Immanuel Kant: Begriff von der Philosophie รผberhaupt
In: Werke, Akademie-Textausgabe, photomechan. Abdruck der von der Preuร. Akademie der Wissenschaften 1702 begonnenen Ausgabe von Kants gesammelten Schriften, Bd. 9: Logik/Physische Geographie, Pรคdagogik, S. 21ff.
Es ist zuweilen schwer, das, was unter einer Wissenschaft verstanden wird, zu erklรคren. Aber die Wissenschaft gewinnt an Prรคzision durch die Festsetzung ihres bestimmten Begriffs, und es werden so manche Fehler aus gewissen Grรผnden vermieden, die sich sonst einschleichen, wenn man die Wissenschaft noch nicht von den mit ihr verwandten Wissenschaften unterscheiden kann.
Ehe wir indessen eine Definition von Philosophie zu geben versuchen, mรผssen wir zuvor den Charakter der verschiedenen Erkenntnisse selbst untersuchen, und, da philosophische Erkenntnisse zu den Vernunfterkenntnissen gehรถren, insbesondere erklรคren, was unter diesen letzteren zu verstehen sei.
Vernunfterkenntnisse werden den historischen Erkenntnissen entgegengesetzt. Jene sind Erkenntnisse aus Prinzipien (ex principiis); diese Erkenntnisse aus Daten (ex datis). โ Eine Erkenntnis kann aber aus der Vernunft entstanden und demohngeachtet historisch sein; wie wenn z. B. ein bloรer Literator die Produkte fremder Vernunft lernt: so ist seine Erkenntnis von dergleichen Vernunftprodukten bloร historisch.
Man kann nรคmlich Erkenntnisse unterscheiden
nach ihrem objektiven Ursprunge, d.i. nach den Quellen, woraus eine Erkenntnis allein mรถglich ist. In dieser Rรผcksicht sind alle Erkenntnisse entweder rational oder empirisch;
nach ihrem subjektiven Ursprunge, d.i. nach der Art, wie eine Erkenntnis von den Menschen kann erworben werden. Aus diesem letztern Gesichtspunkte betrachtet sind die Erkenntnisse entweder rational oder historisch, sie mรถgen entstanden sein, wie sie wollen. Es kann also objektiv etwas eine Vernunfterkenntnis sein, was subjektiv doch nur historisch ist.
Bei einigen rationalen Erkenntnissen ist es schรคdlich, sie bloร historisch zu wissen, bei andern hingegen ist dieses gleichgรผltig. So weiร z.B. der Schiffer die Regeln der Schiffahrt historisch aus seinen Tabellen; und das ist fรผr ihn genug. Wenn aber der Rechtsgelehrte die Rechtsgelehrsamkeit bloร historisch weiร: so ist er zum echten Richter und noch mehr zum Gesetzgeber vรถllig verdorben.
Aus dem angegebenen Unterschiede zwischen objektiv und subjektiv rationalen Erkenntnissen erhellt nun auch, daร man Philosophie in gewissem Betracht lernen kรถnne, ohne philosophieren zu kรถnnen. Der also eigentlich Philosoph werden will, muร sich รผben, von seiner Vernunft einen freien und keinen bloร nachahmenden, und, so zu sagen, mechanischen Gebrauch zu machen.
Wir haben die Vernunfterkenntnisse fรผr Erkenntnisse aus Prinzipien erklรคrt; und hieraus folgt: daร sie a priori sein mรผssen. Es gibt aber zwei Arten von Erkenntnissen, die beide a priori sind, dennoch aber viele namhafte Unterschiede haben; nรคmlich Mathematik und Philosophie.
Man pflegt zu behaupten, daร Mathematik und Philosophie dem Objekte nach voneinander unterschieden wรคren; indem die erstere von der Quantitรคt, die letztere von der Qualitรคt handele. Alles dies ist falsch. Der Unterschied dieser Wissenschaften kann nicht auf dem Objekte beruhen; denn Philosophie geht auf alles, also auch auf Quanta, und Mathematik zum Teil auch, sofern alles eine Grรถรe hat. Nur die verschiedene Art des Vernunfterkenntnisses oder Vernunftgebrauches in der Mathematik und Philosophie macht allein den spezifischen Unterschied zwischen diesen beiden Wissenschaften aus. Philosophie nรคmlich ist die Vernunfterkenntnis aus bloรen Begriffen, Mathematik hingegen die Vernunfterkenntnis aus der Konstruktion der Begriffe.
Wir konstruieren Begriffe, wenn wir sie in der Anschauung a priori ohne Erfahrung darstellen, oder, wenn wir den Gegenstand in der Anschauung darstellen, der unserm Begriffe von demselben entspricht. - Der Mathematiker kann sich nie seiner Vernunft nach bloรen Begriffen, der Philosoph ihrer nie durch Konstruktion der Begriffe bedienen. โ In der Mathematik braucht man die Vernunft in concreto, die Anschauung ist aber nicht empirisch, sondern man macht sich hier etwas a priori zum Gegenstande der Anschauung.
Und hierin hat also, wie wir sehen, die Mathematik einen Vorzug vor der Philosophie, daร die Erkenntnisse der erstern intuitive, die der letztern hingegen nur diskursive Erkenntnisse sind. Die Ursache aber, warum wir in der Mathematik mehr die Grรถรen erwรคgen, liegt darin, daร die Grรถรen in der Anschauung a priori kรถnnen konstruiert werden, die Qualitรคten dagegen sich nicht in der Anschauung darstellen lassen.
Philosophie ist also das System der philosophischen Erkenntnisse oder der Vernunfterkenntnisse aus Begriffen. Das ist der Schulbegriff von dieser Wissenschaft. Nach dem Weltbegriffe ist sie die Wissenschaft von den letzten Zwecken der menschlichen Vernunft. Dieser hohe Begriff gibt der Philosophie Wรผrde, d.i. einen absoluten Wert. Und wirklich ist sie es auch, die allein nur inneren Wert hat, und allen anderen Erkenntnissen erst einen Wert gibt.
In: Kandinsky-Ausstellungskatalog (1973), Didaktischer Ausstellungsteil, Kunsthalle Bielefeld, S. 53f.
I. Natur und Kunst
Die Welt ist eine Ganzheit, von kosmischen Gesetzen durchwirkt. Die sichtbare Natur und ihre Objekte sind nur ein Teil der umfassenden Natur.
Die Welt besteht aus zwei Bereichen: aus den Realitรคten des Lebens und aus dem Unrealen - Materie und Geist, alltรคgliche Wirklichkeit und Traum, das Sichtbare und das Unsichtbare. Ein solches Gegensatzpaar sind auch Natur und Kunst. Neben die Welt der Natur tritt die Welt der Kunst als eine ebenso wirkliche, konkrete Welt. Natur und Kunst sind zwei gleich groรe, gleich starke, miteinander konkurrierende Weltelemente, die beide als gleichberechtigt anerkannt und genossen werden solten. Die Kunst steht jedoch รผber der Natur.
Zur รคuรeren Welt wird eine neue Welt, eine Kunstwelt geistiger Natur erschaffen, die ebenso real ist wie diese. Beide Bereiche zusammen bilden jedoch erst das Ganze, die Welt. Leben und Kunst gehรถren zusammen. Der Bereich des Lebens darf nicht fรผr sich allein Geltung haben.
Der Kรผnstler ahmt nicht das รuรere der Natur nach, sondern gibt mit bildnerischen Mitteln ihren inneren Wert wieder. Die Bindung an die Natur als die Quelle des Geistigen muร erhalten bleiben, allein schon deshalb, um eine bloรe Ornamentik in der Malerei zu vermeiden.
II. Natur und abstrakte Kunst
Es ist das Ziel der Kunst, sich gegenรผber der Natur zu emanzipieren. Der Kรผnstler befreit sich vom Objekt, weil es ihn hindert, sich ausschlieรlich mit rein malerischen Mitteln auszudrรผkken. Dazu findet er abstrakte Formen, die nichts abbilden, nicht einem Zweck dienen. Im naturalistischen Werk sind Teile der bereits existierenden Welt entliehen und verarbeitet und unter das Joch des kรผnstlerischen Ausdrucks gebogen. Die abstrakte Kunst dagegen verzichtet auf Gegenstรคnde und ihre Verarbeitung und schafft sich ihre Ausdrucksformen selbst. Diese Formen sind geeignet, den inneren Klang klarer zum Ausdruck zu bringen, als dies Naturformen vermรถgen, die gleichsam durch Materielles verunreinigt sind. Sie erlauben, unter der Oberflรคche der Natur das Wesen, den Inhalt der Dinge zu spรผren.
Emanzipation der Kunst bedeutet nicht vรถllige Loslรถsung von der Natur. Bei der abstrakten Kunst ist vielmehr die Verbindung zur Natur besonders groร und intensiv, nur ist diese Verbindung eine mehr untergrรผndige. Die abstrakte Kunst verlรครt sozusagen die Haut der Natur, jedoch nicht ihre Gesetze, die die kosmischen Gesetze sind. Diese Gesetze werden vom Kรผnstler der Natur nicht von auรen abgesehen, sondern unbewuรt erlebt. So bleiben Kunst und Natur miteinander verwandt und innerlich verbunden. Die abstrakte Kunst kommt zwar ohne Naturformen aus, unterliegt aber den Gesetzen der Natur. Die Kunst fรผgt sich ihren Gesetzen mit Freude.
Die Gesetze der Natur, die den Kosmos regieren und die vom so Kรผnstler intuitiv aufgedeckt werden, bestimmen den Aufbau des abstrakten Bildes. So arbeitet etwa die Kunst wie die Natur mit Gegensรคtzen. Jedes abstrakte Bild ist ein kleiner Kosmos. Die Kunst ist aber nicht nur ein Abglanz des Naturgesetzes, mit jedem Kunstwerk wird vielmehr eine neue, noch nie dagewesene Welt geschaffen. Jedes Kunstwerk ist eine Neuentdeckung. Neben die bereits bekannten Welten treten neue, bis dahin unbekannte Welten.
Carl Gustav Jung: Das persรถnliche und das kollektive Unbewuรte (1928)
In: Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewuรten, ยฉ Walter Verlag AG Olten 1971, S. 13f.
Wie bekannt, beschrรคnken sich die Inhalte des Unbewuรten nach der Freudschen Anschauung auf infantile Tendenzen, die ihres inkompatiblen Charakters wegen verdrรคngt sind. Die Verdrรคngung ist ein Prozeร, der in der frรผhen Kindheit unter dem moralischen Einfluร der Umgebung einsetzt und das ganze Leben hindurch anhรคlt. Durch die Analyse werden die Verdrรคngungen aufgehoben und die verdrรคngten Wรผnsche bewuรt gemacht.
Nach dieser Theorie enthielte das Unbewuรte sozusagen nur diejenigen Teile der Persรถnlichkeit, die ebensogut bewuรt sein kรถnnten und eigentlich nur durch die Erziehung unterdrรผckt sind. Obschon fรผr eine gewisse Betrachtungsweise die infantilen Tendenzen des Unbewuรten am meisten hervortreten, so wรคre es doch unrichtig, danach das Unbewuรte รผberhaupt zu definieren oder zu bewerten. Das Unbewuรte hat auch noch eine andere Seite: in seinen Umfang sind nicht nur die verdrรคngten Inhalte einzubeziehen, sondern auch alles dasjenige psychische Material, das den Schwellenwert des Bewuรtseins nicht erreicht. Es ist unmรถglich, die Unterschwelligkeit aller dieser Materialien aus dem Prinzip der Verdrรคngung zu erklรคren, sonst mรผรte ja durch Aufhebung der Verdrรคngung der Mensch ein phรคnomenales Gedรคchtnis bekommen, das nichts mehr vergiรt.
