(2) Fruchtbare Zeiten
“Traust du dich nie!“
Trau ich mich doch. Natürlich hab ich abgedrückt.
Ich denk noch, wie schräg eigentlich, das Aztekenmuster wird man hinterher auf dem Foto sehen, wie kratzig so eine handgewebte Aztekendecke ist, eher nicht. Die Augen haben wir zusammengekniffen, unsere Gesichter kreuzen ein paar dunkle Schattenstreifen, von den Zweigen, die sich über uns vor der Sonne bewegen. Man kann die trockenen Hautfetzchen erkennen, die sich von Oranges Nase lösen, ein Stück von meinem ausgestreckten Arm und den zähflüssigen, glänzenden Glibberfaden, den Orange zwischen Daumen und Zeigefinger in die Kameralinse hält.
#Zervixschleim. Klar trau ich mich. #ttc #EWCM bitly.glowfertilityapp
Wahrscheinlich ist spätestens an diesem Punkt eine Triggerwarnung fällig. Ab hier wird´s ziemlich explizit und wahrscheinlich nicht nur für Gino und Eddie #tmi, too much information. Aber wenn man ein Kind kriegen will, ist es total wichtig, sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen, auch als Mann, versuche ich Gino und Eddie zu erklären, die ein bisschen gequälte Gesichter machen, weil sie meine Faszination für Dry Days, Bloody Mary und Zervixschleim, die ich Glow verdanke, nie geteilt haben. Glow ist die Fruchtbarkeits-App, die Orange und ich auf unseren Handys installiert haben. Weil Orange mich überzeugt hat, dass wir wissen müssen, was mit unseren Körpern vor sich geht, wenn wir uns aus der Abhängigkeit von irgendwelchen Experten und der Pharmaindustrie befreien wollen. Bevor Orange und Glow in mein Leben getreten sind, hätte ich den weiblichen Gebärmutterhals ja selber noch für abstrakte Kunst gehalten und wäre bei der Ansage „Bloody Mary“ garantiert nicht auf die Idee gekommen, meiner Freundin einen Tampon anzureichen. Aber egal, wie befremdlich euch das jetzt vielleicht vorkommt, eins kann ich euch versprechen: wenn ihr euch auf diese Reise einlasst, wird die Zubereitung von Rührei nie wieder dieselbe für euch sein.
Ich war jedenfalls total dankbar, dass der User-Support von Glow erkannt hat, wie viele Fruchtbarkeitsanalphabeten sich da draußen rumtreiben, deren Kenntnis des weiblichen Fortpflanzungsapparats sich darauf beschränkt, dass es fruchtbare Tage gibt und es gilt, die eigenen Spermien termingerecht auf die Eizelle der Frau abzuschießen, wenn das mit dem Kind klappen soll. Und, schon klar, dass das jetzt nicht gerade klassische Smalltalk-Themen sind, deswegen hat Glow die Kategorie ja auch „Taboo Tuesdays“ gelabelt. Und selbst, wenn das Versprechen, dort wirklich alles thematisieren zu dürfen, mit der mit der reißerischen Frage, „does your partner suck your nipples outside of sex?“ angepriesen wird, geht´s da doch hauptsächlich um ganz praktische biologische und organische Nachhilfe. Ich kann gar nicht sagen, wie viele Stunden ich mich da rumgetrieben habe, um mich halbwegs auf den Stand zu bringen und vor Orange nicht wie ein kompletter Idiot dazustehen. Und irgendwann ist dir das Vokabular halt total vertraut und dir erschließt sich im Handumdrehen, was es bedeutet, wenn jemand ein Foto von seinen Fingern mit irgendeinem Glibber dazwischen postet und dazu twittert:
Ich musste dieses Bild einfach mit euch teilen, weil ich gerade so unglaublich #fruchtbar bin #ttc #EWCM
#ttc steht für „trying to conceive“ und lässt sich am ehesten mit „Empfängnisversuch“ übersetzen, EWCM ist die Abkürzung für „egg white clear mucus“ und was man auf dem Foto sieht, ist der eiweißklare Zervixschleim des Mädchens, deren Aufklärungsbedürfnis nicht einmal davor Halt macht, Bilder von ihrem Ausfluss zu twittern. Und den Status unserer Zeugungsversuche. Aber das ist wohl Teil der Vereinbarung, wenn man die Verantwortung für die eigene Fortpflanzungsfähigkeit selber in die Hand nimmt. Oder eben den Zervixschleim zwischen die Finger. Um zu gucken, ob er sich ein paar Zentimeter auseinanderziehen lässt und wie unverkleppertes Eiweiß aussieht. Solche Sachen fragt Glow. Orange und ich haben da so ein kleines Ritual draus gemacht, andere küssen ihrer Freundin jeden Morgen die Muschi oder gehen mit dem Hund raus oder machen zusammen den Sonnengruß. Ich begutachte eben den Schleim, den sich Orange jeden Morgen aus der Scheide holt, und dann diskutieren wir Konsistenz und Farbe und pflegen das in die App ein.
