Der Generalkonsul
Meine Herrschaften #32
Die Geburtstagsfeierlichkeiten des türkischen Modedesigners am Strand von Antalya hatten sich über drei Tage erstreckt und waren höchst ausgelassen geraten. Die Festgesellschaft ist auf türkischen Tekne durch die levantinische See geschippert, hatte auf Initiative einer Istanbuler Millionärin auf einem improvisierten Laufsteg Fashion Show gespielt und am Ende war alles in eine wilde Champagnerparty mit Livekonzert in der größten Suite des Hillside Su gemündet.
Leider hatten wir unseren Rückflug via Istanbul viel zu früh auf den Morgen gelegt, und insofern beschlossen, erst gar nicht ins Bett zu gehen. Noch mit einem Champagnerglas in der Hand bestiegen wir den Shuttle zum Flughafen und torkelten schließlich den letzten Song des Abends summend in die Maschine. Ich saß in der vordersten Reihe, auf der einen Seite hatte Hubertus von Hohenlohe, der gerade noch mit seiner Band gesungen hatte, Platz genommen auf der anderen ein fröhlicher Türke (so dachte ich mir) mit Schnauzbart, der auf dem Fest für seinen Hang zu Polonaisen aufgefallen war.
Als die Maschine etwa zehn Minuten in der Luft war, fiel mir plötzlich mit Schrecken auf, dass ich bei der hektischen Abreise meinen Reisepass vergessen haben musste, der Weiterflug ab Istanbul also nicht möglich sein würde. Der Schnauzbarttürke (so dachte ich) neben mir verfolgte aufmerksam mein Suchen und Klagen, dann drehte er sich zu mir, legte seine Hand auf meine Schulter und sagte: „Tuans Eana nit owi, darf i mich vorstellen, Grüß Gott, i bin der Generalsekretär der Republik Österreich und ich erkläre sie hiermit zum Konsulatsfall.“
Er beruhigte mich freundlich, nahm mich mit in das Stadtschloss voller Sisi-Gemälde und Kristalllüster, in dem sich einst schon österreichische Diplomaten die Donaumonarchie im Osmanischen Reich repräsentiert hatten, und ließ mir von seiner venezolanischen Ehefrau ein deftiges Frühstück mit Spezialitäten aus Tirol und Vorarlberg kredenzen. Dann konfrontierte mich der Generalkonsul mit der bitteren Wahrheit. „Sie miassn jetzt leider wieder noch nach Antalya zurück und dort eine Anzeige aufgeben, so isch leider das Gesetz.“ Dann zwirbelte Exzellenz seinen Türkenschnäuzer (so dachte ich), wiegte den Kopf hin und her und sagte: „Oder… wir schwindeln a bissale.“
Der Generalkonsul eröffnete mir seinen Plan. Ich müsse in eine Wachstube gehen, dort erzählen, dass ich leider champagnerselig am Vorabend meinen Reisepass am Strande des Bosporus verloren hätte und schon könne er mir ganz unbürokratisch ein Laissez-Passer ausstellen. Sollte ich allerdings auffliegen, habe er von alledem keine Ahnung gehabt. Als ich einwilligte hatte ich allerdings keine Vorstellung davon, dass Istanbuler Polizisten recht grobe und mit Maschinengewehren ausgestattete Kerle sind, die man nur ungern anlügt. Glücklicherweise hatte mir der Generalkonsul einen Dolmetscher an die Seite gestellt, der bestens für unseren Schwindel gebrieft war. Gespannt lauschte eine ganze Gruppe von Polizistenkerlen unseren Ausführungen und musterten dazwischen kritisch mein Gesicht. Offenbar war der Konulatsübersetzer ein Meister lebhafter Erzählkunst und schmückte die Geschichte offenbar mit mir unbekannten Detailsüber meine angebliche Istanbuler Champagnernacht aus. Denn zwischendurch lachten die Beamtenkerle laut und unanständig (so dachte ich), zeigten auf mich und riefen im Chor: „şampanya!“
In der Zwischenzeit verhandelten in der Wachstube auch noch ein LKW-Fahrer und die Eltern eines kleinen Jungen, der angeblich angefahren worden war. Glücklicherweise geriet diese Auseinandersetzung gerade etwas heftiger, als die Polizistenkerle anfingen kritische Nachfragen an mich zu stellen. Ich musste also bloß einen Wisch mit etwas auf Türkisch unterschreiben, bekam einen Stempel, und als wir endlich gingen, rief mir einer der Polizistenkerle noch lachend „şampanya!“ hinterher.
Vor dem Generalkonsulat wartete bereits der Generalkonsul mit dem Laissez-Passer und einem Fahrer, der mich zum Flughafen bringen sollte. Seine Kinder hatten sich zu Orgelpfeifen aufgestellt und winkten mir fröhlich nach. Ich war selten so glücklich, Österreicher zu sein.
Meine neoliberalen Freunde, die andauernd auf den überfürsorglichen Staat schimpfen, finden meine Zustimmung nicht. Sie wissen es nicht besser, sie haben noch nie in Antalya ihren Pass verloren.
















