Überhaupt existiert die Ethik nur in dem Maße, wie wir sie zu akzeptieren bereit sind.
Gaito Gasdanow: “Das Phantom des Alexander Wolf”, S. 151
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Überhaupt existiert die Ethik nur in dem Maße, wie wir sie zu akzeptieren bereit sind.
Gaito Gasdanow: “Das Phantom des Alexander Wolf”, S. 151
Ich habe ein sehr ausschweifendes Leben geführt, nichts als kleine Mädels und Restaurants, aber das heißt nicht, dass ich niemals und über nichts nachgedacht hätte. Im Gegenteil, nach den kleinen Mädels und den Restaurants, in Stille und Einsamkeit, da geht einem alles durch den Sinn, und es wird einem besonders traurig ums Herz. Alle Wüstlinge und Trunkenbolde werden Ihnen das bestätigen.
Gaito Gasdanow: “Das Phantom des Alexander Wolf”, S.46
Ich war sprachlos trunken von ihrer Gegenwart, und je länger es dauerte, des stärker spürte ich, wie mir über diesen Zustand, gegen den keine Anstrengung etwas auszurichten vermochte, jegliche Macht entglitt.
Gaito Gasdanow: “Das Phantom des Alexander Wolf”, S. 70
Am Ende nützte alles Rennen nichts – junge Rekruten der Weissen Garden brechen Ende 1917 auf in den Kampf gegen die Roten. (Bild: Hulton Archive / Getty)
Trauer der Vollendung
Vor zwei Jahren feierte der russische Exil-Schriftsteller Gaito Gasdanow (1903–1971) im deutschen Sprachraum eine fulminante Wiederentdeckung. Jetzt liegt sein autobiografischer Debütroman «Ein Abend bei Claire» von 1930 vor.
Andreas Breitenstein, 4.3.2014, 05:30 Uhr
Es war eine mittlere literarische Sensation, als der 27 Jahre junge Schriftsteller Gaito Gasdanow 1930 unter dem einhelligen Applaus der Kritik seinen autobiografischen Erstlingsroman «Ein Abend bei Claire» über die Welt von gestern vor der bolschewistischen Revolution und den Schrecken des Bürgerkriegs, über die Verlorenheit in der Fremde und die unglücklich-glückliche Liebe zu einer schönen Französin vorlegte – nur leider blieb sein Ruhm auf das Milieu des Pariser russischen Exils beschränkt.
Gasdanow, der aus gutbürgerlichen Petersburger Kreisen stammte, sich 1919 nach einer verkrachten Schulkarriere auf der Seite der Weissen in den Kampf um die Macht in Russland gestürzt und sich nach deren Niederlage gegen die Roten von Sewastopol aus über Istanbul und das bulgarische Schumenah nach Paris durchgeschlagen hatte, hätte einen breiten und damit lukrativen Erfolg gut gebrauchen können, lebte er doch seit 1923 an der Seine als Gelegenheitsarbeiter von der Hand in den Mund. Selbst Maxim Gorki bekundete aus Sorrent sein «grosses Vergnügen» bei die Lektüre des Buchs, doch scheiterte sein Versuch, den über alle politisch-ideologische Parteinahme erhabenen Roman nach Moskau zu vermitteln. So dass es Gasdanow nicht erspart blieb, viele weitere Jahre als Nachttaxi-Fahrer sein Geld zu verdienen. Daneben verfasste er für Exilzeitungen und -zeitschriften erzählende Prosa und bildete sich autodidaktisch an der Sorbonne weiter. Indes blieb er nicht einfach ein Stern in der Ferne: Neben Vladimir Nabokov und Nina Berberova war er mit 9 Romanen und 37 Erzählungen der einzige Autor der jüngeren Generation russischer Emigranten der zwanziger Jahre, deren Werke über den Kreis der exilierten Landsleute hinaus bekannt wurde.
