Wir sind die Gleichen, und Loslassen ist die letzte Hoffnung. Wie man das Andere wird, kann man nur von Außen beschreiben (23., 24. & 25.5.2016).
Der Rabe: Die Zugfahrt hatte ihn beruhigt. Das wechselnde Licht zwischen den ländlichen Stationen, die einzelnen Bäume, die durch ihr kahlgeschlagenes Umfeld eine seltsame Bedeutung erlangten, wie er sich deutlich erinnerte, und der Rhythmus, den die Bahnschwellen in ihrer Verbundenheit mit den Schienen erzeugten, während die Räder darüberrollten, übertrugen sich auf seinen Herzschlag, der noch jetzt gleichmäßig und still sein Blut zirkulieren ließ.
Diese Welt ist sehr eigenartig, die Menschen sind anders, als sie sein sollten.
Und später verhielt es sich so, dass die trotz der Kleidung sichtbaren Tätowierungen eine eindeutige Bedeutung bekamen. Bei Bankern und Unternehmensberatern galten Zeichnungen auf den Handrücken – und waren sie noch so hässlich – als Signal des Trotzes und der Durchsetzbarkeit von Ansichten. Das Durchscheinen von klassischen Oberarmbildern durch weiße oder blaue Businesshemden galt als subtil, der Gestochene schien besonders für Aufgaben, die ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl und Improvisationsvermögen erforderten, geeignet. Gesichtszeichnungen waren nur in seltenen Fällen gewünscht: Bewerber für Managerposten mit solchen Merkmalen machten den Unternehmen zu viele Probleme, da sie, selbst wenn eine Eignung grundsätzlich positiv analysiert und eine ausreichende Intelligenz vorhanden war, zu oft zu destruktiver Individualität neigten.
Und stimmt es nicht, dass man sich ab einem bestimmten Alter und einer bestimmten Erfahrung immer häufiger in somnambule Zustände begibt, um sich auf den Tod vorzubereiten? Heißt das, dass die Vorstellung vom Übergang hinein oder der Wechsel zu einem neuen Zustand ein verschwommener ist, der vorbereiten will auf ein Danach? Huxley, der auf LSD bestand, und all das Morphium, das man den Sterbenden gibt, die ganzen Flaschen, die den Glascontainern ihre Geschichten erzählen. Übergänge in der Vorstellung, Vorbereitung aufs Schwimmen, das Somnambule als Prinzip des Vorwärtsgewandten. In meinem Zimmer haben mich viele Menschen besucht, fünf davon sind tot.
Der Rabe: Eure Träume befriedigen unsere Sehnsucht nach dem Augenblick. In der Poesie eurer Geschichten vergessen wir die Zeit, ihr Vergehen wird angehalten, jeder Schritt durch eure Traumwelten lässt uns vergessen, dass wir vergänglich sind, und nur dort, am Ort eurer Träume, in euren Bildern, können wir ein Ganzes sein. Eure allnächtlichen Visionen sind poetisch eingerichtete Erinnerungshäuser, in denen wir im Jetzt leben können – ohne Wissen, Geschichte, Angst. Das macht sie so unendlich wertvoll.
Die Zukunft und die Vergangenheit sind immer da. Niemals ist es anders. Das Hineinschreiten in den Weg, den der nächste Atemzug begleitet und die rückwärts gewandte Befindlichkeit, die sich in endlosen Vergleichen hier aufhält (weiter atmen und das seelisch Abgelagerte bebildern). Der Husch, das Hier, dies Glück, das ein- oder zwei Mal im Leben anwesend ist, ohne seine Herkunft oder seinen Weg zu offenbaren, kann vielleicht auch das Sterben sein, der Moment, in dem das Hier in das Was aufgeht (das Vorher ist der Übergang).
Eine Amsel, die abends im abnehmenden Licht auf der Kante der höchsten Dachrinne sitzt, spricht mit lauter Stimme und beschallt den Hinterhof. Das passiert häufig, und ich frage mich, ob es immer dieselbe Amsel ist. Natürlich nicht, lautet die Antwort, aber was wäre so ungewöhnlich daran, wenn es doch der Fall wäre? Sind die Reaktionen, die aus den umliegenden Bäumen und Sträuchern in raumerzeugenden Schallwellen zurückkommen, ein Dialog? Oder sitzt die Amsel nur da, hochgeflogen zum letzten hellen Licht des Tages, und
deklamiert ihr Sein? Was ist es, das dort oben heraus muss aus diesem kleinen Federvieh und so laut über die unter Blätterwerk zur Ruhe gekommenen Artgenossen ausgerufen wird? Handelt es sich um einen Stammesältesten oder einen Animateur, der mit aufgeplusteter Brust die anderen in ihren verborgenen Nestern unterhält? Dann zieht sich der Himmel zu, der noch hell sein könnte, und plötzlich kann ich bei einem Regenschauer im T-Shirt auf dem Balkon sitzen ohne zu frieren und das simultane Klatschen der Tropfen auf den Lindenblättern hören. Ich kann die Meise beobachten, die unter den Blättern der Linde sitzt und abwartet, wann sie es wagen kann, gefahrlos in ihr Geburtshaus zu fliegen, das zwei Meter von mir entfernt an der Wand neben der Balkontür hängt. Die Regenwand, die herabfällt, dämmt die Geräusche der Autos, überspült den Klang der Motoren. Im Tiefkühlfach wartet ein Essen, aus dem Zimmer klingt ein Deep-Folk-Mix von Ben Watt, Donner übertönt immer wieder den Regen, die Dachrinnen unter mir laufen voll, das unterschiedliche Grün der Bäume fängt an zu glänzen, die Tropfen fallen einen halben Meter neben mir abwärts, ein feiner Nebel Feuchtigkeit besprüht meinen nackten, rechten Arm. Und dann, nach dem kurzen Grau, das die Grüntöne zum Leuchten brachte, bricht der Himmel wieder auf, das Einheitliche der Wolken löst sich auf, formiert Struktur, Gewittergrollen entfernt sich, Blau schält sich durch einzelne Wolkenflecken und das Grün, jetzt viel intensiver, fast blendet es, sättigt meinen Blick, lässt mich zufrieden aufatmen. Als hätte es den Regen nicht gegeben, werden die Autos und die Musik aus dem Zimmer wieder lauter. Und dann steigt der Geruch von nasser Erde herauf.