegessen und uns später nach vorn gesetzt, auf das breite Sofa. »Mädchen, die schnattern«, würdest du bestimmt sagen. Wir mussten ja erstmal ein paar Jahre Informationen austauschen. Ich erzählte von dir, und wie glücklich ich mit dir bin, und von einigen unserer Reisen. Stell' dir vor, sie war auch schon auf Bora Bora! Nur ein Jahr vor unserer Reise. Aber von Kalifornien hat sie es ja auch nicht ganz so weit wie wir von Düsseldorf. Sie fragte mich, warum wir keine Kinder hätten. »Du meine Güte, wer hat denn dafür noch Zeit heutzutage«, beichtete ich ihr. Helen meinte, sie sei einmal fast soweit gewesen, sich befruchten zu lassen, als sie einige Jahre mit dieser Künstlerin in New York gelebt hat. Inzwischen liebe sie aber ihr Singledasein, wie sie sagte.
Dann machten wir es uns auf dem Sofa gemütlich. Sie bewunderte die Einrichtung und lobte meinen Geschmack, wodurch ich mich auf warmherzige Art bestätigt fühlte. Schließlich lebt sie in New York! Sie war so selbstbewusst und zuvorkommend! Ich hatte auf dem Esstisch alles für die Zubereitung perfekter Martinis bereitgestellt, so, wie du es mir beigebracht hast: eisgekühlte Gläser, Cocktail-Shaker, Oliven, Eiswürfel, Gin, trockener Martini. Helen war begeistert und lachte ständig, als sie mich bei der Zubereitung beobachtete.
Nach zwei Gläsern schwelgten wir in den guten alten Zeiten. Sie fragte mich, ob ich nach ihr noch weitere lesbische Beziehungen gehabt hätte, und ich gestehe, ich war ein wenig peinlich berührt, aber auch aufgeregt, als ich sagte, dass sie die Einzige und Letzte gewesen sei, mit der ich diese Erfahrungen geteilt hätte. Mir war gar nicht mehr bewusst, dass wir fast zwei Jahre während unseres Studiums zusammen gewesen waren. Heute vergeht die Zeit ja viel schneller als damals, nicht wahr! Irgendwann fragte ich sie, ob sie sich noch an "Ally" erinnern könnte. »Machst du Witze?« prustete sie los und zog "Ally" aus der Handtasche. Ich bin fast in Ohnmacht gefallen, als ich den cremefarbenen Gummidildo sah, mit dem sie schelmisch lächelnd vor meinem Gesicht herum wedelte. Dann kreischte ich los, Helen kreischte noch mehr, und es dauerte eine Weile, bis wir uns wieder beruhigt hatten. Ich weiß gar nicht mehr, wann uns der Name eingefallen ist. Irgendwann hieß der Dildo einfach so. Helen meinte, ich hätte den Namen erfunden. »Weil man seinem Lieblingsspielzeug gerne einen niedlichen Namen gibt, oder nicht? Mädchen geben ihren Puppen Namen, kleine Jungs ihren Rollern. Männer geben sogar ihre Autos Namen.« Wir erinnerten uns daran, wie wir "Ally" einmal nachkaufen mussten. Helen hatte sich mit "ihr" auf der schleudernden Waschmaschine vergnügt und sie im Eifer des Gefechts auf dem daneben stehenden Herd abgelegt, wo gerade ihre köstliche Kartoffel-Möhren-Sekt-Suppe vor sich hin köchelte. Als sie wieder bei Sinnen war, stellte sie fest, dass "Ally" dicht neben der Herdplatte lag und dabei war zu schmelzen. Wir kicherten und kicherten. Und jetzt lag die gute alte "Ally" neben Helens brauner Gucci-Handtasche auf dem Couchtisch.
Nachdem wir eine Weile geschwiegen hatten, um wieder zu Atem zu kommen, sagte sie mir, wie froh sie sei, mich wiederzusehen. Sie blickte mir dabei tief in die Augen und mein Bauch wurde ganz warm. Dann beugte sie sich plötzlich vor und küsste mich sehr weich auf die Lippen. »Stört es dich?« fragte sie. »Nein«, stotterte ich aufgeregt, »es ist nur schon so lange her.« Dann schwiegen wir wieder einen Moment, während ihre Hand an meinem Hals liegen blieb und diese empfindliche Stelle unter dem Ohr streichelte. Du weißt genau, welche Stelle ich meine, stimmt's?