Dass dieses Mädchen vor nichts Halt macht, war mir doch von dem Moment an klar, als sie hinter mir aus dem Container gesprungen ist. Orange macht keine halben Sachen. Wo andere Lebensmittel an kirchliche oder soziale Einrichtungen spenden, steigt Orange in Container. Wo andere Vegetarier werden und Petitionen gegen Massentierhaltung unterschreiben, verrechnet Orange Schlachtschweine mit den Einwohnern amerikanischer Städte. Und wo andere ihren Freundinnen hinter vorgehaltener Hand stecken, dass sie versuchen, schwanger zu werden, leistet Orange Aufklärungsarbeit, indem sie Fotos von ihrem Zervixschleim in den unterschiedlichen Zyklusstadien twittert. Meinen Einwand, dass die Welt da draußen dadurch nebenbei auch über meine Fruchtbarkeits-Performance informiert wird, grinst Orange weg. Ich soll´s als meinen individuellen Beitrag zur Wiedergutmachung ansehen. Für jahrhundertelange patriarchale Unterdrückung und Mansplaining.
Aber gut, wer mit dieser Frau ein Kind haben will, muss den Vertrag gar nicht bis zu Ende lesen, der weiß schon nach der Präambel, dass bei ihr immer alles mit allem zu tun hat. Wer sich auf diese Frau einlässt, gibt sein Recht auf Privatsphäre an der Garderobe ab und erkennt an, dass sie das Patriarchat nicht mit einem Strauß Rosen, ein paar hingetupften rosa Wölkchen und drei Mal Müll runterbringen aus der Nummer rauskommen lässt. Und auch nicht den Mann, in dessen Schwanz eben nicht nur die Spermien sitzen, die sich mit ihrer Eizelle vereinigen könnten, sondern auch das jahrhundertealte Patriarchat. Wär ja nicht die erste Fremdsprache, auf die ich mich einlasse, inzwischen träume ich schon manchmal auf Englisch. Kann ich mich auch an einer weiteren versuchen. An der Sprache der Fruchtbarkeit der Glow Community: #ttc, trying to conceive. #bbt, basal body temperature, die basale Körpertemperatur nach dem Aufwachen, täglich in die App einzupflegen, ganz wichtig, damit Glow den Zeitpunkt nicht verpasst, uns einen mehr oder weniger dezenten Hinweis darauf zu geben, dass wir jetzt aber wirklich die nötige Performance erbringen sollten, falls wir im Folgemonat als Statusanzeige kein Bild von Oranges eiweißklarem Zervixschleim posten wollen, sondern ein #BFP, ein Big Fat Positive. Und wer seinem Zervixschleim und der Basaltemperatur nicht ausreichend über den Weg traut, kauft sich zusätzlich noch das von Glow empfohlene ovulation predictor kit, #opk, die automatische Eisprungvorhersage.