Wir heben hervor, daร auรer dem verdrรคngten Material auch alles unterschwellig gewordene Psychische sich im Unbewuรten befindet, inbegriffen subliminale Sinneswahrnehmungen. Auรerdem wissen wir nicht nur aus reichlicher Erfahrung, sondern auch aus theoretischen Grรผnden, daร das Unbewuรte auch jenes Material enthรคlt, das den Schwellenwert des Bewuรtseins noch nicht erreicht hat. Das sind die Keime spรคterer bewuรter Inhalte.
Wir haben ebenso Grund zu vermuten, daร das Unbewuรte keineswegs ruhend ist, in dem Sinne, daร es inaktiv wรคre, sondern es ist anhaltend beschรคftigt mit der Gruppierung und Umgruppierung seiner Inhalte. Diese Aktivitรคt wรคre nur in pathologischen Fรคllen als gรคnzlich unabhรคngig zu denken; normalerweise ist sie dem Bewuรtsein koordiniert im Sinne einer kompensatorischen Beziehung.
Es ist anzunehmen, daร alle diese Inhalte insofern persรถnlicher Natur sind, als sie Erwerbungen des individuellen Daseins sind. Da dieses Dasein beschrรคnkt ist, so muร auch die Zahl der Erwerbungen des Unbewuรten eine beschrรคnkte sein, weshalb man eine Erschรถpfung des Unbewuรten durch Analyse oder die Herstellung eines vollstรคndigen Inventars der unbewuรten Inhalte fรผr mรถglich halten sollte, vielleicht in dem Sinne, daร das Unbewuรte nichts anderes mehr produzieren kรถnne, als was allbereits bekannt und im Bewuรtsein angenommen ist. Auch mรผรte man, wie schon bemerkt, den Schluร ziehen, daร die unbewuรte Produktion dadurch lahmgelegt wรผrde, daร man, durch Aufhebung der Verdrรคngung, das Hinuntersinken von bewuรten Inhalten ins Unbewuรte aufhalten kรถnnte. Das ist, wie wir aus Erfahrung wissen, nur in sehr beschrรคnktem Maรe mรถglich. Wir halten unsere Patienten dazu an, verdrรคngte und wieder ans Bewuรtsein assoziierte Inhalte festzuhalten und in ihren Lebensplan aufzunehmen. Diese Prozedur macht aber, wie wir uns tรคglich รผberzeugen kรถnnen, insofern keinen Eindruck auf das Unbewuรte, als es ruhig weiter Trรคume und Phantasien produziert, die der ursprรผnglichen Freudschen Theorie entsprechend auf persรถnlicher Verdrรคngung beruhen mรผรten. Wenn man in solchen Fรคllen konsequent und unvoreingenommen weiter beobachtet, so findet man Materialien, die zwar den frรผheren persรถnlichen Inhalten formell รคhnlich sind, aber Andeutungen zu enthalten scheinen, die รผber das Persรถnliche hinausreichen.
(โฆ)
In Anbetracht solcher Tatsachen mรผssen wir wohl annehmen, daร das Unbewuรte nicht nur Persรถnliches, sondern auch Unpersรถnliches, Kollektives in Form vererbter Kategorien oder Archetypen enthalte. Ich habe daher die Hypothese aufgestellt, daร das Unbewuรte, in seinen tieferen Schichten gewissermaรen, relativ belebte, kollektive Inhalte besรครe. Ich spreche darum von einem kollektiven Unbewuรten.
In: Einfรผhrung in die Philosophie, Zwรถlf Radiovortrรคge 1958, Mรผnchen: Piper 1971, Kapitel VIII, S. 67ff.
Die Glaubenslosigkeit gilt als Folge der Aufklรคrung. Was aber ist Aufklรคrung?
Die Forderungen der Aufklรคrung richten sich gegen Blindheit des fraglosen Fรผrwahrhaltens; gegen Handlungen, die nicht bewirken kรถnnen, was sie meinen - wie magische Handlungen -, da sie auf nachweislich falschen Voraussetzungen beruhen; gegen das Verbot des einschrรคnkungslosen Fragens und Forschens; gegen รผberkommene Vorurteile. Aufklรคrung fordert unbegrenztes Bemรผhen um Einsicht und ein kritisches Bewuรtsein von der Art und Grenze jeder Einsicht.
Es ist der Anspruch des Menschen, es solle ihm einleuchtend werden, was er meint, will und tut. Er will selbst denken. Er will mit dem Verstande fassen und mรถglicht bewiesen haben, was wahr ist. Er verlangt Anknรผpfung an grundsรคtzlich jedermann zugรคngliche Erfahrungen. Er sucht Wege zum Ursprung der Einsicht, statt sie als fertiges Ergebnis zur Annahme vorgelegt zu erhalten. Er will einsehen, in welchem Sinne ein Beweis gilt und an welchen Grenzen der Verstand scheitert. Begrรผndung mรถchte er auch noch fรผr das, was er am Ende als unbegrรผndbare Voraussetzung zum Grunde seines Lebens machen muร: fรผr die Autoritรคt, der er folgt, fรผr die Ehrfurcht, die er fรผhlt, fรผr den Respekt, den er dem Gedanken und Tun groรer Menschen erweist, fรผr das Vertrauen, das er einem, sei es zur Zeit und in dieser Situation, sei es รผberhaupt Unbegriffenen und Unbegreifbaren schenkt. Noch im Gehorsam will er wissen, warum er gehorcht. Alles, was er fรผr wahr hรคlt und als recht tut, stellt er ohne Ausnahme unter die Bedingung, selbst innerlich dabei sein zu kรถnnen. Er ist nur dabei, wenn seine Zustimmung in seiner Selbstรผberzeugung die Bestรคtigung findet. Kurz: Aufklรคrung ist - mit Kants Worten - der ยปAusgang des Menschen von seiner selbstverschuldeten Unmรผndigkeitยซ. Sie ist zu ergreifen als der Weg, auf dem der Mensch zu sich selbst kommt.
Aber die Ansprรผche der Aufklรคrung werden so leicht miรverstanden, daร der Sinn der Aufklรคrung zweideutig ist. Sie kann wahre und sie kann falsche Aufklรคrung sein. Und daher ist der Kampf gegen die Aufklรคrung seinerseits zweideutig. Er kann mit Recht - gegen die falsche, oder - mit Unrecht - gegen die wahre Aufklรคrung sich richten. Oft vermengen sich beide in eins.
Im Kampf gegen die Aufklรคrung sagt man: sie zerstรถre die รberlieferung, auf der alles Leben ruhe; sie lรถse den Glauben auf und fรผhre zum Nihilismus; sie gebe jedem Menschen die Freiheit seiner Willkรผr, werde daher Ausgang der Unordnung und Anarchie; sie mache den Menschen unselig, weil bodenlos.
Diese Vorwรผrfe treffen eine falsche Aufklรคrung, die selber den Sinn der echten Aufklรคrung nicht mehr versteht. Falsche Aufklรคrung meint alles Wissen und Wollen und Tun auf den bloรen Verstand grรผnden zu kรถnnen (statt den Verstand nur als den nie zu umgehenden Weg der Erhellung dessen, was ihm gegeben werden muร, zu nutzen); sie verabsolutiert die immer partikularen Verstandeserkenntnisse (statt sie nur in dem ihnen zukommenden Bereich sinngemรคร anzuwenden); sie verfรผhrt den Einzelnen zum Ausspruch, fรผr sich allein wissen und auf Grund seines Wissens allein handeln zu kรถnnen, als ob der Einzelne alles wรคre (statt sich auf den lebendigen Zusammenhang des in Gemeinschaft in Frage stellenden und fรถrdernden Wissens zu grรผnden); ihr mangelt der Sinn fรผr Ausnahme und Autoritรคt, an denen beiden alles menschliche Leben sich orientieren muร. Kurz: sie will den Menschen auf sich selbst stellen, derart, daร er alles Wahre und ihm Wesentliche durch Verstandeseinsicht erreichen kann. Sie will nur wissen und nicht glauben.
Wahre Aufklรคrung dagegen zeigt zwar dem Denken und Fragenkรถnnen nicht absichtlich, von auรen und durch Zwang, eine Grenze, wird sich aber der faktischen Grenze bewuรt. Denn sie klรคrt nicht nur das bis dahin Unbefragte, die Vorurteile und vermeintlichen Selbstverstรคndlichkeiten, sondern auch sich selber auf. Sie verwechselt nicht die Wege des Verstandes mit den Gehalten des Menschseins. Diese zeigen sich der Aufklรคrung zwar erhellbar durch einen vernรผnftig gefรผhrten Verstand, sind aber nicht auf den Verstand zu grรผnden.
In: In: Einfรผhrung in die Philosophie, Zwรถlf Radiovortrรคge 1958, Mรผnchen: Piper 1971, Kap. I und Kap. II, Auszรผge S. 9, S. 12f., S. 18, S. 20
Was Philosophie sei und was sie wert sei, ist umstritten. Man erwartet von ihr auรerordentliche Aufschlรผsse oder lรครt sie als gegenstandsloses Denken gleichgรผltig beiseite. Man sieht sie mit Scheu als das bedeutende Bemรผhen ungewรถhnlicher Menschen oder verachtet sie als รผberflรผssiges Grรผbeln von Trรคumern. Man hรคlt sie fรผr eine Sache, die jedermann angeht und daher im Grunde einfach und verstehbar sein mรผsse, oder man hรคlt sie fรผr so schwierig, daร es hoffnungslos sei, sich mit ihr zu beschรคftigen. Was unter dem Namen der Philosophie auftritt, liefert in der Tat Beispiele fรผr so entgegengesetzte Beurteilungen.
Fรผr einen wissenschaftsglรคubigen Menschen ist das Schlimmste, daร die Philosophie gar keine allgemeingรผltigen Ergebnisse hat, etwas, das man wissen und damit besitzen kann. Wรคhrend die Wissenschaften auf ihren Gebieten zwingend gewisse und allgemein anerkannte Erkenntnisse gewonnen haben, hat die Philosophie dies trotz der Bemรผhungen der Jahrtausende nicht erreicht. Es ist nicht zu leugnen: in der Philosophie gibt es keine Einmรผtigkeit des endgรผltig Erkannten. Was aus zwingenden Grรผnden von jedermann anerkannt wird, das ist damit eine wissenschaftliche Erkenntnis geworden, ist nicht mehr Philosophie, sondern bezieht sich auf ein besonderes Gebiet des Erkennbaren.
Das philosophische Denken hat auch nicht, wie die Wissenschaften, den Charakter eines Fortschrittsprozesses. Wir sind gewiร viel weiter als Hippokrates, der griechische Arzt. Wir dรผrfen kaum sagen, daร wir weiter seien als Plato. Nur im Material wissenschaftlicher Erkenntnisse, die er benutzt, sind wir weiter. Im Philosophieren selbst sind wir vielleicht noch kaum wieder bei ihm angelangt. (...)
