via Ralf Michaels
Ellipse
1.
Die heilige Ellipse, das Bild sendet heute einer der Quacks, that's gone to the dogs, der ehemalige Passauer Klavierspieler und jetzige Direktor des MPI in Hamburg, der boldige und baldige, schnelle Ralf, einer der Sekretäre vorliegender Zettel.
Das ist der Lesesaal, ein Kreissaal in der Bibliothek, über deren Gründer ich gerade forsche. Immer wieder treffen sich dort Juristen, jetzt offensichtlich Ralf und ein paar Kollegen. Die Geschichte des Hauses kenn ich gut, habe sogar das Fotoalbum (kopiert), das Aby Warburg seinen Brüdern schenkt, den Verkaufsvertrag an den Mann von Marietta (nicht Auer, aber Warburg), die bisher unpublizierten Protokolle der berühmten Sitzung vom August 1929 ("Wir, die Brüder..."). Das alles wird mehr oder weniger Teil eines Buches. Am besten forscht man immer zu seinem Thema. Warburg ist mein Thema, weil er eine Bild- und Rechtswissenschaft entwickelt hat für das, was Ino Augsberg Sprachkrisen nennt, was man aber auch Bildkrisen, Rechtskrisen oder sogar Kritische Theorie nennen kann. Ich finden Krisen auch nicht schön, sie sind aber Alltag, da kenne ich mich a bisserl aus.
Warburg sieht darin das Sekret und das Triviale, das Hohe und das Niedrige. Die Krise ist eine Ellipse, zum Beispiel, ein elliptisches Kreisen, das sich strecken (sogar wie im Bild von Ralf Michaels, gerade ausstrecken kann, also solle sich etwas entspannen), und das sich stauchen kann. Je nach Streckung oder Stauchung bauen sich Wellen auf oder ab, ein Oszillator schlägt dann in unterschiedlichen Frequenzen aus. Sabine Müller-Mall weist in ihrer Literatur darauf hin, dass Performanz nie erledigt ist, nie erledigt wird. Wellen bedrängen mal stärker, mal weniger stark.
2.
Spätestens mit Leibniz' Differentialrechnung sind Falten zwar immer noch Verwerfungen, können aber trotzdem ordentlich sein. Kurven können immer noch krümmen, aber trotzdem rechte Linien ziehen. Und umgekehrt geht es auch. Spätestens seit dem Barock macht es mathematisch betrachtet wenig Sinn, das Recht als Norma oder Regula (Rectanguläres Operationsfeld) gegen das Recht als Reigen oder Regen so auszuspielen, dass nur das einedavon affirmiert und nur das andere negiert und nur das eine oder das andere affimiert/negiert werden soll. Spätestens seit dem Barock und kolonialer Seefahrt ist der Unterschied zwischen Stabilität und Instabilität eine Pathosformel, also das, was ein Gegensatz in der Rhetorik auch früher schon sein konnte, eine figur oder ein Schema. Weil Leser auf meine Forschung mal nervös und mal gelangweilt reagieren, weil sie einmal denken, ich würde mir was ausdenken und zurechtzimmer, dann wieder sagen sie, das sei altbekanntes Wissen, glaube ich nicht nur, dass wir einem achronologisch geschichteten Material aufsitzen, dem wir triebhaft, mal mehr mal weniger federnd und federnlassend verflochten sind. Darum glaube ich, dass wir an manchen Tagen Zeitgenossen der Neandertaler, dann plötzlich von Werner Heisenberg, dann vielleicht Hildegard von Bingens und dann wieder Theo Lingens sind. Noch die gerade Gegenwärtigen sind Zeitreisende, die in heterochronischen Zeitfahrzeugen unterwegs sind. Man denkt, man sei gleichzeitg im Raum, wenn andere mit einem im Raum sind, ist man aber nicht. Man ist nie gleichzeitig mit anderen irgendwo, nicht einmal mit sich selbst zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Der Alltag funktioniert ja auch so ganz gut, vor allem wenn man mit Kulturtechniken umgehen kann.