»Weißt du noch, wie wir uns immer gegenseitig die Haare entfernten?« fragte Helen mich Augenblicke später. Natürlich konnte ich mich daran erinnern! Heutzutage hilfst du mir dabei ja so gerne, mein Liebster. Mein Herz klopfte erneut laut bei ihrer Frage, und als sie weiter bohrte und wissen wollte, ob ich das immer noch tun würde, nickte ich bloß mit dem Kopf. »Ich mach' das schon einige Zeit nicht mehr. Hast du kürzlich mal Fotos von Madonna gesehen? Unrasierte Achselhöhlen sind wieder en vogue. Zurück zur Natur, könnte man sagen, und nicht nur bei den Butches ist das jetzt total angesagt. Überall sprießen plötzlich die Haare, als seien wir wieder in den Siebzigern.« Ich war schon mehr als leicht angetrunken und hob spontan den Saum ihres Rocks, weil ich es nicht glauben konnte. Der Mut der Trunkenen, nicht wahr? Helen spreizte lächelnd ein wenig ihre Beine. Ich konnte kurze dunkelbraune Härchen sehen, die sich an den Rändern ihres aprikotfarbenen Tangas lockten, der mit kleinen Herzchen bedruckt war, die sich farblich wunderbar vom Stoff abhoben. Erinnere mich bloß daran, dass ich recherchiere, wo man die bestellen kann! Hastig ließ ich den Saum wieder fallen, auch, weil mir der kleine feuchte Fleck in der von einem offenbar kräftigen Busch gewölbten Mitte nicht entgangen war. Ich setzte mich aufrecht hin und hielt mich an meinem Y-shaped-Glas fest. Ich kann dir verraten, dass ich nicht nur angetrunken war, sondern auch zunehmend erhitzter und erregter wurde. Ich war froh, den Büstenhalter von Aubade mit den harten Schalen zu tragen, weil meine geschwollenen Brustwarzen sich bereits seit Minuten gegen den Stoff pressten.
Ach, mein geliebter Engel, verzeihst du mir, wenn ich kurz Pause mache? Mein Gedächtnis überschwemmt mich mit Bildern von Helen, von ihrem Körper und ihrem Geruch, und ich bin so erhitzt, dass ich…
So, ich bin wieder bereit. Entschuldige, aber ich wollte nicht, dass die wunderbare Seide des Bademantels in Mitleidenschaft gezogen wird und bin kurz ins Bad gegangen, um mich auf dem kühlen Rand der Wanne zu beruhigen. Es hat nicht lange gedauert, Schatz, aber ich wünsche mir wirklich, dass du bald zurückkommst. Helen hat »Ally« wieder mitgenommen, und ich selbst bin mir nicht genug, auch wenn es schön ist, jetzt etwas konzentrierter die weiteren Ereignisse schildern zu können.
Helen war schon damals während unserer Beziehung eine große Verführerin und hatte mir einmal gesagt, dass man bei mir nur den richtigen Knopf finden müsste, um mich "rumzukriegen". Ist das wirklich so, Liebster? Jedenfalls wusste sie noch genau, wie das bei mir funktioniert. Als ich aufstand, um den Rest aus dem Shaker in unsere Gläser zu verteilen, spürte ich plötzlich ihren Körper hinter mir. Sie lehnte sich leicht an mich, ihre weichen großen Brüste streichelten meinen Rücken, und ihre Hände, die sich auf die Rückseiten meiner Oberschenkel gelegt hatten, bewegten sich langsam nach oben. Dabei schob sie den dünnen Stoff meines weißen Fabiana-Filippi-Kleids über die Hüften und knabberte vorsichtig an meinem Ohrläppchen. Ihre Hände legten sich warm über meine Pobacken und drückten sie zärtlich. Ich konnte ihren Atem hören, der in mein Ohr blies und zitterte vor innerer Aufruhr. Mein Körper muss geglüht haben.
