Na also, geht doch! Die Flüchtlingszahlen sinken, die Bundesregierung atmet auf. Die Flüchtlingskrise vorbei, als würde ein Spuk zu Ende gehen. Nur, dass es eben kein Spuk ist, sondern immer noch bittere Realität. Nein, diese sogenannte “Flüchtlingskrise” ist noch lange nicht vorüber, ganz im Gegenteil! Sie findet jetzt nur nicht mehr vor unseren Augen statt. Aber in Syrien, wo in diesen Tagen Hunderttausende auf der Flucht sind vor einer Großoffensive der syrischen Armee. Menschen, die aus Syrien nicht raus- und nach Europa nicht reinkommen. Auch aus Eritrea versuchen immer noch Tausende zu fliehen weil ihnen dort Folter, Zwangsarbeit und willkürliche Verhaftungen drohen. Und in Afghanistan begann das neue Jahr, wie das alte endete: mit blutigen Anschlägen, denen die Zivilbevölkerung schutzlos ausgeliefert ist. Wie gut, dass wir uns die Folgen dieses Elends hier nicht mehr antun müssen! Dafür hat Europa, dafür hat die Bundesregierung gesorgt. Im Mittelmeer zum Beispiel, wo wir gegen alle Regeln des Völkerrechts libysche Milizen aufrüsten, die Flüchtlinge auf offener See verrecken lassen oder in Foltercamps zurückbringen. Oder in Griechenland, wo wir Familien mit deren Kindern unter erbärmlichen Umständen vor sich hin vegetieren lassen, getrieben vom zynischen Kalkül, es möge möglichst viele abschrecken, nach Europa zu kommen. Oder in Afrika, wo die Bundesregierung keinerlei Hemmungen hat, mit den schlimmsten Diktaturen zu kooperieren, um die Flüchtlinge schon in der Wüste aufzuhalten, wo viele elendig zugrunde gehen. Weit weg von Europa, aus den Augen, aus dem Sinn. Ja, die Flüchtlingszahlen in Deutschland sinken. Aber wir sollten uns nichts vormachen: Dafür hat Europa seine Seele verkauft, mit tatkräftiger Unterstützung der Bundesregierung. Die Folgen der Flüchtlingskrise seien bewältigt, sagte der Bundesinnenminister heute. Vielleicht kann er jetzt ja ruhiger schlafen. Ich kann es nicht.