Das griechische Wort Philosoph (philosophos) ist gebildet im Gegensatz zum Sophos. Es heiรt der die Erkenntnis (das Wesen) Liebende im Unterschied von dem, der im Besitze der Erkenntnis sich einen Wissenden nannte. Dieser Sinn des Wortes besteht bis heute: Das Suchen der Wahrheit, nicht der Besitz der Wahrheit ist das Wesen der Philosophie, mag sie es noch so oft verraten im Dogmatismus, das heiรt, in einem in Sรคtzen ausgesprochenen, endgรผltigen, vollstรคndigen und lehrhaften Wissen. Philosophie heiรt: auf dem Wege sein. Ihre Fragen sind wesentlicher als ihre Antworten, und jede Antwort wird zur neuen Frage. (...)
Vergewissern wir uns unserer menschlichen Lage. Wir sind immer in Situationen. Die Situationen wandeln sich, Gelegenheiten treten auf. Wenn sie versรคumt werden, kehren sie nicht wieder. Ich kann selber an der Verรคnderung der Situation arbeiten. Aber es gibt Situationen, die in ihrem Wesen bleiben, auch wenn ihre augenblickliche Erscheinung anders wird und ihre รผberwรคltigende Macht sich in Schleier hรผllt: ich muร sterben, ich muร leiden, ich muร kรคmpfen, ich bin dem Zufall unterworfen, ich verstricke mich unausweichlich in Schuld. Diese Grundsituationen unseres Daseins nennen wir Grenzsituationen. Das heiรt, es sind Situationen, รผber die wir nicht hinaus kรถnnen, die wir nicht รคndern kรถnnen. Das Bewuรtwerden dieser Grenzsituationen ist nach dem Staunen und dem Zweifel der tiefere Ursprung der Philosophie. Im bloรen Dasein weichen wir oft vor ihnen aus, indem wir die Augen schlieรen und leben, als ob sie nicht wรคren. Wir vergessen, daร wir sterben mรผssen, vergessen unser Schuldigsein und unser Preisgegebensein an den Zufall. (โฆ)
Die Grenzsituationen - Tod, Zufall, Schuld und die Unzuverlรคssigkeit der Welt - zeigen mir das Scheitern. (...) Es ist entscheidend fรผr den Menschen, wie er das Scheitern erfรคhrt: ob es ihm verborgen bleibt und ihn nur faktisch am Ende รผberwรคltigt, oder ob er es unverschleiert zu sehen vermag und als stรคndige Grenze seines Daseins gegenwรคrtig hat; ob er phantastische Lรถsungen und Beruhigungen ergreift, oder ob er redlich hinnimmt im Schweigen vor dem Undeutbaren. Wie er sein Scheitern erfรคhrt, das begrรผndet, wozu der Mensch wird.
In den Grenzsituationen zeigt sich entweder das Nichts oder es wird fรผhlbar, was trotz und รผber allem verschwindenden Weltsein eigentlich ist. Selbst die Verzweiflung wird durch die Tatsรคchlichkeit, daร sie in der Welt mรถglich ist, ein Zeiger รผber die Welt hinaus.
Anders gesagt: der Mensch sucht Erlรถsung. Erlรถsung wird geboten durch die groรen universalen Erlรถsungsreligionen. Ihr Kennzeichen ist eine objektive Garantie fรผr die Wahrheit und Wirklichkeit der Erlรถsung. Ihr Weg fรผhrt zum Akt der Bekehrung des Einzelnen. Dies vermag Philosophie nicht zu geben. Und doch ist alles Philosophieren ein Weltรผberwinden, ein Analogon der Erlรถsung.
Heinrich Heine: Auszug aus der Vorrede zu ยปLutetiaยซ (1855)
Bei diesem Text handelt es sich um eine nicht mehr nachweisbare Rรผckรผbersetzung des Vorworts einer franzรถsischsprachigen Ausgabe
Daร die Zukunft den Kommunisten gehรถrt, dieses Bekenntnis machte ich in einem Ton der Besorgnis und รคuรersten Furcht, und - ach! das war keineswegs Verstellung! Wahrhaftig, nur mit Schauer und Schrecken denke ich an die Zeit, da diese finsteren Bilderstรผrmer zur Herrschaft gelangen werden. Mit ihren schwieligen Hรคnden werden sie erbarmungslos alle Marmorstatuen der Schรถnheit zerbrechen, die meinem Herzen so teuer sind. Sie werden alle jene Spielereien und phantastischen Nichtigkeiten der Kunst zerschmettern, die der Dichter so sehr liebte.
Sie werden meine Lorbeerhaine zerstรถren und dort Kartoffeln anpflanzen. Die Lilien, die weder spannen noch arbeiteten und doch ebenso herrlich gekleidet waren wie der Kรถnig Salomo in aller seiner Pracht, sie werden ausgerissen werden aus dem Boden der Gesellschaft, es sei denn, sie nehmen die Spindel zur Hand. Die Rosen, jene mรผรigen Brรคute der Nachtigallen, wird das gleiche Geschick treffen. Die Nachtigallen, diese unnรผtzen Sรคnger, werden vertrieben werden, und ach! mein Buch der Lieder wird dem Gewรผrzkrรคmer dazu dienen, Tรผten zu drehen, in die er den armen alten Frauen der Zukunft Kaffee und Tabak schรผtten wird. Ach! ich sehe all dies voraus, und ich bin von einer unaussprechlichen Traurigkeit ergriffen, wenn ich an den Verfall denke, mit dem das siegreiche Proletariat meine Verse bedroht, die mit der ganzen alten romantischen Welt vergehen werden. Und dennoch, ich bekenne es mit Freimut, รผbt eben dieser Kommunismus, so feindlich er allen meinen Interessen und meinen Neigungen ist, auf meine Seele einen Reiz aus, dem ich mich nicht entziehen kann.
Zwei Stimmen erheben sich in meiner Brust zu seinen Gunsten, zwei Stimmen, die sich nicht zum Schweigen bringen lassen wollen, die vielleicht im Grunde nur teuflische Einflรผsterungen sind. Aber was immer sie seien, ich bin davon besessen, und keine Macht der Teufelsbeschwรถrungen kรถnnte sie bรคndigen. Denn die erste dieser Stimmen ist die Logik. Der Teufel ist ein Logiker! sagt Dante. Wenn ich diesen ersten Satz nicht widerlegen kann: ยปdaร alle Menschen das Recht haben, zu essenยซ, so bin ich gezwungen, mich auch allen anderen Folgerungen zu unterwerfen. Wenn ich daran denke, so laufe ich Gefahr, den Vestand zu verlieren. Ich sehe alle Dรคmonen der Wahrheit im Triumph mich umtanzen. Und schlieรlich bemรคchtigt sich meines Herzens eine groรmรผtige Verzweiflung, und ich rufe aus: Sie ist schon seit langem gerichtet, verurteilt, diese alte Gesellschaft.
Mรถge die Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen! Mรถge sie zerbrochen werden, diese alte Welt, wo die Unschuld zugrunde ging, wo die Selbstsucht gedieh, wo der Mensch vom Menschen 4ยป ausgebeutet wurde! Mรถgen sie von Grund aus zerstรถrt werden, diese รผbertรผnchten Grabstรคtten, in denen die Lรผge und die Verderbnis herrschten! Und gesegnet sei der Gewรผrzkrรคmer, der einst aus meinen Gedichten Tรผten drehen wird, um Kaffee oder Tabak fรผr die armen guten alten Weiber hineinzuschรผtten, so die sich vielleicht in unserer jetzigen Welt der Ungerechtigkeit eine solche Annehmlichkeit haben versagen mรผssen. Fiat justitia, pereat mundus! (Die Gerechtigkeit nehme ihren Lauf, und sollte die Welt darรผber zugrunde gehen!)
Die zweite der gebieterischen Stimmen, die mich umstricken, ist noch mรคchtiger und noch infernalischer als die erste. Denn sie ist die des Hasses, des Hasses, den ich gegen eine Partei hege, deren schrecklichster Gegner der Kommunismus und die aus diesem Grunde unser gemeinsamer Feind ist. Ich spreche von der Partei der sogenannten Reprรคsentanten der Nationalitรคt in Deutschland, jener falschen Patrioten, deren Vaterlandsliebe in nichts anderem besteht als in einer idiotischen Abneigung gegen das Fremde und gegen die Nachbarvรถlker, und die tรคglich ihre Galle verspritzen, besonders gegen Frankreich. Ja, diese รberbleibsel der Nachfahren der Teutomanen von 1815, die nur ihr altes ultrateutsches Narrenkostรผm modernisiert haben und sich ein wenig die Ohren haben stutzen lassen, mein ganzes Leben lang habe ich sie verabscheut und bekรคmpft. Und jetzt, da das Schwert der Hand des Sterbenden entfรคllt, fรผhle ich mich getrรถstet durch die รberzeugung, daร der Kommunismus, der sie als erste auf seinem Wege finden wird, ihnen den Gnadenstoร versetzen wird. Und sicherlich wird das kein Keulenschlag sein, nein, mit einem einfachen Fuรtritt wird der Riese sie zertreten, wie man eine Krรถte zertritt. Das wird sein Debut sein. Aus Haร gegen die Parteigรคnger des Nationalismus kรถnnte ich fast den Kommunisten meine Liebe zuwenden. Wenigstens sind sie keine Heuchler, die immer die Religion und das Christentum im Munde fรผhren. Die Kommunisten haben allerdings keine Religion (kein Mensch ist vollkommen). Die Kommunisten sind sogar Atheisten (was sicherlich eine groรe Sรผnde ist). Aber als Hauptdogma bekennen sie sich zu einer Lehre, die das Wohl aller Menschen in allen Lรคndern erstrebt, zu einer allgemeinenLiebe zu allen Vรถlkern, einem gรผtergleichen Bruderschaftsverhรคltnis unter allen Menschen, freien Bรผrgern dieses Erdballs.
Dieses grundlegende Dogma ist das gleiche, welches einst das Evangelium gepredigt hat, dergestalt, daร dem Geist und der Wahrheit nach die Kommunisten sehr viel christlicher sind als unsere sogenannten germanischen Patrioten, jene beschrรคnkten Verfechter einer exklusiven Nationalitรคt.
Heutzutage herrschen in Deutschland wiederum die Nationalisten und der ganze รผble Schwanz von 1815, und sie heulen mit der Erlaubnis des Herrn Bรผrgermeisters und der anderen hohen Autoritรคten des Landes. Heult nur zu! Der Tag wird kommen, wo der fatale Fuรtritt euch zerquetschen wird. In dieser รberzeugung kann ich ohne Unruhe diese Welt verlassen. Und jetzt, lieber Leser, habe ich soweit wie mรถglich in den Stand gesetzt, die Einheitlichkeit meines Denkens und den wahren Geist dieses Buches zu beurteilen, das ich vertrauensvoll allen Menschen in die Hand lege, die guten Glaubens sind.
Martin Heidegger: Stundenรผbergรคnge, Von I zu II (1951/52)
In: Was heiรt Denken? Tรผbingen: Max Niemeyer Verlag, 4. durchges. Auflage 1984, S. 50f.
Wir versuchen hier, das Denken zu lernen. Vielleicht ist das Denken auch nur dergleichen wie das Bauen an einem Schrein. Es ist jedenfalls ein Hand-Werk. Mit der Hand hat es eine eigene Bewandtnis. Die Hand gehรถrt nach der gewรถhnlichen Vorstellung zum Organismus unseres Leibes. Allein das Wesen der Hand lรครt sich nie als leibliches Greiforgan bestimmen oder von diesem her erklรคren. Greiforgane besitzt z.B. der Affe, aber er hat keine Hand. Die Hand ist von allen Greiforganen: Tatzen, Krallen, Fรคngen, unendlich, d.h. durch einen Abgrund des Wesens verschieden. Nur ein Wesen, das spricht, d.h. denkt, kann die Hand haben und in der Handhabung Werke der Hand vollbringen.
