Der hamburgische Senat hat eine neue Verordnung beschlossen, dass für die Abwasserleitungen von Häusern nun ein Dichtheitsnachweis durch einen zertifizierten Betrieb zu erbringen ist. Darüber wird in vielen Zeitungsartikeln berichtet, und auch auf der Webseite der Stadt Hamburg findet sich diese Information:
Solche Prüfungen sind ja vermutlich auch sinnvoll, so alte Rohrleitungen unter Häusern, was da wohl alles in die Erde sickert, wenn die nicht dicht sind! Nun gibt es also eine gesetzlich vorgegebene Frist, das prüfen zu lassen, bis zum 31.12.2020.
Unter anderem wegen Corona ist es gar nicht so einfach, einen Betrieb zu finden, der diese Prüfungen durchführt:
Also, genaugenommen ist an dieser Auslastung der Betriebe nicht nur Corona schuld, sondern wegen der vielen – auch älteren – Häuser in Hamburg scheint diese neue Verordnung für die Betriebe, die über das entsprechende Zertifikat verfügen, auch eine langfristige Beschäftigungssicherung darzustellen.
Es gibt offizielle Zertifizierungsorganisationen, und die Webseite der Stadt Hamburg verlinkt auf eine pdf-Liste der “zertifizierten Fachbetriebe”.
Ich möchte einige Angebote der darauf verzeichneten Firmen anfragen. Ich öffne das pdf und schaue zuerst nach den Firmen, die nicht zu weit weg von uns ihren Firmensitz haben.
Die erste Firma der Liste, die ich anrufe, existiert nicht mehr. Bei der zweiten bekomme ich eine automatische Ansage, dass die Rufnummer nicht vergeben sei. Bei der dritten wird mir mitgeteilt: “Nein, wir sind kein zertifizierter Fachbetrieb” – “Äh, aber Sie stehen in der Liste auf der Webseite der Stadt Hamburg?” – “Ja, das steht da falsch in der Liste.”
Bei dem vierten Betrieb erreiche ich eine freundliche Dame, mit der ich etwas plaudere, “ja, wir haben hier eines der vielen Häuser, für das jetzt die Dichtheit der Abwasserleitungen geprüft werden muss …”, und sie teilt mir mit, ich solle erstmal die Checkliste auf ihrer Webseite ausfüllen, mit Plan der Abwasserleitungen unter dem Haus, Länge der zu prüfenden Leitungen usw. Eine Prüfung könnten sie dann frühestens 2024 machen, bis dahin seien sie ausgebucht. (“Falls jemand von der Behörde vorher den Nachweis sehen will, legen Sie einfach die Auftragsbestätigung vor, das kennen die schon. Die Betriebe kommen ja alle nicht hinterher mit den Prüfungen.”)
Als sie hört, dass das Haus aus dem Baujahr 1928 ist, sagt sie noch, dann solle ich doch schon mal anfangen zu sparen. Sie hätten noch kein Haus mit Baujahr vor 1950 gehabt, bei dem nicht umfassende Sanierungen der Abwasserleitungen erforderlich gewesen seien. “Das sind ja zum Teil noch alte Tonleitungen, die liegen da unter dem Haus in der Erde, da wachsen Wurzeln rein und so, und das bekommt Risse im Laufe der Zeit. Man muss dann gucken, ob man diese Rohrleitungen noch sanieren kann, indem man von innen die Rohrleitungen auskleidet und abdichtet mit einem Kunststoff. Oder ob man die ausbuddeln kann, das geht ja meistens gar nicht, wenn die unter dem Haus liegen. Oder ob man neue Abwasserleitungen durch den Keller nach draußen legt, das macht man meistens, wenn die Leitungen unter dem Haus zu alt sind. Dafür fahren wir alle Leitungen mit Kameras ab und reinigen die auch mit Wasser unter Hochdruck und schneiden die Wurzeln und so durch, die da drin sind. Da ist immer was reingewachsen bei so alten Leitungen.”
Ich fülle die umfangreichen Checklisten auf der Webseite aus, und schreibe noch ein paar weitere Betriebe wegen Angeboten für die Prüfung an.
