“gemeinsam fĂĽreinanderÂ
fĂĽr Hilfe
fĂĽr Hoffnung
für Frieden”
Die römisch-katholischen Fachstellen des Kantons Solothurn organieren Hilfe für die Opfer des Krieges in der Ukraine mit abschliessender Nacht der Lichter-Feier. In St. Martin, Olten.
„Den Mund aufmachen gegen Unrecht“ titelte die Weiterbildung für Religionslehrpersonen, die ich heute mit meiner Kollegin von der katholischen Fachstelle gab. Während sie auf die jüdische Prophetin Hulda und die unerschrockene, zeitgenössische Prophetin Maria Moyano (Peru) einging, bestand mein Teil in der Darlegung, wie die frühsten Christen das Prophetie-Konzept aktualisiert hatten, um ihre sozialen Forderungen durchzusetzen. Dies tat ich durch das Erzählen des Anfangs der Apostelgeschichte mit ergänzenden Kommentaren zu Fachbegriffen, historischem Kontext und (oft problematischen) Übersetzungen. Dabei geht es an zentralster Stelle darum, den Mut dafür aufzubringen, gegenüber der Obrigkeit das Problem der Armut anzuprangern. Die urchristlichen Forderungen sind dabei derart radikal, dass es nicht wundern muss, wenn diese Aspekte später gerne „vergessen“ oder gar weg-übersetzt worden sind. Doch gerade heute ist es wieder von höchster Bedeutung, dass sich Christ*innen wieder daran erinnern, was Jesus meinte, wenn er „Erlösung“ versprach. https://www.instagram.com/p/CPENPi6n0nZ/?utm_medium=tumblr
Der ehrlichste Jesus-Film, der je gedreht worden ist. (Glaubt mir, ich sah alle ;) Gedreht mit realen sogenannten „modernen Sklaven“, die in Italien die Früchte lesen, damit wir sie möglichst billig konsumieren können. Fast immer schwarz, darunter viele Muslime. Das nenn ich Verkündung! #dasneueevangelium #jesusfilm #religiösersozialismus (hier: Matera, Italy) https://www.instagram.com/p/CNqc_0Qnmqy/?igshid=2u6wy0mvtyrs
Während des Kalten Kriegs wurde in der Schweiz keinen Unterschied zwischen Sozialist*innen und Christ*innen gemacht. Wer sich für Frieden einsetzte, galt als «Extremist» und wurde überwacht. Lasst uns das nicht vergessen!
1969 liess die Schweizer Regierung ein «Zivilverteidigungsbuch» an alle Haushalte verteilen. Dieses stand ganz im Zeichen der geistigen Landesverteidigung und propagierte den eigenen Schutzraum als Überlebenseinheit der Kleinfamilie. Noch heute ist es in der Schweiz ein ganz gewöhnlicher Anblick, in Kellern von Einfamilienhäusern eine schwere Stahltüre zu finden, hinter der sich die Familie bei einem Angriff hätte einbunkern sollen. Als noch grössere Gefahr als ein Angriff von Aussen sahen die Behörden die «innere Bedrohung durch die zweite Form des Krieges: den revolutionären Krieg mit Subversion, Pazifismus und kommunistischer Unterwanderung.»
Bald darauf (1972) begann die Bundespolizei die Überwachung von Bürgern auszuweiten. Ihr Interesse galt nun nicht mehr nur Kommunist*innen, sondern auch anderen «Extremisten», konkret zahlreiche Pfarrpersonen und Pazifist*innen.
Dass auch explizit christliche Gruppierungen zu Landesverrätern gestempelt wurden, ist indes älter. Der Regierungsnahe Verein namens «Schweizerischer Aufklärungsdienst» (SAD) war eine bedeutende Organisation der Geistigen Landesverteidigung. 1961 veröffentlichte er ein Diagramm mit dem Titel «Strahlungsgürtel der PdA» (siehe Bildausschnitt). Die Partei der Arbeit (PdA) ist die traditionell kommunistische Partei der Schweiz. Im Diagramm sind alle Organisationen aufgeführt, die den Schnüffeleien des Vereins gemäss mit der PdA verbunden seien.
Besonders viel Raum nehmen dabei die pazifistischen Organisationen ein: der Schweizerische Friedensrat, die Schweizerische Bewegung für den Frieden, die Bewegung gegen atomare Aufrüstung, die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF) und andere mehr. Und durch die Friedensbewegung mit der PdA verlinkt werden auch mehrere religiöse Gruppierungen aufgeführt, unter anderem der christliche Friedensdienst, der kirchliche Friedensbund, der internationale Versöhnungsbund (IFOR). Sowohl religiös-sozialistische Kreise wie der Escherbund, aber auch eher konservative Kreise wie die Quäker. Christliche Freikirchen, die Krieg strikt ablehnen, galten für genauso gefährlich wie die «bösen Kommunisten».