Allein das Werk der Hand ist reicher, als wir gewรถhnlich meinen. Die Hand greift und fรคngt nicht nur, drรผckt und stรถรt nicht nur. Die Hand reicht und empfรคngt und zwar nicht allein Dinge, sondern sie reicht sich und empfรคngt sich in den anderen. Die Hand hรคlt. Die Hand trรคgt. Die Hand zeichnet, vermutlich weil der Mensch ein Zeichen ist. Die Hรคnde falten sich, wenn diese Gebรคrde den Menschen in die groรe Einfalt tragen soll. Dies alles ist die Hand und das eigentliche Hand-Werk. In ihm beruht jegliches, was wir gewรถhnlich als Handwerk kennen, und wobei wir es belassen. Aber die Gebรคrden der Hand gehen รผberall durch die Sprache hindurch und zwar gerade dann am reinsten, wenn der Mensch spricht, indem er schweigt. Doch nur insofern der Mensch spricht, denkt er; nicht umgekehrt, wie die Metaphysik es noch meint. Jede Bewegung der Hand in jedem ihrer Werke trรคgt sich durch das Element, gebรคrdet sich im Element des Denkens. Alles Werk der Hand beruht im Denken. Darum ist das Denken selbst das einfachste und deshalb schwerste Hand-Werk des Menschen, wenn es zu Zeiten eigens vollbracht sein mรถchte.
Wir mรผssen das Denken lernen, weil die Fรคhigkeit zum Denken, ja sogar die Begabung fรผr das Denken, noch nicht verbรผrgen, daร wir das Denken vermรถgen. (...)
In: Hans Maria Wingler: Das Bauhaus 1919-1933, Weimar, Dessau, Berlin und die Nachfolge in Chicago seit 1937, Bramsche: Verlag Rasch 1975, S. 38ff.
Das Endziel aller bildnerischen Tรคtigkeiten ist der Bau! Ihn zu schmรผcken war einst die vornehmste Aufgabe der bildenden Kรผnste, sie waren unablรถsliche Bestandteile der groรen Baukunst. Heute stehen sie in selbstgenรผgsamer Eigenheit, aus der sie erst wieder erlรถst werden kรถnnen durch bewuรtes Mit- und Ineinanderwirken aller Werkleute untereinander. Architekten, Maler und Bildhauer mรผssen die vielgliedrige Gestalt des Baues in seiner Gesamtheit und in seinen Teilen wieder kennen und begreifen lernen, dann werden sich von selbst ihre Werke wieder mit architektonischem Geiste fรผllen, den sie in der Salonkunst verloren.
Die alten Kunstschulen vermochten diese Einheit nicht zu erzeugen, wie sollten sie auch, da Kunst nicht lehrbar ist. Sie mรผssen wieder in die Werkstatt aufgehen. Diese nur zeichnende und malende Welt der Musterzeichner und Kunstgewerbler muร endlich wieder eine bauende werden. Wenn der junge Mensch, der Liebe zur bildnerischen Tรคtigkeit in sich verspรผrt, wieder wie einst seine Bahn damit beginnt, ein Handwerk zu erlernen, so bleibt der unproduktive ยปKรผnstlerยซ kรผnftig nicht mehr zu unvollkommener Kunstรผbung verdammt, denn seine Fertigkeit bleibt nun dem Handwerk erhalten, wo er Vortreffliches zu leisten vermag.
Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle mรผssen zum Handwerk zurรผck! Denn es gibt keine ยปKunst von Berufยซ. Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Kรผnstler und dem Handwerker. Der Kรผnstler ist eine Steigerung des Handwerkers. Gnade des Himmels lรครt in seltenen Lichtmomenten, die jenseits seines Wollens stehen, unbewuรt Kunst aus dem Werk seiner Hand erblรผhen, die Grundlage des Werkmรครigen aber ist unerlรครlich fรผr jeden Kรผnstler. Dort ist der Urquell schรถpferischen Gestaltens.
Bilden wir also eine neue Zunft der Handwerker ohne die klassentrennende Anmaรung, die eine hochmรผtige Mauer zwischen Handwerkern und Kรผnstlern errichten wollte! Wollen, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den neuen Bau der Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architektur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Hรคnden der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallenes Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens.
Georg Groddeck: Auszug aus einem Brief an Freud (27. 5. 1917)
In: Der Mensch und sein Es, (c) 1970 by Limes Verlag in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, zitiert nach: Briefwechsel G. Groddeck - S. Freud, Mรผnchen: Kindler 1974, S. 9f.
Zu meinen - oder soll ich sagen - Ihren Anschauungen bin ich nicht durch das Studium von Neurosen gekommen, sondern durch die Beobachtungen von Leiden, die man kรถrperlich zu nennen pflegt. Meinen รคrztlichen Ruf verdanke ich ursprรผnglich meiner Tรคtigkeit als physikalischer Therapeut, speziell als Masseur. Infolgedessen ist meine Klientel wohl anders geartet als die der Psychoanalytiker.
Lรคngst ehe ich jene oben erwรคhnte Kranke im Jahre 1909 kennenlernte, hatte sich bei mir die รberzeugung festgesetzt, daร die Unterscheidung von Seele und Kรถrper nur eine Wort- nicht eine Wesensunterscheidung ist, daร Kรถrper und Seele ein Gemeinsames sind, daร darin ein ES steckt, eine Kraft, von der wir gelebt werden, wรคhrend wir zu leben glauben. Selbstverstรคndlich kann ich diese Idee nicht als mein Eigentum beanspruchen, aber sie war und ist der Ausgangspunkt meiner Tรคtigkeit.
Mit anderen Worten, ich habe von vornherein die Scheidung kรถrperlicher und seelischer Leiden abgelehnt, habe den einzelnen Menschen an sich, das ES in ihm zu behandeln versucht, einen Weg zu finden gesucht, der in das Unbetretene, Unbetretbare fรผhrt. Ich bin mir bewuรt, daร ich mindestens hart an der Grenze des Mystischen, vielleicht schon mitten darin mich bewege. Trotzdem zwingen mich die einfachen Tatsachen, diesen Weg weiter zu gehen.
Die Psychoanalyse arbeitet, wenn ich es recht verstehe, vorlรคufig mit dem Begriff der Neurose. Ich vermute allerdings, daร auch fรผr Sie hinter diesem Wort das ganze Menschenleben liegt.
Jedenfalls ist es so fรผr mich. Das ES, das in geheimnisvollem Zusammenhang mit der Sexualitรคt, dem Eros oder wie man es sonst nennen will, steht, formt ebenso die Nase wie die Hand des Menschen, wie es seine Gedanken und Gefรผhle formt, es รคuรert sich ebenso als Lungenentzรผndung oder Krebs wie als Zwangsneurose oder Hysterie, und ebenso wie die als Hysterie oder Neurose hervortretende Tรคtigkeit des ES Gegenstand der psychoanalytischen Behandlung ist, ist es auch der Herzfehler oder der Krebs.
An sich existieren Wesensunterschiede nicht, die uns zwingen kรถnnten, hier den Versuch der Psychoanalyse zu machen und dort nicht. Vielmehr ist es nur eine praktische Frage, eine Frage des persรถnlichen Ermessens, wo man aufhรถren will, psychoanalytisch zu behandeln. Ich brauche den Ausdruck behandeln, weil ich nicht glaube, daร die Tรคtigkeit des Arztes sich weiter erstreckt als auf die Behandlung, das Heilen besorgt nicht er, sondern eben das ES.
In: Der Mensch und sein Es, (c) 1970 by Limes Verlag in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, zitiert nach: Verdrรคngen und Heilen, Mรผnchen: Kindler 1974, 2140, S. 20ff.
Freud hat im Laufe seiner Forschungen fรผr die Behandlung und das Verstรคndnis der Neurosen, Psychosen und der Grenzfรคlle zwischen beiden Erkrankungsformen das Wort Widerstand eingefรผhrt. Sobald man das Gebiet psychoanalytischer Tรคtigkeit auf die gesamte Medizin ausdehnt, stellt sich erst heraus, welche Bedeutung dieses eine Wort beanspruchen darf. Mit dem Wort ยปWiderstandยซ lรครt sich nรคmlich vieles an dem seltsamen Phรคnomen der Willkรผr, mit der das Es des Kranken die Behandlung des Arztes zum Guten oder zum Bรถsen lenkt, ein wenig verstรคndlich machen, wenn auch nicht erklรคren: vor allem ist es als Richtschnur fรผr den Gang der Behandlung brauchbar.
Die Krankheit ist eine Ausdrucksform des Es: Wenn Gebรคrden, Worte, Gedanken, Handlungen, Schlafen, Verdauen, Absondern und so weiter nicht ausreichen, um bestimmte Vorgรคnge innerhalb des Einzel-Es deutlich genug zur Erscheinung zu bringen, greift das Es hinaus in die Umwelt und sucht sich dort irgend etwas aus, womit es sich krank macht, um mit Hilfe der Krankheitserscheinungen auszudrรผcken, was es auf dem gewรถhnlichen Wege nicht ausdrรผcken kann.
Wenn wir nun auch die Gesetze, nach denen das Es handelt, nicht kennen und begreifen kรถnnen, ja wenn wir auch nicht einmal wissen, ob solche Gesetze existieren, so wissen wir doch aus der Erfahrung jedes Lebensaugenblicks, daร das Es Gewohnheiten hat, in denen es zu leben und zu handeln liebt. Es ist daher anzunehmen, daร das Es nur ungern zu dem auรergewรถhnlichen Mittel der Erkrankung greift und so bald als mรถglich zu seinen gewohnten Ausdrucksformen des gesunden Lebens zurรผckzukehren sucht.
Mit anderen Worten: in dem kranken Es ist stets bis zum Eintritt des Todes ein Wille zur Gesundheit vorhanden, dem der Wille zur Krankheit feindlich gegenรผbersteht, Widerstand leistet. Da das Es mittels der Krankheit Dinge ausdrรผcken will, die es auf gesundem Wege nicht ausdrรผcken kann, andererseits aber im Es der Trieb ist, auf gesunde Ausdrucksmรถglichkeiten zurรผckzugreifen, wird die Genesung eintreten, sobald das Es sich davon รผberzeugt hat, daร es den Ausnahmezustand nicht mehr braucht.
Im Allgemeinen erwirbt sich das Es diese รberzeugung von selbst. Tut es das nicht, so ist der Augenblick da, wo die Behandlung einzugreifen hat, mit Recht eingreift.
Ihre Aufgabe ist - und das ist, so vielgestaltig sie auch sein mag, die einzige Aufgabe der Behandlung - dem kranken Es aus der Umwelt Dinge vorzulegen, die dem nachempfindenden Es des Behandlers, des Arztes, zweckmรครig erscheinen. In erster Linie wird es dabei darauf ankommen, dem kranken und eigenwilligen Es zu beweisen, daร es mit seinen gesunden Ausdrucksformen wieder auskommen kann.