Die Angebote belaufen sich bei den meisten Betrieben so um die 1000 Euro – nur für die Prüfung. Es scheinen für die Prüfung Abrechnungssätze von den Kammern oder dem Senat vorgegeben zu sein, aber die Betriebe erfinden natürlich noch alle möglichen Zusatzposten, so dass der teuerste Anbieter es schafft, ein Angebot für über 1400 Euro zu unterbreiten. Kein Betrieb kann eine Prüfung vor Ende 2023 anbieten, und bei den meisten soll ich unterschreiben, dass ich das jetzt beauftrage, aber dass der Preis im nächsten Jahr höher sein wird als in diesem Jahr, und dass der Preis für 2023 erst dann festgelegt wird.
Naja, das Haus steht in Hamburg und ist alt, wir müssen in den sauren Apfel beißen und das machen lassen – obwohl mir diese Angebotsmodalitäten sehr zweifelhaft vorkommen. Ich will einen Betrieb beauftragen, da höre ich von einem Nachbarn:
Er hat natürlich das gleiche Problem wie ich, hat sich aber schon vor längerer Zeit um die Beauftragung gekümmert. Das will ich noch abwarten, vielleicht kann ich ja die gleiche Firma, wenn die das gut machen!
Es kommt also so eine zertifizierte Abwasserrohrleitungsdichtheitsprüfungsfirma, und der Mann in seinem Arbeitsanzug mit Klemmbrett und professioneller Kamera sagt nach kurzer Besichtigung, so könne er nicht messen, da muss jetzt erst mal die ganze Auffahrt aufgegraben werden, um für die Prüfung an die Rohrleitungen überhaupt ranzukommen. Die liegen da ja in zwei Metern Tiefe, die Abwasserleitungen, und durch die kleinen Zugänge an den Regenrohren kommt er da nicht ausreichend ran. Nach einiger Zeit fährt der zertifizierte Abwasserrohrdichtheitsprüfer wieder weg und sagt, der Nachbar solle sich melden, wenn seine Einfahrt aufgebaggert wurde.
Der Nachbar, der tendenziell lockerer mit so was umgehen kann als ich, hängt sich ans Telefon, und nach einigen Tagen erzählt er mir, er habe da einen alteingesessenen Handwerksbetrieb gefunden, der würde da was machen. Und ob ich mich da anschließen wolle. Klar, sage ich. Der “alteingesessene Handwerksbetrieb“ schickt eine Kopie seiner Zertifizierung.
Nach wenigen Wochen kommt ein tiefenentspannter älterer Handwerksmeister und hält eine wasserdichte Rohrkamera an ein paar Stellen in unsere Toiletten. “Fließt denn das Wasser überall ordentlich ab?” fragt er noch. An einer Stelle an einer Regenrinne hat er etwas Zweifel, schüttet selber noch etwas Wasser rein, “Och, doch, das sieht ja alles gut aus.”
Dann lässt er einen Endoskopschlauch seiner Kamera noch an ein paar Stellen ein paar Meter in einige Abläufe. Was auf der Kamera zu sehen ist, ist einigermaßen beeindruckend, stellenweise sind Zweige in die alten Rohre gewachsen, aber er kommentiert nur “Och, das sieht doch alles ok aus.” Nach einer knappen Stunde ist er mit der Prüfung fertig.
Ein paar Tage später bekommen wir den Dichtheitsnachweis mit dem Ergebnis “Kein Sanierungsbedarf” auf dem Vordruck P nach dem Hamburger Abwassergesetz § 17b HmbAbwG und eine Rechnung über 400 Euro. (Zur Vermeidung von Missverständnissen möchte ich deutlich sagen, dass ich nicht stolz auf diesen Vorgang bin – ich hätte gerne einen seriösen Handwerksbetrieb die Prüfung machen lassen und dann die sicher notwendige Sanierung beauftragt, wenn ein seriöser Betrieb auffindbar gewesen wäre.)
Aus Interesse google ich noch etwas herum, im Internet finde ich Angebote für Endoskop-Rohrkameras: Einfache Endoskopaufsätze fürs Smartphone mit immerhin 5 Metern Länge gibt es so um die 30 Euro, professionell aussehende Endoskopkameras mit 60 m Endoskopschlauch und Rollwagen liegen so um die 10 000 Euro. Und ich frage mich jetzt, wen ich zum Kaffee einladen muss, um auch so eine Zertifizierung zu bekommen.