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Comics, die ich gerade lese:
Es ist schon eine besondere Herausforderung einen historischen Stoff in Buchform zu pressen. Die Story gut recherchieren und detailliert beschreiben ist im Format eines Comics sicher noch eine Nummer schwieriger. Es gilt nicht nur historische Fakten darzustellen und eine Story wiederzugeben, sondern das Comic verlangt korrekte Bilder, Emotionen durch Zeichnungen zu schaffen und die ganze Story möglichst in Dialogform zu schildern. Für die junge Comiczeichnerin Kristina Gehrmann aber sind das alles Herausforderung, die sie locker, ja sogar genial gemeistert hat. Ihr erster Band „Die Franklin-Expedition“ der Trilogie „Im Eisland“ ist wirklich lesenswert.
Erzählt wird die Geschichte eines gescheiterten Versuchs die legendäre Nord-West-Passage durch das Eismeer von Kanada per Schiff zu meistern. 1845 versuchten es zwei Schiffe der britischen Armee unter dem Kommando von Sir John Franklin. Mitte des 19. Jahrhunderts schien die Menschheit mit Technik und Innovationen die Natur endgültig zähmen zu können. Diesen Geist folgten auch die britischen Seeleute, die sich voller Selbstbewusstsein einer See-Weltmacht auf den Weg ins Eis machten. Wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit ist dieses Ereignis im letzten Jahr geraten, nachdem das Frack eines der beiden Schiffe entdeckt wurde.
Gehrmann gelingt es vortrefflich maritime und militärische Details (Schiffspläne, Rangzeichen) mit literarischen Stilmitteln (Liebesgeschichte, Abenteuerroman) zu verbinden. Das Buch atmet an vielen Stellen den Dunst der englischen Klassengesellschaft des 19. Jahrhunderts aus. Missgunst über unadelige Emporkömmlige treffen auf standesbewusste Kapitäne oder einfachste Matrosen. Machogehabe trifft auf homoerotische Anspielungen und die Frauen tauchen in langen viktorianischen Kleidern in den feuchten Träumen der Matrosen auf.
Es gelingt der Zeichnerin die Atmosphäre dieser Zeit und dieses Himmelfahrtskommando, in sehr gelungene schwarz-weiß Zeichnungen zu bannen. Abwechslungsreiche Seitenaufteilungen, teilweise Panel ohne Rahmen und immer wieder eingestreute ganzseitige Zeichnungen ergeben ein sehr dynamisches, abwechslungsreiches Erzähltempo.
Einziges Manko bei diesem Tempo in der Geschichte sind die vielen Charaktere, die in wechselnden Zusammenhängen auftauchen, so dass es oft schwierig ist, sich zu erinnern, wer nun wer ist. Da muss man als Leser immer wieder zurückblättern, um Anspielungen und Konfliktlinien auch genau zu verstehen. Eigentlich ist das kein Manko, denn das ist doch gerade die Stärke eines Comics.
Vielleicht entsteht hier ein neuer Trend oder eine neue Comicgattung: nach Simon Schwartz „Packeis“ nun „Im Eisland“ als historische Arktis-Graphic Novel. Den zweiten und dritten Band erwarte ich auf jeden Fall sehnsüchtig.
Tim Vitá & Oliver Gehrmann | Jazzclub