Nimmt das Es des Kranken diesen Beweis, der mit Messer, Arznei, Klima, Bad, sogenannter Naturheilkunde, mit Suggestion oder Psychoanalyse, mit scheinbarer oder echter Wahrheit und mit scheinbarer oder echter Lรผge, kurz mit allen psychophysischen Mitteln des Lebens zweckmรครig und erfolgreich gefรผhrt werden kann, nimmt es diesen Beweis nicht an, so weiร der Behandler, der Arzt, daร der Wille zur Krankheit, - ein Wille, der hรคufig genug nichts anderes als schlechte Gewohnheit ist - Widerstand leistet. Seine Aufgabe ist dann, diesen Widerstand zu erforschen und auf irgendeine Weise, mit Gewalt oder mit List, zu รผberwinden.
Warum das Es so hรคufig - denn die Selbstheilungen ohne Behandlung sind die Regel, die Notwendigkeit fremder Hilfe die Ausnahme - warum es so hรคufig nach einer Weile die Sprache des Krankseins, die zum mindesten den einen Vorteil hat, die Mitmenschen aufhorchen zu lassen, aufgibt, mag in andren Zusammenhรคngen erรถrtert werden. Fรผr die Tatsache jedoch, daร ein bestimmtes Es hartnรคckig an seiner Entdeckung, daร vieles sich leichter durch Krankheit als durch Gesundheit deutlich machen lรครt, festhรคlt und entweder anfรคllig, krรคnklich ist oder langwierige Krankheiten wรคhlt, erklรคrt sich wenigstens zum Teil daraus, daร schon das kleine Kind, dem verhรคltnismรครig wenig Ausdrucksmittel zur Verfรผgung stehen, erfรคhrt, was fรผr ein gewaltiges Machtmittel die Krankheit ist.
Je frรผhzeitiger das Kindes-Es diese Entdeckung macht, je eher es ausfindet, welche Krankheitsarten die Umwelt, das ist im wesentlichen die Mutter, am meisten zur sorgfรคltigen Liebe zwingen, umso tiefer wurzelt sich die Gewรถhnung an das Sprechen mit Hilfe des Krankseins und vor allem des chronisch Krankseins. Das muร, obwohl damit die Gefahr entsteht, als ob von dem Verfasser ein groรer Wert auf das gesundheitsfรถrdernde Verhalten der Mutter dem Kinde gegenรผber gelegt wรผrde, was dem Verfasser aufgrund seiner skeptischen Einstellung aller erzieherischen Tรคtigkeit gegenรผber, soweit sie รผberlegt, dem Verstande einleuchtend ist, fern liegt, das muร trotz dieser Gefahr schon hier betont werden, weil sich das kranke Es mit Vorlieb - man kรถnnte sagen aus Faulheit - dieser Kindheitserfahrungen als Mittel zum Widerstand bedient und diesen Widerstand durch ein anderes Werkzeug aus der Kinderzeit, dem Freud den Namen ยปรbertragungยซ gegeben hat, verstรคrkt.
Da das Es, um krank zu werden, in die Auรenwelt hineinzugreifen pflegt, um sich dort irgendeine Schรคdigung, eine ยปpathogeneยซ Mikrobe, eine Erkรคltung, einen Unglรผcksfall als ยปKrankheitsursacheยซ auszuwรคhlen, ist es verstรคndlich, daร es auch die Mittel zum Widerstand zunรคchst der Umwelt entnimmt, um sie in tausend Abwandlungen und unter immer neuen Masken mit erstaunlicher Schlauheit zu verwenden.
Aus der Masse der Widerstรคnde hebt sich einer als der gebrauchlichste und zur Vereitelung der Behandlung nรผtzlichste hervor, das ist der Widerstand gegen den Arzt. Es ist eine verbreitete, aber deshalb noch lรคngst nicht richtige Annahme, daร der Kranke Vertrauen zu dem Arzt habe, den er sich gewรคhlt hat.
Zunรคchst wรคhlt er ihn sehr hรคufig gar nicht selber, sondern geht nur zu ihm, weil irgendwelche Leute, die es gut meinen und infolgedessen falsch raten, in aufdringlicher Form zureden; dabei kann von Vertrauen keine Rede sein. Aber auch die, die nicht zur Behandlung gepreรt werden, kommen hรถchstens mit halbem Vertrauen zum Arzte: denn nur der Wille zur Genesung sieht in dem Arzte den helfenden Freund, der Wille zum Kranksein, dessen Existenz gerade durch das Kranksein bestรคtigt ist, betrachtet den Arzt als den gefรคhrlichsten Feind und lauert im stรคrksten Miรtrauen darauf, Grรผnde fรผr diese Feinschaft zu finden. Wenn das krankheitssรผchtige Es derlei Grรผnde nicht findet, so erfindet es welche. Das hat den Vorteil, daร der grundlose Groll verschwiegen werden muร und infolgedessen Wochen, Monate, Jahre weiterfressen kann, daร er in seiner Ungerechtigkeit und Verstecktheit, in seiner Niedertrรคchtigkeit den Arzt erbittert und zu Fehlern veranlaรt, daร er vom Kranken als Schuld empfunden wird, verdrรคngt wird und in der Verdrรคngung doppelt gefรคhrlich wirkt, daร er abgebรผรt werden will und als naheliegende Buรe die Verschlimmerung oder Verschlechterung der Krankheit wรคhlt.
Der Zweck dieser vorlรคufigen Besprechung des Widerstandes ist erreicht, wenn daraus hervorgeht, wie wichtig seine Rolle im kranken Leben ist, wie unumgรคnglich notwendig seine Erforschung fรผr das theoretische Denken รผber Gesundheit und Krankheit ist und daร der Widerstand und seine รberwindung das Tรคtigkeitsfeld und das Ziel jeder Behandlung bei jeder Krankheit ist. Daร der Widerstand gegen den Arzt fรผr die Behandlung, und zwar nur fรผr die Behandlung, die grรถรte Bedeutung hat, sollten weder Arzt noch Kranker je vergessen.
Man kann als Grundsatz annehmen, daร jede Verschlimmerung der Erkrankung, mag sie geartet sein wie sie wolle, zweierlei mit eindringlicher Deutlichkeit sagt: ยปDu Arzt hast einen Fehler begangenยซ und ยปDu Kranker hast eine Gemeinheit gegen deinen Arzt begangenยซ. Das freimรผtige Eingestehen eines Fehlers ist die Vorbedingung fรผr das Glรผcken feinfรผhlender Verfรผhrung des Kranken zur Wahrhaftigkeit, in der letzten Endes alle Gesundheit beschlossen liegt. Der Kranke weiร, daร Krankheit ein unehrliches Mittel ist. Er ist geneigt, im Arzte den Richter zu sehen, umso geneigter, weil er weiร, daร รrzte nicht richten dรผrfen.
ยปWenn ich diesen da, der sich rรผhmt Helfer zu sein, dazu bringe zu urteilen und zu verurteilen, so ist es auch mir erlaubt, zu Gericht zu sitzen รผber andere und รผber mich, so ist es auch mir erlaubt, Leid und Tod รผber mich selbst zu verhรคngen; dann ist Krankheit keine Sรผnde mehrยซ, so folgert der Kranke. Welch ein Irrtum! Arzt und Kranker haben eins gemein: weder der Kranke noch der Arzt haben ein Recht zu richten; weder fรผr den Kranken noch fรผr den Arzt gibt es Moral; weder fรผr den Kranken noch fรผr den Arzt gibt es Sรผnde. Sie stehen beide jenseits von Gut und Bรถse.
Des Kรผnstlers Gefรผhl ist sein Gesetz. Die reine Empfindung kann nie naturwidrig, immer nur naturgemรคร sein. Nie aber darf das Gefรผhl eines anderen uns als Gesetz aufgebรผrdet werden. Geistige Verwandtschaft erzeugt รคhnliche Werke, aber diese Verwandtschaft ist weit entfernt von Nachรคfferei.
Die Kunst tritt als Mittlerin zwischen die Natur und den Menschen. Das Urbild ist der Menge zu groร und erhaben, um es erfassen zu kรถnnen. Das Abbild als Menschenwerk liegt nรคher dem Schwachen, und so erklรคrt sich auch wohl die รถfter gehรถrte รuรerung, daร das Abbild mehr gefalle als die Natur (die Wirklichkeit). Oder auch die Redensart: Es ist so schรถn, als wenn es gemalt wรคre; statt von einem Gemรคlde zu sagen, es sei so schรถn, als wenn es Natur wรคre.
Was uns an den alten Bildern erfreut, ist vor allem die fromme Einfalt. Wir wollen aber nicht einfรคltig werden, wie viele getan, und ihre Fehler nachรคffen, sondern fromm werden und ihre Tugenden nachahmen.
Die Maler รผben sich im Erfinden, im Komponieren, wie sie's nennen, heiรt das nicht etwa mit anderen Worten, sie รผben sich im Stรผckeln und Flicken? Ein Bild muร nicht erfunden, sondern empfunden sein. Ihr tadelt und sprecht, der Gegenstand ist in der Natur anders, und XXX hat viel hineingesehen, was gar nicht in der Wirklichkeit ist. Ich ehre, was ihr tadelt, denn was XXX hineingesehen, ist immer schรถn und bleibt dem Charakter des Gegenstandes und der Natur getreu, ja unterstรผtzt und erhรคlt denselben. Ihr aber habt nicht einmal aus dem Gegenstand herausgesehen, was offenbar darinliegt, denn ihr seid geistig blind und ahmt bloร gefรผhllos nach.
Nicht die geistige Auffassung eines Gegenstandes in der Landschaftsmalerei gilt jetzt mehr als Aufgabe, wenn auch mit dem ernsten Bestreben, treu und wahr die Natur nachzubilden, sondern die Forderung der Zeit ist treue Nachรคffung der Kรถrper, also Lรคngen, Breiten und Hรถhen und Formen und Farben; denn damit hรคtte man auch schon den Geist erfaรt nach dieser Herren Meinung, denn ebendarin kรถnne sich ja nur der Geist aussprechen. Man nennt dies reine, demรผtige, kindliche Hingebung und Aufopferung des eigenen Willens. Also nicht wollen, sondern nur malen soll der Maler! Denn selbst das, was durch das leibliche Auge vom geistigen Auge aufgenommen worden, hรคlt man schon fรผr Anmaรung und rechnet es schon als Sรผnde an. Habe ich diese Herren anders recht verstanden, oder hat man sich selbst verstanden, wie ich kaum glaube, denn es widerspricht meinem Gefรผhl und meiner Vernunft, aber das Gefรผhl, lehren diese Herren, ist schon Sรผnde. Also nur, was mit leiblichen Augen gesehen, und strenge und getreu nachgeรคfft, sei Aufgabe und Forderung unserer Zeit, der Kunst. Ich gestehe frei und offen, daร ich nimmer und nie dieser Meinung beistimmen werde. Allerdings gestehe ich gerne, daร diese Bilder von XX, so alle diesen Forderungen dieser Zeit entsprechen sollen, viele und groรe Verdienste haben und ich mich der treuen Nachahmung des einzelnen erfreue. Aber das Ganze hat fรผr mich wenig Anziehung, eben weil ich das innige geistige Durchdrungensein des Kรผnstlers von der Natur vermisse. Es sind also auch diese Gemรคlde bei allen Vortrefflichkeiten wie so viele andere fรผr mich wenigstens ohne belebende Seele. Ich bin weit entfernt, den Forderungen der Zeit, wenn es nicht anders bloรe Mode ist, entgegenzuarbeiten und gegen den Strom anschwimmen zu wollen, sondern lebe vielmehr der Hoffnung, daร die Zeit ihre eigene Geburt vernichten wird, und das bald. Aber noch weniger bin ich so schwach, gegen meine รberzeugung den Forderungen meiner Zeit zu huldigen. Ich spinne mich in meiner Puppe ein und รผberlasse es der Zeit, was aus dem Gespinste herauskommen wird, ob ein bunter Schmetterling oder eine Made.
