Deutsches Theater Berlin

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Deutsches Theater Berlin
Heiner Müller, Zement (r. Dimiter Gotscheff / Münchner Residenztheater, 2013)
Heiner Müller - Zement
Direction: Dimiter Gotscheff
Scenography / Costumes: Ezio Toffolutti
Light: Gerrit Jurda
Residenztheater, Munich
2013
Anton Tschechow - Iwanow
Director: Dimiter Gotscheff
Scenography: Katrin Brack
Light: Hennig Streck
Volksbühne-am-Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
2005
"Ich rede selten über mich, ich schweige lieber gern ..." Das letzte Interview des Regisseurs Dimiter Gotscheff
"Ja, offensichtlich ist der Raum, einer der wenigen Räume, wo man seinen eigenen Tod spüren kann, wo man auch sein Glücksgefühl äußern kann, wo die Zeit spürbar ist. Und wir versuchen, manchmal auch schlau, Kompromisse zu machen, auch, damit wir auch unser Leben sozusagen verlängern. [...] Und das Schweigen ist, ja, der Anfang der Kreativität. Bevor das Wort kommt, ist was anderes da - die Notwendigkeit, dann etwas zu sagen oder laut zu sagen, ist eine Geburt. Man bricht das Schweigen, wo man im Schweigen viel, viel gesammelt hat auch."
Deutschlandradio Kultur - dradio.de: Theater als "heiliges Ritual" (21.10.2013)
Mitko
Meine Herrschaften #7
Herr Gotscheff, ein Kritiker hat einmal geschrieben, Sie seien die einzig rechtmäßige Witwe des Schriftstellers Heiner Müller.
Gotscheff lugt skeptisch hinter seiner silbergrauen Mähne hervor, dann lacht er mit rasselnder Lunge los:
„Das ist gut! Haha, wer war das, wer hat das gesagt?“
Leider vergessen. Aber sagen Sie, was treibt sie an, dass sie es 18 Jahre nach Heiner Müllers Tod immer noch als ihre Lebensaufgabe sehen, seine Texte auf die Bühnen zu bringen? Ist sie das etwa, diese berühmte wahre Freundschaft?
„Vielleicht? Seine Texte lassen mich einfach nicht los. Aber denken Sie, das wäre alles ein Dienst an Müller? Nein, es ist ein Dienst an uns selbst.“
Herrlich geht es schon los, an diesem Nachmittag im Kantinengärtchen des Münchener Residenztheaters. Der Großregisseur sitzt mit der selbstverständlichen Eleganz des Revolutionärs auf einer Bierbank und raucht. Gotscheff spricht mit dem legendären bulgarischen Akzent, der aber klarer und weniger gelallt klingt, als bei den Gotscheff-Imitationen, die in Deutschlands Theaterkantinen zahlreich zum Besten gegeben werden. Eigentlich möchte man sofort auch so sprechen können.
Mitko, wie ihn alle hier, außer mir selbst, nennen, ist gut gelaunt, amüsant, amüsiert, und doch auf seine Weise ernst und verbindlich. Ganz wie seine Inszenierungen. Da herrscht auch ein permanentes Ringen zwischen Ironie und Wahrheit, zwischen Pop und Pathos.
Erst vor zwei Wochen hat Gotscheff „Zement“ auf die Bühne gebracht, Müllers großes, dramatisches, traumatisches Revolutionsstück. Und er hat es wieder als ganz großen Klassiker erzählt, so wie es sich Müller gedacht hat. Müller wie Schiller wie Goethe wie Shakespeare wie Aischylos.
Gotscheff denkt gerade in sich hinein, dann schmunzelt er.
„Es gibt eine sehr schöne Anekdote von ihm, die hat er öfter erzählt. Da war der Müller in New York und auf einer Brücke sieht er eine große Menschenmenge, die um eine Zigeunerin herumsteht, welche den Leuten aus der Hand liest. Als er dran ist, schaut sie seine Hand an und dann guckt sie zu ihm auf und sagt: Mister, Sie machen etwas wie Shakespeare.“
Ist die Geschichte wahr?
„Es ist wahr, dass er sie erzählt hat.“
Mensch, nun sitzt Du also mit Gotscheff und sprichst über Heiner Müller. Ganz ehrlich: Ich habe diese Kolumne dazu missbraucht.
Damals in Berlin bin ich ständig auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, der neben meiner damaligen Redaktion lag, herumgerannt. Nicht dass ich übermäßig morbide wäre, jedenfalls nicht mehr als für einen Österreicher notwendig, aber man konnte dort in Ruhe rauchen, telefonieren, nachdenken. Und all das zwischen den Gräbern von Bertolt Brecht, Heinrich Mann, Herbert Marcuse und sogar dem des alten Hegels. Aus irgendeinem Grund stand ich dann doch immer bloß an
Müllers Grab, wo jemand einen Aschenbecher angebracht hatte. Es soll Leute geben, die dorthin kommen, um mit dem ehemals passionierten Zigarrenraucher Zwiesprache zu halten. Auf eine Havanna mit Heiner Müller. Das hätte was, aber ich rauche Zigaretten, das geht ja nicht.
Man müsse die Toten immer und immer wieder ausgraben, hat Müller geschrieben. Ich bin nicht sicher, wie sehr er das auf sich bezogen hat und auf etwaigen Pilgerverkehr zu seiner Grabstätte.
