GLAUBENSBEKENNTNIS oder VIELFALT, VERNUNFT & VINYLVERGLEICHE
Demnächst werde ich mal wieder umziehen. Packen, Putzen, Pizza, dann Auspacken, Autopilot, Alkohol. Mir grauts jetzt schon davor. Nicht zuletzt wegen all der Bücher - über Jahre angehäuft und mit irgendeinem Wundermittel geimpft, das mich zusammenzucken lässt, sobald ein Gedanke an "Wegschmeißen" oder ähnliches Entsorgen mein Hirn streift.
Ich hoffe, irgenwann nach dem Umzug milde darüber lächeln zu können. Also frühestens 6 Monate später, wenn endlich alle Bücher wieder sortiert und in Regale geordnet sind.)
Aber in einigen Jahren werde ich ganz sicher darüber lachen können. Ja, ich bin davon überzeugt, mein Hirn beim nächsten Umzug bereits so umprogrammiert nachjustiert zu haben, dass ich nur noch die mir wertvollsten Bücher in das nächste Haus schleppen werde. Der Rest an Lesestoff wird mit mir auf einem ca. 100 g wiegenden Gerät umziehen. Und ich werde gar nichts Zusammenzuck-Würdiges mehr daran finden.
Ja, auch ich hätte noch vor ein paar Jahren alle ausgelacht, die mir erzählen wollten, dass das Elektro-Buch sich durchsetzen wird. Dass man statt eines "richtigen" Buches eine Art Bildschirm in der Hand haben wird, mit dem man womöglich auch noch telefonieren, Nachrichten schreiben und im Netz surfen kann. Dass es keine Verlage mehr brauchen wird. Vielleicht hätte ich diesen Leuten einen Vogel gezeigt, sie für verrückt erklärt und sie nicht einmal mehr als Umzugshilfe um mich haben wollen.
Heute glaube ich fest an eine Revolution das Ende des verlagskontrollierten Publizierens.
Ich begeistere mich für die Optionen, die das Wegfallen der Verlage innerhalb der literarischen Verwertungskette eröffnen wird. Allein die Gewinne an Geschwindigkeit und Demokratie! Menschen statt Verlagsindustrie! Kunden statt Gatekeeper! Was das literarische Niveau in den Verkaufsbestsellerlisten ganz gewiss nicht anheben wird. Aber den Markt befreien für Debütanten und Nischen. Für eine aufregende und (global zugängliche!) Vielfalt.
Auch ich mag den Geruch von Bibliotheken und Antiquariaten. Liebe es, ein gut gebundenes Buch in den Händen zu halten, aufzuschlagen, wirklich zu besitzen. Und dennoch (und weil mir dieses Gefühl ja bleiben wird) glaube ich an den Triumphzug elektronischer Bücher. Daran, dass er spätestens seit diesem Jahr ganz sicher nicht mehr totzusagen ist. Was mit technischen Möglichkeiten zu tun hat und revolutionär überarbeiteten Herangehensweisen an Information. Und mit Vernunft.
Denn abgesehen von unzähligen Umzugskartons erinnere ich mich (inzwischen milde lächelnd) an die Wochen an der Uni, in denen die Hausarbeiten zu schreiben waren. Als Hundertschaften von Studierenden bereit schienen, für gewisse Exemplare aus der Universitätsbuchhandlung zu töten. Wie sollte ich es nicht vernünftig nennen müssen (und nicht zuletzt ressourcensparend), zumindest auch Elektro-Bücher zu lesen und wissenschaftlich mit ihnen zu arbeiten?
Es wird vieles revolutionieren: angefangen vom Urheberrecht, dem Kontakt zu Autoren bis hin zum Umfang von Büchern. Und ganz sicher wird mich nicht alles immer nur begeistern. Und doch wird es mein Leben gleichzeitig bereichern (Lesestoff!) und aufräumen (Umzugskartons! Platz im Regal!).
Für einige scheint es zu einer geradezu religiösen Entscheidung zu werden, Elektrobüchern von Vornherein zu entsagen. Und nicht zuletzt deswegen wird wie für Vinylschallplatten auch für Papierbücher weiter ein eigener Markt überleben können. Den ich dann vor meinem übernächsten Umzug mit einem Großteil meiner Papierbücher bereichern werde. Deren Inhalt (und auf den kommt es doch an!) dann locker in den Umzugskarton mit den Kinderfotos, Liebesbriefen und Verlagsabsagen passt.