Manchmal gehe ich ins Schwimmbad. Bisher war das technisch unspektakulär: Ich besitze eine Chipkarte, auf die ich irgendwann mal an der Schwimmbadkasse einen Geldbetrag geladen habe. Die schiebe ich in den Automaten, kaufe damit ein (rabattiertes) Ticket, bekomme das Ticket als Stück Papier (ähnlich einer Parkkarte), kann mit dem Stück Papier das Drehkreuz am Eingang öffnen und einen Spind entsperren. Der Rest ist Schwimmen. Das war vor Corona.
Während Corona ist der Tag in Drei-Stunden-Zeitfenster geteilt. (Dazwischen liegt jeweils eine Stunde, in der offenbar der komplette öffentliche Bereich des Bades desinfiziert wird.) Man kann für eines dieser Zeitfenster eines von 25 Tickets kaufen. Man kann in den Fahrkartenverkaufsstellen der Stadtwerke Tickets erwerben, wie so ein Tier, oder halt online, wie ein normaler Mensch. Vor den Online-Erwerb hat der Gott des Schwimmbads die Registrierung gesetzt. Man muss in einem relativ umständlichen Formular alle möglichen Daten ausfüllen. Immerhin ist mir bei allen Formularfeldern klar, welche Daten eingegeben werden müssen – außer beim Feld ›Zusätzliche Bemerkung‹. Was sollte ich außer meinem Namen, meiner Adresse, meiner Handynummer, meinem Geburtsdatum und meinem Interesse am Newsletter des Schwimmbads noch mitteilen wollen? Kurz bin ich versucht, ›Ich schwimme gerne‹ einzutragen (stimmt so halb). Dann lasse ich es doch, weil ich nicht wegen Veräppelung des Systems gesperrt werden will. Als im dritten Versuch dann auch die Passwörter übereinstimmen, beginnt das Warten auf die Registrierungsbestätigung.
In der Zwischenzeit sehe ich die Tickets für das von mir gewünschte Zeitfenster schwinden: Erst sind es noch zehn, dann noch sieben, auf einmal nur noch fünf, die frei sind. Ich hätte gerne eins davon, aber ich kann nicht, weil ich meine Registrierung noch nicht bestätigt habe. Um die Spannung nicht ins Unermessliche steigen zu lassen, trifft die Registrierungsbestätigung ein, als noch Tickets da sind. Ich wähle also eines der Tickets aus und muss es dann noch bezahlen. Meine Kreditkarte wird überraschenderweise akzeptiert, auch wenn die Kreditkartennummer, die auf der Karte aus vier Blöcken à vier Zahlen besteht, zu einem sechzehnstelligen Brei verschwimmt, weil das Geheimnis der Ziffernseparierung noch nicht in die Schwimmbadwelt vorgedrungen ist. Als Belohnung für die schöne Bezahlung erhalte ich zwei Mails: eine mit Rechnung (über vier Euro noch was) und Verhaltensregeln (›Hände häufig und gründlich waschen‹), eine mit dem Handyticket (ein grober QR-Code, unterhalb dessen für alle Fälle alle Informationen noch einmal schriftlich wiedergegeben sind).
Normalerweise nehme ich mein Handy gar nicht mit ins Schwimmbad. Der Weg ist kurz. Unter Wasser ist es nass. Und aus Schwimmbadspinden wird ja angeblich gerne mal was geklaut. Was also tun? Da ich über einen exotischen Besitz verfüge – einen funktionierenden Drucker – und bereit bin, davon Gebrauch zu machen, drucke ich mir den QR-Code auf eine A4-Seite und schneide davon genau den Streifen ab, den der QR-Code und der Text bedecken. Mit dem Streifen gehe ich Richtung Schwimmbad (okay, eine Badehose und ein Handtuch hatte ich auch noch dabei). Die Menschenschlange reicht bis vor die Tür, weshalb ich das Plakat lesen kann, das dort hängt. Darauf der Satz: ›Durch die Vergabe von Online-Tickets verhindern wir lange Warteschlangen.‹ Ah, gut zu wissen. Irgendwann bin auch ich dran, meinen ausgedruckten Zettel vorzuzeigen. Ein Mitarbeiter hinter einer Plexiglasscheibe scannt die QR-Codes auf den Handys und Zetteln mit etwas, das für mich wie ein handelsübliches Smartphone aussieht. Allerdings wird der QR-Code auf dem Zettel, den ich ihm hinhalte, nicht gut erkannt. »Geben Sie mal her«, sagt er und nimmt den Zettel in die Hand. Dann geht es. Die Drehkreuze sind offen, ich laufe einfach so rein. Die Spinde sind schon entsperrt, ich drehe einfach den Schlüssel rum.
Alles, was danach kommt, ist mehr Corona als Technik: Man muss irgendwo den Mund-Nasen-Schutz tragen, aber mir ist nicht ganz klar, wo, also trage ich ihn überall, wo ich nicht mit Wasser in Berührung komme. In die Dusche dürfen nur fünf Mann (und in die Dusche, in die ich gar nicht darf, vermutlich nur fünf Frau). Man darf das Schwimmbecken nur im Uhrzeigersinn umrunden. Irgendwelche anderen Sachen sind verboten oder erlaubt. Ich überstehe den Aufenthalt, ohne der Übertretung einer Regel geziehen zu werden. Dann gehe ich durch das offene Drehkreuz wieder hinaus.