»Bleib so«, flüsterte sie. Natürlich blieb ich so! Ich konnte mich kaum rühren, so gelähmt war ich von der allumfassenden Erregung und Unsicherheit, die sich meiner bemächtigt hatte. Ihre Hand glitt zart über die Ränder meines Slips, unendlich geduldig und forschend, strich wieder über die Haut meiner Schenkel nach unten und fuhr an deren Innenseite wieder hoch, um quälend lange kurz vor dem Ziel zu verweilen.
Wenn du dich so mit mir beschäftigst, mein Herz, ist es jedes Mal herrlich, das schwöre ich dir. Aber bei Helen stimulierte mich auch die Erinnerung, die lange Zeit, die es her war, dass ich diese Hände und diesen Körper gespürt hatte. Und ich wollte sie jetzt, mit Haut und Haaren! Das Gefühl der Unsicherheit hatte sie mit ihren zärtlichen Händen vertrieben.
Ich schob die Utensilien auf dem Tisch forsch beiseite und beugte meinen Oberkörper bis auf die Tischplatte. Meine gespannten Brüste kosteten lustvoll die Berührung mit dem Holz aus. Dann endlich berührte sie mich dort, wo ich die größte Hitze fühlte. Ihre Finger streichelten sehr zart über den hauchdünnen Stoff meines Slips und pressten ihn dann mit einer plötzlichen Heftigkeit in meine Spalte, dass ich aufschrie vor Wonne. Dann zog sie mir den Slip rasch über die Beine, ich konnte seine Feuchtigkeit an meinen Schenkeln spüren. Helen umfasste mit festem Druck meine Fersen und schob das nasse Nichts über meine Stilettos von Manolo Blahnik, die du so bewunderst, wenn du mich in dieser Position nimmst. Danach ließen wir alle Hemmungen fallen, wie du dir vielleicht vorstellen kannst. Ich stöhnte heftig, als ihre Hände meine Pobacken spreizten und sie ihr Gesicht an mein Allerheiligstes presste. Ich hörte sie schlürfen und schmatzen, während sie meine glatte Spalte mit ihrer flinken Zunge umspielte und immer wieder in meine Nässe hineintrieb. Es dauerte nicht lange, bis mich ein erster Höhepunkt erschütterte. Ich muss dabei meine Fingernägel so heftig in die Tischplatte gekrallt haben, dass später zwei Kratzer zu erkennen waren. Ich habe sie aber mittlerweile mit Leinöl behandelt, und es ist so gut wie nichts mehr zu sehen! Dann drehte ich mich erschöpft um, ich wollte das Gesicht meiner früheren Geliebten sehen.
Helen rutschte an meinem heißen Leib nach oben, ihr Haar war auf hübsche Weise zerzaust und verlieh ihr eine überaus bezaubernde Wildheit. Sie zog mir das Kleid über den Kopf und küsste mich mit einer Inbrunst, die ihrem Aussehen durchaus entsprach. Ihre Lippen waren nass von meinem Saft, und von ihrer Zunge, die tief in meinen Mund eindrang, tropfte Speichel. Sie versuchte, während des Kusses meinen BH zu öffnen, und ich beugte mich vor, um ihr zu helfen. Nichts wollte ich in dem Augenblick mehr, als meine Brüste zu befreien, um sie ihren heißen Händen darzubieten. Sie zog ihren Kopf zurück und begann hektisch, sich selbst aus ihrer Kleidung zu schälen. Endlich waren wir beide vollkommen nackt. Helen sah einfach umwerfend aus, ich bin sicher, sie hätte dich ebenso wie mich mit ihrem Anblick erfreut und erregt. Schmale Schultern, schmale Hüften, flacher Bauch, lange Beine, große, volle Brüste mit dunkelbraunen Warzen, die fast der Farbe ihrer glühenden Augen glichen.