Zahlreiche Sozialist*innen und Christ*innen überschneiden sich nicht nur in ihrem hartnäckigen Einsatz für den Frieden und die Aufnahme von Flüchtlingen, sondern auch in ihrer Einstellung für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Es ist daher nicht erstaundlich, dass die erwähnte Hetz-Publikation auch zahlreiche Frauenorganisationen auflistet, egal ob christlich oder sozialistisch. Unter anderem die Frauenbewegung für Frieden und Fortschritt (sozialistisch) und die Frauenliga für Frieden und Freiheit (christlich). Dazu viele Student*innen-, Jugend- und Hilfsorganisationen.
Gegen diese Menschen wurde öffentlich gehetzt, ihre Arbeitgeber wurden bedrängt, die Leute zu entlassen, und für den «Ernstfall» hatte man bereits «Internierungslager» im Auge. Wer für Frieden ist, galt als Gefahr, den wahren Frieden solle es nur durch eine aktive Kriegspolitik geben.
Das war zur Zeit des Kalten Kriegs, möchten wir denken. Doch heute leben wir in einer Zeit, in der die viel gelesene Weltwoche auf ihrer Titelseite den amerikanischen «Friedenspräsidenten» Trump als «das Beste, was der Welt passieren kann», verherrlicht, unter anderem, weil er dem «kommunistischen Regime» Chinas «die Stirn bietet», und in der gleichen Ausgabe gleich in drei Artikeln über Menschen spottet, die an der himmelschreienden Katastrophe im Flüchtlingslager Moria verzweifeln.
Wir müssen lernen, die nebensächlichen Unterschiede auf die Seite zu stellen, und uns zu verbünden! Die falschen Propheten des Neoliberalismus werfen uns schon längst in denselben Topf.
Fabian Perlini, 17.9.2020
Dieser Text enthält Elemente eines Artikels, den ich neulich für den (Schweizer) Vorwärts schrieb:
Fabian Perlini: Eine mutige Ausstellung zum Kalten Krieg, vorwärts vom 19. Juni 2020, Seite 9 (Teil 1), 3. Juli 2020, Seite 9 (Teil 2).Â
Das Bild wurde vom Archiv fĂĽr Zeitgeschichte zur VerfĂĽgung gestellt.Â
Denise Perlini und ich leiteten eine Weiterbildungen zu Hindu-Religionen für Religionslehrpersonen. Wir zeigten auf, weshalb uns der Blick auf den Hinduismus erschwert ist, vor allem auch auf die Religionen der Hindus in der Schweiz. Danach klärten wir die Gottheiten- und Gottesbegriffe und halfen das vermeintliche Durcheinander der „vielen Götter“ zu entwirren. Verwöhnt wurden wir von sehr interessierten Teilnehmern. :)
„So viele Götter wie Menschen!“ lachte der Hindu-Priester. Die Allseele in der Vielheit: Hinduismus um Religionsunterricht, 12.9.2020, Seminarinsel Olten, ein Angebot der Ökumenischen Weiterbildungskommission der Kantone Basel Landschaft und Solothurn, www.oekwbk.ch.
Auch ich durfte einen Beitrag zu diesem tollen Projekt leisten: Die Herausgeberinnen nahmen zwei Interviews auf, die ich gefĂĽhrt hatte. Und ich habe fĂĽr sie dieses Crowdfunding-Video geschnitten.
Wir befinden uns in eine Krise. Während einige wenige davon profitieren, werden wir anderen geschwächt. Deshalb ist es wichtig, dass wir zusammenhalten!
Religion hat die Kraft, Menschen zu vereinen – wenn man sie lässt!
Wieder verbietet eine Schule Weihnachtslieder. Die Behauptung, dass damit dem «Frieden der Kulturen» gedient würde ist jedoch geheuchelt und falsch. Das Gegenteil trifft zu!
Der Irrglaube an gegensätzliche Religionen
Der ganze Streit um religiöses Kulturgut basiert auf der problematische Grundannahme, dass es mehrere, voneinander klare trennbare Religionen gäbe. Nicht nur die Gegner christlicher Lieder an der Schule, auch viele der Befürworter vertreten ein Weltbild, in dem es verschiedene Religionen gibt, die wenig kompatibel sein sollen, im Wesentlichen grundverschieden seien. Aus wissenschaftlicher Sicht muss dazu gesagt werden, dass nur schon die Idee der Existenz verschiedener Religionen eine verhältnismässig neue Idee ist. Sie ist in jedem Fall jünger als jede der einzelnen sogenannten grossen Religionen (Buddhismus, Hinduismus, Judentum, Christentum, Islam).
