„Den Hungrigen gehört die Welt!“
Erschrocken über meine eigenen Worte hielt ich inne. Vor mir saß Wolfram mit seinem schiefen Grinsen und einer Attitude, die für sein Alter bemerkenswert spitzbübisch war. Dieser Mann schien einen Plan zu verfolgen.
Irgendwann vor dem Jahrtausend-Wechsel. Mein weiterer beruflicher Werdegang sollte angestoßen werden. Dass sich daraus auch privat alles Grundsätzliche ändern würde, war mir damals gar nicht so präsent. Unser Treffpunkt war ein uriges Stübchen im Speckgürtel von München - heimlich und ein bisschen versteckt. Wolfram gab sein Bestes, mich aus meiner Komfortzone, dieser Agentur am Bodensee, loszueisen und mich für sich und die große Verlagswelt, die grandiose Entwicklungsmöglichkeiten zu versprechen schien, zu gewinnen.
Er muss meine Zweifel gespürt haben, als er drei Tage vor unserem Date bei mir anrief. Seine Frage war auch durchaus berechtigt. „Sie kommen doch!?“. Ich beobachtete mich selber dabei, wie ich vor Schreck mit dem Telefonhörer in der Hand vom Schreibtisch aufsprang, beinahe schon militärisch stramm stand und mein „Ja“ mit heftigem Kopfnicken unterstrich. Wolfram konnte das glücklicherweise nicht sehen. So entging ihm auch die Situationskomik, die sich ihm vermutlich aufgedrängt hätte. Mein Verhalten trug eher dazu bei, mir mit diesem „Ja“ selber Mut einzuflößen.
Innerlich musste ich grinsen. Wolfram zog sogar in Erwägung, mich „raus zu kaufen“. Sehr schmeichelhaft! Mich abzuwerben war zu diesem Zeitpunkt eher einfach - das konnte er natürlich nicht wissen. Mobbing am Arbeitsplatz bestimmte die Tagesordnung. Wie sich meine neue Beziehung entwickeln mag, stand in den Sternen. Viel bedeutsamer als die monetären Nebengeräusche war, dass Wolfram so viel mehr in mir sah, so viel Potenzial. Er traute mir so viel mehr zu als ich mir selbst, viel mehr als das, was ich bislang von anderen zurück gespielt erhalten hatte. Er war ein Fuchs, ein gewiefter Taktiker. Das Ergebnis seiner Bemühungen sollte ihm später recht geben.
Diese Klarheit von Anfang an und die Erkenntnis „Hey, da will Dich einer unbedingt haben“ ohne dumme Spielchen und diese obligatorischen Fangfragen - das gefiel mir sehr, spornte mich an. Meine daheim eilig zusammen gestellten Bewerbungsunterlagen steckte er - nachdem er zuvor lässig abgewunken hatte - dann doch in seine kleine braune Ledertasche.
Dass nun ein völlig anderes Leben auf mich zurollen sollte - ich konnte es kaum fassen. Gut, dass ich eh nichts zu verlieren hatte.
Bei meinem Spruch „Du holst mich zu Dir. Du bist ab jetzt für mich verantwortlich“ feixte er. Ich bin für Wolfram förmlich „geflogen“, habe meine Ängste und vor allem Befindlichkeiten abgelegt, war wie meine Kontakte mir sagten, „so erfrischend anders“, authentisch, einfach ich. Dieses Gefühl von Freiheit in mir hat nach ihm keiner mehr zuwege gebracht. Ich war mir sicher, mir konnte überhaupt nichts passieren. Würden alle Stricke reissen, würde Wolfram mich auffangen.
Noch heute bin ich fasziniert, was Vertrauen und Zutrauen in mir auslösen. Kein Gedanke daran, dass ich scheitern könnte.
Während unserer gemeinsamen Zeit gab es so viele Situationen, die unser selbstverständliches Miteinander unterstrichen. Eine Szene blieb mir besonders in Erinnerung: Irgendwann versprach er mir im laufenden Geschäftsjahr Champagner, sollte ich mein ambitioniertes Jahresziel vor dem 31.12. erreicht haben. Ende September stand ich dann an seinem Schreibtisch, forderte grinsend Champagner. Er runzelte kurz die Stirn, erhob sich dann lächelnd, schnappte den Schlüssel für’s Lager. Wir liefen von neugierigen Augen verfolgt durch die Büroräume, er legte seinen Arm um meine Schulter, sperrte die Lagertür auf, griff nach einer der liegenden Champagner-Flaschen, überreichte sie mir und fragte erst dann „Warum eigentlich?“.
Wir haben einige Erfolge gleichsam wie Niederlagen ganz gut zusammen gemeistert, haben unglaublich viel gefeiert, getrunken und gelacht. Ich erinnere mich an Parties, die Samba-Gruppe, Wolfram nebst Gattin als Erste auf der Tanzfläche, Polizisten, die auf Beschwerden von Nachbarn hin drei Mal anrücken mussten. Beim vierten Mal kamen sie in Zivil und feierten einfach mit.
Wolfram ist nach ein paar gemeinsamen, beruflich recht anstrengenden und auch schicksalsträchtigen Jahren leider schwer erkrankt. Wir haben uns nur noch sporadisch gesehen. An meinen Geburtstagen kamen ganz selbstverständlich und recht konsequent seine Geburtstagsmails. Bedauerlicherweise war ich da etwas nachlässiger. Die innere Verbundenheit aber blieb.
Anfang Juni besuchte ich ihn in seinem Zaubergarten. „Du schaust ja immer noch so aus wie früher!“ flüsterte er mir entgegen. Seine Augen zwinkernden nach wie vor schelmisch und wollten nicht so recht zu seinem körperlichen Zustand passen. Sein Anblick tat mir weh. Unser Austausch war nur von kurzer Dauer, aber wichtig. Ein Abschied. Zu deutlich spürbar, dass die Lebenslichter bald erlöschen werden. Vor einer Woche ist er nach einer sehr langen Leidenszeit gestorben.
Wolfram, mein Mentor, väterlicher Freund, mein Komplize! Ich bin so unendlich traurig, dass Du nicht mehr da bist - und doch so dankbar, dass ich Dich kennen lernen durfte. Du wirst für mich auf ewig Vorbild in Sachen Vertrauen, Achtsamkeit, Besonnenheit, Großzügigkeit und Lebensmut sein. Mich bekümmert der Gedanke, dass ich Dir viel öfters hätte zeigen müssen, wie wichtig Du für mich warst und wie gerne ich Dich hatte.
R. I. P.