Auf jeder von Oranges Unterhosen ist irgendeine weibliche Heldin drauf, von Spider Girl über Elasti-Girl bis zu Chief Wilma Mankiller und Orangea Davis. Auf der Unterhose, deren Bild sie nach Ende ihrer letzten Bloody Mary gepostet hat, Hashtag #drydays, war Wonder Woman drauf. Seitdem läuft für uns der Countdown, was sich rein technisch gesehen so darstellt: Während der Eisprungphase durchläuft der Körper das höchste Östrogenlevel und die stärkste Produktion von Zervixschleim. Userfreundlich übersetzt heißt das, sobald ein Ei sich zum Absprung bereit macht, verändert sich bei einer Frau der Scheidenausfluss. Ich kann das bestätigen, ich hab das ja jeden Tag für Glow protokolliert, am Anfang war der eher trüb und irgendwie pappig. Und unmittelbar vor dem Eisprung hast du dann den stärksten Schleimausstoß, dann ist er durchsichtig und glitschig, wie rohes Eiweiß eben. Das ist der Startschuss, auf den du gewartet hast. Das ist das, was Orange gerade zwischen zwei Fingern in die Kamera hält. Den Nachweis ihrer Fruchtbarkeit. Wunderschön.
„Wir könnten da doch einen Zyklus-Fotokalender draus machen, wie diese Jahreszeitenkalender, mit passenden Motiven für jeden Monat, Schneemänner im Januar, Krokusse im März, Strandhandtücher, Sombreros und Margaritas mit Strohhalmen drin im Juli. Nur eben für den weiblichen Zyklus. Genug Fotos müsste die Glow Community ja wohl hergeben, wir sind ja nicht die einzigen, die mit ihrem Zervixschleim hausieren gehen. Lass uns die Welt mit Zervixschleim überziehen! Ich meine, was kriegst du denn angeboten, wenn du bei iStock oder irgendeiner anderen Bilddatenbank nach Motiven für Fruchtbarkeit und Schwangerschaft suchst? Blümchen vor Babybäuchen, Schwangerschaftstestsets, Clomifen-Tablettenpackungen, das war´s dann aber auch schon mit der reproduktiven Realität… Wo findest du denn bitte außerhalb der Glow Community die ungeschönte Wahrheit über unsere Fruchtbarkeit? Ich meine, das wäre doch echt mal ein radikal emanzipativer Akt – was Facebook zensiert, Glow zeigt´s.“
Radikal emanzipativer Akt, versteht ihr, was ich meine, wenn ich sage, unter der Weltrevolution macht´s eine wie Orange nicht? Aber sie hat ja auch einfach Recht, manche Dinge müssen wir eben erst zu denken lernen. Dass nicht etwa unversehrte Lebensmittel aus dem Container widerlich sind, sondern die Tatsache, dass wir jeden Monat tonnenweise unverdorbene, frische Lebensmittel in den Müll hauen. Dass wir zwar ein Tamagotchi am Leben erhalten und das komplette pornographische Kürzelalphabet von Youporn durchbuchstabieren können, aber keine Ahnung von den natürlichen Abläufen und Sekreten unserer Körper haben. Klar kommst du dir am Anfang vor wie der Ochs vorm Berg, wenn du nämlich merkst, dass du von Tuten und Blasen keine Ahnung hast und dich da gerade auf was einlässt, was `ne Nummer zu groß für dich ist. Meine Vorstellung davon, was es heißt, Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen, war ungefähr so krisselig und grobkörnig wie das erste Ultraschallbild von mir, das Mama in ihrem Mutterpass hatte. In meiner Vorstellung hat meine Verantwortung als Mann irgendwie im Kreißsaal eingesetzt, bei der Geburt, oder von mir aus schon vorher, falls du genau das verhindern willst, also die Geburt. Dann übernimmst du als Typ wahrscheinlich die Verantwortung, dich um Kondome zu kümmern. Aber alles, was vor dem Ultraschallbild und dem Kreißsaal kommt, also sogar vor dem Sex, darüber hab ich mir doch nie eine Platte gemacht. Und weil ich damit in verdammt guter Gesellschaft bin, hat Max Levchin mit der Glow App ein ziemlich profitables Geschäftsmodell daraus gebastelt. Auch wenn er natürlich lieber auf seine Rolle als Retter aller unfreiwillig kinderlosen Paare hinweist als auf die Profitabilität seiner App.