Religion im Singular
Bevor diese Idee aufkam, wurden die Begriffe «Religion», «Din» sowie «Dharma» ausschliesslich im Singular verwendet. Man unterschied Religion von Nicht-Religion, religiöse Handlungen von nicht-religiösen (bspw. «weltlichen») Handlungen. Im schlimmsten Fall wurden politische Gegner als «falsch-religiös», als «Ketzer» gebrandmarkt. In Asien konnte jemand sein «Dharma nicht erfĂĽllen», im arabischen Raum konnte jemand den «Din vernachlässigen». Â
In christlichen Ländern des Mittelalters, wurden andere Glaubensformen normalerweise einfach als das betrachtet, als andere Glaubensformen, im Falle politischen Streits als Häresien. Dies galt selbst fĂĽr die fĂĽhrenden Meinungsmacher zu den Zeiten der KreuzzĂĽge. Die Katharer, Albigenser und Muslime wurden als Häretiker bezeichnet. Ihre Lehren als Abweichungen vom wahren Glauben. Auch wenn sich diese «Religionskriege» in unserem kollektiven Bewusstsein festgesetzt haben und durch verschiedenste Medien immer wieder heraufbeschworen werden, nicht zuletzt auch durch SchulbĂĽcher, so waren die Menschen im Mittelalter religiös deutlich toleranter, als wir uns gerne einbilden.Â
Religion und Einheit
Während «Kreuzzüge» und «Religionskriege» in aller Munde sind, wird weniger gerne auf die vereinigenden Kräfte der Religion verwiesen. Dabei ist es so, dass der Wunsch, alle Menschen zu vereinen, eine Grundkonstante jeder der grossen Religionen war, zur Zeit, als sie sich ausbreiteten, als sie «gross» wurden: Das Judentum kennt die noachidischen Gebote, nach denen jeder Mensch sehr einfach «vor Gott gerecht» werden kann, im Christentum ist «Jesus für alle Menschen gestorben» und im Koran werden Streitereien zwischen Juden und Christen dadurch zu schlichten versucht, dass sie sich stattdessen doch einfach alle «Gläubige» nennen sollen (arabisch: «Muslimun»).
Zu Beginn jeder grossen Religion stand das Bestreben, alle Menschen zu vereinen. Und auch wenn die Religionen durch die Machtspiele späterer Despoten in Macht- und Propaganda-Mittel umgestanzt wurden, gab es dennoch immer wieder religiöse Reformer, die betonten, dass die Religion dazu da sei, die Menschen zu vereinen. Beispiele gibt es endlos viele. Und es war auch diese Idee, die Menschheit zu vereinen – und das ist das perfide – das die Religion im Plural entstehen liess.
Der Plural der Toleranz
Zu Beginn der Neuzeit, als neue Kontinente, Länder und bisher unbekannte Gruppen von Menschen entdeckt wurden, entflammte ein Streit darüber, wie die Bewohner dieser «neuen Welt» zu kategorisieren seien. Handelt es sich dabei um «Kannibalen», sind es also gar keine richtigen Menschen? Wenn ja, dann muss man ihnen gegenüber all die biblischen Gebote des Zusammenlebens nicht einhalten. Dann durfte man sie jagen, versklaven, kaufen, verkaufen, gebrauchen und töten. Handelt es sich jedoch um Menschen wie wir? Dann sind sie auch «vor Gott gleich» und von uns als Mitmenschen zu behandeln.
Da es nun damals weitverbreitete Ansicht war, dass Religion ein wesentlicher Bestandteil des Menschseins ausmacht, begannen progressive Meinungsmacher dafür zu Argumentieren, dass diese «Wilden» eben auch eine Form von Religion hätten, jedoch eine ganz andere, so dass sie schwer zu erkennen sei. Tatsächlich gäbe es nämlich «mehrere Religionen».
Analyse und Synthese
Die Idee einer Mehrzahl von Religionen wurde also aus dem Streben nach Toleranz geboren. Sie setzte sich durch, aber nicht ohne erneut korrumpiert zu werden. Wissenschaftler begannen zwar überall nach neuen Kulturen und Religionen zu suchen, diese auseinanderzunehmen, zu analysieren und weitere Religionen und Unter-Religionen zu entdecken – doch bedienten sie damit unfreiwillig auch die in der Zwischenzeit etablierte «Clash of Cultures»-Mentalität, die uns Menschen in feste Gruppen einteilt, voneinander abgrenzt und gegeneinander aufstachelt.