Du kennst mich so gut wie niemand anderes, mein Geliebter, und es ist ja nicht so, dass ich übertrieben schamhaft wäre, aber einige Details kann ich dir ganz einfach nicht mehr so genau beschreiben, weil ich zu diesem Zeitpunkt wie im Rausch war. Du weißt, Liebling, in gewissen Situationen bin ich so erregt, dass ich nichts mehr höre oder sehe. Hast du mir nicht schon oft gesagt, wie sehr dir meine Lustschreie gefallen? Und habe ich dir nicht jedes Mal verblüfft gesagt, dass ich sie selbst gar nicht höre? So war es auch mit Helen.
Aber ich erinnere mich noch gut daran, wie wir irgendwann aufs Sofa fielen, ich erinnere mich daran, wie sie sich auf mich legte und mich mit ihrer Zunge und »Ally« gleichzeitig beglückte. Ich konnte, bevor ich ihren Geschmack kostete, den Anblick ihres Schoßes genießen. Sie hatte es wirklich ernst gemeint mit dem Nachwachsen lassen, ihre Vulva war von einem kräftigen Busch bewachsen, selbst an den Seiten ihrer Muschi und des Damms sprießten die Haare. Ihr Schokopförtchen, wie du es immer nennst, war von feinen Härchen umkränzt. Lange konnte ich mich dem Anblick aber nicht hingeben, denn während Helen meine Beine entschlossen so weit zurückbog, dass meine Knie sich in meine befreiten Brüste drückten und sie »Ally« so tief in mich hineinschob, dass ich den Atem anhalten musste, setzte sie sich mit ihrem Schoß auf mein Gesicht.
Sie schmeckte köstlich, ich habe ihren Geschmack früher schon gern gemocht. Es gibt ja manchmal Dinge an anderen Körpern, die nicht unbedingt der Zunge und Nase schmeicheln. Helens Schoß schmeckt nach gesalzenen Mandeln, Erbsen und bitterem grünen Tee. Und du weißt ja, wie gern ich Erbsen mag! Sie riecht nach Muscheln und Moschus und einer Spur des Feigen-Confits, mit dem du mich manchmal verwöhnst. Sie stieß ihre Spalte fordernd gegen meine Lippen, die sich bereitwillig öffneten. Helens Klitoris ist groß, viel größer als meine, ich konnte mit den Lippen ihre Erhebung umstülpen und ihre üppige Perle züngeln. Ihr Schoß bewegte sich nach einigen Augenblicken so heftig und hin und her schwingend über meine Lippen, dass meine Zunge jeden Zentimeter ihrer bewachsenen Spalte schmeckte. Der Moschusgeruch wurde stärker, erdiger, ihr Schamhaar war nass von meinem Speichel und ihrer überbordenden Lust, und nachdem sie sich noch einige Male auf meinen Lippen gewunden hatte, kam sie mit einem tiefen Seufzer und fiel zwischen meinen Beinen erschöpft auf das Sofa. »Ally« hatte sie zwischenzeitlich in mir vergessen, und als wir uns langsam aufsetzten, zog ich sie aus mir heraus. Der Anblick des glänzenden Dildos brachte uns wieder zum Lachen.
Wird dir eigentlich langsam auch ein bisschen heiß, mein Liebster? Du musst mir unbedingt erzählen, wie du dich beim Lesen gefühlt hast. Wenn ich mir vorstelle, wie du einsam in deinem Londoner Hotelzimmer sitzt und meinen Brief studierst, würde ich schon jetzt am Liebsten bei dir sein, damit wir uns gegenseitig verwöhnen könnten. Deine lange Abwesenheit ist diesmal wirklich quälend, trotz Helens einmaligem Besuch. Denn sie musste leider schon am nächsten Tag wieder zurück in die Staaten und konnte nicht länger bleiben. Ich habe sie natürlich zum Flughafen gefahren. Beim Abschied lagen wir uns minutenlang in den Armen und haben schmerzliche Tränen vergossen.
Aber die Nacht hat sie nach unserem »Wiedersehen« natürlich hier verbracht. Warum hätte sie auch in ihr Hotel fahren sollen? Im Anschluss an unsere Tisch- und Sofaeskapade haben wir uns in aller Ruhe ein langes Bad gegönnt, mit frischen Getränken auf dem Wannenrand. Ich habe die Flasche Krug geöffnet, die wir noch im Weinkühlschrank liegen hatten, ein geeigneter Moment, meinst du nicht auch? Wir unterhielten uns über belanglose Dinge, beruhigt vom Abflauen der ersten Erregung, einander gegenübersitzend und Champagner schlürfend.
