Ich mag Stadtführungen nicht. Daher kenne ich sie vor allem aus der Beobachterperspektive: Zwischen einer Sehenswürdigkeit und einer Gruppe von 10–30 Leuten steht – im Klischeefall – eine ältere Person, die im örtlichen Dialekt die Schönheit ihres Heimatortes preist, und zwar so laut, dass auch der hinterste der 30 Zuschauer noch alles mitbekommt.
Als ich vor ein paar Tagen in Mainz einer geführten Gruppe begegne, ist fast alles wie immer: 10–30 Teilnehmer vor grauhaariger Führerin, aber ich kann beim besten Willen nicht hören, ob sie den örtlichen Dialekt spricht. Oder überhaupt etwas. Es stellt sich heraus, dass das Herumröhren historischer Informationen hier ersetzt worden ist durch sehr leises Sprechen in ein Funkmikrofon. Die Teilnehmer der Führung folgen den Erläuterungen über ebenfalls drahtlose In-Ear-Kopfhörer. Die Technik kann nicht neu sein und ist vermutlich schon vor ein paar Jahren eingeführt worden, aber ich sehe sie bei einer Stadtführung zum ersten Mal. Die Vorteile sind sofort evident: Die Stadtführerin braucht nicht mehr mit ihrer Stimme gegen Umgebungsgeräusche anzukämpfen. Wenn man ein paar Gruppen am Tag herumführt, wirkt sich das höchstwahrscheinlich positiv auf die Halsgesundheit aus. Auch ist es hierdurch möglich, auf engem Raum gleichzeitig zu mehreren Gruppen zu sprechen, ohne dass die jeweiligen Redner einander in die Quere kommen. Die Funkvariante ist zudem ein effektiver Schutz gegen Lauscher: Bisher konnte man sich problemlos unter die ohnehin oft unübersichtlichen Touristengruppen mischen und, ohne bezahlt zu haben, (Teilen) der Führung folgen. Letzteres kann man immer noch, aber ohne Kopfhörer bekommt man eben keine Erläuterungen mehr mit.
Eine kurze Suche lehrt, dass man solche Funksysteme mit Mikrofon und Kopfhörern als ›Personenführungsanlage‹ oder auch ›Tourguidesystem‹ bezeichnet. Der früheste Treffer für ersteren Begriff bei Google Books ist aus dem Jahr 1973. Solche Anlagen existierten also schon, als ich mangels Existenz noch nicht an Stadtführungen teilnehmen konnte. Im Jahr 2015 kostet ein kompletter Satz – Funksender, Mikrofon, 15–20 Empfänger und Kopfhörer – offenbar um die 1000 Euro. Ich frage mich, ob dadurch die Kosten für Stadtführungen (leicht) gestiegen sind. Bisher dürften die Aufwendungen über die Bezahlung des Stadtführers hinaus bei rund € 2,95 gelegen haben: für eine Großpackung Halsbonbons, die man wohl braucht, wenn man ein paar Stunden am Tag gegen die Geräusche von Autos, Brunnen, Baustellen angebrüllt hat, wie schön doch der Mainzer Dom ist.