Unsere heutige Gesellschaft wird bedroht von einer neuen Apartheit, zu deren Zweck die Idee einer Mehrheit von Religionen instrumentalisiert wird. Und während sich viele Bürger*innen zurecht dagegen wehren, neigen sie dazu, die einzelnen Religionen als Gefährdung für das Gemeinwohl zu betrachten – und damit das Kinde mit dem Bade auszuschütten. Denn wenn die aus dem Geiste der Vereinigung geborenen Religionen verdrängt werden, werden auch die Kräfte geschwächt, die die Menschheit vereinen. Wir müssen deshalb wieder lernen, die verschiedenen Religionen als Einheit zu sehen. Wir brauchen den Mut zur Synthese!
Religiöse Feste vereinen!
Dem falschen Bestreben, christliches Kulturgut und damit auch religiöse Errungenschaften zu verbannen, um einen heuchlerischen «Religionsfrieden» vorzutäuschen, muss entschieden entgegen getreten werden! Christen sollen stolz und selbstbewusst ihren Glauben leben – und dazu alle Nicht-Christen einladen, Christus lässt alle zu sich kommen. Und genauso sollen auch Menschen, die mittels eines anderen religiösen Symbolsystems die Einheit aller Menschen ausdrücken, Feste veranstalten, zu denen alle eingeladen sind, auch jene, denen diese religiöse Sprache (noch) fremd ist. Dort, wo Menschen gewissenhaft ihre Religion ausüben, folgt Frieden.
Wenn eine Schule christliche Lieder verbietet, behauptet sie damit, dass das Christentum per se fremde Menschen ausschliessen wĂĽrde. Bestätigt wird sie dabei von verlogenen Menschen, die sich anmassen, sich Christen oder Muslime zu nennen, dabei ihre Religionen aber missbrauchen. Sie alle giessen Ă–l in das Feuer das immer wieder von den Mächten entfacht wird, die der Zwietracht dienen. Einige dieser FĂĽhrer geben sich einen pseudo-religiösen Anstrich, andere einen möchtegern-weltlichen. Gemeinsam ist ihnen das Bestreben, die vereinende Kraft der Religion zu unterdrĂĽcken. Und wo diese schwindet, folgt Streit. Â
Wie wurde der Apfel zur “Frucht der Erkenntnis”?Â
Eine Erklärung mit Bezug auf Kunst, die Bibel und den Sex.
Kunst
Spätestens im 5. Jahrhundert n. Chr. hatten römische Künstler damit begonnen, den biblischen "Baum der Erkenntnis" als Apfelbaum darzustellen. Es wurde ein beliebtes Motiv, die nackte Eva zu malen, wie sie, von der Schlange verführt, eine Frucht vom Baum der Erkenntnis pflückt. Und diese Frucht stellten die Latein sprechenden Künstler gerne als Apfel dar.
Bibel
Davon steht zwar nichts in der Bibel, die Idee drängte sich jedoch auf, wenn man die Bibel las. Als man nämlich im 4. Jahrhundert die Bibel ins Lateinische übertrug, nahm man folgende Übersetzung vor:
"Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse" (Genesis 2,17 u.a.)
wurde zu
"Lignus scientiae boni et mali"
Das Lateinische Wort "Mali" bedeutet nicht nur "Schlechtes", sondern auch "Äpfel". So lag es nahe, sich beim Lesen einen Baum voller Äpfel vorzustellen.
Sex
Diese Bild-Idee dürfte sich auch deshalb durchgesetzt haben, weil der Apfel in der Antike ein Symbol für die Liebe und die Fruchtbarkeit war. Und gemäss dem Bibeltext machen der erste Mann und die erste Frau nach dem Verzehr der Frucht umgehend einen sexuellen Reifeprozess durch:
"Sie nahm von seinen Früchten und ass; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er ass. Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz." (Genesis 3,6–7 nach der katholischen Einheitsübersetzung)
Und kurz darauf haben sie Sex. In der Bibel steht dazu:
“Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain” (Gen 4,1)Â
“Erkennen” meint in biblischen Texten sehr häufig “Sex haben”. Das Essen der "Frucht der Erkenntnis" symbolisiert somit auch die Pupertät.
Im Osten wurde die Frucht übrigens nicht als Apfel, sondern als Feige interpretiert (vergleiche die "Feigenblätter").
Fabian Perlini-Pfister, 22.8.2019
Quellen
Artikel "Apfel" im Lexikon der christlichen Ikonografie, Herder 1968.
Lateinische BibelĂĽbersetzung aus der Biblia Sacra Vulgata auf www.bibelwissenschaft.de.