In: Abriร der Psychoanalyse, III. Teil, 8. Kapitel: Die psychische Apparat und die Auรenwelt, Gesammelte Werke, 17. Bd., ยฉ 1941 Imago Publishing Co. Ltd., London, Abdruck mit Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1972, S. 9ff.
A. Die Psychoanalyse macht eine Grundvoraussetzung, deren Diskussion philosophischem Denken vorbehalten bleibt, deren Rechtfertigung in ihren Resultaten liegt. Von dem, was wir unsere Psyche (Seelenleben) nennen, ist uns zweierlei bekannt, erstens das kรถrperliche Organ und Schauplatz desselben, das Gehirn (Nervensystem), anderseits unsere Bewuรtseinsakte, die unmittelbar gegeben sind und uns durch keinerlei Beschreibung nรคher gebracht werden kรถnnen. Alles dazwischen ist uns unbekannt, eine direkte Beziehung zwischen beiden Endpunkten unseres Wissens ist nicht gegeben. Wenn sie bestรผnde, wรผrde sie hรถchstens eine genaue Lokalisation der Bewuรtseinsvorgรคnge liefern und fรผr deren Verstรคndnis nichts leisten.
B. Unsere beiden Annahmen setzen an diesen Enden oder Anfangen unseres Wissens an. Die erste betrifft die Lokalisation. Wir nehmen an, daร das Seelenleben die Funktion eines Apparates ist, dem wir rรคumliche Ausdehnung und Zusammensetzung aus mehreren Stรผcken zuschreiben, den wir uns also รคhnlich vorstellen wie ein Fernrohr, ein Mikroskop u. dgl. Der konsequente Ausbau einer solchen Vorstellung ist ungeachtet gewisser bereits versuchter Annรคherung eine wissenschaftliche Neuheit.
C. Zur Kenntnis dieses psychischen Apparates sind wir durch das Studium der individuellen Entwicklung des menschlichen Wesens gekommen. Die รคlteste dieser psychischen Provinzen oder Instanzen nennen wir das Es; sein Inhalt ist alles, was ererbt, bei Geburt mitgebracht, konstitutionell festgelegt ist, vor allem also die aus der Kรถrperorganisation stammenden Triebe, die hier einen ersten uns in seinen Formen unbekannten psychischen Ausdruck finden.1
D. Unter dem Einfluร der uns umgebenden realen Auรenwelt hat ein Teil des Es eine besondere Entwicklung erfahren. Ursprรผnglich als Rindenschicht mit den Organen zur Reizaufnahme und den Einrichtungen zum Reizschutz ausgestattet, hat sich eine besondere Organisation hergestellt, die von nun an zwischen Es und Auรenwelt vermittelt. Diesem Bezirk unseres Seelenlebens lassen wir den Namen des Ichs.
E. Die hauptsรคchlichen Charaktere des Ich. Infolge der vorgebildeten Beziehung zwischen Sinneswahrnehmung und Muskelaktion hat das Ich die Verfรผgung รผber die willkรผrlichen Bewegungen. Es hat die Aufgabe der Selbstbehauptung, erfรผllt sie, indem es nach auรen die Reize kennenlernt, Erfahrungen รผber sie aufspeichert (im Gedรคchtnis), รผberstarke Reize vermeidet (durch Flucht), mรครigen Reizen begegnet (durch Anpassung), und endlich lernt, die Auรenwelt in zweckmรครiger Weise zu seinem Vorteil zu verรคndern (Aktivitรคt); nach innen gegen das Es, indem es die Herrschaft รผber die Triebansprรผche gewinnt, entscheidet, ob sie zur Befriedigung zugelassen werden sollen, diese Befriedigung auf die in der Auรenwelt gรผnstigen Zeiten und Umstรคnde verschiebt oder ihre Erregungen รผberhaupt unterdrรผckt. In seiner Tรคtigkeit wird es durch die Beachtungen der in ihm vorhandenen oder in dasselbe eingetragenen Reizspannungen geleitet. Deren Erhรถhung wird allgemein als Unlust, deren Herabsetzung als Lust empfunden. Wahrscheinlich sind es aber nicht die absoluten Hรถhen dieser Reizspannung, sondern etwas im Rhythmus ihrer Verรคnderung, was als Lust oder Unlust empfunden wird.
Das Ich strebt nach Lust, will der Unlust ausweichen. Eine erwartete, vorausgesehene Unluststeigerung wird mit dem Angstsignal beantwortet, ihr Anlaร, ob er von auรen oder von innen droht, heiรt Gefahr. Von Zeit zu Zeit lรถst das Ich seine Verbindung mit der Auรenwelt und zieht sich in den Schlafzustand zurรผck, in dem es seine Organisation weitgehend verรคndert. Aus dem Schlafzustand ist zu schlieรen, daร diese Organisation in einer besonderen Verteilung der seelischen Energie besteht.
F. Als Niederschlag der langen Kindheitsperiode, wรคhrend der der werdende Mensch in Abhรคngigkeit von seinen Eltern lebt, bildet sich in seinem Ich eine besondere Instanz heraus, in der sich dieser elterliche Einfluร fortsetzt. Sie hat den Namen des รber-Ichs erhalten. Insoweit dieses รber-Ich sich vom Ich sondert und sich ihm entgegenstellt, ist es eine dritte Macht, der das Ich Rechnung tragen muร.
G. Eine Handlung des Ichs ist dann korrekt, wenn sie gleichzeitig den Anforderungen des Es, des รber-Ichs und der Realitรคt genรผgt, also deren Ansprรผche miteinander zu versรถhnen weiร. Die Einzelheiten der Beziehung zwischen Ich und รber-Ich werden durchwegs aus der Zurรผckfรผhrung auf das Verhรคltnis des Kindes zu seinen Eltern verstรคndlich. Im Elterneinfluร wirkt natรผrlich nicht nur das persรถnliche Wesen der Eltern, sondern auch der durch sie fortgepflanzte Einfluร von Familien-, Rassen- und Volkstradition sowie die von ihnen vertretenen Anforderungen des jeweiligen sozialen Milieus. Ebenso nimmt das รber-Ich im Laufe der individuellen Entwicklung Beitrรคge von seiten spรคterer Fortsetzer und Ersatzpersonen der Eltern auf, wie Erzieher, รถffentliche Vorbilder, in der Gesellschaft verehrter Ideale. Man sieht, daร Es und รber-Ich bei all ihrer fundamentalen Verschiedenheit die eine รbereinstimmung zeigen, daร sie die Einflรผsse der Vergangenheit reprรคsentieren, das Es den der ererbten, das รber-Ich im wesentlichen den der von anderen รผbernommenen, wรคhrend das Ich hauptsรคchlich durch das selbst Erlebte, also Akzidentelle und Aktuelle bestimmt wird.
Dies allgemeine Schema eines psychischen Apparates wird man auch fรผr die hรถheren, dem Menschen seelisch รคhnlichen Tiere gelten lassen. Ein รber-Ich ist รผberall dort anzunehmen, wo es wie beim Menschen eine lรคngere Zeit kindlicher Abhรคngigkeit gegeben hat. Eine Scheidung von Ich und Es ist unvermeidlich anzunehmen.
Die Tierpsychologie hat die interessante Aufgabe, die sich hier ergibt, noch nicht in Angriff genommen.
Dieser รคlteste Teil des psychischen Apparates bleibt durch ganze Leben der wichtigste. An ihm hat auch die Forschungsarbeit der Psychoanalyse eingesetzt.ย โฉ๏ธ
In: Vergรคnglichkeit, Gesammelte Werke, 10. Bd., ยฉ 1946 Imago Publishing Co. Ltd., London, Abdruck mit Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH Frankfurt am Main, S. 358
Vor einiger Zeit machte ich in Gesellschaft eines schweigsamen Freundes und eines jungen, bereits rรผhmlich bekannten Dichters einen Spaziergang durch eine blรผhende Sommerlandschaft. Der Dichter bewunderte die Schรถnheit der Natur um uns, aber ohne sich ihrer zu erfreuen. Ihn stรถrte der Gedanke, daร all diese Schรถnheit dem Vergehen geweiht war, daร sie im Winter dahingeschwunden sein werde, aber ebenso jede menschliche Schรถnheit und alles Edle, was Menschen geschaffen haben und schaffen kรถnnten. Alles, was er sonst geliebt und bewundert hรคtte, schien ihm entwertet durch das Schicksal der Vergรคnglichkeit, zu dem es bestimmt war. (โฆ)
Es muร die seelische Auflehnung gegen die Trauer gewesen sein, welche ihnen den Genuร des Schรถnen entwertete. Die Vorstellung, daร dieses Schรถne vergรคnglich sei, gab den beiden Empfindsamen den Vorgeschmack der Trauer um seinen Untergang, und da die Seele von allem Schmerzlichen instinktiv zurรผckweicht, fรผhlten sie ihren Genuร am Schรถnen durch den Gedanken an dessen Vergรคnglichkeit beeintrรคchtigt.
Die Trauer รผber den Verlust von etwas, das wir geliebt oder bewundert haben, erscheint dem Laien so natรผrlich, daร er sie fรผr selbstverstรคndlich erklรคrt. Dem Psychologen aber ist die Trauer ein groรes Rรคtsel, eines jener Phรคnomene, die man selbst nicht klรคrt, auf die man aber andres Dunkle zurรผckfรผhrt. Wir stellen uns vor, daร wir ein gewisses Maร von Liebesfรคhigkeit, genannt Libido, besitzen, welches sich in den Anfรคngen der Entwicklung dem eigenen Ich zugewendet hatte. Spรคter, aber eigentlich von sehr frรผhe an, wendet es sich vom Ich ab und den Objekten zu, die wir solcher Art gewissermaรen in unser Ich hineinnehmen.
Werden die Objekte zerstรถrt oder gehen sie uns verloren, so wird unsere Liebesfรคhigkeit (Libido) wieder frei. Sie kann sich andere Objekte zum Ersatz nehmen oder zeitweise zum Ich zurรผckkehren. Warum aber diese Ablรถsung der Libido von ihren Objekten ein so schmerzhafter Vorgang sein sollte, das verstehen wir nicht und kรถnnen es derzeit aus keiner Annahme ableiten. Wir sehen nur, daร sich die Libido an ihre Objekte klammert und die verlorenen auch dann nicht aufgeben will, wenn der Ersatz bereit liegt. Das also ist die Trauer. (โฆ)
Wir wissen, die Trauer, so schmerzhaft sie sein mag, lรคuft spontan ab. Wenn sie auf alles Verlorene verzichtet hat, hat sie sich auch selbst aufgezehrt, und dann wird unsere Libido wiederum frei, um sich, insofern wir noch jung und lebenskrรคftig sind, die verlorenen Objekte durch mรถglichst gleich kostbare oder kostbarere neue zu ersetzen.
In: Abriร der Psychoanalyse, II. Teil, 6. Kapitel: Die psychoanalytische Technik, Gesammelte Werke, 17. Bd., ยฉ 1941 Imago Publishing Co. Ltd., London, Abdruck mit Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1972, S. 36ff.
