„Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich …
Aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln …
und das Leben geht weiter,
als wäre man nie dabei gewesen.“
(Ödön von Horváth)
Es geht so oft nur noch um Oberflächliches. Du musst tough und fit sein, funktionieren, die richtigen Leute kennen, die coolen Typen daten, ein hippes Outfit tragen, die angesagten Veranstaltungen und Clubs besuchen, Deine Erfolge jedweder Art prominent in sozialen Netzen platzieren. Das ganze Leben ist eine einzige Party. Work hard, play hard. Wer den Takt nicht halten kann, der ist draussen. Kein Blick für die kleinen Dinge, die zarten Knospen, die leiseren Töne, die kleinen stichartigen Verletzungen, die sich mit der Zeit so schmerzlich breit und tief in den Körper bohren, so dass man am Ende nur noch ohne zu atmen bis zur Besinnungslosigkeit schreien mag. Doch wie in einem Alptraum entkommt dem weit aufgerissenen Mund kein einziger Ton. Das ist er wohl - dieser oft zitierte stille Schrei nach Liebe.
Diese schöne heile Welt im Netz und auf den Portalen … Du feilst an Deinem digitalen Profil, Deinem verlängerten Ich, Deiner zweiten DNA, die um so viel flexibler ist als das Original. Die moderne Form der Selbstoptimierung. Pfiffig und klug soll der Text sein, animierend und sexy die Bilder - sozusagen der Appetizer und die Motivation zur Kontaktanbahnung. Du jubilierst, wenn Dein ausgeklügeltes Setting Erfolg zeigt und die Interessensbekundungen herein rauschen. Es wird gechattet und geflirtet auf Teufel komm’ raus. Dann ein lang ersehntes heisses Date! Es fühlt sich grandios an, Du strotzt vor Selbstbewusstsein, wähnst Dich alsbald als den geilsten Feger auf dem gesamten Planeten. Nahezu alle verehren, begehren und lieben Dich. Ein Sinnesrausch, der den Alltag erträglicher und manchmal auch irgendwie vergessen macht. Zu süß und verlockend, diese verbalen Liebkosungen gepaart mit Fleischeslust. Es lullt Dich ein, betäubt Deine Sinne wie der Hauch von zu viel heissem Amaretto mit Sahne. Dein Leben und Sein erscheint beinahe schon unerträglich leicht - immer gepaart mit der Gefahr des Abdriftens in eine höllische Übelkeit. Der Eine steckt das Volatile locker weg, der Andere richtet sich irgendwann damit selbst zugrunde, weil er das Suchtpotenzial dieses Gamings unterschätzt hat.
Selbst eine gefestigte Persönlichkeit gerät durch dieses Füllhorn an Versuchungen und einer sich daraus entwickelnden Lust und Gier in kognitive Dissonanzen und kann straucheln. Dann gibt es sie, diese Hypersensitiven, die „Geber“. Menschen, die Emotionen und Sinnesreize viel stärker wahrnehmen als der Rest. Menschen mit einem aussergewöhnlichen Einfühlungsvermögen, die durch zu viel negative Schwingungen und Wirrnis ihres Umfelds selbst in eine emotionale Achterbahnfahrt geraten. Menschen, welche eine Ablehnung durch das Objekt ihrer Begierde weitaus mehr trifft als der Rest und deren Menschenbild und Grundwerte dadurch nachhaltig erschüttert werden. Das Herz macht was es will. Anstatt sich geschmeichelt zu fühlen, dass sich bei allem Realitätssinn dennoch zarte Gefühle eingeschlichen haben und man nicht nur die Funktion Fuckbuddy bedient, bricht beim Gegenüber Panik aus. Die Exit-Strategie: Das ach so bequeme Weg-Clicken oder gar neuzeitliches Ghosting … Wer sich öffentlich so präsentiert, muss die Konsequenzen aushalten! Wirklich?
Kein Problem für die „Nehmer“. Die Jagd nach dem Neuen und Unbekannten ist allzeit eröffnet. Der Zauber der ersten Begegnung - so wohlig, süß und sündig - kann in der Tat süchtig machen. Der „Verlust" ist ja so herrlich unproblematisch zu kompensieren. Schließlich suggeriert das Netz 24/7 die Unendlichkeit des Marktes mit zig vermeintlich attraktiven Neuanmeldungen und Verlockungen, die dazu einladen, ihrem Reiz ohne allzu große Gegenwehr zu erliegen. Ein Like, ein Herzchen, eine Nachricht - mal anrüchig, mal verehrend, je nach Gusto - schon geht’s weiter in diesem unendlichen und übersexualisierten Reigen. Es fällt doch immer etwas für einen ab. Dranbleiben! Selbst wenn man seinen „Traumpartner“ im Real Life oder im Netz gefunden hat: Nur noch mal kurz das Portal aufrufen, sehen, was man schon wieder verpasst haben könnte, schnell noch ein Herzchen für diesen sexy roten Lockenschopf. Vielleicht antwortet sie ja ... ansonsten vergibt man sich ja nichts mit einem zweiten sehnsuchtsvoll klingenden Anlauf. Bei einem noch so kleinen Signal - und sei es nur ein zwinkerndes Emoji - startet die Testphase. Die Spannung steigt, es prickelt von Kopf bis Fuß. Was sie nach diesem Erstkontakt wohl alles preisgeben wird? Ein neues Spiel beginnt.
Es mag etwas grotesk anmuten, ausgerechnet auf dem Marktplatz der Eitelkeiten an die eigene Empathie und den Blick für sein Gegenüber zu appellieren. Wer jedoch diese unsägliche Sehnsucht, diese nagenden Zweifel, diese unendliche Trauer aufgrund eines gefühlten Verrats nicht kennt und nicht wahrnehmen will, hat keine Vorstellung davon, wie ein Anderer leidet. Im Sinne einer gesunden Eigenliebe täte jeder gut daran, dies alles nicht allzu ernst zu nehmen. Keiner ist gezwungen, mitzuspielen. Diese Zeilen können und werden nichts verändern. Alles bleibt wie es ist. Nur manch Einer ist morgen noch ein bisschen einsamer …
“Ein Text ist nicht dann vollkommen,
wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern dann,
wenn man nichts mehr weglassen kann!”
(Antoine de Saint-Exypéry)