Bereits nach dem zweiten oder dritten Glas überschwemmte uns erneut die Lust. Helens Brüste schwammen auf der Oberfläche des Wassers, und ihre harten Brustwarzen stachen zwischen den Resten des Schaums heraus wie zwei freche braune Kobolde. Entschuldige, wenn ich ein wenig albern klinge, aber genau so habe ich es gefühlt. Ermutigt von ihrem Blick, mit dem sie meine wiederkehrende Hitze kommentierte, hob ich einen Fuß aus dem Wasser und kniff mit den Zehen einen ihrer Nippel. Sie revanchierte sich, indem sie einen ihrer Füße zwischen meine Schenkel schob und erfolgreich mit einem perfekt rot lackierten Zeh in mich eindrang. Du kannst dir denken, dass wir Augenblicke später aus der Wanne heraus waren. Als wir uns gegenseitig mit den großen, pistazienfarbenen Handtüchern abrubbelten wurde offensichtlich, dass wir nicht alle Stellen trocken bekommen würden. Unsere Finger und Zungen waren so verspielt und getrieben von wiedergefundenem Entdeckungsdrang. Unser Seufzen und Stöhnen schwoll aufs Neue an, aber diesmal war ich es, die nach einigen Augenblicken innehielt und sagte: »Warte!«
Ich holte das Massage-Zitrus-Öl aus dem Badeschrank, nahm Helen an die Hand und führte sie ins Schlafzimmer. Ich hatte vor ihrem Besuch die violette Satinbettwäsche aufgezogen, weil ich auf alles vorbereitet sein wollte – und die dir, mein Schatz, leider nicht gefällt (denk' nicht, ich würde so etwas nicht bemerken). Ich brachte den Kandelaber zum Leuchten, der unser großes Bett in ein so sanftes Licht taucht. Ich forderte Helen auf, sich bäuchlings auf das Bett zu legen und legte »Ally« vorsorglich neben sie. Dann begann ich mit der Massage. Zuerst ölte ich großzügig ihren Rücken ein, der schmal, aber gut trainiert ist, mit schlanken Muskelsträngen, die neben ihrer Wirbelsäule herablaufen. Danach beschäftigten mich ihre Beine und die Füße. Sie genoss still und seufzte nur ab und zu.
Ihren Po hob ich mir bis zum Schluss auf. Mir war inzwischen wieder gewärtig, dass Helen sich mit »Ally« damals auch sehr gern woanders vergnügte, und ich wollte ihr den Gefallen tun, vor allem, nachdem ich ihr im Bad bereits zwei Finger geschenkt hatte, an denen sie vorher ausgiebig gesaugt hatte. Ihre Pobacken sind rund und fest, mit kleinen niedlichen Fältchen am unteren Rand, fast wie bei einem kleinen Mädchen. Ich tröpfelte Öl in ihre Spalte und verrieb es zärtlich über ihren Damm und Anus. Einmal beugte ich mich vor, nahm eine meine Brüste in die Hand und streichelte sie dort mit meiner harten Brustwarze, was ihr ein befriedigendes Stöhnen entlockte. Nachdem ich sie zuerst mit zwei, dann mit drei Fingern vorbereitet hatte, ließ ich »Ally« den Rest übernehmen. Jetzt weiß ich wieder, was dir an diesem Anblick so gefällt, wenn du mich auf diese Weise glücklich machst, Geliebter! Alles liegt so offen vor einem, und die Gerüche, die aufsteigen, benebeln die Sinne. Helen hockte nun auf den Knien, schrie in das Kissen und stieß ihren Po gegen meine Hand, die das Ende von »Ally« umklammerte. Mit einer Hand, die sie unter ihren Bauch geschoben hatte, rieb sie sich in immer schnellerem Tempo, und als sie schließlich zitternd kam, ließ ich den Dildo los, der mit einem Seufzen, wie mir schien, aus Helen entwich und auf das Laken fiel.