Ein Plädoyer für weltanschauliche Sprachvielfalt
Wenn wir Menschen anderer Konfessionen, Religionen, Kulturen und Weltanschauungen ernsthaft verstehen wollen, bemüht sind voneinander zu lernen und einander zu lieben, machen wir schnellere spirituelle Fortschritte auf dem von uns gewählten Weg.
Wer kennt nicht den leidigen Verweis auf die Geschichte vom Turmbau zu Babel (Genesis 11,1-9), wenn versucht wird, Gott als einen eifersĂĽchtigen Tyrann hinzustellen. So mancher Atheist mokiert sich damit ĂĽber Christen, die sich unter die Knute eines allmächtigen Spielverderbers stellen. Und während fĂĽr einige Christen die Geschichte eine willkommene Ermahnung vor Anmassung ist, schiebt so mancher das Problem gerne weiter auf die Juden, die den Gott des «alten Testaments» derart verschroben darstellen wĂĽrden, weil ihnen Jesus fehle. Und die Verurteilung des Islam scheint heute besonders en vogue. Doch anstatt uns zu zanken, könnten wir viel profitieren von Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen.Â
Als der Religionshistoriker Christoph Uehlinger vor 30 Jahren seine bahnbrechende Forschung zur Turmbau-Erzählung publizierte, war die Freude gross: Endlich eine wissenschaftlich fundierte Analyse, die den Entscheid Gottes in ein positives Licht rückte, das Turmbau-Projekt zu sabotieren und unter den Menschen eine «Sprachverwirrung» zu veranstalten.
Als Wissenschaftler ist Uehlinger dem methodischen Atheismus verpflichtet. Das heisst, er verzichtet darauf, eine absolute Wahrheit vorauszusetzen oder entsprechende Behauptungen aufzustellen. Dies fördert die Loslösung von althergebrachten Erklärungsmustern und öffnet den Blick für Neues.
Uehlinger stellte fest, dass die sogenannte Turmbau-Erzählung in der Vergangenheit äusserst einseitig übersetzt und interpretiert worden ist. Mit Bezug auf assyrische Quellen zeigte er auf, dass die «Sprachverwirrung» nicht die Entstehung einer Vielzahl von Sprachen bedeuten kann, sondern zum Ausdruck bringt, dass die weltherrschaftlichen Ambitionen eines Herrschers vereitelt wurden, welcher seine multikulturellen Untertanen zu «einer Rede», also zum rhetorisch erzwungenen Gehorsam verpflichtet hat. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse bieten sich neue Interpretationen der Geschichte an, die sich gegen Totalitarismus wenden und sich für eine positiv betrachtete Sprachen- und Völkervielfalt aussprechen.
Streitgespräche in Liebe: Lernen von Judentum und Islam
Das Gott unwürdige verhalten gemäss der traditionellen Interpretation dieser Geschichte hätte vielleicht gar keine Chance gehabt, breite Akzeptanz zu finden, wenn wir Christen nicht vergessen hätten, dass wir einst vom Judentum (das bereits vor 2000 Jahren diverse verschiedene Deutungen dieser Geschichte kannte) den Disput als fromme Technik erlernt hatten. Noch heute begeben sich am Sabbatmorgen meist jüdische Väter mit ihren Söhnen in die Synagoge, um miteinander über die Thora-Auslegung zu diskutieren, zuweilen auch sehr heftig. Rationale und leidenschaftliche Dispute - sofern sie in Freundschaft und mit dem Willen zu Lernen geschehen - sind sehr wohl hilfreiche Mittel zu den höchsten Wahrheiten.
Und mit Hilfe des Islam hätten wir eine naheliegende spirituelle Bedeutung der biblischen Turmbau-Geschichte schon längst erkennen können. Im Koran wird nämlich der Grund dafür erklärt, warum Gott den Menschen verschiedene Sprachen gegeben und sie «über die ganze Erde zerstreut» hat:
Aus dem selben Grund weshalb Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen hat, hat er auch die verschiedenen Sprachen und Kulturen erschaffen: Damit sich die beiden Gegensätze anziehen und lieben lernen (vgl. Sure 30,20-22).
Adam und Eva: Erkenntnis ist anstrengend
Dass die Gegenseitige Anziehung auch viele Probleme und Herausforderungen mit sich bringt, erinnert wiederum an den zweiten biblischen Schöpfungsbericht (Genesis 2,4ff.), in dem das kindliche Paradies von Adam und Eva zu Ende geht, nachdem die beiden begonnen haben, sich (sexuell) zu erkennen. Zentral ist aber, dass Eva erst vollständig zur Frau wurde, nachdem sie Adam als Mann erkannt hat, und dass auch Adam erst gänzlich zum Mann wurde, nachdem er Eva als Frau erkannt und lieben gelernt hat. Erst wenn die Liebe zum Gegenüber erwacht, verlässt der Mensch den Zustand der Naivität und gelangt zur Reife. Und genau so wie die reife Verbindung von Adam und Eva, ist auch die gegenseitige Annäherung von Menschen mit anderen Sprachen und aus anderen Kulturen oft verbunden mit Schmerz und harter Arbeit (Genesis 3,16-17) - doch dafür dürfen wir von den gegenseitigen Früchten der Erkenntnis kosten und uns weiter entwickeln.
