Über Nicht-Fotos
Ich stamme aus einer Familie von Nicht-FotografInnen. Es gab zwar schon eine Kamera, so ist es nicht. Es war eine mittelpreisige, einfach zu bedienende Kodak Ektralite 400 aus den 1980ern in unauffälligem Schwarz und mit Metallschlaufe an der Seite, um das Gerät stets einsatzbereit am Handgelenk zu tragen und damit die Nonchalance und den Chic einer Herrenhandtasche zu verbreiten. Aber trotz dieser scheinbar einfachen Voraussetzungen – Fotografieren für Jedermann! – wurde bei uns wenig, wenn nicht gar kaum fotografiert.
Schaut man genauer hin, so gab es nahezu keine Beziehung zur Kamera und dem Akt des Fotografierens. Aber gleichzeitig auch ein fast schon ehrfürchtiges Verhältnis. Diese Nicht-Beziehung äußerte sich vorwiegend auf quantitativer Seite. Die Anlässe, bei denen ein oder mehrere Fotos gemacht wurden, waren sehr ausgesucht. Augenblicke und Momente wurden vorab schon stark selektiert, ob sie es würdig waren, festgehalten zu werden und dafür die Kamera aus dem Stubenschrank zu holen. Und das waren dann hauptsächlich „große“ Ereignisse, sogenannte Markierungs- oder Wendepunkte in unserer Familie: Geburtstage, Verlobungen, Hochzeiten, Taufen und Konfirmationen sowie ab und zu Urlaube. Spontan geschah das nie, sondern es wurde immer genau geplant, beziehungsweise sich an den konventionellen Motiven orientiert, was auf einem Foto in Erinnerung bleiben sollte. Meine Familie gab ein Paradebeispiel für das ab, was Pierre Bourdieu für die 1950er Jahre zu den unterschiedlichen Gebrauchsweisen der Fotografie in Frankreich herausgefunden hatte. Eins von Bourdieus Ergebnissen lautete, dass es beim Fotografieren einen Stadt-Land-Gegensatz gab. In der Stadt war die Fotografie mehr mit ästhetischen Einstellungen verbundenen. Und auf dem Land übte die Fotografie hauptsächlich rituelle Funktionen aus. Die rituelle Funktion bezieht er auf die Dokumentation zur Bewahrung des Familienerbes. Sogenannte „Saisonkonformisten“, die die Anlässe des Fotografierens in immer wiederkehrenden, fest markierten Großereignissen sehen, die vorwiegend die Familie betreffen.
Und da sind wir, eindeutig Leute vom Land: Familie Horstmann, wohnhaft in einer Reihe von 12 Häusern zwischen Feldern und Wäldern, drei Kilometer vom nächsten Dorf mit ca. 800 Einwohnern entfernt. Es gibt dann aber doch einen Unterschied zu diesem doch eher launigen Vergleich von der Funktion des Fotografierens in französischen Familien in den 1950ern und in meiner Familie in den 1980ern. Bourdieu schließt bei seinen Gegenüberstellungen von Stadt und Land den ökonomischen Faktor aus. Aber genau dieser bestimmte unsere Haltung zur Fotografie. Die Kosten hielten unsere Eltern uns Kindern immer vor Augen. Die Kamera war teuer und ist demnach kein Spielzeug. Dasselbe wurde uns auch über den VHS-Rekorder eingetrichtert und ist vermutlich die Quelle meines eigenen sehr nervösen, nicht selbstverständlichen Umganges mit elektronischen Geräten. Danke Mama und Papa! Aber nicht nur die Kamera, sondern auch die Filme und ihre Entwicklung waren kostbar. Zudem musste man zum Erwerb und zum Entwickeln der Filme in die Stadt fahren, was nicht nur Geld, sondern auch Zeit kostete und damit auch noch Umstände bereitete. Ökonomisch baute sich so eine Barriere auf, die mich jahrelang vom Fotografieren ausschloss und verhinderte, dass wir einfach drauf losknipsten.