Ohne seelischen Tastsinn
Mehr als zwanzig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion ist Gasdanow ein Klassiker. «Ein Abend mit Claire» heisst sein in Russland am meisten verehrtes Werk, das nach der furiosen Neuentdeckung des Romans «Das Phantom des Alexander Wolf» von 2012 auch hierzulande auf breites Interesse stossen dürfte. Wieder gebührt Rosemarie Tietze für Übersetzung und Kommentierung ein kräftiges Lob. Sie öffnet den Raum für einen Roman, der zwar nicht das kompositorische Raffinement des reifen Werkes von 1948, dafür aber eine unmittelbarere existenzielle Wucht aufweist und im Übrigen dieselbe morbid-verführerische und melancholisch-erregte Atmosphäre ausbreitet, deren somnambuler Schönheit man ohne schlechtes Gewissen erliegen darf, weil sie mit vielen Wassern der literarischen Moderne gewaschen ist.
Evokation und Reflexion, Assoziation und Imagination zersetzen den festen Realitätsbegriff; was Fiktion ist und was Fakt, bleibt in der Schwebe. So könnte die laszive Eingangsszene, der Besuch im blauen Pariser Boudoir der kranken Claire, deren Ehemann in Asien auf Reisen ist, selber Teil der fiebrig-schweren Traumreise durch die «lange Galerie von [russischen] Erinnerungen» sein, die den Ich-Erzähler Kolja überfallen, nachdem seine Jugendliebe nach der (von Sex gekrönten?) neckischen Konversation neben ihm eingeschlafen ist. Die Dinge bleiben in der Schwebe zwischen Wunsch und Wirklichkeit, auch weil der Autor in kunstvoll gefügten Bildern Anfang und Ende des Romans ineinanderfliessen lässt.
In der Pariser Fremde, wohin die Wirren der Revolution auch Claire trieben, fand die Liebe doch noch zu sich selbst. Indes kommt mit der Erfüllung auch die Sehnsucht an ihr Ende: «Traurigkeit lag in der Luft, ihre lichten Wellen flossen über Claires weissen Körper, an ihren Beinen und Brüsten entlang; und als unsichtbarer Atem strömte die Traurigkeit aus Claires Mund.» Die Trauer der Vollendung lässt ein Licht auf sie fallen, in dem sich der Eros in Thanatos verwandelt. Nur in der Musik und der Literatur weiss sich Kolja sicher vor solch fundamentaler Enttäuschung.
An der Wurzel seiner Verlorenheit aber steht seit je ein Mangel an Selbstsicherheit, so dass sein Leben ohne «seelischen Tastsinn» in einer «endlosen Folge von Gedanken, Eindrücken und Empfindungen» über Menschen und Dinge hinweggleitet. Es ist der plötzliche Tod des Vaters, der dem Knaben die Einsicht in die Sinnlosigkeit und die Leere eröffnet. Die Unfähigkeit innerer Anteilnahme wird sich fortan im Schmerz, aber auch in der Gabe niederschlagen, die Welt von einer Position der Gleichgültigkeit aus tief und zart zu betrachten. Nicht zufällig hat man den Existenzialismus Gasdanows mit jenem von Camus verglichen.
Wo Kolja in Wonne und Wehmut von Erinnerungen überwältigt wird, ist sein assoziativ wuchernder Bewusstseinsstrom, die streunende Form seines Erzählens, von konsequenter innerer Logik. Das Wetterleuchten der verlorenen Welt von gestern folgt dabei äusserlich Gasdanows eigenem nomadischem Bildungsroman – der «Liebe zur Einsamkeit», den häufigen Umzügen, der steinernen Zeit der Schule, dem Doppelleben zwischen äusserer Frechheit und innerer Unsicherheit, dem Verlust des (sanften und tatkräftigen) Vaters sowie der beiden Schwestern, die den Knaben und seine (melancholisch distanzierte) Mutter in dumpfer Trauer zurücklassen. Indes sind es die hellwachen Momente des Aus-der-Welt-gefallen-Seins, die alles überstrahlen. Verwandte, Nachbarn, Mitschüler und Lehrer tauchen als Gesprächspartner auf und verschwinden. 1917 zieht Claire, ein keckes fremdes Fräulein aus reichem Haus, wie ein Komet an ihm vorbei. Wieder steht ihm die Gefühlsarmut im Weg; doch noch als sie (plötzlich) verheiratet ist, hört die 18-Jährige nicht auf, mit ihm zu spielen.
