Von der Faszination am Krassen zum Wecken der Hoffnung - Ricoeurs Theorie der kulturellen Imagination als Anstoss für einen konstruktiven Umgang mit destruktiven Fantasien am Beispiel von sexistischer Gewalt.
Viele Schüler mögen es krass. Wenn sie erzählen, was sie gerade beschäftigt, was sie dank youtube alles über die Welt erfahren haben, dann sticht das stark Überzogene, das radikal Abstossende besonders hervor. Vor allem dann, wenn es sich um Vorkommnisse handelt, die als wahr gelten. Gerade eben schrieb mir eine Schülerin, dass sie sich im Unterricht das Thema “Terror” wünsche. Vertreibung, Verfolgung und Ermordung stehen hoch im Kurs. Auch fremde Kulturen scheinen vor allem dann zu faszinieren, wenn ihre radikale Fremdartigkeit mit brutaler Ungerechtigkeit und blutigen Riten unterstrichen wird.
Im Unterricht gilt es selbstverständlich, solche Ideen aufzufangen und zu relativieren. Die Schüler müssen in ihrer Kompetenz gefördert werden, die Zuverlässigkeit von Meldungen kritisch zu hinterfragen. Dennoch bleibt viel Unfassbares übrig, das sich Menschen einst gegenseitig angetan haben oder das sie sich heute antun, geschehe es in weiter Ferne oder mitten unter uns.
Hier nun könnte die jugendliche Fantasie fruchtbar gemacht werden, wie ich im Folgenden ausführen will. Lässt man die Schüler mittels Texten, Bildern oder Spielen frei fantasieren, sind die Ergebnisse nicht selten weniger krass, diabolisch verbohrt oder himmlisch verklärt. Sie entwerfen Ideen von Fantasie-Welten und Szenarien aller Art, die mit der Realität auf den ersten Blick kaum noch etwas zu tun haben, auf den zweiten Blick jedoch sehr wohl. Was kreativ verarbeitet wird sind Erfahrungen, meistens aus zweiter Hand. Doch dabei muss es nicht bleiben. Fantasien können einen Ausgangspunkt dafür bilden, sich frei von der ernüchternden Objektivität zu neuen Möglichkeiten des menschlichen Zusammenlebens inspirieren zu lassen.
In seiner Theorie der kulturellen Imagination argumentiert der Philosoph Paul Ricoeur dafür, weltfremd anmutende Fantasien von einer positiven Seite her zu betrachten. Zwar könnten solche zu Weltflucht führen, aber die Forderung nach einer möglichst wahrheitsgetreuen Darstellung der Welt berge ebenfalls eine Gefahr, nämlich diejenige, den Ist-Zustand ideologisch zu überhöhen und zu zementieren. Sowie die Forderung nach unverfälschter Darstellung der Realität vor der gefährlichen Umsetzung verrückter Fantasien schützen könne, so könnten realitätsfremde Fantasien ihrerseits davor schützen, problematische bestehende Verhältnisse widerstandslos hinzunehmen. Beim ersten spricht Ricoeur von ‘Ideologie’, beim zweiten von ‘Utopie.’ Es handle sich dabei um zwei sich gegenseitig ergänzende wie ausgleichende Weisen, Missverhältnisse abzulehnen. Die Utopie übernähme dabei die Funktion, durch die Konstruktion eines Un-Ortes (griechisch ‘Utopie’) eine Betrachtung des Gegebenen von Aussen zu ermöglichen. Das Erdichten alternativer Welten und Gesellschaften kontrastiere die als unüberwindbar scheinenden realen Verhältnisse und fordere uns dadurch heraus, diese zu überdenken.
Gerade unsere verfestigten Vorstellungen über ungerechte Geschlechterverhältnisse bedürfen einer neuen Betrachtung. Vor allem während der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit begegnen die Schülerinnen und Schüler immer wieder schrecklich sexistischen Frauenbildern. In der Religionskunde kann dies beispielsweise beim Lesen in heiligen Schriften geschehen. Oft hilft dann eine aufklärende Kontextualisierung oder der Hinweis auf frauenfreundliche Stellen. Es bleibt jedoch dabei, dass die Opfer sexistischer Gewalt praktisch immer Frauen sind.