Diese kostspieligen Bedingungen des Fotografierens führten vermutlich auch zu dem ehrfürchtigen Verhältnis zum Gerät und Akt. Wenn etwas Geld kostet und nicht verschwendet werden sollte - dazu könnte die Kamera ja auch runterfallen und kaputtgehen - wenn genau vorab überlegt werden musste, was jetzt fotografiert wird, vielfach auch alle Personen, die aufs Bild sollten, zusammengetrommelt werden mussten, dann ist die Aufregung meist so groß, dass die Fotos oftmals verwackelt oder falsch fokussiert wurden. Mein Vater war ein „Meister“ darin, beim Fotografieren von Personengruppen die Köpfe abzuschneiden. Aber nicht nur mein Vater, niemand in unserer Familie konnte und kann bis heute gute Fotos machen. Und es konnte ja auch niemand Übung bekommen, da die Kamera den meisten Teil des Jahres im Stubenschrank lag. Die leeren Seiten des Familienfotoalbums füllten wir mit unseren Erinnerungen. Auf der einen Seite sind (mentale) Erinnerungen auch schön, vor allem da sie nach Jahren nicht durch Fotos verändert oder überschrieben werden können. Auf der anderen Seite speicherte jeder von uns andere innere Bilder, was oftmals bei Familientreffen zu der Frage: „Was war denn da jetzt wirklich los?“ führt.
Wenn man all die Parameter dieser merkwürdigen Nicht-Beziehung meiner Familie zum Fotografieren auf den Tisch legt, dann ist die Existenz zweier Fotos, die ich in der Fotokramkiste meiner Mutter gefunden habe, umso erstaunlicher. Die beiden Bilder sind einerseits charakteristisch für unser fotografisches Unvermögen und dennoch stechen sie aus dem überschaubaren Konvolut unserer Fotoversuche heraus. Ich weiß, dass meine Schwester die Fotos gemacht hat und laut Aufkleber auf der Rückseite („Qualitätsfarbbilder vom Fachmann“) wurden sie im Mai 1984 entwickelt. Man sieht auf beiden Fotos den Ausblick ins flache Land meiner Heimat hinter unserem Haus. Deutlich sichtbar ist der Feldweg, der von unserem Garten wegführt. Dieses Foto wurde wohl direkt von unserer Terrasse aus aufgenommen. Das andere Foto zeigt den Ausblick links davon (von der Terrasse aus). In der Mitte von fünf sich kreuzenden Feldwegen steht eine große Eiche. Beide Fotos nebeneinandergelegt ergeben fast ein korrektes Panorama, nur etwas verschoben. Obwohl die Bilder im Mai 1984 entwickelt wurden, sind sie wohl eher aufgrund der schon gepflügten, aber noch nicht in Saat stehenden Felder im März entstanden. Die Verzögerung zwischen Entstehungs- und Entwicklungszeitraum verdeutlich den sparsamen Umgang mit Filmrollen. Filme für Kleinbildkameras gab es mit 12, 24 oder 36 Fotos zu erwerben. Um eine große Rolle zu füllen, dauerte es bei dem Fotoverhalten meiner Familie längere Zeit. Es wäre interessant zu wissen, welche anderen Fotos noch auf dem Film waren. Vermutlich Fotos von 1982 und 1983. Ästhetisch sind die Bilder sehr typisch für uns. Das eine Bild ist verwackelt, das andere schlecht fokussiert: Man sieht einen Teil der Regenrinne von unserer Waschküche und zwei Pfosten von der Wäscheleine. Ungewöhnlich an den Bildern ist das Motiv. Wer hat meiner Schwester erlaubt, unseren Feldweg und die Eiche zu fotografieren? Diese Bilder haben keinen Anlass und unserer „Familienbildpolitik“ entsprechend auch keinen Mehrwert. Es waren zum Beispiel keine baulichen Veränderungen in der Landschaft geplant. Es sieht heute immer noch aus wie auf dem Foto. Dazu sind keine Personen auf dem Bild. Was sollte diese Auswahl also dokumentieren und festhalten?