Dabei ist natürlich weder der gute Max ein Erlöser noch Glow die Erlösung, sondern ein ziemlich gnadenloser Datenkrake, der unerbittlich alle Informationen aus dir herausmelkt und dabei permanent ein schlechtes Gewissen in dir abruft, du könntest den Erfolg des Unterfangens gefährden, wenn du Glow nicht deine intimsten Geheimnisse anvertraust. Und wer lässt sich schon gerne vorhalten, das Ausbleiben einer Schwangerschaft selbst verschuldet zu haben, nur weil er Glow aus Peinlichkeit und Scham irgendwelche unangenehmen Details verschweigt. Erektionsschwierigkeiten, eine Woche Dauersuff, so Zeug halt. Denn für die erfolgreiche Befruchtung ist es ja mit Körpertemperaturmessung und Zervixschleimkonsistenz noch lange nicht getan, du schuldest Glow auch Rechenschaft über jede gerauchte Zigarette, jedes Bier, jeden Sex, den du hattest oder eben nicht, und in welcher Position er stattgefunden hat, oben, unten oder anders, wobei Glow sich darüber ausschweigt, was unter „anders“ zu verstehen ist. Und dabei macht Glow bei Sex und Drogen noch lange nicht Schluss, weiter geht´s mit deiner generellen körperlichen und psychischen Verfassung, dafür gibt´s sogar ein fettes Dropdownmenü, die reinste Selbstbedienungstheke: Akne, Rückenschmerzen, Aufgeschwemmtheit, Verstopfung, Krämpfe, Durchfall, Schwindel, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Hitzewallungen, Verdauungs- oder Schlafstörungen, Migräne, Übelkeit, Schmerzen beim Sex, Beckenschmerzen, Brechreiz, schmerzende Brüste und Vaginalschmerzen, aber auch so Sachen wie Appetit und Sextrieb sind im Angebot, you name it, Glow got it. Keine Ahnung, ob Appetit und Sextrieb tatsächlich als Beschwerden gelten oder einfach nicht einzuordnen waren, aber ich wette, die nächste Weiterentwicklung, die Levchin auf den Markt schmeißt, ist eine Sexualtherapie-App.
Was soll ich sagen. Natürlich machen Orange und ich uns über uns selber lustig, aber wenn du erstmal so und so viele Jahre nicht verhütet hast und trotzdem nicht schwanger geworden bist wie Orange mit ihrem Ex, dann gehst du eben auf Nummer sicher. Also haben wir´s nicht bei der kostenfreien Version belassen, sondern von Anfang an Glow First gebucht, sozusagen das erste Klasse Upgrade, eine Art Versicherung gegen Unfruchtbarkeit. Sollten wir also wider Erwarten trotz Schleimanalyse und Vögeln nach Eisprung bis nächsten Juni noch nicht schwanger sein, finanziert uns der Glow Fonds eine Fruchtbarkeitsbehandlung in einer Glow Vertragsklinik. Was schon eine Ansage ist, wenn man weiß, dass so ein künstlicher Befruchtungszyklus ungefähr bei 12.000 Dollar liegt und kaum eine staatliche Gesundheitsvorsorge diese Kosten übernimmt. Max Levchin hat den Fonds mit einer Million Dollar Privatvermögen angestoßen, aber der hat ja auch mit PayPal genug Geld gescheffelt, um jetzt Schwangerschaften über Crowdfunding zu finanzieren.