Ă–kumene: Lasst uns Sprachen lernen!
Interreligiöser und interkultureller Dialog - bereits innerhalb christlicher Ökumene - verkommt häufig zu einem Herabspielen der Differenzen oder umgekehrt, zu einem Ritual des gegenseitigen Duldens. Einer der Gründe dafür sehe ich in der herrschenden Meinung, dass es sich bei Religionen und Weltanschauungen um Dogmengebilde handle, dass es in ihnen vor allem um Wahrheitsansprüche gehe. Tatsächlich haben staatliche Autoritäten Religionen immer wieder dazu missbraucht. Fruchtbarer ist es hingegen, Religionen und Weltanschauungen als Symbolsysteme zu begreifen; als Techniken oder «Sprachen», mittels derer Menschen die Welt erschliessen und mit ihren Mitmenschen versuchen zurecht zu kommen.
Diese verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Sprachen sollten wir erlernen. Und wenn wir eine neue Sprache lernen, hilft uns dies, auch die Besonderheiten und die Schönheit unserer eigenen Sprache, unseres eigenen Weges, klarer zu erkennen.
Ich plädiere deshalb für ein umfassenderes Verständnis von Ökumene (was man wörtlich verstanden mit «zusammen wohnen» wiedergeben könnte): Vielleicht besteht die «eine wahre Kirche Gottes» aus Menschen verschiedenster, eigenständiger Religionen und Weltanschauungen, die sich einander liebend zuwenden, um gemeinsam zu lernen.
Dies ist zweifellos eine grosse Herausforderung. Am Besten beginnen wir damit in unserer eigenen Gemeinde. Sobald wird nicht mehr voraussetzen zu wissen, was unsere nächsten Schwestern und Brüder denken und glauben, wenn wir einander Fragen stellen und mit Offenheit zuhören, werden wird vielleicht merken, dass wir zulange nur oberflächlich glaubten, uns der selben spirituellen Sprache zu bedienen - und dass wir viel voneinander lernen können. Ich wünsche gutes Übersetzen!
Fabian Perlini, 28. Mai 2019
Erwähnte Literatur:
Uehlinger, Christoph (1990): Weltreich und «eine Rede». Eine neue Deutung der sogenannten Turmbauerzählung (Gen 11,1-9). Freiburg/Göttingen, Universitätsverlag/Vandenhoeck Ruprecht.
Die Ausstellung «Sündenbock» verspricht die Untersuchung kollektiver Gewalt von Gruppen gegen Einzelne. Doch mangelt es ihr nicht nur an einer wissenschaftlichen Grundlage, eine derart ungehemmt rechtsbürgerliche Staatspropaganda hätte ich im Zürcher Landesmuseum nicht erwartet. Ein kritischer Erlebnisbericht.
Kaum durch die Türe werden mir und meinem Freund Kopfhörer an die Brust gedrückt. Mit der aufgedrängten, stimmungsschweren Musik in den Ohren steuern wir dem ersten Ausstellungsstück entgegen: eine Wand voller Totenköpfe. Von Kindern sollen diese stammen. Und gleich daneben eine Vitrine mit rituell beigesetzte Kinderknochen. Aus der Zeit der Pfahlbauern.
Die Stimme aus dem Kopfhörer doziert: «Gier, Rache oder auch pure Frustration, in den Gemeinschaften bleiben das alles Beweggründe um einzelne auszustossen und zu töten.» Diesem Erklärungsschema wird die Ausstellung treu bleiben: Es seien die ungehemmten, negativen Emotionen, die Menschen einander quälen und töten liessen – ausschliesslich.
In der nächsten Vitrine ein abgetrennter Kopf einer gut erhaltenen Frauenleiche. Aus einer römischen Quelle wird zitiert, dass Menschenopfer unter Kelten sehr verbreitet gewesen seien. Und der Kopfhörer erklärt: «Neidgetriebene Menschen brauchen den Furor.»