Herrlich, nicht wahr? Es ist auf diese Weise, mit einer Frau, und ich sage das nicht, um dich in irgendeiner Art zu verletzen, so weich, so zutiefst verständlich und gleichzeitig unglaublich erregend. Aber vielleicht belüge ich mich auch ein bisschen (denn ich habe kein Bedürfnis, mit einer anderen Frau ein ähnliches Vergnügen zu suchen), und es kommt mir nur so vor, weil ich mich während der Nacht mit Helen immer mehr an unsere gemeinsame Zeit damals erinnerte, an unsere Hemmungslosigkeit, Sorglosigkeit und Hingabe. Jeder Geruch, selbst der des Schweißes in ihren Achseln, rief Bilder hervor, die mich an ein unbeschwertes Leben erinnerten. Als die Zukunft noch unbestimmt war und das Leben im Hier und Jetzt stattfand. Kannst du das verstehen?
Ach, Liebster, ich hoffe, du genießt diesen Brief und freust dich auf die mündliche Fortsetzung, denn meine Hand ist jetzt ganz verkrampft und kann nicht mehr schreiben. Helen und ich sind in dieser Nacht kaum zum Schlafen gekommen, so viel Lust war in uns, das kannst du dir mittlerweile vielleicht ganz gut vorstellen. Auf den Rest der Erzählung muss ich dich vertrösten, bis du wieder hier bist und mir zeigst, was sie DIR bedeutet.
Der bittere Geschmack des letzten Schlucks, bevor das Glas in die Küche getragen wird, die Aschenbecher geleert, das Licht gelöscht und der kurze Gedanke abgeschlossen, ob die Zähne geputzt werden oder nicht, ein Blick durch das nasse Fenster auf die dunkle, leere Straße, wo ein langer Fadenregen harten Teer reflektiert, die tropfenden Bäume mit ihrem kahlen winterlichen Geäst, nackte, schwarze Fenster, und das Gefühl bloßer Fußsohlen auf Holzdielen, die Hände, zu weichen Fäusten geballt, in den Hosentaschen und ein Bündel unterschiedlichster Gedanken, verklebt wie ein Knäuel nasser Wolle: Der Briefkasten unten im Haus ist ein wenig versprechendes Orakel, zu dem ich den Schlüssel besitze; vielleicht finde ich gleich einen geeigneten Abschnitt in dem Buch, das ich lese und einen Übergang zum Schlaf, in den sich neue Gedanken mischen, die, wie immer plötzlich, gänzlich verschwinden, um bewusstlos in Schwärze zu versinken, bis surreale Bilder als Träume auftauchen; warum hat mich der Junge verraten, mit dem ich im Winter 1963, hinter einem niedrigen Gartenzaun versteckt, Schneebälle warf? Am nächsten Tag wurde mir vorgeworfen, ich hätte einem vorbeifahrenden Auto eine Scheibe eingeworfen, dabei reichte die Kraft meines Wurfarms noch nicht, um die Fahrbahn zu erreichen; in der Küche brennt noch ein dünnes Licht über dem Herd, ich werde gleich hingehen und es löschen.
Auf der Suche nach den kleinsten Dingen finden sich immer kugelförmige Objekte, die eine Kraft besitzen, die sich in ihr Gegenteil verkehren kann. Vielleicht ist jede dieser Kugeln mit den Möglichkeiten ausgestattet, die auch unserem und allen anderen Planeten zur Verfügung stehen. Das Gajahafte einer Kugel ist immerhin offensichtlich, und ebenfalls, dass die Räume, je weiter nach Innen geschaut wird, immer größer werden.
Manchen Menschen sieht man eine Traurigkeit über ihre Endlichkeit an.
Der sukzessive Blick in den Fluss, der plötzlich stehen bleibt und ein Gleichgewicht offenbart.
Beim täglichen Blick in Zeitungen: Politik ist Ordnung zur Macht – und Bürgermeistergewese.
Handys. Die Intimität in der Öffentlichkeit: Es ist schon Intimität, aber nicht mehr Öffentlichkeit. Dies Wegschauen und -hören gab es schon lange vorher. Selbstgespräche unter Taubstummen.