Aber was heißt schon Schwangerschaften finanzieren, ein Stück Unberechenbarkeit bleibt natürlich immer. Insofern entspricht Glow weniger einem Strategiespiel, sondern eher einer Runde „Mensch ärgere Dich nicht“, mit jedem Zug unternimmst du kleinere oder größere Schritte, um deinem Ziel näher zu kommen, und manchmal fliegst du kurz vor dem Ziel raus, während die anderen an dir vorbeiziehen. Aber immerhin auch kein reines Glücksspiel, bist ja nicht völlig vom Würfelgott abhängig, kriegst ja genügend Hinweise, was du tun kannst oder ändern musst, um dein Ziel zu erreichen. Orange mag die Spielmetapher nicht, zu oft hat man mit ihr und ihren Gefühlen gespielt. Nach einer Kindheit mit einer emotional unberechenbaren Mutter, die ihr das Vertrauen in die Verlässlichkeit von Aussagen und Gefühlen gründlich ausgetrieben hat, hat sie sich treffsicher auf Männer eingelassen, die dieses Muster bedient und sie nach Strich und Faden hintergangen haben. Den Menschen, den man liebt, zu hintergehen und danach mit ihm zu schlafen, ohne dass er von dem Betrug wisse, gehört zu den absoluten Todsünden, hat sie mich wissen lassen, noch bevor sie das erste Mal ihr T-Shirt hochgezogen hat. Weil nämlich Sex mit einem Partner, dem eine entscheidende Information fehlt, Sex mit einem Menschen, der nicht weiß, dass er betrogen wurde, unter falscher Voraussetzung stattfindet. Und damit gar nicht einvernehmlich sein kann. Ich hab genickt und ihr zugestimmt und darauf verzichtet, ihr zu sagen, dass ich nicht vorhabe, sie je zu betrügen. Hab genickt und ihr zugestimmt, dass Glow dann doch eher mit einer Ernährungsumstellung vergleichbar sei. Oder einer Verhaltenstherapie. Zervixschleimbilder twittern, Fruchtbarkeitswein aus Storchschnabelkraut brauen, über die Wiese robben und Löwenzahnknospen abknipsen, Eicheln vom Waldboden oder Konservenbüchsen aus Containern klauben, letztendlich experimentieren wir mit Dingen, mit denen wir uns vorher nicht befasst haben, in der Hoffnung, damit einen nicht mehr akzeptablen Zustand zu verändern. Und dass diejenigen, die dem Wahnsinn dieser Welt Alternativen entgegenzusetzen versuchen, komisch angestarrt zu werden, sei ja schließlich das Risiko aller Revolutionäre. Und dass ich mich nicht so anstellen soll, ich müsse doch schließlich gewohnt sein, nicht für ganz dicht gehalten zu werden. Einer, der mit Spielzeugnilpferden spricht und ein Foto vom Zervixschleim seiner Freundin im Geldbeutel herumträgt.
Manchmal bin ich nicht ganz sicher, ob ich komisch bin oder die anderen. Aber auf meine Rückfrage bestätigen mir auch Gino und Eddie, die sonst nicht verdächtig sind, zu viel Verständnis für mich aufzubringen, dass sie nicht verstehen, was ein Zervixschleimbild merkwürdiger macht als die Ultraschallaufnahme eines sieben Millimeter großen bohnenförmigen Zellhaufens in der 7. Schwangerschaftswoche, die andere Menschen im Geldbeutel rumtragen. Orange hat Recht. Wir müssen viel radikaler werden, wenn wir gegen das Ausmaß der Perversion, mit der bestimmte Dinge in dieser Welt als normal dargestellt werden, vorgehen wollen. Ich meine, da stimmt doch etwas ganz gewaltig nicht, in einer Welt, in der alles, was zwischen zwei Menschen und ihren Körpern stattfindet, mit Scham behaftet ist. Sex hat allgegenwärtig und lustvoll und geil zu sein, aber worüber du bitte auf keinen Fall auch nur irgendein Wort verlierst, ist, , dass du irgendein Problem damit hast, mit deinem Körper, mit deinem Schwanz, mit deiner Erektion oder damit, deiner Freundin zu sagen, dass dich jede gottverdammte Kleinigkeit verunsichert: ihr BH-Verschluss, der Zeitpunkt und die Worte, mit denen du einen HIV-Test ansprichst, die Panik, einen echten nicht von einem gefakten Orgasmus unterscheiden zu können, die Angst, versagt zu haben, wenn sie nach dem Orgasmus nicht in einer klatschnassen Lache liegt, und überhaupt, wie das mit den Körperflüssigkeiten und den Geräuschen ist, Schwitzen, Stöhnen, die Liste könnte ich ewig fortführen und da sind wir erst beim Sex und noch lange nicht beim Gespräch über Fruchtbarkeit und den weiblichen Zyklus, Leute.