Von der Steinzeit gelangen wir nahtlos in die griechische Antike. Auf bemalten Vasen soll der Betrachter «das Gewaltpotential der Mythen» erkennen. Ich sehe vor allem grossartige alte Handwerkskunst. Doch das riesige, moderne Wandbild einer Mordszene in schwarz, weiss und rot lässt keinen Zweifel: hier geht es nicht um Kunst. Auch die Texte auf den Schildchen drängen darauf, dass die griechischen Mythen nichts als blutrünstig seien, beherrscht vom «Ritual des Tötens».
Endlich ein Lichtblick: Eine Tora-Rolle geöffnet im 3. Buch Mose, wo das eigentliche Sündenbock-Ritual beschrieben wird. Die Stimme lobt, dass hier erstmals ein konstruktiver Umgang für das Problem gefunden worden sei. Doch obwohl die Ausstellung nach diesem Ritual benannt wurde, wird nicht genauer darauf eingegangen. Stattdessen führt sowohl die Narration als auch die Raumgestaltung direkt zu mehreren grossen Christusfiguren. Und die Stimme lobt das Evangelium als Höhepunkt der antiken Auseinandersetzung mit Gewalt. Immerhin darf das Judentum als Vorreiter des ach so herrlichen Christentums fungieren, geht es mir durch den Kopf.
Vermutlich hat mich mein Freund den Kopf schütteln gesehen. Denn er unterbricht mich: «Findest du die Ausstellung nicht auch sehr sprunghaft und oberflächlich?» Ich pflichte ihm bei, erinnere aber altklug daran, dass man keine Ausstellung vor dem Ausgang verfluchen solle. Dabei ahne ich nicht, wie nahe wir uns bereits vom Ausgang befinden.
Mein Freund pflichtet mir bei und wir tauchen wieder ein in die emotionale Fahrt durch verstörende Bilder, Texte und Musik aus dem Kopfhörer. Diesmal fĂĽhrte die Reise ins Mittelalter, wo brutale Hinrichtungen von Juden, Ketzern und Hexen vorgestellt werden. Und auch hier wieder ein grosses Wandbild: eine wĂĽtend schreiende Menschenmasse – ausschliesslich Männer. Der Betrachter fĂĽhlt sich sogleich von einem Lynchmob bedrängt. Doch nachdem ich mich von den Emotionen befreit und das Bild genauer studiert habe, fällt mir auf, wie sehr es den Propaganda-Plakaten gleicht, mit denen vor 100 Jahren gegen die «bolschewistische Gefahr» gehetzt wurde. Und ja, daran erinnert auch das einzige farbige Element im Bild: die rote Keule, die von einem hasserfĂĽllten Mann in der vordersten Reihe geschwungen wird. Und ein weiterer kleiner Link zum «bösen Sozialismus»: Eines der Gesichter gleicht vermutlich nicht bloss zufällig Guy Fawkes von V wie Vendetta, dem fiktiven anarchistischen Attentäter.Â
Danach kommt es nach dem Evangelium zum zweiten ‹Lichtblick› der Ausstellung: die Aufklärung. Altargleich steht im Zentrum eine mit einem Scheinwerfer beleuchtete Guillotine. Und davor ein altes Schweizer Strafgesetzbuch woraus stolz zitiert wird: «Die Vergehen gleicher Art werden mit Strafen gleicher Art bestraft.» Und daneben der grosse, ausgebreitete Codex des Leviathan von Thomas Hobbes. Dessen geöffnete Titelseite visualisiert die zentrale Botschaft des Werks: Der Staat als dominierendes Schlangenmonstrum wird benötigt, um die noch böseren Menschen zu kontrollieren und zu beherrschen.
Und falls die Besucher*in nicht überzeugt sein sollte, dass der Mensch auch heute noch eines furchteinflössenden Staates bedarf, werden im nächsten Raum die Dämonen des social media shitstorm beschworen: Menschen hetzen online gegen anderen Menschen weil sie ein Eigentor geschossen haben, weil sie Whistleblower sind, weil man einen Schuldigen für das Versagen einer grossen Firma braucht, und und und. Wir lesen und schauen dutzende Geschichten, eine schlimmer als die andere. Stets begleitet von emotionaler Musik im Ohr.