Aber das alles ist auch nicht notwendig, denn Müller hat Mitko, der damals im real existierenden Sozialismus bloß Regisseur geworden war, weil Müller ihn dazu aufgefordert hatte. Und seinen Schriftstellerfreund seit dessen Tod durch Krebs 1995 immer und immer wieder ausgräbt und ausgräbt. Und zwar auf den großen Bühnen des Landes.
Egal ob Mitko, also Gotscheff, ein Stück von Büchner inszeniert, von Tschechow oder von Alfred Jarry, er packt die Stücke mit Texten von Müller voll und macht ein Müllerstück daraus. „Leonce und Lena“ von Müller. „Iwanow“ von Müller. „König Ubu“ von Müller.
Herr Gotscheff, wieso brauchen wir Müller heute noch?
„Müllers Texte sind – so sage ich immer – Geröll. Man kann damit arbeiten, man kann sich daran abarbeiten. Man kann und man muss Müller mit Büchner lesen, mit Brecht, mit Hölderlin und mit Sophokles. Wir begegnen ihm heute in seiner Sprachgewalt, wie er auf die Substanzen zugeht, auf die Zeit, die Personen, die Geschichte, das fordert mich heraus. Es ist eine große Herausforderung, erst für mich und die Schauspieler, dann an das Publikum.“
Bloß – ist er denn noch zeitgemäß?
„Er ist nicht zeitgemäß, sondern immer auf eine andere Weise gültig. Seine Texte haben etwas, das mir bei den heutigen Dramatikern fehlt. Es ist das Substanzielle.“
Ist er für sie nur noch in seinen Texten präsent, oder auch als Mensch, als Freund?
„Ich vermisse ihn sehr. Mal mit ihm einen Whiskey zu trinken, oder viele Whiskeys, und seine Witze anzuhören, Sie müssen wissen, er war der beste Witzerzähler.“
Gotscheffs Dramaturgin, die bis eben still daneben gesessen hat, muss nun auch etwas sagen. Nämlich dass Müller auch bei den Proben präsent sei und sich sogar einmischen würde. Mitko spräche mit Müller während der Proben sogar manchmal. Gotscheff lächelt.
„Ja, irgendwie ja. Er hat mir auch manchmal zugenickt, wenn ihm etwas besonders gefallen hat.“
So, nun wird es aber etwas sehr gefühlsduselig. Aber hey, Du sitzt ja auch mit einer Art Apostel, das muss so sein.
Die Geschichte der beiden hat auch fast etwas Neutestamentarisches. Müller, der damals schon ein wichtiger Dramatiker der DDR war, Sozialist und doch regimekritisch, lernte den jungen Gotscheff in den 60ern in Ost-Berlin kennen. Der kehrte aber wieder nach Bulgarien zurück und übersetzte und inszenierte dort unter anderem Müllers Werke – bis er Berufsverbot erhielt. Müller wandte sich damals in einem Brief an ihn und schrieb ihn regelrecht zurück. In diesem Brief stand dieser große Satz über das Theater, der einen heute noch ergreift: „Wenn die Diskotheken verlassen und die Akademien verödet sind, wird das Schweigen des Theaters wieder gehört werden, das der Grund seiner Sprache ist.“
Auch Mitko hat solche wichtigen Sätze über das Theater gesagt, aber auf seine Weise. Zum Beispiel diesen: da probten sie den „Iwanow“ an der Volksbühne und ein Schauspieler fragte ihn, wie denn wohl der Wald aussehen würde, in welchem er dann in der Aufführung stehen würde. Da soll Gotscheff gebrüllt haben: „Was für ein Wald, Du Idiot? Wald ist im Kopf!!“
Wald ist im Kopf. Mehr muss man über Gotscheffs Theater nicht wissen. Die Künstlerin Karin Brack hat seinen Inszenierungen in entsprechende Bilder umgesetzt. Mit wehendem Rauch, mit Konfetti, mit Luftballons, mit bunten Schlafsäcken – die allesamt eine Welt erschaffen, die erst im Kopf des Publikums zusammengesetzt wird.
Herr Gotscheff, der Satz ist genial, haben Sie den so gesagt?
„Ich erinnere nicht, aber er ist genial, also sagen wir, ich habe ihn gesagt.“
Rassellachen. Dann denkt er nach und wischt die Silbersträhnen aus seinem Gesicht.
„Aber den wirklich wichtigsten Satz hat schon Müller selbst gesagt: Der Mund entsteht mit dem Schrei. Das habe ich immer im Hinterkopf, wenn ich an einem Müller-Stück meißle.“
Vor einigen Jahren habe ich übrigens die tatsächliche Witwe Heiner Müllers getroffen, die Künstlerin Brigitte Maria Mayer. Ich saß in Ihrer Kreuzberger Küche und sie erzählte von ihrem Mann, den sie ja nur ein paar Jahre hatte. Aber von einem ganz anderen Müller. Zum Schluss hin, erzählte sie damals, habe er ihr eine Liebeserklärung auf einen Zettel geschrieben.
„In Deinen Augen grau, wächst meine Kindheit, stirbt mein Tod.“
Schöne, aber eigentlich unmüllerische Zeilen. Als ich von Gotscheff, der in einem leichten Regen sitzen blieb und weiter rauchte, wegging, erinnerte ich mich wieder daran.
Und dachte mir: Tod ist im Kopf, Du Idiot.