Irenäus Eibl-Eibesfeld: Liebe und Haß
München: Piper 1970, Kap. 5d, Die Aggression beim Menschen, S. 86
Man lud Studenten zu Versuchen ein, in deren Verlauf man sie absichtlich verärgerte. Die Verärgerung konnte man am Ansteigen des Blutdrucks ablesen. Die Verärgerten teilte man in zwei Gruppen und gab vor, der Versuchsleiter würde nunmehr bestimmte Aufgaben lösen. Zugleich forderte man die Versuchspersonen auf, dem Versuchsleiter durch Drücken eines Knopfes mitzuteilen, daß er einen Fehler mache. Der einen Gruppe wurde glaubhaft gemacht, daß sie dem Versuchsleiter einen elektrischen Strafreiz erteilen würde, während die andere nur ein blaues Lichtsignal betätigen konnte: Bei jenen, die den Versuchsleiter zu bestrafen glaubten, sank der Blutdruck rasch. Sie reagierten ihre gestauten Aggressionen ab. Jene dagegen, die nur Lichtblitze auslösen konnten, blieben weiterhin verärgert, ihr Blutdruck sank nicht nennenswert.
In weiteren, ähnlich aufgebauten Versuchsreihen fand man, daß es sehr verschiedene Wege der Aggressionsableitung gibt. Man kann Personen durch beleidigende Noten verärgern. Können diese darauf ebenso antworten, dann sinkt ihr Blutdruck wieder. Man kann Aggressionen auch abreagieren, indem man einen Film aggressiven Inhalts betrachtet; offenbar identifiziert man sich mit dem Geschehen. Das große Angebot von Filmen mit aggressivem Inhalt durch Kino und Fernsehen zeigt, daß hier ein Bedürfnis - ein Markt - vorliegt. Menschen reagieren gerne auf diese Weise aggressive Impulse ab. Die Filme sind meist so aufgebaut, daß zuerst die Aggressionen der Zuschauer aktiviert und danach wieder abreagiert werden, etwa an einem »Bösewicht«. Im Alltag reagieren wir aktivierte Aggressionen oft auch durch Handlungen an Ersatzobjekten ab, etwa, indem wir Türen zuschlagen oder gar Gegenstände zertrümmern. Ein taubblind geborenes Mädchen, das ich beobachtete, biß sich in die Hand, wenn es sich ärgerte. Viele Völker haben Ventilsitten entwickelt, die es ihnen erlauben, auf »friedliche« Weise, etwa in Gesangsduellen oder Sportwettkämpfen, ihre Aggressionen auszuleben oder auch Dispute unblutig zu regeln. Die sehr aggressiven Waikas (Urwaldindianer am oberen Orinoko) kennen verschiedene Stufen aggressiver Auseinandersetzungen. Bei ihren Festen kommt es oft zu ritualisierten Kämpfen zwischen Gastgebern und Gästen, die in der Regel durch eine Art Faustkampf ausgetragen werden, in dessen Verlauf die Gegner einander abwechselnd mit der Faust gegen die Brustmuskulatur boxen. Bei einer anderen Form des Turniers schlagen die Gegner einander mit der flachen Hand kräftig gegen die Seiten. Ernstere Dispute tragen die Waikas durch Stockschlagduelle aus: Die Gegner schlagen einander mit langen Stöcken so kräftig auf den Schädel, daß tiefe Platzwunden entstehen. Auf die vernarbten Wunden sind sie später so stolz wie Mitglieder schlagender Studentenverbände auf ihre Schmisse. Durch die ritualisierten Kämpfe wird bei diesen Urwaldindianern der ernste Streit zwischen verfeindeten Dörfern abgefangen, was wichtig ist, da es zwischen verfeindeten Dörfern ohnedies genug der ernsten Kämpfe gibt. Ähnliches kennt man von den zentralaustralischen Eingeborenen. Haben sich zwei Frauen zerstritten, dann nimmt jede einen Hartholzprügel. Sie stellen sich einander gegenüber auf, und eine hält ihren Kopf der Gegnerin hin, um den ersten Schlag zu empfangen. Danach darf sie zuschlagen, und damit ist die Auseinandersetzung im allgemeinen beendet, es sei denn, die Zuschauer ergreifen Partei und beginnen ihrerseits mit einer Schlägerei. Die Schläge mit dem Hartholzprügel werden mit voller Wucht ausgeführt. Daß die Turniere nicht tödlich ausgehen, verdanken die Eingeborenen den im Vergleich zu uns Europäern überaus dicken Scheitelbeinen. Auch die Männer kämpfen ritualisiert, indem sie mit ihrem Speer gegen die Oberschenkel ihres Gegners zielen. Gründe für solche Auseinandersetzungen sind Ehebruch, Sozialkontakte über die Kastenlinien hinweg oder auch die Verletzung gewisser Riten.











