Februar 2021
Die elektrische Postkarte
Nach dem Tod meiner Mutter suche ich eine Möglichkeit, um mit meinem Vater in Kontakt zu bleiben. Das Telefon scheidet aus, weil wir es beide gleich ungern benutzen. Er führt ein weitgehend analoges Leben, deshalb kommt auch nichts in Frage, wofür man einen Computer, ein Smartphone oder ein Tablet bräuchte. WLAN ist in seinem Haus aber vorhanden, damit Besucher nicht völlig von der Zivilisation abgeschnitten sind.
Ich denke an einen digitalen Bilderrahmen, über den ich ihm gelegentlich Bilder aus meinem Leben schicken kann. Eins pro Tag, ein paar kommentierende Sätze dazuzuschreiben wäre schön. Ein Antwortkanal ist nicht erforderlich; es geht hauptsächlich darum, ihn daran zu erinnern, dass er 500 Kilometer weit weg noch ein Kind hat, auch wenn er das seltener trifft als die Kinder, die in der Nähe wohnen.
Die langwierige Recherche ergibt, dass sich die digitalen Bilderrahmen des Jahres 2020 nicht für meinen Zweck eignen. Sie spielen eine Endlosschleife der Bilder ab, die man in den Speicher geladen hat. Man kann sie aber nicht aus der Ferne aktualisieren.
Ich hätte das Techniktagebuch genauer lesen sollen, da war die Lösung schon 2017 beschrieben.
Stattdessen erfinde ich das Rad neu und finde es runder: Ich kaufe ein billiges Android-Tablet, das fortan auf dem Küchentisch meines Vaters steht. Im riesigen Angebot an Digital Signage Software finde ich eine, die ich ohne Programmierkenntnisse bedienen kann. Für den einen Bildschirm, den ich bespielen will, ist sie sogar kostenlos. Derartige Systeme werden üblicherweise für Bildschirme in Hotellobbies, Kantinen oder Restaurants eingesetzt.
Damit schicke ich meinem Vater jeden Tag ein Foto und ein paar Zeilen – wir nennen es die „elektrische Postkarte“. Wenn wir dann gelegentlich doch miteinander telefonieren, haben wir gleich ein Gesprächsthema.
(Alina Smithee)



















