"Wir sehen uns", sagte er und lächelte, bevor er in den Zug trat, der ihn 300 Kilometer von mir trennen sollte. Mit einem leicht traurigen Lächeln besah ich ihn ein letztes Mal und damit schlossen sich die Zugtüren und er fuhr aus meinem Sichtfeld. Seufzend drehte ich mich um und begab mich in Richtung des Parkplatzes, der etwa einen fünfminütigen Fußweg von hier entfernt war. Ich stieg in mein Auto, nachdem ich es geöffnet hatte und saß zuerst regungslos in dem Fahrersitz. Ein Jahr. Es war nur ein Jahr. Ich würde das überstehen. Er würde bald wieder da sein. Mich innerlich selbst ermutigend steckte ich meinen Schlüssel ins Zündschloss, startete den Motor und begann meine Heimfahrt.
Es waren nun etwa drei Monate, seitdem wir uns zum letzten Mal gesehen hatten, vergangen und es ging mir besser, als erwartet. Ich konnte mich auf meinen Studiengang konzentrieren und machte mir, nicht wie ansonsten, zu viele Gedanken. Zum ersten Mal seit langem war es ruhig in meiner Wohnung und obwohl es zuerst merkwürdig für mich war, so fühlte es sich nun an, als wäre es schon immer so gewesen. Die letzten Buchstaben meines Aufsatzes fanden sich auf meinem Blatz wieder und erschöpft ließ ich meinen Stift sinken. Meine Hände packten meine Bücher und Blätter wie automatisch zusammen und nachdem ich sie in meinem Rucksack verstaut hatte schmiss ich mich auf mein Bett, das ein wehleidiges Knarzen von sich gab. Leicht lachend ignorierte ich das Geräusch so gut es ging und schloss meine Augen. Viele verschiedene Farben fanden sich hinter meinen Augenlidern zusammen und langsam ergaben sich Bilder von Erinnerungen. Ich, wie ich mit ihm auf einer Wiese saß, ich, wie ich mit ihm einen Film sah und langsam, aber sicher einschlief, ohne mir etwas dabei zu denken, ich, wie ich mit ihm zusammen auf meinem Abschlussball tanzte und wie wir und danach schnell aus dem Staub machten, weil keiner von uns viele Menschen und große Feiern mochte. Ich war so in die wunderschönen Bilder vertieft, dass ich gar nicht merkte, dass sich eine Träne ihren Weg über meine Wange bahnte. Schwer schniefend wischte ich sie weg und zwang mich dazu nicht an ihn zu denken. Ich wollte nicht traurig sein, immerhin machte er gerade das, was er am liebsten auf dieser Welt tat. Meine Mundwinkel verzogen sich zu einem kleinen Lächeln, als ich an seine strahlenden Augen und an sein atemberaubendes Lächeln dachte. Ich schaffte das. Es waren nur noch neun Monate.
"Sind Sie sich sicher?", fragte ich leise und blickte den Mann an. Er nickte lediglich. Ein Seufzen verließ meinen Mund und ich stützte den Kopf in die Hände. "Na gut. Alles in Ordnung. Ich werde es seiner Mutter ausrichten", sagte ich erneut zu ihm und lächelte ihn gequält an. Er lächelte bitter zurück und ließ mich dann alleine in dem weißen Raum. Mit langsamen Schritten trat ich auf das Bett zu und setzte mich auf dessen Kante. "Hey", sprach ich unter dem dicken Kloß, der sich in meinem Hals formte. "Ich weiß, dass du das nicht extra gemacht hast, ich bin dir auch nicht böse", fuhr ich fort und stockte dann einen Augenblick. Ich sah ihn genauer an. Er war blass, blasser als ansonsten. Und sein Haar war matt. Ein eingefallenes Gesicht und tiefe Augeringe schlichen sich in mein Blickfeld und ich musste die aufkommenden Tränen unterdrücken. "Es tut mir so leid", weinte ich und began zu zittern. "Ich hätte dir so gerne geholfen. Warum hast du nie was gesagt?" Meine Augen schlichen über sein Gesicht, das trotz den vielen hinterlassenen Spuren immernoch wunderschön war und mich an den mann erinnerte, den ich einst liebte. Mit meinen Handrücken wischte ich mir über das Gesicht und nässte meine Haut damit nur noch mehr. Ein letztes Mal schniefte ich noch, ehe ich leise flüsterte: "Wir sehen uns."



