Stupendes Stil-Arsenal
Der Schmach folgt das Verlangen nach Bewährung und nach «Berührung mit dem Unbekannten». Russlands Chaos um 1919 bietet dazu reichlich Gelegenheit. Koljas Entschluss, «ohne Überzeugung, ohne Enthusiasmus», freiwillig aufseiten der absehbaren Verlierer in den Krieg zu ziehen, ist ein radikaler Selbstversuch an Körper und Geist. Angesichts des Äussersten will er die Entfremdung ins Extreme treiben und so die «eigenartige (innere) Taubheit» überwinden. Wie einst Gasdanow rollt Kolja auf einem Panzerzug der Weissen kreuz und quer durch Russland. Dieser ist das stählerne Symbol der zaristischen Ordnung, von der aus sich kalten Auges das ganze Bestiarium des Menschlichen zwischen Heroismus und Feigheit, Solidarität und Verrat, Idylle und Absurdität beobachten lässt – so wie einst der Ameisenhaufen, der selbst Taranteln in den Abgrund zog: «Wenn der Zug beim Verlassen einer Station schneller wurde, flogen an den Fenstern die verrenkten Beine der Gehenkten vorbei, und der Wind blähte ihre Unterhosen wie die Segel vom Sturm überraschter Boote.» Dass die Kaskade der Katastrophen Kolja zum Leben erweckt, bleibt eine unerfüllte Hoffnung.
Vom Lyrismus bis zum Zynismus, vom Lakonismus bis zum Impressionismus, vom Symbolismus bis zum Intellektualismus verfügt Gasdanow über ein stupendes Arsenal von Stilen, um den Leser trotz Handlungsarmut und Unübersichtlichkeit bei der Stange zu halten. Selten hat man die Implosion des alten Russland so filigran und zugleich so illusionslos, so bildstark und so tief empfunden beschrieben gesehen wir hier. Ein Basso continuo von Melancholie und Verzweiflung durchzieht «Ein Abend bei Claire», aber auch die Gewissheit, dass es mit der Einsicht in die Leere nicht getan sein darf. «Das allergrösste Glück auf Erden ist der Gedanke, du hättest wenigstens ein bisschen was begriffen vom Leben um dich herum», heisst es an einer Stelle im Roman. Und natürlich wissen wir sehr wohl, worauf dieses Etwas zielt, wenn Claire sein erstes und letztes Wort darstellt.
Gaito Gasdanow: Ein Abend bei Claire. Roman. Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Verlag Carl Hanser, München 2014. 192 S., Fr. 26.90.
Trauer der Vollendung – Gaito Gasdanows ««Ein Abend bei Claire»
Noch so eine Täuschung: zu meinen, die Wirklichkeit habe eher recht als die Einbildung.
Gaito Gasdanow: “Das Phantom des Alexander Wolf”, S. 145/146
Da wir noch existieren, ist vielleicht noch nicht alles verloren.
Gaito Gasdanow: “Das Phantom des Alexander Wolf”, S. 143
Jede Liebe ist der Versuch, sein Schicksal aufzuhalten, es ist die naive Illusion einer kurzen Unsterblichkeit.
Gaito Gasdanow: “Das Phantom des Alexander Wolf”, S. 112
Just finished this short book (The Spectre of Alexander Wolf) by the Russian émigré who was born in St. Petersburg 1903 and died 1971 in Munich.
Uns wurde das Leben unter der unabdingbaren Voraussetzung geschenkt, dass wir es tapfer verteidigen bis zum letzten Atemzug. - Charles Dickens