Dass die Fotos all die Jahre trotz ihres nicht vorhandenen inhaltlichen und qualitativen Mehrwertes aufbewahrt wurden, ist allerdings nicht erstaunlich. Was einmal Geld gekostet hat, wird nicht weggeworfen! Und ich habe mich gefreut, als mir die Bilder in die Hände fielen. Denn diese fotografischen Ausreißer aus den sonst sehr tradierten Motiven, diese ästhetischen „Unfälle“ und Zeugnisse unserer Nicht-Beziehung zum Fotografieren, regte in mir ein Nachdenken über „Nicht-Fotos“ und deren Mehrwert an.
Nehmen wir das verwackelte Bild.
Eh schon durch die vorfrühlingshafte Vegetation in dumpfen Farben getaucht, erscheint das Bild noch diffuser durch den verwischten Horizont und die zerfließenden Bäume. Das, was das Medium Fotografie eigentlich soll, dokumentieren, festhalten, fixieren – wird hier nicht erfüllt. Es bleibt fluide und ist in Bewegung. Wie eine Fotografie aus einem fahrenden Auto heraus. Was bewegt sich hier, wer steht nicht still? Die Fotografin oder die Landschaft. Dieses Foto aus dem Jahr 1984 hält keinen Moment fest, der durch die Transformation auf das Fotopapier immer und immer wieder abrufbar sein wird. Es ist eher so, als ob dieses Foto offenbleibt. Das Verwackelte und Verwischte öffnet sich für verschiedene, auch zeitlich auseinandergezogenen Erinnerungsstränge, die sich nicht materialisieren lassen. Es ist ein Fließen und Überfließen von Zeit und Raum über den Rand des Fotos hinweg.
Vergleichbares vermag auch das zweite Foto.
Hier sind es die unabsichtlichen Markierungen, die mit in das Bild geraten sind und die das Foto öffnen, aber auch, und dies anders als beim ersten Foto, gleichzeitig schließen und verorten.
Das Stück Regenrinne und die beiden Pfosten der Wäscheleine rahmen das Foto und markieren es eindeutig als Ausblick hinter unserem Haus. Die Landschaft an sich ist so unspektakulär und austauschbar, dass dieses Bild überall hätte aufgenommen werden können.
Durch die Markierungen ist es aber nicht irgendeine Eiche, es ist der Baum, auf den wir von der Terrasse aus blicken. Es ist ein unabsichtliches Markieren, denn das Angeschnittene der beiden Punkte deuten darauf hin, dass nicht richtig fokussiert wurde und sie eigentlich nicht mit im Bild sein sollten. Aber dadurch wird die Weite des Fotos wieder nah an den Ausgangspunkt zurückgerückt. Und gleichzeitig wird es durch die Markierungspunkte auch geöffnet. Denn die Regenrinne und die Pfosten der Wäscheleine sind nur fragmentiert ins Bild geraten. Dies zieht den Rahmen weiter und eröffnet einen Bildraum hinter dem Ausschnitt. Es geht noch weiter und ich weiß auch wie. Hier verknüpft sich der Ausschnitt mit meinen inneren Erinnerungen und führt die Gegenstände weiter.
Der Baum dient als Fixpunkt, von dem ausgehend, der sich öffnende Rahmen von mir und meiner Familie gefüllt werden kann.
Vermutlich sind diese Nicht-Fotos, diese beiden Ausrutscher, die Quintessenz unseres fotografischen Ausdrucksvermögens. Schlussendlich, so verquer diese Bilder und nichtssagend sie eigentlich auch sind, bilden sie die perfekte Brücke zwischen unserem Hang, eher innere Bilder zu schaffen und die Kamera nicht immer griffbereit zu haben, und Ansätzen von fixierten Erinnerungen und Momentaufnahmen. Ich werde sie jedenfalls auch nicht entsorgen, sondern in meine Fotokiste zu all den anderen nichtssagenden, verwackelten und abgeschnittenen Fotos legen. Die haben ja schließlich alle mal Geld gekostet!
Anja Horstmann
Lesen! Pierre Bourdieu, Eine illegitime Kunst. Die sozialen Gebrauchsweisen der Photographie, Frankfurt am Main 1983.