A. Mit der Erwรคhnung des Widerstandes sind wir an den zweiten, wichtigeren Teil unserer Aufgabe herangekommen. Wir haben schon gehรถrt, daร sich das Ich gegen das Eindringen unerwรผnschter Elemente aus dem unbewuรten und verdrรคngten Es durch Gegenbesetzungen schรผtzt, deren Intaktheit eine Bedingung seiner normalen Funktion ist. Je bedrรคngter sich das Ich nun fรผhlt, desto krampfhafter beharrt es, gleichsam verรคngstigt, auf diesen Gegenbesetzungen, um seinen Restbestand vor weiteren Einbrรผchen zu beschรผtzen. Diese defensive Tendenz stimmt aber durchaus nicht zu den Absichten unserer Behandlung. Wir wollen im Gegenteil, daร das Ich, durch die Sicherheit unserer Hilfe kรผhn geworden, den Angriff wage, um das Verlorene wieder zu erobern. Dabei bekommen wir nun die Stรคrke dieser Gegenbesetzungen als Widerstรคnde gegen unsere Arbeit zu spรผren. Das Ich schreckt vor solchen Unternehmungen zurรผck, die gefรคhrlich scheinen und mit Unlust drohen, es muร bestรคndig angeeifert und beschwichtigt werden, um sich uns nicht zu verweigern. Diesen Widerstand, der die ganze Behandlung รผber anhรคlt und sich bei jedem neuen Stรผck der Arbeit erneuert, heiรen wir, nicht ganz korrekt, den Verdrรคngungswiderstand. Wir werden hรถren, daร es nicht der einzige ist, der uns bevorsteht.
B. Es ist interessant, daร sich in dieser Situation die Parteibildung gewissermaรen umkehrt, denn das Ich strรคubt sich gegen unsere Anregung, das Unbewuรte aber, sonst unser Gegner, leistet uns Hilfe, denn es hat einen natรผrlichen ยปAuftriebยซ, es verlangt nichts so sehr, als รผber die ihm gesetzten Grenzen ins Ich und bis zum Bewuรtsein vorzudringen. Der Kampf, der sich entspinnt, wenn wir unsere Absicht erreichen und das Ich zur รberwindung seiner Widerstรคnde bewegen kรถnnen, vollzieht sich unter unserer Leitung und mit unserer Hilfeleistung. Es ist gleichgรผltig, welchen Ausgang er nimmt, ob er dazu fรผhrt, daร das Ich einen bisher zurรผckgewiesenen Triebanspruch nach neuerlicher Prรผfung annimmt, oder ob es ihn wiederum, diesmal endgรผltig, verwirft. In beiden Fรคllen ist eine dauernde Gefahr beseitigt, der Umfang des Ichs erweitert und ein kostspieliger Aufwand รผberflรผssig gemacht worden.
C. Die รberwindung der Widerstรคnde ist der Teil unserer Arbeit, der die meiste Zeit und die grรถรte Mรผhe in Anspruch nimmt. Es lohnt sich aber auch, denn er bringt eine vorteilhafte Ichverรคnderung zustande, die sich unabhรคngig vom Erfolg der รbertragung erhalten und im Leben bewรคhren wird. Gleichzeitig haben wir auch an der Beseitigung jener Ichverรคnderung gearbeitet, die sich unter dem Einfluร des Unbewuรten hergestellt hatte, denn wann immer wir solche Abkรถmmlinge desselben im Ich nachweisen konnten, haben wir ihre illegitime Herkunft aufgezeigt und das Ich zu ihrer Verwerfung angeregt. Wir erinnern uns, es war eine der Vorbedingungen unserer vertragsmรครigen Hilfeleistung, daร eine solche Ichverรคnderung durch das Eindringen unbewuรter Elemente ein gewisses Ausmaร nicht รผberstiegen habe.
D. Je weiter unsere Arbeit fortschreitet und je tiefer sich unsere Einsicht in das Seelenleben des Neurotikers gestaltet, desto deutlicher drรคngt sich uns die Kenntnis zweier neuer Momente auf, die als Quellen des Widerstandes die grรถรte Beachtung fordern. Beide sind dem Kranken vรถllig unbekannt, beide konnten beim Abschluร unseres Vertrages nicht berรผcksichtigt werden; sie gehen auch nicht vom Ich des Patienten aus. Man kann sie unter dem gemeinsamen Namen: Krankheits- oder Leidensbedรผrfnis zusammenfassen, aber sie sind verschiedener Herkunft, wenn auch sonst verwandter Natur. Das erste dieser beiden Momente ist das Schuldgefรผhl oder Schuldbewuรtsein, wie es mit Hinwegsetzung รผber die Tatsache genannt wird, daร der Kranke es nicht verspรผrt und nicht erkennt. Es ist offenbar der Beitrag zum Widerstand, den ein besonders hart und grausam gewordenes รber-Ich leistet. Das Individuum soll nicht gesund werden, sondern krank bleiben, denn es verdient nichts Besseres. Dieser Widerstand stรถrt eigentlich unsere intellektuelle Arbeit nicht, aber er macht sie unwirksam, ja er gestattet oft, daร wir eine Form des neurotischen Leidens aufheben, ist aber sofort bereit, sie durch eine andere, eventuell durch eine somatische Erkrankung zu ersetzen. Dieses Schuldbewuรtsein erklรคrt auch die gelegentlich beobachtete Heilung oder Besserung schwerer Neurosen durch reale Unglรผcksfรคlle; es kommt nรคmlich nur darauf an, daร man elend sei, gleichgรผltig in welcher Weise. Die klaglose Ergebenheit, mit der solche Personen oft ihr schweres Schicksal ertragen, ist sehr merkwรผrdig, aber auch verrรคterisch. In der Abwehr dieses Widerstandes mรผssen wir uns auf das Bewuรtmachen desselben und auf den Versuch zum langsamen Abbau des feindseligen รber-Ichs beschrรคnken.
E. Weniger leicht ist es, die Existenz eines anderen Widerstandes zu erweisen, in dessen Bekรคmpfung wir uns besonders unzulรคnglich finden. Es gibt unter den Neurotikern Personen, bei denen, nach all ihren Reaktionen zu urteilen, der Trieb zur Selbsterhaltung geradezu eine Verkehrung erfahren hat. Sie scheinen auf nichts anderes als auf Selbstschรคdigung und Selbstzerstรถrung auszugehen. Vielleicht gehรถren auch die Personen, welche am Ende wirklich Selbstmord begehen, zu dieser Gruppe. Wir nehmen an, daร bei ihnen weitgehende Triebentmischungen stattgefunden haben, in deren Folge รผbergroรe Quantitรคten des nach innen gewendeten Destruktionstriebs frei geworden sind. Solche Patienten kรถnnen die Herstellung durch unsere Behandlung nicht ertrรคglich finden, sie widerstreben ihr mit allen Mitteln. Aber wir gestehen es zu, dies ist ein Fall, dessen Aufklรคrung uns noch nicht ganz geglรผckt ist.
F. รberblicken wir jetzt nochmals die Situation, in die wir uns mit unserem Versuch, dem neurotischen Ich Hilfe zu bringen, begeben haben. Dieses Ich kann die Aufgabe, welche ihm die Auรenwelt einschlieรlich der menschlichen Gesellschaft stellt, nicht mehr erfรผllen. Es verfรผgt nicht รผber all seine Erfahrungen, ein groรer Teil seines Erinnerungsschatzes ist ihm abhanden gekommen. Seine Aktivitรคt wird durch strenge Verbote des รber-Ichs gehemmt, seine Energie verzehrt sich in vergeblichen Versuchen zur Abwehr der Ansprรผche des Es. รberdies ist es infolge der fortgesetzten Einbrรผche des Es in seiner Organisation geschรคdigt, in sich gespalten, bringt keine ordentliche Synthese mehr zustande, wird von einander widerstrebenden Strebungen, unerledigten Konflikten, ungelรถsten Zweifeln zerrissen. Wir lassen dies geschwรคchte Ich des Patienten zunรคchst an der rein intellektuellen Deutungsarbeit teilnehmen, die eine provisorische Ausfรผllung der Lรผcken in seinem seelischen Besitz anstrebt, lassen uns die Autoritรคt seines รber-Ichs รผbertragen, feuern es an, den Kampf um jeden einzelnen Anspruch des Es aufzunehmen und die Widerstรคnde zu besiegen, die sich dabei ergeben. Gleichzeitig stellen wir die Ordnung in seinem Ich wieder her, indem wir die aus dem Unbewuรten eingedrungenen Inhalte und Strebungen aufspรผren und durch Rรผckfรผhrung auf ihren Ursprung der Kritik bloรstellen. Wir dienen dem Patienten in verschiedenen Funktionen als Autoritรคt und Elternersatz, als Lehrer und Erzieher, das Beste haben wir fรผr ihn getan, wenn wir als Analytiker die psychischen Vorgรคnge in seinem Ich aufs normale Niveau heben, unbewuรt Gewordenes und Verdrรคngtes in Vorbewuรtes verwandeln und damit dem Ich wieder zu eigen geben.
Mรผnchen: Piper 1970, Kap. 5d, Die Aggression beim Menschen, S. 86
Man lud Studenten zu Versuchen ein, in deren Verlauf man sie absichtlich verรคrgerte. Die Verรคrgerung konnte man am Ansteigen des Blutdrucks ablesen. Die Verรคrgerten teilte man in zwei Gruppen und gab vor, der Versuchsleiter wรผrde nunmehr bestimmte Aufgaben lรถsen. Zugleich forderte man die Versuchspersonen auf, dem Versuchsleiter durch Drรผcken eines Knopfes mitzuteilen, daร er einen Fehler mache. Der einen Gruppe wurde glaubhaft gemacht, daร sie dem Versuchsleiter einen elektrischen Strafreiz erteilen wรผrde, wรคhrend die andere nur ein blaues Lichtsignal betรคtigen konnte: Bei jenen, die den Versuchsleiter zu bestrafen glaubten, sank der Blutdruck rasch. Sie reagierten ihre gestauten Aggressionen ab. Jene dagegen, die nur Lichtblitze auslรถsen konnten, blieben weiterhin verรคrgert, ihr Blutdruck sank nicht nennenswert.