Warburgs Wissenschaft macht seltsame Zeitreisen, Zeitschleifen, mal spricht Warburg von großen Fortschritten und winzigem Wiedersehen, dann wieder vom großem Wiedersehen und winzigen Fortschritten. Ich möchte daraus eine Kritik am Dogma der großen Trennung entwickeln, also das tun, was ich eh jeden Tag tue. Mit Freude sehe ich, dass die Bastionen derer, die glauben, ich sei einfallsreich und verrückt kleiner werden und die Insel derer, die mir vertrauen und das Dogmatische darin sehen, größer werden. Dogmatik ist Erfahrung, das ist Pendelstrecke, das streckt und staucht sich. Wenn man überhaupt einmal schlauer wird, dann nur hinterher. Ungewissheit ist eine Chance, kein safe space, gecancelled wird im Ungewissen so hart wie im Gewissen, so weich geht es im Ungewissen zu, wie im Gewissen, die Linien tragen und trachten jeweils anders.
Der Saal wurde von den noch lebenden vier Brüdern Warburg nach dem Tod von Aby Warburg an den Ehemann von Marietta Warburg verkauft, das war die erstgeborene Tochter und ihr Mann war katholisch, damit war das Haus gesichert. Die Warburgs haben sich, man kann es erklären, muss es aber nicht, im Kaufvertrag verpflichtet, das Gebäude abzureißen, bevor das Grundstück an den Käufer übergeben wird. Der Preis wurde so geringer, man kann das erklären. Man kann auch erklären, dass es da, wo es keine Kläger gibt, keine Richter, keine Vollstrecker gibt. Laurent Sutter und João Freitas Mendes haben mich nach Brüssel eingeladen, um auf einer Tagung über Law without Lawyers zu sprechen, da kann man schon von Aby Warburg viel lernen, auch zu Rationalität-Cum-Ex und zum Recht-cum-ex. Das ist nicht unbedingt ein Schurkenstück, wenn man auf Recht auch mal verzichtet. Das gilt nicht nur in den dreißiger Jahren, nicht nur, wenn der Staat Terrorist ist und Widerstand Pflicht sein könnte. Das gilt im Alltag, das braucht man dem Aby nicht sagen. Der sieht Law, Lawn/Rasen/Rasieren/Raisonieren/Rasen/Wüten, Lawyer, Layer, Lauer, Lohn und immer wages of us, wages of fear, Wagen und Waagen des Wir/ Wellen der Ikonohobie und der Iurophobie, der Sorge vor zu viel oder zu wenig Recht und Sorge um ein Recht auf Nichtrecht, einen phobisch wellenden Apollo, der kippen kann und vor dem man Angst haben kann, aber nicht Angst haben muss, weil die Phobie nicht die Angst ist, sie ist die klamme Stelle, ein Schlupfloch manchmal, ein Triumphbogen ein andern mal.
Wie komme ich dazu, zu behaupten, dass der Warburg an einem Recht-cum-ex arbeitet? Weil das einer Technik entspricht, die er auf den Staatstafeln vorführt: große Bögen in kleine Operationsketten zerlegen, trennen, assoziieren und austauschbar halten. Krümmen, stauchen, strecken-hüpfen. Trivial gesprochen betreibt Warburg das, was Ihering Scheidekunst nennt, selbst wenn Ihering sich dadurch missverstanden fühlen könnte. Warburg sammelt Letter auf, ohne auf die Autorisierung durch andere zu warten. Wenn sie kommt, nimmt er sie ernst, wie jeder sich selbst ernst nehmen und über sich selbst etwas wissen kann.
Als Martin Warnke den Leibnizpreis bekommen hatte, wurde davon der Kauf des Gebäudes finanziert, um darin wenigstens teilweise an die Geschichte des Institutes anknüpfen zu können. Das große Schiff ankert in London. Das sind so Zufälle, denn meine Arbeit wird jetzt auch über den Leibnizpreis finanziert, denjenigem, der Marietta Auer verliehen wurde. Ellipsen und Gerechtigkeit als Zufall: Das ist der beste Stoff für Sagen, Gerüchte, normatives Material, für Geschichte, an der etwas dran ist, gerade weil sie lückenhaft oder brachial/ brachyologisch (klamm) ist und darin Hemmung und Schub geben kann. Hamburg ist schon ein dolles und mutiges Städtchen, da unterrichte ich sogar ganz gerne, im Januar geht es wieder los an der Bucerius Law School: Anfängerübung, Fabian Style.








