Ich sitze im Zug. Am Ende eines Jahres, das viel abverlangt hat. Unsere Gesellschaft befindet sich in einer Situation, die ohnmächtig zu machen scheint. Um mich herum Menschen, die ins Wochenende fahren. Quer durch die Republik. Es ist still und ich denke über die letzten Monate nach - was sie in mir ausgelöst haben. Ich fühle mich ohnmächtig. Oft. Wie so viele.
Ohnmächtig angesichts der Krisen weltweit. Ohnmächtig angesichts der Menschen, die durch diese Krisen in die Flucht getrieben werden. Ohnmächtig angesichts der Gegensätze die auf unserem Planeten herrschen und immer deutlicher werden. Man kann die Augen nicht mehr verschließen vor den Tatsachen! Diese weltweite Ungerechtigkeit ist auch für uns Europäer nicht mehr zu leugnen geschweige denn zu verdrängen.
Wir sind ohnmächtig, wenn wir all den Menschen in die Augen schauen und ihre Angst sehen. Die Antworten die sie suchen können auch wir ihnen nicht geben. So scheint es.
Ohnmächtig angesichts des Hasses der überall deutlich wird. Es macht mir Angst - das Menschen so zu Menschen sein können. Das MENSCHEN andere MENSCHEN so ablehnen können. Diese Grundnaivität ist vielleicht aber genau der Schlüssel der einen aus der alles umfassenden Ohnmacht lösen kann.
Habt Angst vor dem, was sich andeutet. Gibt rechtem Gedankengut keine Chance auch nur im Ansatz salonfähig zu werden. Nehmt Haltung an. Es ist Zeit.
Ich verstehe die Angst vor den Herausforderungen, die sich abzeichnen. Es ist wahrscheinlich für niemanden wirklich absehbar, was die kommende Zeit noch bringen wird. Und dennoch kann diese Angst keine Rechtfertigung sein, sich mit den Falschen einzulassen. Wer sich instrumentalisieren lässt, verfassungswidriges Gedankengut zu transportieren, der ist nicht ohnmächtig oder ängstlich, sondern einfach nur dumm. Jetzt kann man weit ausholen, um seinen Standpunkt zu untermauern, warum man für eben solches Mitlaufen und sich benutzen lassen kein Verständnis hat. Diese Argumente kennen wir alle und sie sind richtig. Aber ist es am Ende nicht noch viel einfacher? Ist es am Ende nicht die Verantwortung, die wir als Menschen tragen müssen? Schutz genau denen zu gewähren, die ihn suchen?
Vielfach wird die Willkommenskultur, werden die Gutmenschen verurteilt, die Dinge zu verklären. Ist es nicht das Menschlichste überhaupt einem flüchtenden Menschen Schutz zu gewähren? Ihm Zuflucht zu bieten?
Mich macht die Überheblichkeit, die in vielen Diskussionen an den Tag gelegt wird, rasend. Es ist klar, dass unsere Gesellschaft sich verändern wird in der Zukunft. Die Selbstverständlichkeit mit der davon ausgegangen wird, dass sie sich nur zum Schlechtem verändern wird, ist abstoßend und respektlos.
Niemand behauptet, dass sich die Flüchtlinge nicht VERÄNDERN und anpassen müssen. So wie auch wir uns alle den geltenden Gesetzen, allen voran unserer Verfassung, anpassen müssen. EINE MISSACHTUNG UNSERER VERFASSUNG DARF NICHT NACH UNTERSCHIEDLICHEN MASSSTÄBEN VERURTEILT WERDEN - JE NACH HERKUNFT DES TÄTERS.
Gebt den Menschen doch die Zeit hier anzukommen! Sie werden, nach tausenden von Kilometern zu Fuß, in einem fremden Land verteilt. Oftmals ins mehr als verbesserungswürdigen Unterkünften warten sie dann darauf, registriert zu werden. IN UNTERKÜNFTEN OHNE PRIVATSPHÄRE. Und ja: vielleicht IST die Unterbringung im Moment nicht anders MÖGLICH. Aber die Verantwortung für die Massenunterkünfte tragen nicht die Flüchtlinge, sondern Europa, die einzelnen Staaten und ihre Regierungen und ja - auch wir, die Gesellschaft. Denn wir haben die Augen zugemacht vor dem was kommt. Was sich angekündigt hat. Im besten Fall könnten wir sagen, dass wir ohnmächtig waren, das es nicht absehbar gewesen wäre. Aber das kann und darf nicht gelten.
Die Krisenherde dieser Welt sind seit Jahren Thema in den Nachrichten, Zeitungen und ja: auch in den sozialen Netzwerken.
Wir haben es verdrängt. Die Gesellschaft genauso wie die Regierungen. Und keiner kann sagen, dass er keine Verantwortung tragen würde. Wir sind alle verantwortlich.
Wir haben unsere Freiheit genossen - sie geradezu zelebriert. Sie ist für mich einer der größten Werte unserer europäischen, westlichen Gesellschaft. Und dabei haben wir vergessen uns daran zu erinnern, dass es auf dieser Welt auch andere Seiten gibt.
Wir haben die Augen vor der Ungleichheit weltweit verschlossen. Geschmunzelt über die seit Jahren predigenden Entwicklungsorganisationen und -politiker.
Deutschland und Europa müssen Verantwortung übernehmen. Antworten und Lösungen suchen. Auch wenn das oft unmöglich erscheint. Wenn wir die Augen zumachen werden die Krisenherde nicht kleiner, werden die Probleme und Ungleichheiten weltweit nicht weniger.
Ich will diese Ohnmacht nicht. Auch wenn sie mich oft in die Knie zwingt und fragen lässt, wo das alles noch enden soll. Ich zeige Haltung. Verallgemeinere nicht. In keine Richtung. Versuche gegen die Vorurteile in meinem Kopf anzukämpfen. Offen zu sein. Frei zu sein. Willkommen zu sagen und stolz zu sein auf mein Heimatland, welches hoffentlich auch die Chancen neben den ganzen Herausforderungen unserer Zeit sieht.
Wir können; dürfen uns nicht raushalten - die Welt blickt auf Deutschland. 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs müssen wir zeigen, dass wir dazu gelernt haben. Ausgrenzung führt ins Desaster. Lasst es nicht soweit kommen. Steht auf - es ist Zeit für Haltung!