Ausserhalb der Stoffpläne kulminiert sexistische Gewalt in Berichten darüber, wie Frauen zum reinen Konsumgut erniedrigt werden. Der Weinstein-Skandal, der zur Zeit in aller Munde ist, schliesst sich nahtlos an eine lange Reihe von Narrationen des selben ‘Genres,’ die nicht zuletzt bei Jugendlichen kursieren: Bereits von den Wikingern, die in zahlreichen Filmen, Serien, Spielen und Jugendromanen glorifiziert werden, wird berichtet, dass sie Frauen in grosser Zahl gejagt und versklavt hätten. Bei der Bestattung von hohen Männern hätte man Sklavinnen zudem mehrfach sexuell missbraucht und schliesslich zusammen mit dem Leichnam verbrannt. Namhafte Forscher stützen diese Annahmen. In der Gegenwart schockieren vergleichbare Vorfälle aus Mexiko und Kanada, wo je rund 1′000 Frauen, grossteils Teenager aus der untersten Schicht, entführt, vergewaltigt und brutal ermordet worden sind. Diese Liste könnte man sehr lange weiter führen.
Unsere Geschlechterbilder werden geprägt von Schilderungen dieser Art. Die “unverfälschte Darstellung der Realität” wirkt ernüchternd und kann zur Zementierung der Vorstellung führen, dass Frauen tendenziell zur Opferrolle neigen, dass sie froh sein können, dass sie heute bei uns nicht so schlecht behandelt werden. Aus einer solchen Haltung entsteht keine kraftvolle Bejahung eines gleichberechtigten Miteinanders von Mann und Frau.
Was hier nun helfen kann, ist das Rezipieren oder Entwerfen von Utopien im Sinne Ricoeurs. Dies will ich anhand des Comics ‘Die hohle Erde’ der Gebrüder Schuiten zeigen: Auf einer Welt namens Zara lebt ein Volk von Frauen ohne Männer. Das Volk hat zwar eine Möglichkeit gefunden, wie es sich ohne Männer fortpflanzen kann, doch als mittelalterliche Krieger eines fremden Planeten aufkreuzen, um die Frauen zu jagen, kehren diese den Spiess um: sie locken die Männer an, fangen sie, bewahren sie in einer Art Vorratskammer auf, bis sie sie einen nach dem anderen begatten und anschliessend braten und verzehren. Inspiriert wurden die Frauen dazu vom Insekt der Gottesanbeterin, das sie mit ihrer Kultur nachahmen wollen. Der Comic endet mit den Worten: “Hier, iss! Man muss das nehmen, was das Beste an ihnen ist…”
Gewiss ist diese Fantasie äusserst krass und völlig realitätsfremd. Aber gerade durch ihren Gegenwelt-Charakter vermag es die Geschichte, festhockende Stereotypen aufzulockern. Die Utopie ermöglicht einen neuen Blick auf die einschränkende Realität und vermag davor zu schützen, diese als gegeben hinzunehmen. Neutralisiert durch narrative Gegengifte lässt sich die Frage nach einem zugleich realistischen und dennoch idealen Zusammenleben der Geschlechter unbelastet, frei und hoffnungsvoll beantworten.
Durch das gemeinsame Lesen, Schreiben und Diskutieren gilt es die Grenzwege zwischen Welt und Gegenwelt auszukundschaften. Der Theologe Pierre Bühler hat hierbei das Bild des Grenzwächters gebraucht, der auch ein Grenz-Führer ist. Erst indem wir die Grenze zwischen Realität und Fantasie hin und her überqueren, erforschen wir den ganzen Bereich des Möglichen.
Fabian Perlini-Pfister, 1.1.2018
Quellen
Comic (Besprechung und Bilder):
Luc und Francois Schuiten: Die hohle Erde (or. Zara), Arboris 1989 (or. 1985).
Zur Theorie der kulturellen Imagination:
Paul Ricoeur: Ideology and Utopia as Cultural Imagination, in: Philosophic Exchange, No. 1, Bd. 7, 1976, 17-28.
Zur Auseinandersetzung mit Gegenwelten:
Pierre Bühler: Welt und Gegenwelt in hermeneutischer Perspektive. Eine einführende Betrachtung, in: Outer Space. Reisen in Gegenwelten, Martig/Pezzoli-Olgiati (Hg.), Film und Theologie Bd. 13, Schüren, Marburg 2009.
Zur Frauenjagd der Wikinger:
Andrew Lawler: Vikings may have first taken to seas to find women, slaves, 15.4.2016 auf http://www.sciencemag.org.
Analyse eines historischen Quellentextes zu Missbrauch und Opferung von Sklavinnen bei Schiffsbestattungen:
James E. Montgomery: Ibn Fadlan and the Rusiyyah, Journal of Arabic and Islamic Studies, Bd. 3, 2000, 1-25.
Zu den Frauenmorden von Ciudad Juárez erschien zahlreiche Literatur. Für sehr empfehlenswert halte ich die Verarbeitung in Teil 4 des letzten Werks des chilenischen Autors Bolaños:
Roberto Bolaños: 2666, or: Spanien 2004.
Zu den kanadischen Frauenmorden:
Alan Freeman: The mystery of 1,000 missing and murdered indigenous women in Canada, 4. August 2016 auf https://www.washingtonpost.com.