„Warum drehst du den Spieß nicht einfach um? Du kennst doch diese widerlichen YouTube Tutorials, auf denen dir irgendwelche Ekelpakete erklären, was du tun musst, um erfolgreich eine Frau abzuschleppen. Ihr zieht einfach euren eigenen Kanal auf, du, Gino und Eddie, ihr wärt doch ein Dream Team! Ich seh dich schon in Boxershorts und Küchenschürze mit dem Schneebesen in der Luft herumfuchteln, „die Konsistenz von eggwhite clear mucus“, erklärst du, „hat jeden zeugungswilligen Mann mindestens so dringend zu interessieren wie die Qualität seiner Spermien – der Zervixschleim ist die Rutschbahn, auf der seine Spermien auf die Eizelle zuschlittern!“ An der Stelle würde Gino dir ein rohes Ei anreichen und Eddie ein Messer, beim Aufschlagen muss das Eigelb intakt bleiben, und natürlich erwartet der Zuschauer, dass du das Ei als nächstes mit dem Schneebesen verklepperst, stattdessen zoomt die Kamera auf die aufgeschlagene Eierschale, man sieht in Nahaufnahme, wie du Daumen und Zeigefinger im Eiklar versenkst, beim Rausziehen hast du ein bisschen Glibber zwischen den Fingerkuppen, den du ganz, ganz vorsichtig auseinander ziehst und einen dünnen Glibberfaden spannst, dein eigener Zervixschleim-Kanal, Hashtag #EWCM, das wär mal ein Zeichen. Aber das traust du dich nicht, stimmt´s?“
Stimmt. Hab ich mich nicht getraut. Hab stattdessen eine Packung Engelshaarnudeln aus dem Lager mit der Containerbeute geholt. Morgen ist ein E-Tag. Morgen gibt´s Engelshaarpasta. Morgen lege ich mein Ohr an Oranges Bauch und höre, wie mein künftiges Kind den Sprung in die Zukunft wagt. Eisprung und Engelshaar-Pasta. Mein radikal emanzipativer Akt findet nicht auf YouTube statt, sondern in meinem Portemonnaie. Mit dem ausgedruckten Zervixschleim-Selfie, das ich gegen das Bild von Mama, Papa und mir ausgetauscht habe. Ab jetzt fällt mein Blick, wenn ich an irgendeiner Kasse stehe, auf meine Zukunft, nicht mehr auf meine Vergangenheit. Nicht auf Mama und Papa, die mich von einer Picknickdecke im Park anlächeln. Auf dem Foto sind sie kaum älter als Orange und ich, sie haben die Köpfe aneinander gelegt und gucken in den Himmel, Papa hat seine Hand auf Mamas Hand gelegt. Sie sehen glücklich aus, man sieht ein Stück von Papas ausgestrecktem Arm, wie er versucht, die Kamera weit genug wegzuhalten, damit er beide Gesichter draufkriegt, das Lederband von der Kamerahülle baumelt dabei ins Bild. Mamas Hand liegt auf einem geringelten Frotteestrampler. Der Babybauch, der in dem geringelten Frotteestrampler steckt, ist mein Bauch. Sie wirken glücklich. Miteinander. Mit mir. Eine Familie zu sein. Es ist das letzte Bild, auf dem wir zusammen drauf sind, also Mama, Papa und ich. Danach gibt es kein weiteres Foto von uns dreien mehr. Kein Bild, auf dem sie mich an der Hand halten und „Engelchen, Engelchen, flieg“ mit mir machen. Kein Einschulungsfoto, auf dem sie hinter mir stehen und mir die Hand auf die Schulter legen. Mit mir auf einer Luftmatratze im Meer herumtollen.
Warum es diese Fotos nicht gibt, dafür hatten beide überzeugende Erklärungen. Bei keinem von beiden hat es falsch geklungen. Falsch hat es sich nur angefühlt. In mir. So soll sich mein Kind nie fühlen müssen. Ich hab nicht viel vor im Leben. Aber das werde ich zu verhindern wissen. Orange und ich, wir kriegen das anders hin. Wir werden nicht mit dem Finger auf dem Auslöser verharren, um den perfekten Moment zum Abdrücken nicht zu verpassen. Unser Kind wird nicht die Erfahrung seiner Mutter machen. Sich abgelehnt zu fühlen. Falsch. Nicht dazugehörig. Für die Unehrlichkeit und Untreue das Schändlichste sind, was Menschen einander antun können. Wir werden mit unserem Kind Eicheln in Gruben werfen.