In weiteren, รคhnlich aufgebauten Versuchsreihen fand man, daร es sehr verschiedene Wege der Aggressionsableitung gibt. Man kann Personen durch beleidigende Noten verรคrgern. Kรถnnen diese darauf ebenso antworten, dann sinkt ihr Blutdruck wieder. Man kann Aggressionen auch abreagieren, indem man einen Film aggressiven Inhalts betrachtet; offenbar identifiziert man sich mit dem Geschehen. Das groรe Angebot von Filmen mit aggressivem Inhalt durch Kino und Fernsehen zeigt, daร hier ein Bedรผrfnis - ein Markt - vorliegt. Menschen reagieren gerne auf diese Weise aggressive Impulse ab. Die Filme sind meist so aufgebaut, daร zuerst die Aggressionen der Zuschauer aktiviert und danach wieder abreagiert werden, etwa an einem ยปBรถsewichtยซ. Im Alltag reagieren wir aktivierte Aggressionen oft auch durch Handlungen an Ersatzobjekten ab, etwa, indem wir Tรผren zuschlagen oder gar Gegenstรคnde zertrรผmmern. Ein taubblind geborenes Mรคdchen, das ich beobachtete, biร sich in die Hand, wenn es sich รคrgerte. Viele Vรถlker haben Ventilsitten entwickelt, die es ihnen erlauben, auf ยปfriedlicheยซ Weise, etwa in Gesangsduellen oder Sportwettkรคmpfen, ihre Aggressionen auszuleben oder auch Dispute unblutig zu regeln. Die sehr aggressiven Waikas (Urwaldindianer am oberen Orinoko) kennen verschiedene Stufen aggressiver Auseinandersetzungen. Bei ihren Festen kommt es oft zu ritualisierten Kรคmpfen zwischen Gastgebern und Gรคsten, die in der Regel durch eine Art Faustkampf ausgetragen werden, in dessen Verlauf die Gegner einander abwechselnd mit der Faust gegen die Brustmuskulatur boxen. Bei einer anderen Form des Turniers schlagen die Gegner einander mit der flachen Hand krรคftig gegen die Seiten. Ernstere Dispute tragen die Waikas durch Stockschlagduelle aus: Die Gegner schlagen einander mit langen Stรถcken so krรคftig auf den Schรคdel, daร tiefe Platzwunden entstehen. Auf die vernarbten Wunden sind sie spรคter so stolz wie Mitglieder schlagender Studentenverbรคnde auf ihre Schmisse. Durch die ritualisierten Kรคmpfe wird bei diesen Urwaldindianern der ernste Streit zwischen verfeindeten Dรถrfern abgefangen, was wichtig ist, da es zwischen verfeindeten Dรถrfern ohnedies genug der ernsten Kรคmpfe gibt. รhnliches kennt man von den zentralaustralischen Eingeborenen. Haben sich zwei Frauen zerstritten, dann nimmt jede einen Hartholzprรผgel. Sie stellen sich einander gegenรผber auf, und eine hรคlt ihren Kopf der Gegnerin hin, um den ersten Schlag zu empfangen. Danach darf sie zuschlagen, und damit ist die Auseinandersetzung im allgemeinen beendet, es sei denn, die Zuschauer ergreifen Partei und beginnen ihrerseits mit einer Schlรคgerei. Die Schlรคge mit dem Hartholzprรผgel werden mit voller Wucht ausgefรผhrt. Daร die Turniere nicht tรถdlich ausgehen, verdanken die Eingeborenen den im Vergleich zu uns Europรคern รผberaus dicken Scheitelbeinen. Auch die Mรคnner kรคmpfen ritualisiert, indem sie mit ihrem Speer gegen die Oberschenkel ihres Gegners zielen. Grรผnde fรผr solche Auseinandersetzungen sind Ehebruch, Sozialkontakte รผber die Kastenlinien hinweg oder auch die Verletzung gewisser Riten.
ยฉ 1980 Carl Hanser Verlag Mรผnchen, Wien, zitiert nach: Fischer tb 1280, Frankfurt 1982, Auszug S. 78f.
Doch ein ganz besonderes Erlebnis dieser Frankfurter Jahre, ein Erlebnis des Tages, war fรผr mich die Masse. Schon frรผh, etwa ein Jahr nach meiner Ankunft in Frankfurt, hatte ich auf der Zeil einem Arbeiteraufmarsch zugesehen. Es war eine Protestdemonstration gegen die Ermordung Rathenaus. Ich stand auf dem Gehsteig, es mรผssen andere neben mir gestanden haben, die wie ich zusahen, ich erinnere mich nicht an sie. Ich sehe noch die groรen, krรคftigen Gestalten, die hinter dem Schild ยปAdler Werkeยซ hergingen. Sie gingen dicht nebeneinander und warfen herausfordernde Blicke um sich, ihre Zurufe trafen mich, als gรคlten sie mir persรถnlich. Immer Neue kamen, sie hatten alle etwas Gleiches, das hing weniger mit ihrem Aussehen zusammen als mit ihrem Verhalten. Es nahm kein Ende, ich spรผrte eine starke รberzeugung, die von ihnen ausging, sie wurde stรคrker. Ich hรคtte gern zu ihnen gehรถrt, ich war kein Arbeiter, aber ich bezog ihre Zurufe auf mich, als wรคre ich einer. Ob es den anderen, die neben mir standen, ebenso ging, weiร ich nicht, ich sehe sie nicht, aber ich sehe auch keinen, der sich unmittelbar vom Gehsteig aus dem Zug anschloร, die Tafeln, die bestimmte Gruppen der Marschierenden bezeichneten, mรถgen einen davon abgehalten haben.
Die Erinnerung an diese erste Demonstration, die ich bewuรt erlebte, blieb stark. Es war die physische Anziehung, die ich nicht vergessen konnte, daร ich so sehr dazugehรถren wollte, wobei es gar nicht um รberlegungen oder Erwรคgungen ging und es auch keineswegs Zweifel waren, die mich vom letzten Sprung hinein abhielten. Spรคter, als ich nachgab und mich wirklich in der Masse fand, kam es mir vor, als ginge es hier um etwas, das in der Physik als Gravitation bekannt ist. Aber eine wirkliche Erklรคrung fรผr den ganz erstaunlichen Vorgang war das natรผrlich nicht. Denn weder vorher, isoliert, noch nachher, in der Masse, war man etwas Lebloses, und was mit einem in der Masse geschah, eine vรถllige รnderung des Bewuรtseins, war ebenso einschneidend wie rรคtselhaft. Ich wollte wissen, was es eigentlich war. Es war ein Rรคtsel, das mich nicht mehr loslieร, es hat mich den besten Teil meines Lebens verfolgt, und wenn ich auch schlieรlich auf einiges gekommen bin, so ist es nicht weniger rรคtselhaft geblieben.
โฆ Mir ging es โฆ um einen rauschhaften Zustand, um eine Steigerung der Erlebnismรถglichkeiten, um ein Mehrwerden der Person, die aus ihren Begrenzungen heraustrat, zu anderen fand, denen es รคhnlich erging, und mit ihnen zusammen eine hรถhere Einheit bildete.
In: Masse und Macht, ยฉ Claassen Verlag GmbH, Hamburg 1960, zitiert nach: Fischer tb 6544, Frankfurt am Main 1980, Auszug S. 14ff.
Von der Zerstรถrungssucht der Masse ist oft die Rede, es ist das erste an ihr, was ins Auge fรคllt, und es ist unleugbar, daร sie sich รผberall findet, in den verschiedensten Lรคndern und Kulturen. Sie wird zwar festgestellt und missbilligt, doch wird sie nie wirklich erklรคrt.
Am liebsten zerstรถrt die Masse Hรคuser und Gegenstรคnde. Da es sich oft um Zerbrechliches handelt, wie Scheiben, Spiegel, Tรถpfe, Bilder, Geschirr, neigt man dazu zu glauben, daร es eben diese Zerbrechlichkeit von Gegenstรคnden sei, die die Masse zur Zerstรถrung anreizt. Es ist nun gewiร richtig, daร der Lรคrm der Zerstรถrung, das Zerbrechen von Geschirr, das Klirren von Scheiben zur Freude daran ein Betrรคchtliches beitrรคgt: es sind die krรคftigen Lebenslaute eines neuen Geschรถpfes, die Schreie eines Neugeborenen. Daร es so leicht sei, sie hervorzurufen, steigert ihre Beliebtheit, alles schreit in einem und den anderen mit, und das Klirren ist der Beifall der Dinge. Ein besonderes Bedรผrfnis nach dieser Art von Lรคrm scheint zu Beginn der Ereignisse zu bestehen, da man sich noch nicht aus allzu vielen zusammensetzt und wenig oder gar nichts geschehen ist. Der Lรคrm verheiรt die Verstรคrkung, auf die man hofft, und er ist ein glรผckliches Omen fรผr die kommenden Taten. Aber es wรคre irrig zu glauben, daร die Leichtigkeit des Zerbrechens das Entscheidende daran ist. Man hat sich an Skulpturen aus hartem Stein herangemacht und nicht geruht, bis sie verstรผmmelt und unkenntlich waren. Von Christen wurden die Kรถpfe und Arme griechischer Gรถtter zerstรถrt. Von Reformatoren und Revolutionรคren wurden die Bildwerke der Heiligen heruntergeholt, manchmal aus Hรถhen, wo es lebensgefรคhrlich war, und oft war der Stein, den man zu zertrรผmmern suchte, so hart, daร man nur halb damit zum Ziel gelangte.
Die Zerstรถrung von Bildwerken, die etwas vorstellen, ist die Zerstรถrung einer Hierarchie, die man nicht mehr anerkennt. Man vergreift sich an den allgemein etablierten Distanzen, die fรผr alle sichtbar sind und รผberall gelten. Ihre Hรคrte war der Ausdruck fรผr ihre Permanenz, sie haben seit langem, man denkt, seit je bestanden, aufrecht und unverrรผckbar; und es war unmรถglich, sich ihnen in feindlicher Absicht zu nรคhern. Nun sind sie gestรผrzt und in Trรผmmer geschlagen. Die Entladung hat sich in diesem Akt vollendet.
Doch sie geht nicht immer so weit. Die Zerstรถrung gewรถhnlicher Art, von der anfangs die Rede war, ist nichts als ein Angriff auf alle Grenzen. Scheiben und Tรผren gehรถren zu Hรคusern, sie sind der empfindlichste Teil ihrer Abgrenzung gegen auรen. Wenn Tรผren und Scheiben eingeschlagen sind, hat das Haus seine Individualitรคt verloren. Jeder kann dann nach Herzenslust hinein, nichts und niemand darin ist geschรผtzt. In diesen Hรคusern stekken aber gewรถhnlich, so glaubt man, die Menschen, die sich von der Masse auszuschlieรen suchen, ihre Feinde. Nun ist, was sie abtrennt, zerstรถrt. Zwischen ihnen und der Masse steht nichts. Sie kรถnnen heraus und sich ihr anschlieรen. Man kann sie holen.
Es ist aber noch mehr daran. Der einzelne Mensch selbst hat das Gefรผhl, daร er in der Masse die Grenzen seiner Person รผberschreitet. Er fรผhlt sich erleichtert, da alle Distanzen aufgehoben sind, die ihn auf sich zurรผckwarfen und in sich verschlossen. Mit dem Abheben der Distanzlasten fรผhlt er sich frei, und seine Freiheit ist die รberschreitung dieser Grenzen. Was ihm geschieht, soll auch den anderen geschehen, er erwartet von ihnen dasselbe. An einem irdenen Topf reizt ihn, daร er nichts als Grenze ist. An einem Haus reizen ihn die verschlossenen Tรผren. Riten und Zeremonien, alles, was Distanz hรคlt, bedroht ihn und ist ihm unertrรคglich. In diese vorgebildeten Gefรครe รผberall wird man die Masse zersplittert zurรผckzufรผhren suchen. Sie haรt ihre kรผnftigen Gefรคngnisse, die ihr immer Gefรคngnisse waren. Der nackten Masse erscheint alles als Bastille.
Das eindrucksvollste von allen Mitteln der Zerstรถrung ist das Feuer. Es ist weithin sichtbar und zieht andere an. Es zerstรถrt auf unwiderrufliche Weise. Nichts ist nach einem Feuer, wie es vorher war. Die Masse, die Feuer legt, hรคlt sich fรผr unwiderstehlich. Alles wird zu ihr stoรen, wรคhrend es um sich greift. Alles Feindliche wird von ihm vernichtet werden. Es ist, wie man noch sehen wird, das krรคftigste Symbol, das es fรผr die Masse gibt. Nach aller Zerstรถrung muร es wie sie erlรถschen.