Personen, denen man VorwĂĽrfe im Zusammenhang mit Sexualität gemacht hat – egal ob sie etwas ‹Schlimmes› getan haben oder nicht, trifft es besonders hart. Egal ob sie ihre BrĂĽste gezeigt haben, das Geschlecht gewechselt haben, durch das Stehlen von Videos oder eines Accounts als Pornoanbieter diffamiert wurden, oder weil sie sich getraut haben zu sagen, dass sie etwas sexistisch finden, weil sie haltlose Ăśbergriff-VorwĂĽrfe erhalten haben oder umgekehrt, vermeintliche Täter verteidigt haben – wer Opfer von Beschuldigungen im Zusammenhang mit Sexualität wird, nimmt sich besonders oft das Leben. Ich bin froh, dass ich noch lebe. Gleichzeitig wirkt es auf mich wie eine Warnung: Tu und sprich ja nichts im Zusammenhang mit Sexualität, das andere nicht mögen könnten.Â
Geschafft nehme ich die Kopfhörer ab. Jetzt fällt mir auf, wie laut die gedrängt stehenden Besucher*innen atmen. Ich fliehe vor dem Zuviel an Emotionen in den nächsten Raum. Hier sind die Sitzgelegenheiten voller erschöpfter Besucher. Mein Freund macht mich darauf aufmerksam, dass es sich um den letzten Raum handelt. Die Emotionen wurden in dieser Ausstellung strapaziert. Inhaltlich haben wir jedoch kaum etwas Fundiertes erfahren. Daran ändern auch die Textfragmente nichts, die es hier zu lesen gibt: sie alle sind der «Eifersucht» gewidmet, die das Leben der Menschen bestimme.
Mit etwas Distanz gehen ich und mein Freund die Ausstellung nochmals durch. Wir finden jedoch nicht viele Pluspunkte: Zuerst stört mich, dass die Me Too-Debatte, die im letzten Teil mehrmals zur Sprache kommt, immer negativ besetzt ist. Viele Frauen erleben tatsächlich würdelose Behandlung. Dass die heutige Sensibilisierung einzelne Personen egoistisch ausnutzen ändert nichts daran, dass der öffentliche Zorn vieler Frauen* legitim und wichtig ist! Und mein Freund fügt an, dass die Ausstellung auch nirgends erwähnt, dass den erwähnten «Sündenböcken» auch von staatlicher Seite her keine Gerechtigkeit widerfahren ist – weder rechtlich noch in den Medien. Dazu schweigt die Ausstellung, will sie den Fokus doch vom Staat weg und auf den gefährlichen Neid des Einzelnen lenken.
In seiner Werbung preist sich das Landesmuseum als «spektakulär» an. Ein Spektakel wird zweifelsohne veranstaltet. Eine sachliche Thematisierung sähe aber anders aus. Zum Titelthema Sündenbock wird nicht bloss keine biblische Forschung hinzugezogen, auch werden nirgends in der Ausstellung Erkenntnisse aus der Psychologie oder anderen Wissenschaften präsentiert.
Selbst der Umgang mit Quellentexten ist erstaunlich naiv, etwa wenn antike Texte über die verwerflichen Sitten verfeindeter Völker oder längst vergangener Zeiten als Beweise fungieren. Kein Wort dazu, dass solche Quellen fast immer einer eigenen Agenda folgen und vielleicht nicht allzu zuverlässig sein dürften.
Und was mich traurig macht ist, dass Jesus benutzt wird, um gegen die Volksmassen Stimmung zu machen. Die Ausstellung diabolisiert den Menschen, mit seinen negativen Emotionen, stellt aber Jesus gleichzeitig überhöht dar. Dies erinnert an die vielen Jahrhunderte, in denen Juden zu Ehren Christi verflucht wurden. An die Stelle des jüdischen Volkes tritt nun das «gemeine Volk». Ich dachte, die Zeiten seien vorbei, in denen unser Staat christliche Figuren instrumentalisiert. Deshalb sei es ganz deutlich gesagt: Jesus gab nie die Schuld dem Volk, sondern prangerte die ungerechten Machthaber an. Dem Volk vergab er – sogar im voraus.
Fabian Perlini-Pfister, 11.05.2019
Die Ausstellung «Sündenbock» kann noch bis zum 30.6.2019 im Landesmuseum Zürich besucht werden: www.nationalmuseum.ch.
Eine Hommage an die radikale Kriegsgegnerin Rosa Luxemburg, die vor 100 Jahren ermordet wurde. Der Streit um die Kriegsfrage führte damals zu einer Spaltung innerhalb der Sozialdemokratie, die spätestens mit Rosas Ermordung unüberwindbar geworden scheint. Die Erinnerung an ihren aufopferungsvollen Kampf gegen die Akzeptanz von Krieg vermag auch heute noch zu inspirieren.
Die UNO weckt Hoffnung auf Frieden indem sie Verhandlungen zwischen den Huthi und dem Hadi-Regime forciert. Ich erkläre die Hintergründe und begründe, weshalb ich daran zweifle, dass diese Gespräche tatsächlich etwas bewirken können, solange die grossen Mächte hinter den Stellvertretern nicht ebenfalls Frieden möchten.
Mein Video dazu:Â https://youtu.be/szal79VFGwU