Yeti Pleki Plek
Es ist Liebe. Ja, es ist Liebe, dachte ich, als ich die Buchhandlung betrat und mir dieses Cover sofort ins Auge stach. Ich hatte keine Ahnung, dass Benjamin Chaud ein neues Buch herausgebracht hatte, aber ich wusste, dass ich es unbedingt haben musste, schon bevor ich seinen kleingedruckten Namen auf dem Cover entdeckte. Es muss ein wenig merkwürdig ausgesehen haben, als ich auf das Buch zustürmte, es an meine Brust drückte und dabei laut jauchzte, aber darin unterscheidet sich nunmal ein Flirt von glühender Liebe: Das plötzliche Aussetzen des Verstandes.
“Yeti Pleki Plek” erzählt die Geschichte zweier Brüder namens Uno und Max, die mit ihrem Vater ein Haus im Wald bewohnen und sich mit ihren Snowboards auf den Weg machen, die schneebedeckten Hügel herunter zu sausen. Doch die beiden verlaufen sich in dem großen Wald und finden allein den Weg nicht mehr zurück. Sehr ungünstig, denn erstens ist es eiskalt und zweitens wartet zu Hause ihr Vater mit frisch gebackenen Pfannkuchen auf sie.
Doch Rettung naht. Max und Uno sitzen erschöpft auf ihren Boards, da tauchen plötzlich zwei gigantische schwarze Füße vor ihnen auf und ein riesengroßer Yeti tritt hinter den Ästen der schneebedeckten Tannen hervor, die er scheinbar mühelos zur Seite drückt, um hindurch zu passen. Wie zwei kleine Schneehasen hebt er die beiden Jungen vom Boden auf, klemmt sie sich unter die starken Arme und rennt mit ihnen durch den Wald, gefolgt von Hase und Fuchs, die das Trio bis zum Eingang der Yetihöhle begleiten. Tiefe Spuren hinterlässt das haarige Ungetüm im Neuschnee, sein Fell ist lang und zottelig, die Augen groß und schwarz, das Maul riesig und angsteinflößend groß die Schritte, die es macht, um die Jungs schnell ins Warme zu bringen.
Denn ein Yeti, das begreifen Uno und Max recht schnell, ist gar nicht so gefährlich wie alle behaupten. Im Gegenteil! Er entpuppt sich als ausgesprochen freundlicher und gutmütiger Zeitgenosse, obendrein als Vegetarier (Gefahr für Leib und Leben besteht also nicht), der die beiden in seine warme Mehrgenerationenhöhle unter dem gefrorenen Waldboden einlädt, ihnen seine bucklige Verwandtschaft vorstellt und sie in die Kunst des Ziegenmelkens und Eulenschnitzens einweiht. Und als sei dies noch nicht anheimelnd genug, kocht er seinen Gästen noch einen großen Topf köstlicher Blaubeertannenzapfensuppe, an der sie sich wärmen und laben sollen.
Uno und Max sind sichtlich angetan. Die blaugefärbten Zungen hängen ihnen wenig später zufrieden aus den Mundwinkeln, die dicken Schneehosen liegen zum Trocknen auf dem warmen Höhlenboden und die Yetis laut schnarchend daneben. Ihr weiches Fell lädt zu einem gemütlichen Nickerchen ein, allerdings befällt die beiden Jungs plötzlich das Heimweh und so beschließen sie, schnell zu ihrem Vater zurückzukehren, der sie sicherlich schon vermisst. Zum Glück kennt ihr neuer Yetifreund den Weg zurück und lässt sich nicht zwei Mal bitten, die Jungs auf seinen Schultern nach Hause zu tragen.
Dort erzählen sie ihrem Vater, der am Herd steht und Pfannkuchen backt, dass sie sich verfahren haben, doch jemand so freundlich war, sie zurückzubringen. Wer der geheimnisvolle Fremde war, wollen sie zunächst nicht verraten, doch dann entdecken sie eine geschnitzte Eule aus Holz auf dem Küchenregal und machen große Augen. “Die habe ich vor langer Zeit von einem Yeti bekommen.” erzählt ihr Vater. Uno und Max lachen laut auf.
“Yeti Pleki Plek” (das ist übrigens Yeti-Sprache) ist wie eine Schlittenfahrt zurück in die Kindheit. Wer vergessen hat, wie sich der Winterzauber anfühlt, der sich über das Land legt, sobald die ersten Flocken vom Himmel fallen, wird ihn zwischen diesen beiden Buchdeckeln wiederfinden. Jede Seite vermag das Herz in Wallung zu bringen, wie das knarzende Geräusch unter den Sohlen dicker Winterstiefel, die tiefe Spuren im Neuschnee hinterlassen. Zudem lassen einem die farbenfrohen, kindlich-naiven Illustrationen, mit denen Benjamin Chaud diese herzerwärmende Geschichte so gekonnt in Szene setzt, keine andere Wahl, als dem Charme dieses Buches endgültig zu erliegen.
Der Duft von Blaubeertannenzapfensuppe und Pfannkuchen lag mir noch Stunden später in der Nase. Da war sie wieder, die Sehnsucht nach dem Schnee. Mit dieser kleinen Abenteuergeschichte taute langsam aber sicher die Erinnerung an erste Schneemänner, endlose Schlittenfahrten, Schneeballschlachten und gefrorene Nasen wieder in mir auf, in dieser ganz besonderen Wärme, die auf den Wangen brennt, sobald man die Kälte mit dem Eismatsch von den Stiefeln abgeklopft und die Haustüre hinter sich geschlossen hat, in heller Vorfreude auf ein heißes Bad. Und vielleicht ist es das, was sich wirklich hinter der geschnitzten Eule verbirgt, das Geheimnis des Schnees, das wir an unsere Kinder weitergeben, wie einen Schatz, der sie immer an die Liebe und Geborgenheit erinnern soll, die es nur an einem Ort gibt:
Zu Hause.
Mimzys Altersempfehlung: 3-6 J.
Benjamin Chaud auf Picturebookmakers Zur Webseite von Eva Susso Yeti Pleki Plek von Eva Susso (Autorin) und Benjamin Chaud (Illustrator) Übersetzt von Karl-Axel Daude Erschienen bei Bohem ISBN: 395939019X









